Coronavirus: Musiker und Orchester treten kostenlos im Internet auf

Von Clara Weiss
20. März 2020

Tausende kulturelle Veranstaltungen, Theater, Opern und Konzerte sind wegen Coronavirus abgesagt und verschoben. Unter den Folgen leiden weltweit hunderttausende Musiker und andere Künstler, von denen sehr viele schon bisher kein sicheres Einkommen haben.

In dieser Situation reagieren viele Musiker, auch solche, die zur Weltspitze gehörren, auf die Coronavirus-Pandemie mit Eigeninitiative: Sie stellen ihre Musik kostenlos im Internet zur Verfügung oder treten gratis vor Online-Publikum auf.

In Südkorea, einem der am schwersten betroffenen Länder, hat die Philharmonie von Seoul eine Live-Übertragung von Ludwig van Beethovens dritter Sinfonie („Eroica“) auf YouTube ins Netz gestellt. Die Aufführung der „heldenhaften Sinfonie“ ist als Hommage an die Beschäftigten und Freiwilligen im Gesundheitswesen gedacht, die beim Kampf gegen die Pandemie geholfen haben. Südkorea hat auf die verheerende Ausbreitung des Coronavirus frühzeitig mit umfangreichen Tests reagiert.

In Singapur begann das Chinesische Orchester (SCO) seine #DabaoSCO-Serie, in der es wöchentlich auf Facebook und YouTube Konzerte gibt. Das SCO erklärte in einer Pressemitteilung: „Wir verstehen, dass es in dieser Periode das Beste ist, zu Hause zu bleiben, effektive körperliche Hygienemaßnahmen anzuwenden und sich sozial verantwortungsbewusst zu verhalten. Deshalb hat das Chinesische Orchester Singapurs vor Kurzem mit einer Serie von digitalen Konzerten begonnen, um seine Musik für alle verfügbar zu machen.“

Twitter-Konzert von Igor Levit

Eine der ersten und innovativsten Reaktionen auf die Ausbreitung des Coronavirus nach Europa kam von dem russisch-deutschen Pianisten Igor Levit, einem bekannten Kritiker der extremen Rechten in Deutschland. Am 11. März begann er damit, auf seinem Twitter-Account tägliche Livestreams von „Twitter-Hauskonzerten“ anzubieten. Levit erklärte zu Beginn seines Auftritts: „Es ist eine traurige Zeit, es ist eine seltsame Zeit, aber zu handeln ist besser als nichts zu tun.“ In seinem Twitter-Feed rief er zur Solidarität auf und erklärte: „Bringen wir das Hauskonzert ins 21. Jahrhundert!“

Bisher hat er u.a. Beethovens Klaviersonaten Waldstein und Les Adieux, Bachs Chaconne und Frederic Rzewskis Stück „The People United Will Never Be Defeated“ gespielt. Letzteres ist eine großartige musikalische Verarbeitung des Militärputschs in Chile 1973. Obwohl die Tonqualität natürlich begrenzt ist, sind Levits Auftritte äußerst leidenschaftlich und bewegend. Innerhalb weniger Stunden haben Hunderttausende Menschen seine Konzertvideos angesehen. Hunderte kommentierten seine Auftritte, innerhalb weniger Tage gewann er Tausende neuer Follower.

Maurizio Pollini (Foto: Dundak)

Die Berliner Philharmonie, eins der führenden Orchester der Welt, hat vorübergehend das ganze Archiv seiner Digitalen Konzerthalle kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieses Archiv umfasst großartige Inszenierungen der letzten Jahrzehnte von Musikern und Dirigenten wie Daniil Trifonow, dem kürzlich verstorbenen Mariss Jansons, Anne-Sophie Mutter, Maurizio Pollini, Claudio Abbado, Mstislaw Rostropowitsch, Herbert von Karajan und vielen anderen. Das Digitalarchiv umfasst auch Interviews und Diskussionen mit einigen dieser Künstler. Auch das Detroiter Symphonieorchester stellt sein Archiv kostenlos zur Verfügung.

Die Bayerische Staatsoper in München hat begonnen, Konzerte ohne Publikum live im Internet zu übertragen, u.a. eins am 16. März mit dem ersten Klavierkonzert von Franz Liszt, interpretiert von Igor Levit und der Dirigentin Joana Mallwitz. Auch die berühmte Wigmore Hall in London und das Budapester Festivalorchester geben auf Facebook Livestreams Konzerte ohne Publikum bekannt, ebenso Y92 und die Chamber Music Society des Lincoln Center in New York City, das Orchester von Philadelphia und viele weitere. Eine umfassende Liste der geplanten Livestreams von Konzerten findet sich hier.

Anne-Sophie Mutter (Foto: A. Savin)

Die Metropolitan Opera in New York (USA), die alle Auftritte bis zum 31. März abgesagt hat, streamt auf ihrer Website Wiederholungen ihrer Serie „Live in HD“.

In Italien, dem bisher in Europa am stärksten vom Coronavirus betroffenen Land, ist das (auch private) Musizieren zur Unterstützung der Beschäftigten im Gesundheitswesen und als Ausdruck der Solidarität besonders anrührend und weit verbreitet. Weit verbreitet im Netz sind die Videos von Menschen, die auf ihren Balkons singen und musizieren.

Der Operntenor Maurizio Marchini, der sich in Quarantäne befindet, veröffentlichte auf Facebook ein Video, auf dem er auf seinem Balkon die Arie „Nessun Dorma“ aus Giacomo Puccinis Oper Turandot singt. Auch der erste Violinist der Mailänder Oper La Scala, Danilo Rossi, spielte auf seinem Balkon, wo er außerdem ein Transparent mit der Aufschrift „Gebt nicht auf, wir schaffen es“ aufgehängt hat. Das Teatro la Fenice in Venedig stellt mehrere Livestreams von Opern und Konzerten zur Verfügung.

Die Bestrebungen, weltweit allen Menschen mit Internetzugang klassische Musik zugänglich zu machen, sind zweifellos von großer Bedeutung.

Daniil Trifonov in der Carnegie Hall, 2017 (Foto: Steven Pisano)

Es ist ein Schritt zur Demokratisierung des Zugangs zur Kultur. Einige der wichtigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit, die bisher vielen durch Bezahlschranken verschlossen oder auf ein lokales Publikum begrenzt waren, sind jetzt weltweit für fast jeden mit einem Internetzugang verfügbar.

Durch Plattformen wie YouTube, die ein riesiges Archiv von klassischer und anderer Musik sowie viele Filme beinhalten, ist das Internet seit Langem ein zentrales Werkzeug für die Verbreitung und den Zugang zu Kultur. Die Entscheidung von Musikern und Orchestern auf der ganzen Welt, kostenlose Konzerte ins Netz zu stellen, ist ein neues Stadium in dieser Entwicklung, und die Auswirkungen werden weit über die Krise rund um die Coronavirus-Pandemie hinausgehen.

Jahrzehnte der sozialen und kulturellen Reaktion und Stagnation haben den Arbeitern den Zugang zu Hochkultur auf zwei entscheidenden Wegen verbaut: Zum einen hat die große soziale Ungleichheit und die Privatisierung eines Großteils der Kunst Bedingungen geschaffen, in denen der Zugang zu den wichtigsten Opernhäusern und Konzerthallen für die große Mehrheit der Bevölkerung finanziell und physisch unmöglich ist. Selbst die billigsten Sitze in der Metropolitan Opera kosten mehr als 50 Dollar. Gleichzeitig kommen die Musiker einiger der besten Orchester der Welt mit ihrem Gehalt nur unter Schwierigkeiten über die Runden.

Zum anderen geht der allgemeine Angriff auf das öffentliche Bildungswesen mit besonders starken Kürzungen bei Musik, Kunst und allgemein bei der Bildung einher. Da ein bestimmtes Maß an Ausbildung und Beschäftigung mit diesen Themen notwendig ist, um die so genannten hohen Künste und vor allem die klassische Musik zu verstehen und zu genießen, bedeutete dies eine zusätzliche Erschwernis für große Teile der Bevölkerung. Diese Tatsache hat beträchtlich zu einer künstlichen Trennung zwischen der „hohen“ und der „populären“ Kultur beigetragen, sodass klassische Musik als „elitär“ angesehen wird.

Mstislav Rostropovich (Foto: Vladimir Vyatkin)

Angesichts der Onlineauftritte führender Musiker wird nicht nur deutlich, dass diese Kultur allen zur Verfügung stehen kann, sondern auch dass sie auf echtes Interesse unter großen und wachsenden Teilen der Bevölkerung stößt.

Wer jetzt zum ersten Mal in Berührung mit diesen bemerkenswerten Werken und Auftritten kommt, wird es künftig nicht einfach akzeptieren, dass ihm der Zugang zu dieser Sphäre der Kultur und des sozialen Lebens verwehrt wird. Viele werden erkennen, dass kostenloser und vollständiger Zugang zu Kultur ein fundamentales Recht der internationalen Arbeiterklasse ist.

Zudem ist die altruistische Haltung, die sich in den Aktionen von Musikern auf der ganzen Welt äußert, Teil eines wachsenden Bewusstseins unter Arbeitern, Intellektuellen und Jugendlichen, dass die enorme Gefahr für die Gesellschaft auf der ganzen Welt eine kollektive Reaktion erfordert. Es handelt sich um ein erstes, elementares Anzeichen dafür, was sich zu einem enormen Aufschwung der internationalen Solidarität und der Klassensolidarität entwickeln wird.

Es ist nicht unwichtig, dass einer der beliebtesten Komponisten, deren Werke jetzt von Orchestern und Musikern auf der ganzen Welt gespielt werden, Ludwig van Beethoven ist, dessen 250. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird. Beethovens Musik ist geprägt von der Aufklärung und den wesentlichen Losungen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie spricht zweifellos die Arbeiterklasse in ihrer derzeitigen angespannten, schwierigen Lage besonders an. Immer mehr Menschen erkennen, dass sich große Kämpfe nicht vermeiden lassen, und die Bereitschaft, sie zu führen, wächst. Auch breiten sich Heldenmut und ein starker Glaube an die demokratischen Rechte und die Gleichheit aller Menschen wieder aus. Diese Grundhaltung kommt besonders in der Ode an die Freude, mit der Beethovens Neunte Sinfonie endet, zum Ausdruck.