Covid-19: Arme Menschen haben höheres Erkrankungsrisiko

Von Elisabeth Zimmermann
22. Juni 2020

Arme Menschen wie Langzeitarbeitslose und Hartz IV-Empfänger haben ein um 84 Prozent erhöhtes Risiko bei einer Infektion mit Covid-19 schwer zu erkranken und in ein Krankenhaus zu kommen. Bei Arbeitslosengeld-Empfängern, das heißt im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit, ist das Risiko 17,5 Prozent höher als bei Arbeitern mit regulärer Beschäftigung.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Medizinische Soziologie des Uniklinikums Düsseldorf und der Krankenkasse AOK Rheinland/Hamburg, über die das ARD-Mittagsmagazin am 15. Juni berichtete.

In der Studie sind die Daten von knapp 1,3 Millionen Versicherten daraufhin ausgewertet worden, ob arbeitslose Menschen (ALG I und ALG II) häufiger in einem Krankenhaus behandelt werden mussten als erwerbstätige Versicherte. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Zeit vom 1. Januar bis 4. Juni 2020.

Die explorative Analyse soll der Auftakt für weiterführende Forschung zur sozialen Dimension der Covid-19-Pandemie sein, wie der verantwortliche Autor der Studie, Professor Nico Dragano von der Uniklinik Düsseldorf, erklärte. „Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen, wäre dies ein weiterer Beleg für ausgeprägte soziale Unterschiede bei Erkrankungen in Deutschland.”

Studien aus den letzten Jahren belegen, dass arme Menschen früher sterben als Reiche. Die Lebenserwartung bei Männern, die in Armut leben, ist im Durchschnitt zehn Jahre niedriger als bei reichen. Bei armen Frauen ist sie im Durchschnitt acht Jahre niedriger als bei reichen. Arme Menschen leiden oft stärker unter Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Krankheiten. Sie können sich oftmals nicht medizinisch ausreichend oder optimal behandeln lassen und stehen aufgrund ihrer schwierigen Lebensverhältnisse extrem stark unter Druck.

Die Bundesregierung und der Bundesgesundheitsminister wollten sich zunächst nicht zu den ersten Ergebnissen der Untersuchung der Uni Düsseldorf äußern.

Wie in allen anderen Ländern der Welt erweist sich die Covid-19-Pandemie auch in Deutschland vor allem als eine lebensbedrohliche Gefahr für die Arbeiterklasse und insbesondere ihre ärmsten und verwundbarsten Teile. Der jüngste und bisher größte Ausbruch von Covid-19 beim Fleischkonzern Tönnies im Kreis Gütersloh mit inzwischen über 1300 infizierten Arbeitern ist dafür ein drastisches Beispiel.

Weltweit belegen Daten, dass die Corona-Pandemie vor allem die Arbeiterklasse, die Armen und Ärmsten betrifft. In Großbritannien ist laut den Daten der nationalen Statistikbehörde (ONS) die Coronavirus-Todesrate in den sozial am stärksten benachteiligten Regionen mehr als doppelt so hoch ist wie in den am wenigsten benachteiligten Gebieten.

Der Direktor der WHO, Tedros Adhanom Gebreyesus sagte dazu: „Eine Krise kann bestehende Ungleichheiten verschärfen, was sich in vielen Ländern in höheren Raten von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen unter bestimmten Bevölkerungsgruppen zeigt.“

Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte am 10. Juni 2020 einen Bericht über Menschen in Grundsicherung (Hartz IV), der deutlich macht, warum die Corona-Krise diese besonders hart trifft. Der Bericht verweist unter anderem auf die beengten Wohnverhältnisse von armen Menschen, den Mangel an IT-Ausstattung und die Gefahr von sozialer Isolation, da viele allein leben. Die Veröffentlichung stützt sich auf Zahlen aus der Längsschnittstudie Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung (PASS) aus den Jahren 2017 und 2018.

In beengten Wohnverhältnissen ist es natürlich schwieriger, die Maßnahmen der sozialen Isolation einzuhalten, insbesondere wenn Kinder nicht in Schulen, Kitas oder auf Spielplätze gehen können. Auch das Arbeiten im Home Office, die Teilnahme von Kindern am Unterricht und das Lernen zuhause ist ohne eigenes Zimmer und genügend Platz schwierig. Familien mit Kindern machen etwa ein Drittel aller Personen aus, die Grundsicherung beziehen. 40 Prozent von ihnen leben in beengten Verhältnissen.

Etwa ein Fünftel aller Menschen, die sich in Grundsicherung befinden, sind über 60 Jahre alt. Für sie ist die Gefahr eines schwereren Verlaufs von Covid-19 größer und damit die Einhaltung des Abstandsgebots umso wichtiger. Die Gefahr der sozialen Isolation ist bei ihnen besonders groß.

Fast die Hälfte der Menschen, die Grundsicherung beziehen, lebt in Haushalten ohne einen weiteren Erwachsenen. In Haushalten ohne Grundsicherung lebt dagegen nur jeder Vierte allein. Ob man sozial isoliert ist oder nicht, hängt auch stark von der sozialen Vernetzung und dabei von der Ausstattung mit Computern und Internetanschluss ab.

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten sind Computer mit Internetanschluss und Smartphones noch wichtiger für Information und sozialen Austausch als sonst. Für Kinder hängt davon während der Schulschließungen die Teilnahme am digitalen Unterricht und die Wahrnehmung von Bildungsmöglichkeiten ab.

Während 87 Prozent aller Personen ohne Grundsicherung über internetfähige Computer verfügen, sind es bei Menschen in Grundsicherung nur knapp 70 Prozent. Bei Haushalten mit schulpflichtigen Kindern in Grundsicherung sind es 78 Prozent. Das heißt 22 Prozent dieser Haushalte haben keine Computer, über die Home Schooling möglich wäre. In Haushalten ohne Grundsicherung verfügen 97 Prozent über Computer mit Internetanschluss.

Auch der Bundesverband der Tafeln verzeichnet einen weiteren Zulauf an Hilfebedürftigen. Obwohl von 947 Einrichtungen noch 120 geschlossen sind, sei der Zulauf enorm. Viele ihrer freiwilligen Helfer gehören aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands selbst zu den Risikogruppen.

Tafel in München

Der Verbandsvorsitzende der Tafeln, Jochen Brühl, sagte: „Wir haben in den letzten Wochen eine neue Form der Not erlebt.“ Vor allem jüngere Menschen haben aufgrund von existenzieller Not Hilfe gesucht. Darunter sind auch viele Studierende, die sonst neben ihrem Studium arbeiten, vor allem im Gastronomie- und Service-Bereich. Aufgrund der Schließung von Gaststätten und Cafés haben die meisten ihren Job verloren,

Ende 2019 hatten die Tafeln bundesweit 1,6 Millionen regelmäßige Nutzer, davon etwa ein Drittel Kinder und ein Drittel ältere Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht.

Ein besonders hohes Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren, haben Beschäftigte im Niedriglohnbereich und überall da, wo sie ohne ausreichenden Schutz mit vielen Menschen in Kontakt kommen. Dazu gehören Pflegekräfte, Supermarktverkäuferinnen und -Kassierer, Busfahrer, Arbeiter in Logistikfirmen wie DPD und Logistikzentren wie Amazon. Hier ist es immer wieder zu Ausbrüchen von Covid-19 gekommen. Gleichzeitig versuchen die Unternehmen, die Zahlen von Infizierten wenn möglich unter Verschluss zu halten. Dabei werden sie von den Gewerkschaften unterstützt.

IG Metall und andere Gewerkschaften sind auch die stärksten Befürworter für das Wiederhochfahren der Produktion in der Autoindustrie und anderen Bereichen, wo es zu vorübergehenden Schließungen während des Lockdowns gekommen war. Arbeiter, die sich Sorgen um ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen machen, können auf keinerlei Unterstützung von ihnen rechnen. Sie müssen den Kampf für ihre Sicherheit und ihre grundlegen Interessen und Bedürfnisse selbst in die Hand nehmen.

Die Corona-Pandemie zeigt wie in einem Brennglas die bereits existierende soziale Ungleichheit und verschärft sie. Während die Bundesregierung den Banken und Konzernen Hunderte von Milliarden Euro in den Rachen wirft, gibt es keine Unterstützung für die bereits in Armut und schwierigen Verhältnissen lebenden Menschen, deren Anzahl durch Massenentlassungen und Sozialabbau weiter anwächst.

Mit der unverantwortlichen Öffnungs- und “Zurück an die Arbeit”-Politik werden Millionen Arbeiter gezwungen, durch verschärfte Ausbeutung und die Gefährdung ihrer Gesundheit und ihres Lebens die Milliardensummen für die Reichen, die Konzerne und Banken und die militärische Aufrüstung wieder hereinzuholen.