Coronakrise: Gesundheitsminster Spahn will Ältere monatelang isolieren

Von Peter Schwarz
27. März 2020

Die Zahl der Corona-Infizierten und -Toten explodiert weiter und bewegt sich auf eine Katastrophe zu. Es fehlt an elementaren Schutzmaßnamen wie flächendeckenden Tests, Masken, Schutzkleidung, Beatmungsgeräten und Intensivbetten. Doch die Aufmerksamkeit der Regierung und der Medien konzentriert sich darauf, möglichst schnell so viele wie möglich zurück an die Arbeit zu zwingen. Wirtschaftliche Interessen und der Schutz von Profiten und Vermögen haben für sie Vorrang gegenüber der Gesundheit und dem Leben der Bevölkerung.

Hinter den Kulissen wird intensiv darüber diskutiert, die Ausgangsbeschränkungen für Jüngere aufzuheben und dafür Ältere und gesundheitlich Vorbelastete auf Monate hinaus zu isolieren. „Noch vor einer Woche schien ein solcher Gedanke unerhört“, berichtet die Welt. „Inzwischen hat sich das etwas geändert. Unter vorgehaltener Hand halten immer mehr ein solches Vorgehen für denkbar.“

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), ein enger Vertrauter der Bundeskanzlerin, kündigte am Mittwoch in einer Internetdiskussion an: „Die nächste Phase lautet natürlich: Junge Menschen, die nicht zu den Risikogruppen gehören, dürfen wieder mehr auf die Straße.“

Noch deutlicher äußerte sich Gesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag in der Zeit. „Das Virus ist da, und es wird dableiben“, sagte er in einem ausführlichen Interview. Sein Ministerium arbeite mit Hochdruck an einem Gesamtkonzept für den Weg aus der Krise, das bis Ostern vorliegen solle: „Wir brauchen Konzepte, die speziell auf Ältere und chronisch Kranke zugeschnitten sind. Wenn wir sie schützen, können wir gleichzeitig an anderen Stellen wieder normales Alltagsleben ermöglichen. Wir werden die Älteren also möglicherweise über mehrere Monate bitten müssen, ihre Kontakte stark einzuschränken und im Zweifel zu Hause zu bleiben.“

Auch andere Spitzenpolitiker argumentierten in diese Richtung. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte: „Wir müssen vor allem die Risikogruppen vor der Ansteckung mit dieser tödlichen Krankheit schützen.“ In der Bundestagsdebatte vom Mittwoch deuteten mehrere Redner an, dass sie eine unterschiedliche Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen unterstützen würden. So sagte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich: „Die Erkrankung trifft möglicherweise einzelne Gruppen besonders.“

Der Philosophieprofessor und „Experte für Risikoethik“ Julian Nida-Rümelin (SPD) meldete sich im Blog des ehemaligen Handelsblatt-Chefredakteurs Gabor Steingart zu Wort, um für das – wie er es nannte – „Cocooning“ zu werben. „Unsere Hauptaufgabe ist, jetzt die Gefährdeten konsequent zu schützen,“ sagte er. „Und dann können wir in den nicht gefährdeten Bereichen – bei den Jungen gibt es überhaupt keine oder ganz wenig Todesfälle in Deutschland und in Italien – die Menschen wieder in das normale Leben entlassen.

Auch der grüne Tübinger Bürgermeister Boris Palmer unterstützte im Welt-Interview die Isolierung von Älteren. „Für den Erhalt des gesellschaftlichen Friedens und der öffentlichen Ordnung ist es notwendig, dass wir uns Gedanken über Exit-Strategien machen,“ sagte er. „Denkbar wäre eine vertikale Öffnung: Menschen, die über 65 Jahre alt sind, und Risikogruppen werden aus dem Alltag herausgenommen und vermeiden weiter Kontakte. Jüngere, die weniger gefährdet sind, werden nach und nach und kontrolliert wieder in den Produktionsprozess integriert.“

Der Chef des Axel Springer Verlags, Mathias Döpfner (geschätztes Vermögen: 150 Millionen Euro; geschätztes Jahreseinkommen: 8 bis 19 Millionen Euro), griff persönlich zur Tastatur, um den Vorschlag zu unterstützen. Manchmal ärgere er sich „über die Angst vor einem Virus, das weltweit bisher weniger Todesopfer gefordert hat als die Grippewelle von 2017/2018 in Deutschland“, schreibt er. „Das Coronavirus trifft vor allem ältere und vorerkrankte Menschen. Müssten dementsprechend nicht vor allem Maßnahmen für diese besonders gefährdeten Menschen ergriffen werden? Während die anderen möglichst weiterleben und arbeiten wie bisher?“

Döpfner kann der Pandemie sogar gute Seiten abgewinnen. Krisen seien „oft die Katalysatoren des Fortschritts“, schreibt er. „Einige der größten Errungenschaften der Zivilisation sind nach Kriegen und Seuchen entstanden.“ So sei die Pest „die Voraussetzung für die Renaissance“ gewesen. „Der Pest folgte großer Wohlstand und vor allem ein bis dahin nicht gekannter Individualismus.“ Und „auf den Zweiten Weltkrieg folgte das deutsche Wirtschaftswunder.“ Die 25 Millionen Todesopfer der Pest und die 80 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs hätten dies wohl anders gesehen!

Die monatelange Isolation von Alten und gesundheitlich Vorbelasteten wäre nicht nur brutal und unmenschlich, sie würde auch Millionen Todesopfer kosten. Den erstens sind jüngere Menschen vor den tödlichen Folgen des Virus keineswegs sicher, wie sich mit der Ausdehnung der Pandemie immer deutlicher zeigt. Zweitens verbreitet sich der Virus unter ihnen genauso schnell wie unter Älteren, selbst wenn sie nicht akut erkranken. Das war einer der Hauptgründe, weshalb Schulen und Kindergärten geschlossen wurden. Das Virus könnte sich rasant ausbreiten und würde damit auch Ältere verstärkt gefährden, die auf Lebensmittel, Pflege und andere Dienstleitungen angewiesen sind.

In Wirklichkeit ist das „Cocooning“, das Spahn und Consorten anstreben, eine Neuauflage der Strategie der „Herdenimmunität“, die der britische Regierungschef Boris Johnson und sein niederländischer Kollege Mark Rutte verfolgt hatten, bevor sie unter heftigem öffentlichen Protest den Rücktritt antreten mussten.

Es sei nicht wünschenswert, alle vor dem Coronavirus zu schützen, begründete Johnsons Berater Sir Patrick Vallance diese Strategie, „weil man eine gewisse Immunität in der Bevölkerung haben möchte, um uns in Zukunft zu schützen“. Das Problem ist lediglich, dass Hunderttausende oder Millionen sterben müssten, bevor die angestrebte „Herdenimmunität“ erreicht ist.

Vor zwei Tagen kommentierten wir auf der WSWS ein Handelsblatt-Interview mit dem millionenschweren Finanzinvestor Alexander Dibelius. Dibelius wandte sich dagegen, „dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung“ zulasten der Wirtschaft geschont werden. Wir warnten, das Handelsblatt habe das Interview mit dem umstrittenen Investmentbanker „bewusst platziert, um eine Debatte anzustoßen und seinen faschistischen Auffassungen zum Durchbruch zu verhelfen“.

Das bestätigt sich jetzt. Spahn, Nida-Rümelin und andere Befürworter einer monatelangen Isolation der älteren Generation drücken sich zwar zurückhaltender und gewählter aus als der Finanzinvestor, doch ihr Vorschlag zielt in dieselbe Richtung.