Boris Johnsons Reaktion auf das Coronavirus wird „viele Tausend Menschenleben kosten“

Von Chris Marsden
26. März 2020

„Ohne große nationale Anstrengungen, um die Ausbreitung dieses Virus zu stoppen, wird der Moment kommen, an dem kein Gesundheitsdienst der Welt das Problem bewältigen kann, denn es wird nicht genügend Beatmungsgeräte, Intensivbetten, Ärzte und Pflegekräfte geben“, erklärte der britische Premierminister Boris Johnson am Montag.

27 Millionen Menschen verfolgten seine Ansprache an die Nation live im Fernsehen. Rechnet man noch die Internet-Kanäle hinzu, dürfte es die meistgesehene Sendung in der britischen Geschichte gewesen sein. Aber die Millionen, die bei der Regierung Rat suchen, mussten sich verhöhnt fühlen.

Wenn „zu viele Menschen auf einmal ernsthaft krank werden, wird der NHS [der staatliche Gesundheitsdienst] nicht in der Lage sein, damit umzugehen – was bedeutet, dass wahrscheinlich mehr Menschen sterben werden, nicht nur an Coronavirus, sondern auch an anderen Krankheiten“, kündigte Johnson an. Um die Verbreitung der Krankheit zu verlangsamen, habe er „dem britischen Volk eine sehr einfache Anweisung mitgebracht: Sie müssen zu Hause bleiben.“

Mittlerweile wurde eine Ausgangssperre verhängt, die von der Polizei durchgesetzt werden soll. Außer dieser repressiven Maßnahme hatte Johnson nichts zu bieten.

erenz zur Coronavirus-Pandemie in London am 12. März 2020 (Simon Dawson/Pool via AP)

Und mit den Vorbehalten gegen seine „einfache Anweisung“ wurde klar, dass es Millionen Arbeitern gar nicht möglich sein würde, zu Hause zu bleiben.

Am Ende der Liste von Gründen, aus denen man das Haus verlassen darf – Einkaufen, etwas körperliche Bewegung und die Versorgung einer gefährdeten Person – stand „der Weg zur Arbeit und zurück, aber nur, wo diese absolut notwendig ist und nicht von zu Hause aus erledigt werden kann“.

In den Zeitungen und Nachrichtensendungen wurden Bilder von Bahnsteigen und U-Bahnen in London gezeigt, die völlig überfüllt waren. Millionen Pendler sind auf den mittlerweile stark eingeschränkten Service angewiesen. Dazu gehören Krankenschwestern und anderes medizinisches Personal mit Infektionsrisiko, aber auch Arbeiter im Baugewerbe, in der Lebensmittelproduktion, im Einzelhandel, bei lokalen und zentralen Behörden und in Lieferdiensten. Die Liste der Ausnahmeregelungen für Ladenangestellte umfasst Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Zeitungsläden, Apotheken, Tankstellen, Werkstätten, Tierhandlungen und Banken.

Wer die Arbeit verweigert, kann entlassen werden. Andere sind selbstständig und haben keinerlei Einkommen, wenn sie nicht arbeiten. Besonders betroffen sind die Arbeiter großer Bauunternehmen, von denen nur wenige nach einem öffentlichen Aufschrei Anfang der Woche den Betrieb eingestellt haben.

Johnsons Maßnahmen sind notwendig, da jede Person, die mit COVID-19 infiziert ist, wahrscheinlich 2,5 Personen infiziert. Innerhalb eines Monats stecken sich auf diese Weise 406 Menschen an. Durch die Reduzierung der Exposition um 50 Prozent auf 1,25 Personen wird diese monatliche Gesamtzahl auf 15, und bei einer Reduzierung um 75 Prozent auf 2,5 Personen gesenkt. Aber Johnsons Behauptung, „das Entscheidende ist, dass wir die Ausbreitung der Krankheit zwischen den Haushalten stoppen müssen“, ist falsch, da die meisten Infektionen innerhalb der Haushalte erfolgen.

Die Ausbreitung der Krankheit kann nur dann richtig bekämpft werden, wenn ein strenges Programm zur Isolierung mit systematischen Tests kombiniert wird. Nur so kann möglichst früh festgestellt werden, wer infiziert ist. So wird es in China, Südkorea und Singapur gemacht, wo nach einem festen System Fieber gemessen wird, Abstriche genommen und Laboranalysen durchgeführt werden.

Johnson prahlte damit, dass „wir Tag für Tag unseren großartigen NHS stärken“, „unsere Vorräte an Geräten erhöhen“ und „Millionen von Testkits kaufen, die es uns ermöglichen, das Blatt gegen diesen unsichtbaren Killer zu wenden“. Die Realität hinter diesen Versprechungen und der Zusage, die COVID-19-Tests von 4.000 auf 25.000 pro Tag „hochzufahren“, sieht ganz anders aus. Das wurde durch interne Regierungsdokumente offengelegt, die an Politico durchgesickert sind.

In einer E-Mail, die am Sonntagnachmittag von einem „hohen Regierungsassistenten“ an britische Forschungsinstitute ging, wurden diese darum gebeten, COVID-19-Labortestgeräte zu verleihen, weil „es nur eine begrenzte Anzahl dieser Geräte gibt, sodass der Premierminister Sie dringend dazu aufruft, uns Ihre Geräte für die Dauer der Krise zu leihen.“ In einem beigefügten Begleitschreiben Johnsons wurde zugegeben, dass „keine Geräte zu kaufen sind“, und hinzugefügt: „Wenn Sie Mitarbeiter haben, die Erfahrung im Umgang mit den Geräten haben ... wäre auch das sehr hilfreich.“

Bis Dienstag waren nur 90.436 Personen getestet worden. In ganz Großbritannien waren nur 280 Personen mit Labortests beschäftigt. Selbst jetzt wird noch nicht einmal medizinisches Personal getestet, obwohl es am stärksten gefährdet ist und das Virus am ehesten auf andere übertragen könnte. Das Fehlen von Beatmungsgeräten – Gespräche über Produktionsumstellungen begannen erst letzte Woche – sowie von geeigneten FFP3-Vollmasken und anderen wichtigen Schutzausrüstungen, einschließlich OP-Kitteln, verschlimmert die Lage zusätzlich.

Hans Henri Kluge, Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Europa, hat mit Sicherheit recht, wenn er betont, dass „der Mangel an medizinischer Versorgung nie allein durch die Dynamik des Marktes behoben werden kann ...“ Jetzt zeigen sich die Auswirkungen der jahrzehntelangen Unterfinanzierung und Ausbeutung des „großartigen NHS“ durch konservative und Labour-Regierungen gleichermaßen. Stets war das Motto, die Sozialausgaben zu senken und die Privatmedizin zu fördern.

Devi Sridhar, die Inhaberin des Lehrstuhls für globale öffentliche Gesundheit an der Universität Edinburgh, nimmt im Guardian auseinander, was Johnsons Regierung getan und unterlassen hat. Sie stellt unverblümt fest, dass sein Verhalten „viele Tausend Menschenleben kosten wird“.

Zum Abschluss einer genauen Analyse der Coronavirus-Krise erläutert Sridhar: „Im Vereinigten Königreich hatten wir neun Wochen Zeit, um zuzuhören, zu lernen und uns vorzubereiten. Wir hatten neun Wochen Zeit, um Ausbruchssimulationen durchzuführen, Lieferketten aufzubauen, für genügend Schutzausrüstung und Beatmungsgeräte zu sorgen und schnelle und kostengünstige Tests bereitzustellen. Wir hatten neun Wochen Zeit, um Algorithmen zur Rückverfolgung von Kontakten zu entwickeln und Massenaufklärungskampagnen zu starten, nicht nur über das Händewaschen, sondern auch über die Risiken, die das Virus für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Aktivität birgt, wenn es nicht von allen ernst genommen wird.“

Stattdessen verfolgte Johnson die Strategie, die Verbreitung der Krankheit im Interesse einer „Herdenimmunität“ zuzulassen. Erst, als er mit einer heftigen Gegenreaktion konfrontiert war, vollzog er seine gewisse Kehrtwendung, indem er Schulen, Kneipen, Cafés usw. schließen ließ und zur Selbstisolierung aufrief.

Sridhars Kritik, so hart sie sein mag, geht nicht annähernd weit genug. Johnson ignorierte nicht nur die Warnungen der letzten neun Wochen, sondern der letzten neun Jahre. Im Jahr 2011 beschrieb das britische Gesundheitsministerium in einer „Strategie zur Vorbereitung auf eine Grippepandemie“ ein Worst-Case-Szenario, bei dem 50 Prozent der Bevölkerung „während einer oder mehrerer 15 Wochen dauernder Wellen“ Symptome aufweisen. Die Sterblichkeit stieg auf dem Höhepunkt der Pandemie auf 210.000 bis 315.000. Unter diesen Bedingungen, hieß es, würde die Nachfrage nach Intensivpflegeleistungen „das Angebot selbst bei maximalen Anstrengungen übersteigen“.

Anstatt die Kapazitäten zur Bewältigung dieser Herausforderung zu erweitern, wurde der NHS ebenso wie die Gesundheitsdienste rund um die Welt ausgeweidet, um Geld in die Taschen der Superreichen zu pumpen. Und dieselbe Politik wird jetzt fortgesetzt.

Johnsons Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 reichen nicht aus und kommen zu spät. Trotzdem schreit die herrschende Elite auf, weil sie selbst diese dürftigen Maßnahmen für einen gefährlichen Präzedenzfall hält. Der ehemalige Tory-Chef William Hague warnte am Montag im Daily Telegraph: „Für radikale Sozialisten wird der Beweis, dass der Staat die Lohnzahlung übernehmen, lebenswichtige Produktion leiten und unbeschränkt Geld schöpfen kann, auf Jahrzehnte hinaus eine Rechtfertigung für Ideen sein, an die sie seit jeher glauben.“

Sobald sich die Gelegenheit zeigt, wird die herrschende Klasse die Diktatur des Markts auf Kosten der Arbeiterklasse verschärfen. Vorerst wird die Coronavirus-Krise benutzt, um den Banken und Großunternehmen mindestens 350 Milliarden britische Pfund (ca. 380 Mrd. Euro) in den Rachen zu werfen. Das ist eine gesellschaftliche Umverteilung, die selbst die Rettungsaktion nach dem Finanzcrash von 2008 in den Schatten stellt.

Sobald der erwartete Anstieg der Fälle wieder nachlässt, wird die Regierung ihre neuen Vollmachten der staatlichen Repression direkt gegen die oppositionelle Arbeiterklasse richten. Die Polizei legt die Städte still. Die Armee, die nun ebenfalls auf die Straße gebracht wurde, soll eingesetzt werden, um die soziale Unzufriedenheit von Millionen Arbeitslosen zu unterdrücken. Früher oder später sollen sie gezwungen werden, in einer Zeit des anhaltenden „nationalen Notstands“ für einen Hungerlohn zu schuften.