Virologe Streeck für Herdenimmunität

Von Markus Salzmann und Peter Schwarz
9. Juni 2020

Seit Wochen werden in Deutschland und im Rest Europas die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus immer weiter zurückgefahren. Schulen und Kitas werden geöffnet und Menschen zurück an unsichere Arbeitsplätze gedrängt. Währenddessen kommt es immer häufiger zu massiven Ausbrüchen, die auf die Lockerungsmaßnahmen und zu weinige Tests zurückzuführen sind.

Bremerhaven hatte letzte Woche den von Bund und Ländern vereinbarten Grenzwert von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen überschritten. In Göttingen haben sich in den letzten zwei Wochen mindestens 120 Menschen in einem Hochhaus mit dem Virus infiziert, darunter 39 Schülerinnen und Schüler. Die Stadt musste daraufhin 13 Schulen und Kitas schließen, 100 Schüler befinden sich in Quarantäne.

Weltweit sind nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität über 7 Millionen Menschen nachweislich am Coronavirus erkrankt. Deutschland zählt mit über 185.000 Fällen und über 8700 Toten noch immer zu den Ländern mit den höchsten Zahlen. Dabei wiederspiegeln die offiziell angegebenen Zahlen die tatsächliche Ausbreitung nur zum Teil. Über die Höhe der Dunkelziffer gibt es unterschiedliche Vermutungen und Berechnungen.

Trotzdem wird nicht nur der Abbau der Schutzmaßnamen weiter vorangetrieben; der Bonner Virologe Hendrik Streeck hat nun auch vorgeschlagen, während der Sommermonate gezielt mehr Infektionen zuzulassen. „Dann bauen wir eine schleichende Immunität in der Gesellschaft auf, die dann am Ende diejenigen schützt, die auch einen schwereren Verlauf haben können“, sagte er der Nachrichtenagentur DPA.

Studien zeigten, so Streeck, dass bis zu 81 Prozent der Infektionen asymptomatisch verliefen. Die Infizierten hätten keine oder kaum Symptome. Die Hoffnung auf einen Impfstoff könne sich als trügerisch erweisen. Also solle man sich darauf einstellen, mit dem Virus zu leben. Da die Zahl der Covid-19-Erkrankten auf den Intensivstationen derzeit rückläufig sei, bestehe „eine Chance, dass wir über den Sommer die Anzahl der Personen mit Teilimmunität erhöhen können“.

Diese Strategie der sogenannten „Herdenimmunität“ hatte in allen Ländern, in denen sie verfolgt wurde, verheerende Konsequenzen. Großbritannien und Brasilien haben hinter den USA die zweit- und drittgrößten Todeszahlen der Welt. Der für die Corona-Maßnahmen seines Landes zuständige schwedische Epidemiologe Anders Tegnell musste kürzlich zugeben, dass der Verzicht auf Lockdown-Maßnahmen eine katastrophale Zahl an Toten verursacht hat. Die „Herdenimmunität“ ist, wie die WSWS nachwies, eine „mörderische Pseudowissenschaft“.

Dass Streeck, der von einflussreichen Medien, Politikern und Wirtschaftsvertretern promotet wird, nun auch für Deutschland eine solche Strategie vorschlägt, zeigt, wie rücksichtslos diese über Menschenleben hinweggehen, um ihre wirtschaftlichen Interessen und Profite zu schützen.

Streeck bemüht sich seit langem, die Gefahren des Coronavirus zu verharmlosen, um die Wiederaufnahme der Arbeit, des Kita- und Schulbetriebs und anderer Bereiche des öffentlichen Lebens voranzutreiben. Dabei bedient er sich dubioser Methoden. So ließ er die PR-Agentur Storymachine in der Öffentlichkeit für die Ergebnisse seiner umstrittenen Heinsberg-Studie werben, ohne dies offenzulegen. Storymachine wurde vom langjährigen Bild-Chef Kai Diekmann und dem Event-Manager Michael Mronz, dem Ehemann des verstorbenen FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle, gegründet. Die Agentur arbeitete kostenlos für Streeck.

Streeck tritt für die „Herdenimmunität“ ein, obwohl er selbst zugeben muss, dass es dafür keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Ob Menschen mit asymptomatischen Verläufen, die eine Immunität oder Teilimmunität aufbauen, wirklich geschützt seien, wisse man noch nicht, sagte er der DPA. „Aber sie bauen zumindest Antikörper gegen das Virus auf, und da kann man davon ausgehen, dass das zumindest einen Teilschutz ergibt.“

Schon jetzt verzichten die Bundes- und Landesregierungen auf Maßnahmen, die von seriösen Virologen dringend empfohlen werden. So raten diese, bei der Öffnung von Schulen zumindest engmaschige Tests durchzuführen.

Christian Drosten von der Berliner Charité fordert beispielsweise, die Lehrkräfte einmal wöchentlich zu testen, auch wenn keine Symptome vorliegen. „Dieses frühzeitige Erkennen von Superspreading-Ereignissen, die sich gerade an Schulen einstellen können, ist sehr effektiv“, meint der Virologe. Doch trotz des Wissens um die Gefährlichkeit der Lockerungen werden weiterhin deutlich zu wenig Tests durchgeführt.

Während die Regierungen dies zu Beginn der Krise damit rechtfertigten, dass die Tests angeblich nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stünden, werden sie nun trotz ausreichender Kapazitäten nicht angewendet. Alleine in Deutschland könnten pro Woche eine Millionen Tests auf Covid-19 durchgeführt werden. Tatsächlich werden (Stand Ende Mai) mit knapp 340.000 nur ein Drittel durchgeführt. So bleiben die erfassten Fallzahlen niedrig – während die tatsächlichen Infektionszahlen steigen und bewusst mehr Todesfälle in Kauf genommen werden.

Das Bundesgesundheitsministerium hat bereits mehrmals angekündigt, mehr Menschen testen zu lassen, auch wenn keine Symptome vorliegen. Tatsächlich umgesetzt wurde dies bislang nicht. Obgleich sich die Meldungen über Ausbrüche in Schlachthöfen, der Gastronomie und vor allem Krankenhäusern und Pflegeheimen häufen, bleibt es bei vagen Absichtserklärungen.

Nach den Zahlen des Robert-Koch-Instituts von letzter Woche sind alleine bei Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeheimen fast 13.000 Fälle von Covid-19-Infektionen zu verzeichnen. 584 Mitarbeiter mussten stationär behandelt werden, 20 verstarben. Anfang April lag die Quote infizierter Ärzte und Krankenpfleger bei 4,3 Prozent, jetzt liegt sie bei 7,1 Prozent.

Für Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztevertretung Marburger Bund, ist die Zahl von Tausenden Infizierten im medizinischem Bereich „höchst relevant – auch, weil der prozentuale Anteil der medizinischen Fälle ansteigt“. Sie erklärt, es habe Ausbrüche gegeben, bei denen ein unentdeckter Patient ausgereicht habe. Johna fordert deshalb, Patienten, die im Krankenhaus aufgenommen werden, und viel mehr medizinisches Personal zu testen. Sie verlangt eindringlich, die vorhandenen Testkapazitäten zu nutzen.

Auch an Schutzmaterial mangelt es weiterhin. Während nahezu sämtliche Politiker, einschließlich Gesundheitsminister Spahn, erklären, es sei genug vorhanden, sieht die Realität völlig anders aus.

Laut einer Umfrage des Marburger Bundes, der größten Ärztevertretung in Deutschland, gaben 38 Prozent der Ärzte an, adäquate Schutzkleidung nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu haben.

„Unsere Umfrage hat gezeigt, dass nicht nur Atemschutzmasken fehlen, sondern auch Schutzkittel oder Desinfektionsmittel“, sagte Johna. „FFP3-Masken – die für bestimmte Tätigkeiten sehr nah am Patienten gebraucht werden – sind derzeit praktisch nicht lieferbar.“ Aus Mangel würde in Kliniken das Einmalmaterial während der gesamten Schicht verwendet, zum Teil mehrere Tage hintereinander, so Johna.

Web.de berichtete über die Kritik eines Krankenhausarztes aus Fulda. „Ich habe das Gefühl, dass wir zu wenig getestet haben“, sagt er. „Wir haben nur hoch symptomatische Patienten getestet, weil wir nicht die Isolationsmöglichkeiten hatten. Ich bin mir nicht sicher, ob der eine oder andere nicht doch hätte getestet werden sollen.“ Darüber hinaus gebe es noch immer zu wenig Schutzmaterialien.