Wie Dax-Vorstände an der Corona-Krise verdienen

Von Peter Schwarz
17. April 2020

Vorstandsmitglieder deutscher Großkonzerne verdienen Millionen an der Corona-Krise. Das geht aus einem Artikel hervor, den die Süddeutsche Zeitung am 15. April in ihrem Wirtschaftsteil veröffentlichte.

Der Bericht stützt sich auf Zahlen über sogenannte „Director’s Dealings“, den Kauf und Verkauf von Aktien eines Unternehmens durch eigene Führungskräfte. Sie sind nicht zu verwechseln mit „Share Buybacks“, dem Rückkauf eigener Aktien durch das Unternehmen selbst. Auch in diesem Fall profitieren die Vorstandsmitglieder, sofern sie Aktien des eigenen Unternehmens besitzen, da der Rückkauf deren Anzahl reduziert und damit den Wert der restlichen Aktie erhöht.

„Director’s Dealings“ müssten eigentlich als Insiderhandel verboten sein, da die Top-Manager über interne Informationen verfügen, die für die zukünftige Kursentwicklung maßgeblich sind, und durch ihre Entscheidungen den Kurs selbst beeinflussen. Sie sind aber trotzdem erlaubt. Die Manager müssen lediglich gewisse Regeln einhalten und die Geschäfte melden.

Wie die Süddeutsche herausfand, haben sich zahlreiche Führungskräfte von Dax-, M-Dax- und S-Dax-Konzernen mit Aktien des eigenen Unternehmens eingedeckt, als deren Kurs wegen der Corona-Krise im Keller lag. Namentlich erwähnt der Artikel Carsten Spohr von Lufthansa, Stephan Sturm von Fresenius, Martin Brudermüller und Saori Dubourg von BASF, fast den gesamten Vorstand von Lanxess sowie Rudolf Staudigl von Wacker Chemie.

Als sie die Aktien kauften, ahnten oder wussten die Konzernchefs, dass die Bundesregierung ein 600-Milliardenpaket zur Unterstützung von Großkonzernen plante und die Kurse bald wieder ansteigen würden. Ihre Unternehmen standen deshalb in engem Kontakt mit der Regierung.

Die Rechnung ging auf. Seit dem Tiefpunkt am 18. März, als der Dax unter 8500 Punkte fiel, ist er wieder steil angestiegen und liegt stabil über 10.000 Punkten. Am 14. April erreichte er sogar 10.700 Punkte – ein Anstieg von 25 Prozent innerhalb von vier Wochen. Die Vorstände haben also einen guten Schnitt gemacht, während die meisten Arbeiter mit Kurzarbeitergeld von 60 Prozent ihres Gehalts abgespeist wurden und um ihren Job fürchten müssen.

Bereits während der Finanzkrise 2008 hatten sich die Manager auf diese Weise bedient, wie die Süddeutsche unter Berufung auf Olaf Stotz von der Frankfurt School of Finance & Management berichtet, der sich seit Jahren mit dem Thema befasst.

„Vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 trennten sich Vorstände, Aufsichtsräte und ihnen nahestehende Personen in großem Maßstab von Aktien“, heißt es in dem Artikel. „2009 nutzten sie dann die niedrigen Kurse, um Aktien des eigenen Konzerns zu kaufen. Mit fast 200 Aktienkäufen von Insidern innerhalb von nur zwei Wochen erreichte deren Zahl damals einen Rekordwert.“ Wie viele sogenannte Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten sich an diesem Gewinnspiel beteiligten, teilt die Süddeutsche nicht mit.

Zur Erinnerung: Auf dem Tiefpunkt der Finanzkrise lag der Dax bei 3666 Punkten. Im Februar dieses Jahres erreichte er mit 13.580 Punkten einen historischen Rekord. Wer also im richtigen Moment kaufte und verkaufte, konnte sein Vermögen in elf Jahren fast vervierfachen.

Auch damals hatte die Regierung mit hunderten Milliarden Euro eingegriffen, um Banken und Unternehmen zu „retten“. Seither wurden diese Gelder durch die Politik der „schwarzen Null“ und massive Einschnitte bei den Sozialausgaben wieder hereingeholt – ein Grund für die verheerenden Auswirkungen der Corona-Krise, die auf ein völlig ausgeblutetes Gesundheitssystem traf.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich auch Fresenius-Chef Stephan Sturm an der jüngsten Bereicherungsorgie beteiligt. Er kaufte am 16. März Aktien des eigenen Unternehmens für 57.000 Euro. Fresenius ist ein international tätiger Gesundheitskonzern und einer der größten privaten Krankenhausbetreiber Deutschlands mit einem Börsenwert von 30 Milliarden Dollar.

Sturm deckte sich mit den Aktien ein, als es hieß, die spanische Regierung werde die Krankenhäuser des Landes verstaatlichen, was Fresenius empfindlich getroffen hätte. Zwei Tage später teilte Fresenius mit, die Spekulationen über eine Verstaatlichung entbehrten jeder Grundlage – der Kurs schoss um 14 Prozent in die Höhe.

Verglichen mit BASF-Chef Brudermüller ist Sturm allerdings ein kleiner Fisch. Brudermüller deckte sich am 9. März mit Aktien des eigenen Konzerns für knapp eine halbe Million Euro ein. Zwei Wochen später beschloss der Bundestag die 600-Milliarden-Finanzspritze für Großkonzerne. „Waren Brudermüller oder andere Vorstände an deren Ausgestaltung beteiligt?“ fragt die Süddeutsche. „Darauf antwortet BASF ausweichend: Das Management stehe ‚immer im regelmäßigen Austausch mit vielen Ebenen der Bundes- und Landespolitik, besonders natürlich auch in der Krisenzeit‘.“

Auch der Vorstand des Chemiekonzerns Lanxess griff kräftig zu. Seine Mitglieder kauften am 11. März Aktien im Wert von 784.000 Euro, kurz nachdem das Unternehmen ein Aktienrückkaufprogramm verkündet hatte.

Die Bereicherung der Dax-Bosse ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie die Corona-Krise die Klassengegensätze in der kapitalistischen Gesellschaft auf die Spitze treibt. Während Millionen Arbeiter in Krankenhäusern, Geschäften und Fabriken für einen Hungerlohn ihr Leben riskieren, ihre Arbeit verlieren, in existenzielle Not geraten oder an Covid-19 sterben, nutzen die Reichsten auch die Krise als Chance, sich weiter zu bereichern.