Drohende Corona-Katastrophe in Indien: Modi verhängt Ausgangssperre für 1,3 Milliarden Menschen

Von Keith Jones
26. März 2020

Am Dienstagabend kündigte der indische Premierminister Narendra Modi in einer Fernsehansprache eine 21-tägige vollständige Ausgangssperre ab Mitternacht für die mehr als 1,3 Milliarden Einwohner des Landes an.

Modi und seine Regierung unter der hinduchauvinistischen Bharatiya Janata Party (BJP) hatten noch vor kurzem gejubelt, Indien hätte die Ausbreitung des Coronavirus „erfolgreich“ eingedämmt. Allerdings haben Gesundheitsexperten seit Wochen gewarnt, die relativ niedrige Zahl von bestätigten COVID-19-Fällen in dem Land mit der zweithöchsten Bevölkerungszahl der Welt gehe vermutlich eher darauf zurück, dass die Behörden nur in sehr begrenztem Umfang Tests durchführen. Bis Dienstagabend gab es offiziell nur 519 Fälle und zehn Todesopfer.

In seiner Rede am Dienstag und in weiteren Erklärungen auf seinem Twitter-Account stellte Modi die drakonischen Maßnahmen mit drastischen Worten als notwendig dar, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen.

Er erklärte: „Das Haus zu verlassen, wird vollständig verboten. Die Ausgangssperre wird für alle Bundesstaaten, alle Distrikte, alle Straßen und alle Dörfer gelten.

Wenn Sie diese 21 Tage nicht durchhalten, werden dieses Land und Ihre Familie um 21 Jahre zurückgeworfen. Wenn Sie die nächsten 21 Tage nicht durchhalten, werden viele Familien für immer vernichtet werden.“

Modi behauptete, die dreiwöchige Stilllegung des ganzen Landes basiere auf den Erfahrungen anderer Länder. Wie er erklärte, haben diese Erfahrungen gezeigt, dass nur strenge Maßnahmen der „sozialen Distanzierung“ die Ausbreitung des Coronavirus aufhalten können.

Ein Aufzug für neue Coronavirus-Verdachtsfälle am Staatlichen Gandhi-Krankenhaus in Hyderabad, Indien (AP Photo/Mahesh Kumar A.)

Aber Modi erwähnt nicht die Erfahrungen von Ländern wie Südkorea, Singapur und China, die das Virus am erfolgreichsten bekämpft haben. In diesen Ländern hat sich gezeigt, dass der Erfolg im Kampf gegen COVID-19 vollständig davon abhängt, dass Quarantänen und Ausgangssperren mit systematischen Massentests der Bevölkerung kombiniert werden.

Genau wie in den USA und vielen anderen Ländern, in denen die Pandemie tobt, wurden auch in Indien die Tests streng rationiert. Bisher fanden in Indien nur 17.000 COVID-19-Tests statt, obwohl die Behörden angeblich 1,8 Millionen Menschen überwachen, die mit dem Virus in Kontakt gekommen sein könnten.

Besonders in Indien drohen durch die Pandemie Opferzahlen von katastrophalem Ausmaß, wenn die Übertragungsketten nicht mehr nachvollzogen werden können.

Indien ist eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt. In den ländlichen Gebieten, in denen mehr als 60 Prozent der indischen Bevölkerung leben, gibt es so gut wie keine öffentlichen Gesundheitseinrichtungen; in den Städten sind sie marode. In den ausufernden Slums der Städte sind Volkskrankheiten wie Tuberkulose, die größtenteils gegen die üblichen Antibiotika resistent ist, weit verbreitet. Nicht zuletzt herrscht in Indien aufgrund der bitteren Armut großer Hunger, der die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung gegen Krankheiten beeinträchtigt. Laut einer aktuellen Studie leiden 90 Prozent der Kinder unter fünf Jahren an Mangelernährung.

In dieser Woche veröffentlichte eine Gruppe von vorwiegend amerikanischen Wissenschaftlern eine Studie, laut der die Zahl der Corona-Fälle in Indien bis Mitte Mai auf 1,3 Millionen steigen könnte. Bhramar Mukherjee, Professor für Biostatistik und Epidemiologie an der University of Michigan und Mitverfasser der Studie, erklärte: „Selbst im besten Fall wird es eine sehr schmerzhafte Krise geben.“

Auffällig an Modis Rede war das völlige Fehlen irgendwelcher Details zu grundlegenden Fragen, zum Beispiel wie die Bevölkerung an Nahrungsmittel oder in den indischen Dörfern an Wasser kommen soll. Er erklärte auch nicht, wie die Menschen die Lebensmittel bezahlen sollen, wenn sie in den nächsten drei Wochen ihre Häuser nicht verlassen dürfen.

Modi gab lediglich zu, dass die Ausgangssperre „für arme Menschen eine sehr schwierige Zeit“ sein wird, und behauptete, es sei ein Hilfspaket in Planung. Für hunderte Millionen Menschen, die von umgerechnet zwei Dollar pro Tag leben müssen, ist das alles andere als beruhigend, vor allem weil diese Aussage von einer Regierung kommt, die brutale Sparmaßnahmen umgesetzt hat, um indische und internationale Investoren zu befriedigen. Sie hat u.a. die Mittel des Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Program zusammengestrichen. Dieses Programm bietet je einem Mitglied pro Landarbeiterfamilie an, jährlich 100 Tage Arbeit zum Mindestlohn zu erhalten.

Indien befand sich schon vor der Corona-Krise in einem schweren Wirtschaftsabschwung. Die Arbeitslosenquote liegt auf dem höchsten Stand seit 45 Jahren. In den letzten zwei Monaten haben Neu-Delhi und mehrere Bundesstaatsregierungen wegen des Coronavirus zahlreiche Einrichtungen und Betriebe geschlossen.

In seiner Rede von Dienstag kündigte Modi eine Investition von 150 Millionen Rupien (1,97 Milliarden US-Dollar) für Coronavirus-Tests, Schutzausrüstung, Intensivstationen, Beatmungsgeräte und die Ausbildung von medizinischem Personal an.

Unter den Regierungen der BJP und der Kongresspartei hat Indien jahrelang nur 1,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts oder weniger für das Gesundheitswesen ausgegeben. Laut Presseberichten gibt es in Indien derzeit nur 40.000 Beatmungsgeräte, die für die Behandlung von schweren COVID-19-Fällen von entscheidender Bedeutung sind, und nur ein Isolationspflegebett pro 84.000 Menschen.

Die Vorsitzenden von zwei Branchenverbänden indischer Schutzausrüstungshersteller – der Preventive Wear Manufacturer Association of India und der Association of Indian Medical Device Industry, die fast 150 indische Hersteller von medizinischer Schutzausrüstung vertreten, – hatten erst vor vier Tagen gegenüber Scroll.in erklärt, die Modi-Regierung habe keine nennenswerten Aufträge an ihre Mitgliedsfirmen vergeben.

Dass die Modi-Regierung die Ausgangssperre ohne Vorwarnung oder Antworten auf die grundlegendsten Fragen, wie die Bevölkerung an lebensnotwendige Güter kommen soll, angekündigt hat, sorgte für eine chaotische Situation, die die Eindämmung des Coronavirus nur behindern kann.

Die Arbeitsausfälle aufgrund der bisherigen Stilllegungen haben bereits einen „Wirtschaftstsunami“ ausgelöst, wie der indische Ökonom Jean Drèze es formulierte. Die plötzlich arbeitslosen Wanderarbeiter versuchen, in ihre Dörfer zurückzukommen. Letztes Wochenende hat die Regierung die Einstellung des Personenverkehrs per Eisenbahn angeordnet. Jetzt müssen zudem Millionen von Lastwagenfahrern drei Wochen lang dort bleiben, wo sie sich gerade zufällig befinden.

Arun Kumar, Professor der Ökonomie am Institute of Social Sciences in Neu-Delhi, sagte gegenüber der New York Times: „Diese Situation ist schlimmer als Krieg. Wenn wir die unteren 50 Prozent der Bevölkerung nicht mit dem Notwendigsten versorgen können, wird es eine soziale Revolte geben.“

Das Coronavirus ist eine reale Bedrohung für die indische Bevölkerung und erfordert sofortiges Handeln, u.a. Quarantänen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Doch die Arbeiterklasse muss erkennen, dass die Entscheidungen der BJP-Regierung und der indischen Elite von ihren Klasseninteressen bestimmt werden. Die indische Bourgeoisie ist entschlossen, der Arbeiterklasse und der armen Landbevölkerung die volle Last der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufzubürden.

Zudem wird die BJP-Regierung zweifellos versuchen, die Ausgangssperre zu nutzen, um die politische Kontrolle zurückgewinnen. In der Zeit davor wurde sie vom massiven Widerstand gegen ihr antimuslimisches Staatsbürgerschaftsgesetz (CAA) und dem wachsendem Widerstand der Arbeiter gegen Privatisierungen, Armutslöhne und die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse erschüttert.

Am Dienstagmorgen benutzte die Polizei in Delhi die Ausgangssperre wegen des Coronavirus, um die seit 101 Tagen andauernde Besetzung einer Straße im Shaheen-Bagh-Distrikt der indischen Hauptstadt aufzulösen. Diese Aktion wurde von muslimischen Arbeiterinnen angeführt und richtete sich gegen das CAA. Mindestens neun Teilnehmer wurden verhaftet.