WHO warnt vor verfrühter Rückkehr an den Arbeitsplatz und neuem Aufflammen der Pandemie

Von Benjamin Mateus
13. Mai 2020

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus wiederholte am Montag seine Warnungen, dass eine verfrühte Rückkehr an den Arbeitsplatz ohne angemessene Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie ein Wiederaufflammen der Krankheit bedeuten kann.

Tedros betonte, dass Regierungen vor der Öffnung des Wirtschaftslebens sicherstellen müssen, ob die Epidemie unter Kontrolle ist, ob die nationale Gesundheitsinfrastruktur mit neuen Aufständen fertig wird und ob die vorhandenen Maßnahmen zur Überwachung des öffentlichen Gesundheitswesens robust genug sind, um auf lokaler Ebene landesweit Infektionen erfassen, isolieren, behandeln und nachverfolgen zu können. Man sollte sich zunächst fragen, ob die Testkapazität der Nation eine ausreichende Größenordnung hat, bevor man diese Kriterien überhaupt betrachtet.

11.05.2020: Gräber von Menschen, die in den vergangenen 30 Tagen gestorben sind, füllen einen neuen Abschnitt des Friedhofs von Nossa Senhora Aparecida in Manaus, Brasilien. Der neue Friedhofsteil wurde letzten Monat eröffnet, um mit dem plötzlichen Anstieg der Todesfälle durch Covid-19 fertig zu werden. (Foto: AP/Alex Brandon)

Die Vereinigten Staaten verfügen immer noch nicht über ausreichende Testkapazitäten, auch wenn nur 15 Bundesstaaten derzeit irgendeine Form der Beschränkung oder Kontaktsperre praktizieren. Die Situation ist absurd, da Kommunen und Bundesstaaten aktuell sowohl untereinander als auch mit großen privaten Unternehmen und der Bundesregierung um die Beschaffung des notwendigen Materials konkurrieren. Dies verschärft nur noch den bestehenden Mangel und behindert die Gesundheitsämter vor Ort, die mit der Umsetzung von Lockerungsmaßnahmen in ihren Kommunen beauftragt sind, während sie gleichzeitig mit neuen Ausbrüchen in Pflegeheimen oder lokalen Betrieben konfrontiert werden. Die wirtschaftlichen Verwerfungen treffen diese Kommunen in doppelter Hinsicht und verschärfen die sozialen Spannungen, da die arbeitende Bevölkerung gezwungen ist, die eigene Sicherheit gegenüber der finanziellen Existenz abzuwägen.

Die Vereinigten Staaten haben erst seit Kurzem eine Kapazität von 300.000 Tests pro Tag erreicht. Der Bedarf an höheren Kapazitäten ist auf eine geradezu kriminell verzögerte Reaktion der staatlichen Stellen Anfang des Jahres zurückzuführen.Im Januar und Februar, als genügend Zeit zur Verfügung stand, um die enormen Ressourcen des Landes zu mobilisieren, wurden die Testmöglichkeiten nicht ausgeweitet. Da sich das Virus in die Gesellschaft hineingefressen hat, sind nun mehr Tests erforderlich, um die Ausbreitung zu ermitteln und zu kartieren. Die Behauptungen der US-Regierung, Südkorea voraus zu sein, sind gerade deshalb fragwürdig, weil Südkorea den Ausbruch in seinem Land sehr schnell beträchtlich unter Kontrolle gebracht hat.

Nach Angaben der Rockefeller Foundation müssen die USA, um die Wirtschaft des Landes sicher wieder öffnen zu können, die Testkapazität dramatisch ausweiten, und zwar auf fast 30 Millionen pro Woche, mehr als das Zehnfache der derzeitigen Kapazität. Auf Pro-Kopf-Basis liegen die USA mit 29.321 Tests pro Million Einwohner gleichauf mit Großbritannien, aber hinter Kanada, Deutschland, Italien, Spanien und Russland.

„In den USA werden noch nicht genügend Coronavirus-Tests pro Woche durchgeführt, um die gesamte Arbeitnehmerschaft in den USA angemessen zu beobachten oder wiederkehrende Covid-19-Ausbrüche schnell zu erkennen“, heißt es bei der Stiftung. „Solche Ausbrüche sind absehbar zu erwarten, da die Immunität der Bevölkerung gering, das Virus ansteckend und geografisch weit verbreitet ist. Ort und Größe von wiederkehrenden Ausbrüchen sind schwer vorhersehbar. Eine enge Überwachung der gesundheitlich Schwachen, der Heimbewohner, der Armen und der Inhaftierten ist unerlässlich.“

Dr. Maria Van Kerkhove, die bei der WHO für die Covid-19-Pandemie zuständig ist, berichtet von mehreren Seroprävalenz-Studien, die aus verschiedenen Regionen in Asien, Europa und den USA zur Überprüfung vorliegen. Diese Studien messen die Menge des Erregers in der Bevölkerung durch Auswertung von Bluttests. Sie sei überrascht über das Ergebnis dieser Antikörpertests, sagte Dr. Kerkhofe, wonach die Prävalenz der Krankheit weiterhin niedrig ist, im Bereich von 1 bis 10 Prozent in der Bevölkerung. Auf die Frage von Medienvertretern nach der so genannten Herdenimmunität antwortete Dr. Kerkhove, dass die erforderliche Prävalenz für Covid-19 zwar nicht genau bekannt ist, jedoch deutlich höher liegen müsste als die derzeitigen Werte.

Dr. Michael Ryan von der WHO drückte sich recht prägnant aus: „Die Förderung der Herdenimmunität kann zu einer sehr brutalen Arithmetik führen, die den Menschen und das Leben und Leiden nicht in den Mittelpunkt dieser Gleichung stellt. Seroprävalenzstudien zeigen auch, dass der Anteil der Menschen mit einer signifikanten klinischen Erkrankung an allen Infizierten in Wirklichkeit höher liegt, weil die Zahl der Infizierten in der Gesamtbevölkerung niedriger ist als wir erwartet haben.“

Er erklärte, dass das Virus länderübergreifend immer noch sehr tief in der Gesellschaft verwurzelt ist, wie die Ereignisse in Südkorea und dem chinesischen Wuhan zeigen. Der jetzige Zeitpunkt ist eine zweite Chance, die notwendige Infrastruktur zur Vorbereitung auf Ausbrüche auf lokaler Ebene rasch zu verbessern. „Die Augen zu schließen und blind zu fahren, ist in etwa das Dümmste, was ich je erlebt habe“, sagte er, „und ich bin wirklich besorgt darüber, dass sich einige Länder für die nächsten Monate tatsächlich auf eine wirklich Blindfahrt einstellen.“

Trotz der erschreckenden Statistiken mit über 80.000 Todesopfern und über einer Million aktiver Covid-19-Fälle in den USA drängten hohe Vertreter des Weißen Hauses am Wochenende die Gouverneure der Bundesstaaten, die Schritte zur Wiederöffnung des Wirtschaftslebens zu beschleunigen. Bei der Pressekonferenz am Montag forderte US-Präsident Trump dreist: „Ich will, dass das Land geöffnet wird!“

Gestern mussten hunderttausende Menschen in Michigan wieder zur Arbeit aufgrund der Vorgabe von Gouverneurin Gretchen Whitmer, die Wirtschaft des Bundesstaats wieder anzukurbeln. In Michigan liegt die Zahl der neuen Fälle derzeit bei über 400 pro Tag. Dieser Testlauf gilt als Modell für den Rest der Industrieproduktion in den Vereinigten Staaten. Diese Woche ist der Vorbereitung der Betriebe auf die Arbeitsaufnahme im großen Stil gewidmet. American Axle brachte eine Schicht in ihr Werk in Macomb County zurück. Außerhalb der Anlage wurden Zelte aufgestellt, um die Körpertemperatur der Belegschaft zu messen und Masken und Schutzausrüstung bereitzustellen. Das ganze wurde zu einer Presseveranstaltung gemacht, um die Arbeiterinnen und Arbeiter in Sicherheit zu wiegen und ihre innere Einstellung zu beeinflussen.

Gouverneur J.B. Pritzker aus Illinois sagt öffentlich, dass Wissenschaft und Daten seine Entscheidungen leiten. Er lässt jedoch zu, dass mehr Betriebe in begrenztem Umfang öffnen, und definiert geografische Regionen im ganzen Staat, die unabhängig funktionieren sollen. Golfplätze und Parks wurden eröffnet. Gouverneur Gavin Newsom in Kalifornien stellt fest, dass 70 Prozent der Unternehmen mit irgendeiner Form von Einschränkungen wiedereröffnet werden können, auch wenn einige wenige Bezirke in den schwer betroffenen Gebieten in der Bay Area im Lockdown bleiben.

Mehrere europäische und asiatische Länder, die von der Pandemie schwer getroffen sind, gehen gemeinsam dazu über, soziale und kommerzielle Aktivitäten zu lockern. Frankreich öffnet die Grundschulen und einige Geschäfte. Außerhalb von Madrid und Barcelona lässt Spanien kleine Versammlungen zu sowie Bars und Restaurants mit Außenbereichen öffnen. In den Niederlanden werden Grundschulen und Frisöre wieder geöffnet, kontaktloser Sport im Freien ist erlaubt. Das Disneyland in Shanghai hat seine Tore geöffnet.

Russland, mit den zweithöchsten Fallzahlen nach den Vereinigten Staaten, brüstet sich mit einer niedrigen Sterblichkeitsrate. Diese Woche ordnete Putin das Ende der landesweiten „arbeitsfreien Zeit“ an. Auch wenn er einräumte, dass die Pandemie noch nicht besiegt sei, überließ er es den Regionalgouverneuren, zu entscheiden, ob und wann die Beschränkungen in ihren Territorien aufgehoben werden. Es scheint jedoch, dass die Zahl der durch Covid-19 verursachten Todesfälle absichtlich zu niedrig angesetzt wurde. Es gibt dementsprechend Schätzungen, dass die durch Covid-19 verursachte Todesfälle eigentlich etwa dreimal so hoch liegen.

Die jüngsten Entwicklungen im Weißen Haus zeigen deutlich die Scheinheiligkeit der Behauptung, dass alles in Ordnung ist. In der vergangenen Woche wurden eine Hausangestellte von Präsident Trump und die Pressesprecherin von Vizepräsident Mike Pence sowie ein Geheimdienstmitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet. Der Direktor der Seuchenschutzbehörde Robert Redfield, der medizinische Berater des Präsidenten Dr. Anthony Fauci und der Leiter der Arzneimittelbehörde Stephen Hahn haben Vorkehrungen getroffen, um in Quarantäne zu gehen. Bei der Besprechung im Weißen Haus am Montag erließ Trump eine Anordnung zur Maskenpflicht für alle Regierungsvertreter.

Die Pressekonferenz im Weißen Haus nahm ein dramatisches und abruptes Ende, als CBS-Reporterin Weijia Jiang den Präsidenten fragte: „Warum spielt das eine Rolle [dass die USA angeblich bei Tests allen anderen Ländern überlegen sind]? Warum ist dies für Sie ein globaler Wettbewerb, wenn jeden Tag immer noch Amerikaner ihr Leben verlieren und wir immer noch jeden Tag mehr Fälle erleben?“

Trump antwortete, sie solle „China fragen, warum überall auf der Welt so viele Menschen ihr Leben verlieren“. Frau Jiang, die im chinesischen Xiamen geboren wurde und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie in die USA zog, fragte: „Sir, warum sagen Sie das gerade mir?“ Trump sagte darauf, er würde „das zu jedem sagen, der eine unangenehme Frage stellt“. Trump bat um die nächste Frage und die CNN-Vertreterin Kaitlin Collins verteidigte daraufhin ihre Kollegin. Als Trump abwinkte, sagte Sie: „Sie haben auf mich gezeigt. Kann ich meine Frage stellen?“ Wütend beendete Trump die Pressekonferenz ab und stürmte davon.