Italien: Statistik zeigt 12.000 mehr Corona-Tote als offiziell angegeben

Von Will Morrow
8. Mai 2020

Das italienische Statistikamt (ISTAT) in Rom informierte am Montag, dass die tatsächliche Anzahl der Corona-Toten im Land deutlich über den von der Regierung angegebenen mehr als 29.000 Toten liegt.

Das ISTAT erstellte seinen Bericht zusammen mit dem staatlichen Gesundheitsamt. Ihm zugrunde liegt eine Analyse der Gesamtsterblichkeitsrate in der italienischen Bevölkerung im Zeitraum vom 21. Februar, als der erste durch das Coronavirus verursachte Todesfall bekannt wurde, bis Ende März 2020.

Für diesen Zeitraum wurden insgesamt, für alle Todesursachen zusammen, 90.946 Todesfälle gemeldet, gegenüber 65.592 im Jahr 2019. Von den 25.354 zusätzlich gemeldeten Toten waren etwas mehr als 54 Prozent bestätigte Covid-19-Patienten; sie gingen in die von den Behörden genannten Zahlen ein. Da die Regierung aber keine umfangreichen Tests durchführen ließ, starben viele Tausend mehr, ohne jemals auf das Virus getestet worden zu sein. Ihre genaue Zahl ist unbekannt.

Patient auf Biostoff-sicherer Trage vor dem Krankenhaus Columbus/Covid-2 in Rom (AP Photo/Alessandra Tarantino)

Bricht man die Zahl der „überschüssigen“ Toten nach Regionen herunter, so zeigt die Studie, dass der Anstieg vor allem dem Covid-19-Virus zuzuschreiben war. Auf nationaler Ebene waren mehr als 90 Prozent der „überschüssigen“ Toten (Vergleich März 2019 bis März 2020) auf die Regionen verteilt, die die Pandemie am stärksten heimsuchte: 37 Provinzen des Nordens, sowie Pesaro und Urbino.

In diesen Gebieten verdoppelten sich die Anzahl der Todesfälle gegenüber 2019 auf mehr als 49.351. Ausgehend vom Durchschnitt der Jahre 2015–2019 stellte die Studie fest, dass in den Regionen mit den größten Corona-Clustern die Sterberate sich wie folgt erhöhte: in Bergamo um 568 Prozent, in Cremona 391, in Lodi 371, in Brescia 291, in Piacenza 264, in Parma 208, in Lecco 174, in Pavia 133, in Mantua 122 sowie in Pesaro und Robinho um 120 Prozent.

Der Bericht stellt fest, dass zusätzlich zu den 13.700 Covid-19-Toten, die bis 30. März gemeldet wurden, weitere 11.600 Menschen entweder direkt an der Infektion durch das Virus oder durch den Zusammenbruch des Gesundheitssystems in den am stärksten betroffenen Gebieten starben. Zu dieser Zahl müssen die vielen Tausend oder Zehntausend hinzugezählt werden, die seit dem 31. März verstorben sind.

Der ISTAT-Bericht ist nicht der einzige, der aufzeigt, dass die offiziellen Opferzahlen stark untertrieben sind. Am 20. April veröffentlichten drei Wissenschaftler von der Universität California in Berkeley eine mathematische Studie auf der Basis einer statistischen Analyse von „Sterbe-Überschüssen“ (Vergleich von 2020 mit der Periode von 2015–2019) in Italien, heruntergebrochen nach Altersgruppen der Bevölkerung.

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass für die unter 70-jährige Bevölkerung die offiziellen Zahlen über die Todesfälle eine vernünftige Schätzung aller Todesfälle darstelle, dass sie aber für die Altersgruppe der über 70-Jährigen deutlich zu niedrig liege. Sie schätzen, dass bis 20. April die wirkliche Zahl der Toten 52.000 betrug (wobei ein Unsicherheitsbereich von 2000 angenommen wird). Das entspräche mehr als dem Doppelten der bis zu diesem Zeitpunkt offiziellen Zahl von 24.114 Toten.

Die Zahlen, die die Conte-Regierung vorlegt, stellen eine bewusste Vertuschung dar. Die Regierung hat keine umfangreichen Tests vorgenommen. Weil sie mitverantwortlich ist für die Katastrophe, möchte sie nicht, dass die Öffentlichkeit ihr volles Ausmaß erfährt.

Als die Corona-Pandemie ausbrach, hatte das Land gerade mal 8.6 Intensivbetten auf 1000 Einwohner. Brutale Sparmaßnahmen, durchgesetzt von der Demokratischen Partei, gemäß den Forderungen der Europäischen Union, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, hatten die Ausgaben für das Gesundheitssystems drastisch heruntergefahren.

Am 26. April berichtete AP über die systematische Weigerung der Behörden, notwendige Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus zu ergreifen. Beispielsweise lehnten sie es ab, die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden zu befolgen. Ihre Entscheidungen waren zu jedem Zeitpunkt davon bestimmt, die Profite der Unternehmen nicht zu gefährden.

Am 2. März hatte das staatliche Gesundheitsamt einen vollständigen Lockdown von Alzano und Nembro empfohlen. Dazu kam es jedoch nicht, und die Krankheit konnte sich eine weitere Woche ungehindert ausbreiten, bis am 7. März eine Ausgangssperre über die Lombardei verhängt wurde. Selbst dann lief die Produktion in nicht-lebenswichtigen Betrieben weiter. Eingestellt wurde sie erst, als landesweite spontane Streiks von Arbeitern die Schließung nicht-lebenswichtiger Fabriken forderten und sich damit der Regierung und den wirtschaftsfreundlichen Gewerkschaften entgegenstellten.

„Die Armee war da und bereit, das Gebiet vollständig abzusperren, und wenn das sofort geschehen wäre, hätte der Ansteckungsgefahr im Rest der Lombardei vielleicht Einhalt gebieten können“, sagte Dr. Guido Marinoni von der Ärztevereinigung der Provinz Bergamo gegenüber AP. „Das geschah aber nicht, und sie führten in der ganzen Lombardei halbherzige Maßnahmen durch, wodurch die Ausbreitung des Virus möglich wurde.“ Die Region Lombardei ist ein wichtiges Wirtschaftszentrum, in dem mehr als ein Fünftel des italienischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet wird.

Von Beginn an ging es der italienischen herrschenden Klasse nicht darum, Leben zu retten, sondern Profite zu schützen. Sie ist verantwortlich für Zehntausende Tote und wird noch eine sehr viel größere Zahl zu verantworten haben, wenn man ihr nicht Einhalt gebietet.

Die italienischen Behörden vertuschen die wirklichen Auswirkungen der Corona-Pandemie und bereiten gleichzeitig eine vollständige Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten vor. Während Billionen Dollar und Euro in Amerika und Europa eingesetzt wurden, um Aktienmärkte und Börsenkurse im Interesse der Finanzelite zu stabilisieren, wird die Arbeiterklasse an die Arbeit zurückgezwungen, damit die Profite weiter sprudeln.

In dieser Woche läuft auch die nicht-lebensnotwendige Produktion im ganzen Land wieder an. Millionen Arbeiter werden zurück an ihren Arbeitsplatz befohlen. Restaurants und Cafés bieten schon bisher Take-Away-Services an. Für den 18. Mai hat die Regierung angekündigt, dass alle Restaurants wieder vollständig öffnen könnten.

Am Montag wurde ein Bericht des Londoner Imperial College veröffentlicht, der sich auf Daten aus Italien stützt. Er sagt voraus, dass die Beendigung der 60-tägigen landesweiten Abriegelung zum zusätzlichen Tod zehntausender Menschen führen wird, die sonst gerettet werden könnten.

Der Bericht enthält eine nach Regionen gegliederte Analyse der Bevölkerungsbewegungen unter Verwendung von Google-Standortdaten, sowohl vor als auch nach Beginn der Abriegelung. Sie modelliert die Übertragungsrate des Virus (die durchschnittliche Zahl der Menschen, die jede infizierte Person wiederum infiziert) als Funktion dieser allgemeinen Bevölkerungsmobilität.

Die Analyse kommt zum Schluss, dass schon eine 20-prozentige Steigerung der Gesamtmobilität der Bevölkerung im Vergleich zur Abriegelung zu 3.000 bis 5.000 zusätzlichen Todesfällen führen würde.

Wenn die Mobilität um 40 Prozent zunähme, schätzt die Studie, dass die Gesamtzahl der Todesfälle um etwa 10.000 bis 23.000 zunehmen würde.

Dabei handelt es sich wiederum nicht um die Gesamtzahl der Todesfälle, sondern nur um die zusätzlichen Todesfälle, die bei Beibehaltung der Isolation vermieden werden könnten. Die Kapitalistenklasse reagiert auf die Pandemie mit Massenmord.

Die World Socialist Web Site erklärte in ihrer Perspektive am 7. Mai:

„Es wird immer deutlicher, dass der Kampf gegen die Pandemie untrennbar mit einem Kampf gegen das kapitalistische System verbunden ist. Der Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung und dem Profitsystem ist nicht nur eine theoretische Frage. Er entfaltet sich jeden Tag in der praktischen Realität.“