Trotz Corona-Pandemie: Wirtschaftsvertreter rechtfertigt Schließung von Kliniken

Von Markus Salzmann
17. April 2020

Obwohl sich Covid-19-Infektionen in Europa weiterhin rasant ausbreiten und Tausende erkranken und sterben, verteidigen Wirtschaftsvertreter die Klinikschließungen der letzten Jahrzehnte und bereiten neue vor. Die katastrophalen Bedingungen in Kliniken und Pflegeheimen spielen sie herunter oder ignorieren sie.

Der Volkswirt Professor Boris Augurzky vom RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung behauptet, es gebe in Deutschland nicht zu wenige, sondern zu viele Krankenhäuser, und fordert, die Krise gezielt zu nutzen, um weiter Kliniken abzubauen. Er sei „traurig darüber“, dass nicht noch mehr Kliniken geschlossen worden seien. „Warum soll in einer Pandemie wie der jetzigen eine effizientere Krankenhausstruktur schlechter sein?“, fragte er im Podcast Tonspur Wissen. Dabei versteht er unter effizient lediglich profitabel.

Augurzky fordert die Schließung weiterer kleiner Krankenhäuser, eine „stärkere Spezialisierung“ und vor allem „höhere Wirtschaftlichkeit“. „Natürlich mag dann vielleicht ein kleines Krankenhaus mit 100 Betten nicht mehr in der Nachbarschaft existieren“, so der Ökonom. Aber das medizinische Personal und die Zahl der Intensivbetten würden dadurch nicht reduziert.

Der Pflegenotstand hat sich über lange Zeit entwickelt - Protest in Mainz im September 2017

Das dies nicht stimmt, ist offensichtlich. Der massive Abbau von Betten führt zu Mängeln in der Versorgung in allen Bereichen und auch beim Personal. Darüber hinaus ist das Krankenhaus „in der Nachbarschaft“ in lebensbedrohlichen Notfällen entscheidend. Schon heute müssen Rettungsdienste teilweise zu weite Wege zu einer Klinik zurücklegen, was Leben kostet.

Darüber hinaus spricht sich Augurzky für eine kürzere Verweildauer in Kliniken und für eine Verlagerung hin zur ambulanten Versorgung aus. „Morgens hin, abends zurück“, erklärt er. Damit redet er einer Verschärfung des Kurses das Wort, der mit der Einführung der Fallpauschalen (DRGs) begann und der den Druck auf Kliniken, profitabel zu sein, massiv gesteigert hat. Es sei „der Eindruck entstanden“, man habe das Gesundheitswesen zusammengespart, erklärt er zynisch und klagt, man gebe „immer mehr für Gesundheit aus“.

Der Gesundheitsökonom spricht damit für jene schmale Schicht an der Spitze der Gesellschaft, der jeder Cent, der in die öffentliche Versorgung fließt, ein Dorn im Auge ist.

Augurzkys Argumentation ist alles andere als neu. Im vergangenen Sommer hatte die Bertelsmann-Stiftung die Schließung jeder zweiten Klinik in Deutschland gefordert und in einer Studie vorgeschlagen, dass von den heute rund 1400 Krankenhäusern nicht einmal 600 überleben.

Dabei weiß auch Augurzky genau, dass der Höhepunkt der Infektionen und damit der Belastung der Kliniken noch nicht erreicht ist. „Ab April wird aber eine Riesenwelle an Covid-19-Patienten auf die Krankenhäuser zukommen. Bis dahin müssen wir alle Reserven aktivieren“, erklärte er im letzten Monat gegenüber der Presse.

Gleichzeitig zeigte er sich von dem eklatanten Mangel an Schutzausrüstung unbeeindruckt. „Aber richtig vorbereitet ist auf eine solche Pandemie niemand“, zitierte ihn das Ärzteblatt. Das sei auch gar nicht möglich. Denn medizinische Schutzausrüstung in der Größenordnung vorzuhalten, die jetzt benötigt werde, sei in einem Normalbetrieb nicht sinnvoll.

Dass Ärzte und Pflegekräfte unter unmöglichen Bedingungen bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehen und sich gesundheitlichen Risiken aussetzen, ist für Augurzky Normalität. Der Bemerkung der Moderatorin, die Beschäftigten im Gesundheitswesen würden in der Regel nicht ordentlich bezahlt, widerspricht er. Sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte hätten in den letzten Jahren „größere Gehaltssprünge“ gemacht, sagt er im Podcast.

Während Augurzky und andere Wirtschaftsvertreter dafür eintreten, die Krise zu nutzen, um weitere Kürzungen durchzusetzen, zeigt sich immer deutlicher, dass die Kürzungs- und Privatisierungspolitik der letzten Jahrzehnte zur jetzigen Krise geführt hat.

Tatsächlich sind Kliniken und Pflegeheime wegen des Mangels an Personal und Material mittlerweile zu Corona-Hotspots geworden. Eine Forschergruppe der London School of Economics hat in einer Untersuchung die Auswirkungen von Corona auf Pflegeheime in Italien, Spanien, Irland, Belgien und Frankreich analysiert. Demnach standen zwischen 42 und 57 Prozent aller Todesfälle in diesen Heimen in Verbindung mit Covid-19. Das Ausmaß der Infektionen und Todesfälle in den Heimen dürfe nicht ignoriert werden, verlangen die Forscher.

Wie der Spiegel berichtet, sind in Irland von den bis Samstag 6444 registrierten Patienten mit der Lungenerkrankung 288 verstorben. „156 von ihnen – also 54 Prozent – waren Bewohner in Pflegeheimen. In Spanien kam das Team sogar auf 57 Prozent. Hier basierten die Zahlen jedoch auf Medienberichten zu den von Regionalregierungen veröffentlichten Statistiken. Belgien kam auf den einen Wert von 42 Prozent, Frankreich auf 45 und Italien auf 53 Prozent“, so das Nachrichtenmagazin.

Auch in Deutschland ist diese Entwicklung zu verzeichnen. Die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) musste jüngst eingestehen: „Die Pflegeheime machen uns Sorgen.“ Offiziell sind inzwischen 28 der rund 150 Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen betroffen, 234 Bewohner sind erkrankt, zusätzlich auch noch Pflegekräfte. Aufgrund der mangelhaften Testung ist die Dunkelziffer weit höher.

Die fahrlässigen Zustände in Kliniken kritisiert auch Peter Walger, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). In einem Interview antwortet er auf die Frage, ob die Krankenhäuser in der aktuellen Corona-Krise ausreichend versorgt seien: „Nein. In der aktuellen Coronavirus-Krise mangelt es an allen Ecken und Enden, insbesondere bei Atemschutz, Schutzkitteln und Desinfektionsmitteln.“

Walger weist ausdrücklich auf die Gefährdung des Personals und der Patienten hin: „Wo insbesondere Schutzmasken fehlen, ist das medizinische Personal erheblich gefährdet. Das Tragen einer persönlichen Schutzausrüstung ist normalerweise trainiert und allen Beteiligten im Personal gut bekannt.“

„Die Katastrophe ist der Mangel und die Notwendigkeit, in der Verzweiflung zu improvisieren“, so der Experte. Laut seiner Aussage müsse weiter mit einer hohen Zahl infizierter Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen gerechnet werden. „Im selben Zusammenhang werden auch andere Patienten angesteckt, die primär nicht an Covid-19 erkrankt sind. Wie die Verhältnisse in den Krankenhäusern sind, lässt sich aktuell noch nicht mit konkreten Zahlen belegen. Erste Daten aus Italien, Spanien und China lassen Schlimmes erahnen.“

Dies bestätigt auch ein Oberarzt an einer Berliner Klinik, mit dem die WSWS sprechen konnte. Auch er bestätigt den gravierenden Mangel an Schutzmaterialien. „Mundschutzmasken, die eigentlich nur wenige Stunden getragen werden dürften, müssen eine Woche lang verwendet werden, weil viel zu wenig vorhanden sind. Dafür müssen wir unterschreiben.“ Eigentlich sollten nach Hygienestandards diese Produkte nur einmalig verwendet werden.

Die ständige Gefahr sich zu infizieren erhöht den Druck auf die Beschäftigten in der Klinik enorm. Obwohl die Ärzte schon vor der Corona-Krise Überstunden leisten mussten, haben diese in den letzten beiden Monaten stark zugenommen. „Ich arbeite regelmäßig fast 40 Prozent über der regulären 40-Stunden-Woche ohne einen finanziellen Ausgleich“, erklärt der Oberarzt. Kollegen sind unter dem Druck schon zusammengebrochen, haben geweint und sich als Versager gefühlt. Vor allem unerfahrene Ärzte sind häufig überfordert. „Das Risiko, sich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu infizieren, belastet alle Beschäftigten.“

Auf der Station waren schon vor dem Corona-Ausbruch Betten wegen Personalmangel gesperrt. Jetzt ist dieser Mangel noch dramatischer. Für die Bauchlagerung von beatmeten Patienten müssen beispielsweise für rund eine Stunde vier Kräfte anwesend sein. „Das Personal ist oftmals schlichtweg nicht da.“

Obwohl die Infektionsgefahr derart hoch ist, werde viel zu wenig unternommen, um die Ausbreitung gerade im Klinikbereich einzudämmen, klagt der Arzt. So gibt es keine grundsätzliche Testung auf Covid-19. Getestet wird nur, wenn Symptome wie Fieber o.ä. auftreten. „Doch dann kann es oft schon zu spät sein.“ In den USA und Italien seien schon mehrere Ärzte und Pfleger an dem Virus verstorben.