Zahlreiche Covid-19-Todesfälle in Pflegeheimen

Von Markus Salzmann
6. April 2020

In den vergangenen Tagen und Wochen kam es in Deutschland zu zahlreichen Todesfällen in Pflegeheimen. Gerade bei den dort lebenden alten und gesundheitlich vorbelasteten Menschen nehmen Infektionen mit dem Covid-19-Erreger häufig einen schweren Verlauf. Nicht oder zu spät erfolgte Maßnahmen, fehlendes und völlig überlastetes Personal und mangelnde Schutzausrüstung führen zu hohen Todeszahlen.

Die Ausbrüche von Covid-19 in Pflegeheimen haben sich zuletzt dramatisch gehäuft. Der Virologe Christian Drosten spricht von einer „neuen Phase der Corona-Epidemie“. Alleine in einem Wolfsburger Pflegeheim, in dem am 18. März die ersten Fälle bekannt wurden, sind bislang 23 Menschen verstorben. In einem Karlsruher Pflegeheim wurden nach dem Tod von fünf Bewohnern 200 Bewohner und 160 Angestellte getestet. 104 Personen erwiesen sich als positiv, obgleich noch nicht alle Tests ausgewertet waren.

In einem Würzburger Pflegeheim starben 13 Menschen. Zahlreiche weitere Bewohner und Pflegepersonal wurden positiv getestet. In einer Einrichtung in Berlin-Neukölln wurde bei 16 Bewohnern und vier Mitarbeitern, in einem Hamburger Haus bei 45 Menschen der Erreger nachgewiesen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Darüber hinaus gibt es aufgrund der zu geringen Anzahl an Tests in Deutschland eine enorm hohe Dunkelziffer. Bundesweit leben rund 800.000 Menschen in Alten- und Pflegeheimen, eine offizielle Statistik über bestätigte Coronafälle in Heimen gibt es nicht.

Wie die katastrophalen Zustände in Kliniken ist auch die Situation in Pflegeheimen der verantwortungslosen, kriminellen Gleichgültigkeit von Regierung und Unternehmen geschuldet.

In einem Interview mit dem Spiegel bejahte Patientenvertreter Eugen Brysch die Frage, ob sich die Heime in Todesfallen verwandeln. Die völlig unzureichende Anzahl der durchgeführten Tests auf den Erreger wirken sich im Pflegebereich besonders fatal aus. „Die Strategie, die Heimbewohner grundsätzlich nicht zu testen, war falsch“, erläutert Brysch.

Noch dramatischer als im Klinikbereich wirkt sich auch der Mangel an Schutzausrüstung aus. Brysch bezeichnet dies richtigerweise als „Skandal“. Trotz vorliegender Pandemiepläne gebe es „keine Vorräte in den Alten- und Pflegeheimen. Die Preise auf dem Markt sind schon um das Hundertfache gestiegen, das kann sich keine Einrichtung mehr leisten.“

Nun zeigt eine Umfrage von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR, dass sich landesweit bereits Tausende Ärzte und Pfleger mit dem Coronavirus infiziert haben und dass immer mehr Institutionen schließen müssen, weil das Personal erkrankt ist oder Schutzkleidung fehlt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass bundesweit „2300 Personen des medizinischen Personals in Krankenhäusern mit Sars-CoV-2 infiziert“ sind. Auch hier ist die Dunkelziffer aber weitaus höher, und erfasst werden ohnehin nur Mitarbeiter von Kliniken, nicht jene aus Arztpraxen, Pflegeheimen und Pflegediensten.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern, so berichtet die Süddeutsche Zeitung, sind allein in diesem Bundesland schon 244 Arztpraxen geschlossen – davon 141 wegen Quarantäne, 82 wegen fehlender Schutzausrüstung und 21 wegen mangelnder Kinderbetreuung angesichts der Krise.

Äußerst dramatisch ist auch, dass Kliniken mehr und mehr zu „Corona-Hotspots“ werden. Beispielhaft ist das Ernst von Bergmann Klinikum in Potsdam. Schon am 28. März stoppte das Klinikum die Patientenaufnahme, weil sich immer mehr Patienten mit dem Corona-Virus infiziert hatten. Bis letzten Mittwoch starben neun Menschen infolge einer Covid-19-Infektion. Nachdem mittlerweile jeder fünfte Patient und 63 Mitarbeiter infiziert sind, entsandte das RKI ein Krisenteam in die brandenburgische Landeshauptstadt.

Tatsächlich wurde im Pflegebereich viel zu lange Zeit überhaupt nichts unternommen. Während es in Deutschland bereits die ersten Infizierten gab und bekannt war, dass die medizinischen Kapazitäten weit zu niedrig sind, wurden keinerlei Maßnahmen zum Schutz der anfälligen Menschen und des Personals in Pflegeeinrichtungen getroffen.

Stattdessen stehlen sich Politiker aus der Verantwortung. Die niedersächsische Sozialministerin Carola Reimann (SPD) hat „unverantwortliche Angehörige“ (Taz) für das Einschleppen des Virus in das Pflegeheim in Wolfsburg verantwortlich gemacht. Die Landesregierung selbst erließ erst zwei Wochen nach den ersten Meldungen über Infizierte in Niedersachsen einen Aufnahmestopp in Pflegeheimen. Auch in Bayern und anderen Bundesländern wurde diese einfache, aber wirkungsvolle Maßnahme erst getroffen, nachdem Dutzende Menschen verstorben waren.

Über die Verantwortungslosigkeit des Pflegeheimbetreibers verliert die Regierung im Fall Wolfsburg kein Wort. In dieser Einrichtung und anderen werden positiv getestete Mitarbeiter genötigt, zu arbeiten und sich selbst und andere massiv zu gefährden. „Auf der Infiziertenstation arbeiten zurzeit auch Menschen, die selbst positiv getestet wurden, aber keine Symptome zeigen. Mit Genehmigung des Gesundheitsamts lässt sich in solchen Fällen die Quarantäne aussetzen“, schrieb die Taz zu den Vorfällen in Wolfsburg.

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg. Anlass war eine Strafanzeige, in der Pflegemissstände angeprangert wurden, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mitteilte. Beschäftigte der Diakonie, dem Träger der Einrichtung, haben über „katastrophale hygienische Zustände“ berichtet, die die Verbreitung des Virus begünstigten. Der Rechtsanwalt, der die Klage einbrachte, hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Besucherstopp viel zu spät verhängt worden sei.

Wie weit verbreitet die dramatischen Verhältnisse sind, macht eine Anfrage des Paritätischen Gesamtverbands, der zahlreiche Pflegeeinrichtungen vertritt, an das Bundesministerium für Gesundheit deutlich. Einerseits, heißt es darin, sei man verpflichtet, das Personal mit Atemmasken und Schutzkleidung auszurüsten, andererseits sei diese Ausrüstung auf dem Markt kaum noch zu bekommen. Das führe zu der Frage, ob man die Heimbewohner oder Patienten überhaupt noch versorgen dürfe oder müsse. Und ob das Pflegeheim hafte, wenn es sein Personal zur Arbeit auffordere, ohne es angemessen schützen zu können. Eine Antwort des Bundesgesundheitsministeriums ist bisher nicht eingegangen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Kürzungen und Privatisierung haben auch im Pflegebereich die Bedingungen geschaffen, die heute zu desaströsen Zuständen führen. Das massive Fehlen von Personal in der jetzigen Krise ist auf die Arbeitsbedingungen und die niedrigen Löhne zurückzuführen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, sind in der Altenpflege mehr als 17.000 Beschäftigte zusätzlich zu ihrem Gehalt auf staatliche Leistungen angewiesen, ein Zehntel davon in Vollzeitbeschäftigung. Auch mehr als 1600 Beschäftigte in der Krankenpflege oder in Rettungsdiensten haben mit ihrer Vollzeitstelle nicht genug verdient, um Wohnung und Lebensunterhalt für ihre Familie zu bestreiten.

Gleichzeitig ist der Anteil privatwirtschaftlicher, gewinnorientierter Unternehmen im Pflegebereich stark gestiegen. Der Umsatz der Alloheim SE, einem der größten Pflegeheimbetreiber Deutschlands, wuchs beispielsweise von 110 Mio. Euro 2014 auf 631 Mio. Euro 2017.