„Die Pflege krankt an allen Ecken und Enden“

Interview mit einer Pflegefachkraft im Seniorenheim

Von Marianne Arens
22. April 2020

Die aktuelle „Back-to-work“-Politik der Regierung erfüllt Tanja Schneider mit großer Sorge: „Meiner Meinung nach ist das alles noch zu früh. Natürlich bin ich gespalten, und ich sehe die Gefahr, wenn die Wirtschaft brachliegt. Aber die richtige Covid-19-Welle könnte uns erst noch bevorstehen.“ Sollte sich die Infektion jetzt erst recht ausbreiten, dann hätte das unabsehbare Folgen, fürchte sie.

Tanja Schneider

Tanja ist Pflegefachkraft mit Leib und Seele. Begonnen hat sie ihren Arbeitsweg als Betreuerin in einem Behindertenwohnheim – bezeichnenderweise jahrelang über eine Zeitarbeitsfirma. Schließlich gelang es ihr, eine Festanstellung als Pflegerin im Seniorenheim zu bekommen, und sie entschloss sich, die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft nachzuholen. Seither betreut sie im Altenheim die Kurzzeitpflege. Das heißt, sie pflegt diejenigen Menschen, die beispielsweise aus einem Krankenhaus kommen, aber nicht fit genug sind, um alleine zu leben, oder die zu Urlaubszeiten zuhause niemanden haben, der sie pflegt.

„Bis jetzt hatten wir alles negativ getestete Leute“, sagt Tanja. Doch das soll sich jetzt ändern: „Weil wir Pflegefachkräfte sind, sollen wir jetzt auch positiv Getestete bekommen.“ Obwohl sie auch damit umgehen könne, sei dies eine ganz neue Situation. Nun habe der Pflegedienst einen Notfallplan erstellt. „Um möglichst wenig Kontakt zu schaffen, wurden die Bereiche getrennt, und wir werden (auf freiwilliger Basis) in 12-Stunden-Schichten an den Corona-Patienten arbeiten.“

Eins habe die Corona-Pandemie sehr deutlich gemacht: An allem bestehe Mangel. Der Mangel an Pflegekräften sei ja schon vorher bekannt gewesen. Jetzt komme der Mangel an Schutzausrüstungen hinzu. „Bisher arbeiten wir nur mit dem 3-lagigen Mund-Nasen-Schutz, der uns selbst aber nicht schützt. Nun benötigen wir die FFP2-Masken, die uns einen 99-prozentigen Schutz bieten würden – doch davon haben wir kaum welche.“

An solchen Einzelheiten könne man erkennen, welchen Stellenwert die Pflege in der Gesellschaft einnehme. Die aktuellen öffentlichen Lobeshymnen sehe sie mit gemischten Gefühlen. „Natürlich sollten wir Pflegekräfte mehr verdienen: Wir leisten Schichtarbeit, das ist ein psychisch belastender Beruf, wir können täglich mit dem Tod konfrontiert werden. Wenn wir mal frei haben, sind wir so geschafft, dass wir kaum abschalten und uns erholen können. Nun soll es ja Ende Juni eine Prämie von 1.500 Euro für uns geben – ob das auch wirklich kommt? Natürlich würde ich mich freuen, aber damit ist nichts gelöst. Wir brauchen nicht nur bessere Gehälter, sondern auch mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen.“

Sie fürchte, sagte Tanja, dass der Druck mit der Lockerung noch einmal zunehme: „Deshalb sehe ich das sehr kritisch. Ich sehe diese ganze Entwicklung mit Argusaugen.“ Immer deutlicher zeige sich, dass den Politikern die Pflege „nicht so wichtig“ sei. „Es wurde gespart, wo es nur geht. Man muss es offen sagen: Die Pflege krankt an allen Ecken und Enden.“

Tanja zog die Schlussfolgerung: „Eine solche Pandemie müsste man doch im Ganzen richtig angehen. In der Politik geht es nur um die Wirtschaft und um die Profite, aber die Gesundheit der Bevölkerung hat das Nachsehen.“ Sie habe festgestellt, dass die Politiker die Ratschläge der Virologen und der WHO, systematisch zu testen und zu isolieren, gar nicht umsetzten und nicht ernsthaft kommunizierten. Deshalb sei auch die breite Bevölkerung wenig aufgeklärt. Beispielsweise fährt sie im öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit, und sie trägt immer Mundschutz, „um andere nicht zu gefährden. Aber viele haben das offenbar noch nicht verstanden und nehmen mich nicht ernst.“

Tanja berichtet über eine kürzliche Diskussion mit einer Krankenschwester, die ihr eine Person ohne Test zuschicken wollte und fast böse wurde, als sie dies ablehnte. „Sie sagte tatsächlich: ‚Andere Heime nehmen ihre Leute ungetestet zurück‘ zu mir.“ Das habe sie schon erschüttert. Ihr Team tue alles, um die Heimbewohner aufzuklären, die ja auch keine Besucher mehr empfangen dürften. „Jeder Arzt oder Pfleger, der das Haus betritt, muss sich eintragen, damit wir im Fall der Fälle den Infektionsweg zurückverfolgen können.“

Doch das sei nicht der allgemeine Standard, fährt sie fort. Das könne man besonders deutlich am Umgang mit dem Testen sehen. Dies hat sie am eigenen Leib erfahren. „Als es losging, war ich krank und hatte eine Rippenfellentzündung mit Atemproblemen. Dennoch musste ich richtig kämpfen, um getestet zu werden – obwohl ich selbst in der Pflege arbeite! Vom Gesundheitsamt wurde mir mitgeteilt, ich solle zu Hause bleiben, bis es mir besser gehe und ich wieder arbeiten könne. Der eine Mitarbeiter sprach von vierzehn Tagen, und der andere sagte: Sieben Tage reichen. Erst als ich mich wehrte und dem Gesundheitsamt schriftlich mitteilte, dass sie die Verantwortung trügen, sollte ich jemanden anstecken – erst da konnte ich einen Test machen.“

Als besonders schlimm empfindet es Tanja, wenn Politiker oder Journalisten Covid-19 als „eine Art Grippe“ abtun. „Klar, auch an der Grippe sterben viele, aber man kann sich doch dagegen impfen, und an Gefährlichkeit und Schnelligkeit der Ausbreitung ist sie in keiner Weise mit dem Coronavirus zu vergleichen.“ Das sei eine „gefährliche Verharmlosung“.

Sie wünsche sich, sagte Tanja zum Schluss, dass die Pandemie eine breite Diskussion in der Gesellschaft auslöse. „Man muss es offen diskutieren: Wie gehen wir mit dieser Situation um? Es kann nicht sein, dass sich alles nur um die Profite dreht. Wer das jetzt immer noch nicht erkennt, der tappt wirklich im Dunkeln.“