Die fahrlässige Reaktion der Regierungen auf die Pandemie gefährdet Gesundheit und Sicherheit von Pflegekräften

Von Benjamin Mateus
22. Juli 2020

Am 16. Juli fand in der spanischen Hauptstadt Madrid eine Gedenkveranstaltung für die Todesopfer der Corona-Pandemie und die Pflegekräfte statt, die am Kampf gegen das Virus beteiligt waren. Die Pflegerin Aroa Lopez zeigte mit ihrer bemerkenswerten und leidenschaftlichen Rede die notwendige Menschlichkeit, die die nationalen Regierungen bei ihrer Reaktion vermissen ließen.

Sie erklärte: „Wir haben alles gegeben. Wir haben gearbeitet, bis wir fast nicht mehr konnten. Und wir haben einmal mehr, vielleicht besser als je zuvor, verstanden, warum wir uns diesen Beruf gewählt haben: um Menschen zu pflegen und Leben zu retten. Wir haben Alten, die alleine gestorben sind, die letzten Grüße überbracht, die Stimmen ihrer Kinder am Telefon gehört. Wir haben Videogespräche geführt, wir haben ihnen die Hand gehalten, wir mussten gegen die Tränen ankämpfen, wenn jemand sagte: ,Lasst mich nicht alleine sterben.‘ Ich möchte die Behörden auffordern, die Gesundheitsversorgung aller Menschen zu verteidigen. Für mich gibt es keine bessere Würdigung derjenigen, die nicht mehr unter uns weilen, als unsere Gesundheit zu schützen und unseren Berufen ihre Würde zu erhalten.“

Während Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens ihre Regierungen beschwören, entschieden und gemeinsam zu handeln, gerät die Pandemie außer Kontrolle. Der weltweite 7-Tages-Durchschnitt liegt bei 226.864 Fällen pro Tag, die Zahl der Neuinfektionen pro Tag lag zuletzt konstant über 200.000. Die Sterblichkeitsrate über sieben Tage ist von 4.112 am 26. Mai auf 5.111 am 20. Juli gestiegen. Die Gesamtzahl der Fälle liegt bei über 14,8 Millionen und steigt damit alle vier bis fünf Tage um eine weitere Million. Mehr als die Hälfte aller weltweiten Fälle entfallen auf die USA, Brasilien und Indien. Die Hauptlast dieses Ansturms trugen die Beschäftigten des Gesundheitswesens, die in dieser globalen Gesundheitskrise an vorderster Front stehen.

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, erklärte am Freitag bei einer Pressekonferenz: „Viele Pflegekräfte sind körperlich und psychisch erschöpft, nachdem sie monatelang in einem extrem belastenden Umfeld gearbeitet haben.“ So wurde im April 2020, auf dem Höhepunkt der Pandemie, eine Umfrage unter portugiesischen Pflegekräften durchgeführt. 75 Prozent gaben auf die Frage, wie hoch sie ihren Angstzustand einschätzen, „hoch“ oder „sehr hoch“ an. 14,6 Prozent leiden unter gemäßigter bis schwerer Depression. Viele fordern eine angemessene Bezahlung und Entschädigung für die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind.

Gedenkveranstaltung für die Opfer von Covid-19. Madrid, 16. Juli (Foto: Sergio Perez)

Laut den Vereinten Nationen entfallen auf Beschäftigte im Gesundheitswesen mehr als 1,4 Millionen oder etwa zehn Prozent aller weltweiten Fälle von Covid-19. Hier eine kurze Liste:

Laut Amnesty International, das diese Entwicklungen im Gesundheitswesen beobachtet, haben folgende Länder die meisten Toten im Gesundheitswesen: Die USA (507), Russland (545), Brasilien (351), Mexiko (248), Italien (188), Ägypten (111), Iran (91), Ecuador (82) und Spanien (63).

Daten aus Großbritannien zeigen, dass die Sterblichkeitsraten in Gesundheitsberufen über denen der Gesamtbevölkerung liegen. Weitere Berufsgruppen mit hoher Sterblichkeitsrate aufgrund von Covid-19 sind Taxifahrer, Chauffeure, Omnibusfahrer, Fabrikarbeiter und Sicherheitskräfte.

Amnesty veröffentlichte am 13. Juli einen Bericht, laut dem in 79 Ländern mehr als 3.000 medizinische Fachkräfte an Covid-19 gestorben sind. Diese Zahl bezeichnen sie noch als deutlich zu niedrig. Gleichzeitig wurden in China, Hongkong, Indien, Ägypten, Malaysia, Südafrika, Russland, Brasilien, Nicaragua, Honduras, Mexiko und den USA viele Beschäftigte von den Behörden und ihren Arbeitgebern Repressalien ausgesetzt, wenn sie Bedenken wegen ihrer eigenen Sicherheit oder der Sicherheit ihrer Patienten geäußert haben. Einige wurden auch verhaftet und misshandelt.

Einige Beschäftigte im Gesundheitswesen hatten jedoch den Mut, darüber zu sprechen, zu protestieren oder zu streiken, um bessere Arbeitsbedingungen oder Schutzausrüstung zu fordern. Letztere ist weltweit weiterhin chronische Mangelware. Sie forderten außerdem ausreichend Material und Personal, um trotz der Gefahren, die ihnen ihre Arbeitgeber, die staatlichen Behörden und rückständige Schichten ihrer Gesellschaften zumuten, ihre Patienten versorgen zu können.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und 12 weitere globale medizinische und humanitäre Organisationen, die 30 Millionen medizinische Fachkräfte repräsentieren, veröffentlichten im Mai einen Bericht, in dem sie die Gewalt gegen Pflegekräfte verurteilten. Sie schrieben: „Viele Helfer leiden unter Schikane, Stigmatisierung und körperlicher Gewalt. Einige medizinische Fachkräfte und ihre Patienten wurden getötet. Seit Beginn der Pandemie gab es mindestens 208 Berichte über derartige Vorfälle, und jeden Tag kommen neue Geschichten über Einschüchterungen und Verletzungen hinzu.“ Der aktuelle Anstieg und die beängstigende Untätigkeit der Regierungen wird solche Angriffe auf Beschäftigte im Gesundheitswesen noch weiter verschärfen und Bedingungen schaffen, die weltweit ganze Gesellschaften verwüsten werden.

Der Leiter des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten und Nothilfekoordinator, Mark Lowcock, erklärte in einem Bericht vom 13. Juli, die Untätigkeit der Industrienationen gegenüber der wachsenden humanitären Krise in Folge der Pandemie werde zu einer Serie von Tragödien führen, die noch brutaler und destruktiver sein werden als die Auswirkungen des Virus selbst. Er erklärte, bis Ende des Jahres würden die Bedingungen in schwachen Staaten und Schwellenländern noch schlechter werden, da ihnen Hunger und Krankheit drohen: „Wenn sich das Virus ungehindert ausbreiten kann, wird die Entwicklungsarbeit von Jahrzehnten zunichte gemacht werden.“

Weiter schrieb er: „Nach Schätzungen der UN könnten für nur 90 Milliarden Dollar – weniger als ein Prozent des Konjunkturpakets zum Schutz der Weltwirtschaft – die ärmsten 700 Millionen Menschen der Welt vor dem Schlimmsten geschützt werden.“ Ein Prozent der Billionen, die aus den Steuergeldern abgezweigt wurden, um eine Handvoll Parasiten reicher zu machen, würden ein Zehntel der Weltbevölkerung vor Hungersnot und Krankheit schützen. Doch die nationalen Medien, die Sprachrohre der Oligarchen, beschäftigen sich lieber mit russischen und chinesischen Intrigen oder erfinden ein weiteres rassistisches Narrativ statt auf die drängendsten Fragen einzugehen.

Lowcock äußerte bei der WHO-Pressekonferenz seine Hoffnung, dass die Finanzminister der G20-Staaten auf diese Fragen eingehen würden, da Untätigkeit eine globale Katastrophe auslösen könnte. Er wies darauf hin, dass der Plan zum Schutz der 63 am stärksten gefährdeten Länder und zur Bezahlung der Transportkosten für Hilfsgüter 10,3 Milliarden Dollar kosten würde, und erklärte: „Durch die Pandemie droht der erste Anstieg der globalen Armut seit 1990. Mindestens 70 bis 100 Millionen Menschen könnten in extreme Armut gestürzt werden. Die Zahl der Menschen am Rande des Hungertodes könnte sich bis Ende des Jahres um 130 Millionen auf 265 Millionen verdoppeln.“

Er wies außerdem darauf hin, dass die Eindämmungsmaßnahmen im Bildungswesen zu einem Bildungsverlust führen werden, die weltweit Kosten von zehn Billionen Dollar verursachen werden. Dabei werden noch nicht einmal die Einnahmeausfälle für Individuen und Kommunen berücksichtigt, die vor allem junge Frauen durch Probleme wie die Schwangerschaft von Minderjährigen betreffen werden. Die Pandemie hat außerdem Bedingungen geschaffen, die zu steigender Instabilität in lokalen, regionalen und nationalen Konflikten führen, die die Flüchtlingskrise sowie die Ernährungsunsicherheit weiter verschärfen werden.

Die Pandemie ist ein historisches Trigger-Ereignis. Sie hat nicht nur die Krise des kapitalistischen Systems unter dem veralteten Nationalstaatensystem entlarvt und verstärkt, sondern demonstriert auch dessen völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von Milliarden Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Die völlige Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte verdeutlicht die tiefe Kluft zwischen den Sorgen der Finanzoligarchen und denen aller anderen Menschen auf der Welt, unabhängig von ihrer Nationalität.

UN Generalsekretär António Guterres erklärte: „Die Pandemie hat, wie eine Röntgenaufnahme, Brüche im empfindlichen Skelett der Gesellschaften enthüllt, die wir aufgebaut haben. Sie enthüllt überall Irrtümer und Lügen: die Lüge, dass die Märkte eine Gesundheitsversorgung für alle schaffen können... den Mythos, wir würden im gleichen Boot sitzen. Wir treiben zwar alle auf dem gleichen Meer, aber offensichtlich sitzen einige von uns in Superjachten, während andere sich an Treibgut klammern.“

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