Großbritannien: Patienten sterben, weil Beatmungsgeräte fehlen

Von Margot Miller
13. April 2020

In den britischen Medien sind mehrere Artikel erschienen, die die Effektivität der Behandlung mit Beatmungsgeräten bei schweren Fällen von Covid-19 infrage stellen. Die Stoßrichtung geht dahin, von der kriminellen Untätigkeit der Johnson-Regierung abzulenken, die nicht alle für den Kampf gegen die Pandemie notwendigen Mittel mobilisiert. Sie hätte u.a. die notwendigen Mengen von Beatmungsgeräten vorrätig halten müssen.

Das Boulevardblatt Sun veröffentlichte am 6. April einen Artikel mit der Überschrift: „Coronavirus-Arzt enthüllt: Er hat noch keinen Patienten lebend vom Beatmungsgerät getrennt.“ Es ist durchaus möglich, dass Patienten erst dann an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden, wenn sie bereits zu krank sind, um sich wieder zu erholen. Und zweifellos überleben viele die Beatmung nicht, weil sie zu spät behandelt werden. Dafür ist nicht der staatliche Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) verantwortlich, sondern die Regierung. Sie hat im Rahmen ihrer Politik der „Herdenimmunität“ zugelassen, dass sich die Pandemie wochenlang in der Bevölkerung ausbreiten konnte.

Das rechte, an den Konservativen ausgerichtete Magazin The Spectator veröffentlichte am 4. April einen Artikel mit der Überschrift: „Beatmungsgeräte sind kein Allheilmittel für die Corona-Pandemie“. Einer der ehemaligen Redakteure des Magazins ist Tory-Premierminister Boris Johnson, der sich letzte Woche wegen Covid-19 auf der Intensivstation befand. Für ihn wäre im Notfall mit Sicherheit ein Beatmungsgerät zur Verfügung gestellt worden.

Der Spectator zitiert Matt Strauss, einen ehemaligen medizinischen Leiter der Intensivpflegestation des Guelph General Hospital in Kanada, der heute als Assistenzprofessor der Medizin an der Queen's University tätig ist. Er erklärt: „Mindestens zwei Drittel der Versuche, das Leben von Patienten [mit Beatmungsgeräten] zu retten, werden auf kurze Sicht scheitern. Beim verbliebenen Drittel wissen wir nicht, bei wie vielen es mittel- oder langfristig erfolgreich ist. Das erscheint mir kein überzeugender Grund zu sein, um die britische Wirtschaft lahmzulegen und die Produktion auf Beatmungsgeräte umzustellen.“

Im Durchschnitt überleben etwa 50 Prozent der Patienten, die beatmet werden. Wenn sie früh genug behandelt werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit. Allerdings werden Patienten mit Coronavirus-Symptomen aufgefordert, zu Hause in Selbstisolation zu bleiben und erst ein Krankenhaus aufzusuchen, wenn sich ihr Zustand stark verschlechtert.

Die WSWS sprach mit einem NHS-Hämatologen aus Wales, der dieses Hinnehmen von Todesfällen ablehnt. Er ist empört darüber, dass die Notwendigkeit von Beatmungsgeräten im Kampf gegen die Pandemie infrage gestellt wird.

Über die Lage in seinem Krankenhaus berichtet dieser Arzt: „Wir haben zehn Covid-Patienten. Ein Mann zwischen 60 und 70, der mit COPD (chronisch obstruktive Atemwegserkrankung) an das Beatmungsgerät angeschlossen wurde, hat überlebt. Etwa 60 bis 80 Prozent der Patienten an Beatmungsgeräten können mit ausreichender Intensivpflege gerettet werden. Aber das geht nicht, wenn die Krankenhäuser überlastet sind. Dann überleben nur 30 Prozent.“

Der Arzt schilderte die katastrophale Lage, in der sich seine Kollegen und Patienten angesichts des exponentiellen Anstiegs der Covid-19-Fälle befinden.

Er berichtete von einem Freund und Kollegen, der ihm die Zustände in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Nordengland schilderte. Dort habe sein Freund „viele Covid-19-Aufnahmen erlebt. Er hat mir gesagt, das Krankenhaus sei teilweise überlastet, sodass sie eine neue Notaufnahme eröffnen mussten, weil sie die Zahl der Neuzugänge nicht mehr bewältigen konnten.“

Die Krankenhäuser führen Rationierungsmaßnahmen ein, weil aufgrund der begrenzten Zahl von Beatmungsgeräten nur die schwersten Fälle behandelt werden können. Gesundheitsminister Matt Hancock erklärte in der BBC, der NHS verfüge über 8.000 bis 10.000 Beatmungsgeräte und das Ziel der Regierung seien 18.000. Die ursprüngliche Zielvorgabe hatte allerdings bei 30.000 gelegen. Hancock wich Fragen danach aus, wann diese zusätzlichen Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen werden. Dabei hat die Regierung selbst prognostiziert, dass der Höhepunkt der Pandemie voraussichtlich bereits um Ostern eintreten werde.

Ärzte werden in die entsetzliche Lage gebracht, älteren Patienten die Behandlung verweigern zu müssen.

Der Arzt aus Wales erklärte: „Ärzte müssen Patienten über 70, die keine Vorerkrankungen haben, darüber aufklären, dass sie möglicherweise den Verzicht auf Wiederbelebung anordnen müssen, weil es keine Beatmungsgeräte gibt.“

Das Fehlen von Schutzausrüstung gefährdet Personal und Patienten. Vor Kurzem sind drei NHS-Pflegekräfte und zwei Ärzte gestorben.

„Sie haben im Krankenhaus nur chirurgische Kittel und Masken, aber keine richtige Schutzausrüstung. Mein Freund bekam Fieber und wurde positiv getestet. Jetzt befindet er sich zu Hause in Selbstisolation, obwohl er im Krankenhaus unverzichtbar ist.

Eine weitere schreckliche Geschichte: Eine Kollegin von mir, eine Hämatologin aus einem Krankenhaus in Birmingham, erzählte mir, wie ihr Krankenhaus vor einigen Wochen mit Patienten überflutet wurde. Es wurde in ein fast reines Covid-Krankenhaus verwandelt. Ärzte aller Bereiche, auch meine Kollegin, wurden aufgefordert, Covid-Patienten zu behandeln.

Birmingham ist neben London ein Epizentrum der Pandemie. Meine Freundin ist für Patienten zuständig, die sich von Covid erholen und nicht mehr beatmet werden. Bis letzten Freitag hatten sie nur chirurgische Masken und einen Kittel, der im Krankenhaus auch für andere Zwecke benutzt wird. Seither wird bei den Intubationen Schutzausrüstung getragen, allerdings keine vollständige.

Die Vorgaben ändern sich täglich. Kein Arzt darf eine Gesichtsmaske tragen, wenn er im Krankenhaus unterwegs ist, nicht einmal in den Bereichen für Schlaganfall- und Herzpatienten. Eine Gruppe Pfleger, die mit Gesichtsmasken durch die Flure liefen, wurden von einem Manager und einer Oberschwester gebeten, sie abzunehmen. Sie sagten, man müsse sich an die Richtlinien des Krankenhauses halten. Ich konnte es nicht fassen. Es wurde kein Grund genannt.“

Weiter berichtete der Arzt: „Das medizinische Personal wird immer noch nicht auf Covid-19 getestet, selbst wenn die Leute Symptome aufweisen. Das gefährdet das Personal und die Patienten. Das noch vorhandene System könnte aus Mangel an ausgebildetem Personal zusammenbrechen.

Meine Freundin hatte einen rauen Hals und fühlte sich fiebrig. Sie fragte die Krankenhausleitung, was sie tun solle und ob sie sich testen lassen könne. Sie sagten ihr: ‚Wir dürfen Sie nicht testen.‘ Aber wenn das Personal nicht getestet wird, wird das Virus auf Patienten und Kollegen übertragen. Das ist kriminell.“

Genau wie in dem nordenglischen Krankenhaus sind Ärzte gezwungen, Patienten lebensrettende Behandlungen vorzuenthalten, obwohl sie vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre leben könnten.

„Im Krankenhaus von Birmingham werden Patienten ab 70 selbst ohne weitere gesundheitliche Probleme nicht an ein Beatmungsgerät angeschlossen, und der Arzt ordnet den Verzicht auf Wiederbelebung an, weil das Krankenhaus mit der Flut von Covid-Patienten überlastet ist und nicht genug Beatmungsgeräte hat.

In Birmingham ist ein neues Nightingale-Krankenhaus mit mehr als 1.000 Betten geplant. Der Plan sieht jedoch keine Beatmungsgeräte vor, weil es keine gibt. Um ein neues Krankenhaus aufzubauen, braucht man allerdings nicht nur Geräte, sondern auch Personal. Es soll für stabile Patienten ohne Covid benutzt werden, um Plätze frei zu machen.“

Der Arzt verglich die hohe Zahl an Toten in Großbritannien mit der Lage in Ländern, die rigorose Tests auf Covid-19 und Kontaktverfolgung betrieben haben: „Die Tschechische Republik hat die gleichen Methoden angewandt wie Südkorea, und die Zahl der Patienten dort ist sehr niedrig. Auch in Neuseeland wird es gut organisiert. Sie haben angefangen, sehr viel zu testen, ein weiterer Grund sind die frühen Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen.“

Im Internet ging ein Bericht eines Allgemeinarztes aus Maesteg (Wales) vom 27. März viral, wonach Patienten mit Vorerkrankungen informiert wurden, dass sie keine Behandlung erhalten. Sie bekamen einen Brief, in dem es heißt: „Es ist sehr schwer für unsere Praxis, diesen Brief zu schreiben... Menschen mit beträchtlichen lebensbedrohlichen Krankheiten wie unheilbarem Krebs, neurologischen Erkrankungen wie der Motoneuron-Krankheit und mit unheilbaren Herz- und Lungenbeschwerden wie Lungenfibrose oder schwerer Herzinsuffizienz... werden voraussichtlich keine Einweisung ins Krankenhaus erhalten, wenn sich ihr Zustand verschlechtert, und mit Sicherheit keinen Platz an einem Beatmungsgerät erhalten... Wir füllen gerne eine Patientenverfügung für Sie aus.... Es wird kein Rettungsdienst gerufen, und es werden keine Wiederbelebungsversuche unternommen, um das Herz wieder in Gang zu bringen.“ Der Brief endet mit den Worten: „Wir lassen Sie nicht im Stich.“ Eine grausame Ironie.

Man kann sich vorstellen, welche Angst und Bestürzung unter den Schwachen und Alten angesichts des täglichen Anstiegs der Todesfälle herrscht. Ihnen wurde im Sozialstaat der Nachkriegszeit eine Versorgung „von der Wiege bis zur Bahre“ versprochen, doch jetzt werden sie ihrem Schicksal überlassen.

Die zuständige NHS-Körperschaft sah sich angesichts der hellen Empörung über den Brief mittlerweile zu einer Entschuldigung gezwungen.