Sicherheit und die Vierte Internationale

Die Rolle Sylvia Ageloffs beim Mord an Leo Trotzki

Teil 2

Dies ist Teil 2 der Serie. Teil 1 wurde am 9. Februar veröffentlicht. Teil 3 und Teil 4 werden am 7. bzw. 14. März an dieser Stelle erscheinen.

Am 20. August 1940 wurde Leo Trotzki in Coyoacán, einem Vorort von Mexiko-Stadt, von dem stalinistischen Agenten Ramón Mercader ermordet. Den Zugang zu dem großen Revolutionär hatte sich Mercader über seine Beziehung zu Sylvia Ageloff verschafft, die Mitglied der Socialist Workers Party (SWP) war. Nach dem Attentat stellte sich Sylvia Ageloff als unschuldiges Opfer von Mercaders Doppelzüngigkeit dar – eine Behauptung, die von der SWP nie in Frage gestellt wurde.

In dieser Artikelserie wird die Rolle Ageloffs erstmals von der trotzkistischen Bewegung im Einzelnen beleuchtet. Sie ist eine Fortsetzung der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale durchgeführt hat.

Sommer 1938: Mornard finanziert Ageloffs Aufenthalt in Europa und verstrickt sich in Widersprüche

In seinem 2015 erschienenen Buch Ramón Mercader: Der Mann mit dem Eispickel schreibt Eduard Puigventós López: „Eines Tages erklärte Jac [Jacques Mornard] Sylvia, dass er sofort nach Belgien zurückkehren müsse, weil seine Eltern einen Unfall hatten (was seiner früheren Behauptung widersprach, sein Vater sei 1926 gestorben).“ [31]

Mornard brach den Kontakt zu Ageloff im Juli 1938 ab, also genau zu dem Zeitpunkt, als Rudolf Klement in Paris verschwand. Seine Erklärung, nach Brüssel reisen zu müssen, war eine Ausrede. Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht die späteren Angaben Ageloffs gegenüber der mexikanischen Polizei: „Sie fuhr ebenfalls nach Brüssel, auf ihre eigene spontane Entscheidung hin. Obwohl sie Jackson ein Telegramm geschickt hatte, um ihn dort zu treffen, konnte sie ihn nicht finden. All dies trug sich im August 1938 zu.“ [32] Ageloffs Verschwinden aus Paris fiel in den Zeitraum, in dem die Polizei auf der Suche nach Klements Leiche war und die trotzkistische Bewegung die Rolle der GPU bei seinem Verschwinden untersuchte.

In Paris lernte Ageloff zwar nie einen von Mornards Freunden kennen, stellte ihn aber ihrerseits ihren Bekannten in der trotzkistischen Bewegung vor. In ihrer Aussage gegenüber der mexikanischen Polizei erklärte sie dies damit, dass er die Beziehungen zu seinen Freunden „unterbrochen“ hatte. Weiter heißt es in dem Polizeibericht: „Er verkehrte nur in demselben Freundeskreis wie die Vernommene [Ageloff] sowie ihre amerikanischen und französischen Genossen.“ [33]

Mornard begann, Ageloff für Übersetzungsarbeiten zu bezahlen. Marie Craipeau, die Ehefrau des damals einflussreichen französischen Trotzkisten Yvan Craipeau, die Ageloff während ihres Aufenthalts in Frankreich sehr nahestand, schöpfte Misstrauen. Craipeau erklärte später:

Überraschenderweise schlug er ihr vor, für eine Agentur Artikel über Psychologie aus dem Englischen ins Französische zu übersetzen, und ich half Sylvia beim Tippen ihrer Texte. Dafür wurden wir gut bezahlt. Eines Tages, als wir gerade arbeiteten, hielt ich mitten im Tippen inne und sagte zu ihr: „Hör mal, Sylvia, hier stimmt etwas nicht. Solche Jobs werden einfach nicht so gut bezahlt.“ Wir saßen also auf dem Bett, zündeten uns wie gewohnt eine Zigarette an und überlegten. Er interessierte sich nicht für Politik ... Er hat sich nicht an unseren Diskussionen beteiligt ... Und? Wir dachten, er sei so wahnsinnig verliebt, dass er ihre Abreise verhindern wollte. Das war unsere Schlussfolgerung. [34]

Später im Sommer schlug Mornard vor, dass Ageloff einen weiteren Job annehmen sollte, diesmal als Autorin von Artikeln zu psychologischen Themen für eine Firma namens „Argus Press“. Für diese Arbeit erhielt Ageloff 3.000 Francs pro Monat direkt von Mornard, nicht von der Firma selbst, und sie durfte weder wissen, wo die Artikel veröffentlicht wurden, noch die Endfassung lesen. [35]

Gregorio Luri (Der versprochene Himmel: Eine Frau im Dienste Stalins) erklärt dazu: „Keinem Psychologen hätte man eine solche Summe gezahlt, und wenn er noch so berühmt gewesen wäre. Aber Sylvia blieb arglos.“ [36] Luri fährt fort: „Wenn wir die Tatsachen kühl und leidenschaftslos analysieren, was Sylvia offensichtlich nicht getan hat, ist sofort ersichtlich, dass das, was Ramón ihr über sich selbst erzählte, nicht stimmig war.“ [37]

Juli-September 1938: Ageloff macht Mornard mit Delegierten der Gründungskonferenz der Vierten Internationale bekannt

Ageloff war nach Europa gereist, um die internationale trotzkistische Bewegung bei den umfangreichen Vorbereitungen auf ihre Gründungskonferenz in Paris zu unterstützen. Die Konferenz war ursprünglich für den Termin von Ageloffs Ankunft in Frankreich geplant, wurde aber später wegen Sicherheitsbedenken auf Anfang September verschoben.

Im Vorfeld der Konferenz wurde das Vorgehen der GPU gegen die trotzkistische Bewegung auf die Spitze getrieben. Im Juli, kurz nachdem Ageloff in Paris angekommen war, ermordete die GPU Rudolf Klement, den Sekretär der Vierten Internationale. Seine Leiche wurde später ohne Kopf und Gliedmaßen an den Ufern der Seine angespült. Kurz vor Klements Verschwinden hatte die GPU ihm eine Aktentasche gestohlen, die Dokumente zu den Plänen für die Gründungskonferenz enthielt.

Die französischen Trotzkisten, die Klement nahestanden, wussten von seiner Homosexualität. Ihrer Ansicht nach war ein Mann, mit dem er eine intime Beziehung angeknüpft hatte, in Wirklichkeit ein GPU-Agent, der half, das Attentat zu arrangieren. [38] Obwohl also bekannt war, dass die GPU Opfer durch persönliche Beziehungen anlockte, setzte Ageloff ihr Verhältnis mit dem unbekannten Mornard nicht nur fort, sondern stellte ihn auch bald führenden Trotzkisten vor, die sich auf die Gründungskonferenz der Vierten Internationale vorbereiteten.

In seinem Strafprozess in Mexiko sagte Mercader aus, dass Ageloff ihn „Yvan“ vorstellte – Yvan Craipeau, der als Delegierter an der Konferenz teilnahm und mit dem er sich offenbar duzte. Mercader fuhr fort:

Im September 1938 wusste ich bereits, dass Sylvia Ageloff Trotzkistin war, Beziehungen zu Trotzkisten hatte und Mitglied der trotzkistischen Partei war. Allerdings erinnere ich mich nicht, ob Sylvia Letzteres ausdrücklich gesagt hatte. Wenn sich die Gelegenheit bot, manchmal nur mit Sylvia und manchmal mit ihren Freunden oder Genossen, machten wir zahlreiche Ausflüge, nach Chateau Theirry, [sic] nach Verdun, nach Metz, nach Touts, nach Blois, nach Chartres, nach Dauville usw., und unter den trotzkistischen Genossen, die Freunde von Sylvia waren, erinnere ich mich an Manni, Waltha, Naty, Frank, Elizabeth und andere. [39]

Laut FBI-Berichten aus den Wochen nach Trotzkis Ermordung hatten verdeckte Informanten gemeldet, dass Mornard-Mercader „zum Abendessen im Haus von Manuel Garrett zu Gast war“. Garrett nahm als amerikanischer Vertreter an der Gründungskonferenz der Vierten Internationale im September teil. [40] Dies war der „Manni“, den Mercader bei seinem Prozess in Mexiko erwähnte.

Der von Mercader genannte „Naty“ war der amerikanische Trotzkist Nathan Gould, der ebenfalls als Vertreter der Socialist Workers Party an der Gründungskonferenz teilnahm.

Ageloff hatte auch Verbindungen zu Mark Zborowski.

Laut dem russischen Historiker Dmitri Wolkogonow – ein ehemaliger Sowjetgeneral, der aufgrund seines Zugangs zu geheimen GPU-Archiven einen einzigartigen Einblick in die Aktivitäten der stalinistischen Geheimpolizei im Europa jener Zeit gewann – kannte Zborowski die „trotzkistische Funktionärin aus dem Internationalen Sekretariat“.[41]

Gani Jakupi behauptet in seiner eindrücklichen historischen Darstellung Les Amants de Sylvia (Sylvias Liebhaber) aus dem Jahr 2010, die sich weitgehend auf Interviews mit Marie Craipeau stützt, dass Zborowski anwesend war, als Weil und Ageloff zum ersten Mal mit „Mornard“ bekannt gemacht wurden. [42] In einer vertraulichen Aussage vor dem Unterausschuss des US-Senats, der den Umfang sowjetischer Aktivitäten in den USA untersuchte, gab Zborowski 1956 zu, dass er Ageloff kannte, gab jedoch unter Berufung auf Gedächtnislücken keine weiteren Einzelheiten preis. [43]

September 1938: Ageloff lädt Mornard zur Gründungskonferenz der Vierten Internationale ein

Anfang September wurde die Konferenz in einem Haus in einem Pariser Vorort eröffnet, das Alfred und Marguerite Rosmer gehörte. Ageloff war als Russisch-Übersetzerin dabei. Sie arbeitete mit Zborowski zusammen, der als Delegierter die russische Sektion der Opposition vertrat.

Der Historiker Robert Jackson Alexander beschreibt die lebensbedrohlichen Bedingungen, unter denen die Gründungskonferenz stattfand, und erläuterte die Sicherheitsvorkehrungen, die dafür getroffen wurden:

Die Versammlung, auf der die Vierte Internationale formell gegründet wurde, fand auf dem Höhepunkt der Münchner Krise statt, zu einem Zeitpunkt, als sich die Gefahr eines neuen Weltkriegs ganz unmittelbar abzeichnete. Die Trotzkisten mussten extreme Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, um die Erfüllung ihrer Mission zu gewährleisten. Sie mussten sich nicht nur vor der möglichen Einmischung der französischen Polizei schützen, sondern vor allem vor Versuchen der sowjetischen GPU, das Treffen zu sprengen und womöglich einige oder sogar alle Anwesenden zu töten …

Die Teilnehmer bemühten sich, ihre Wege und ihr Verhalten so umsichtig wie möglich zu gestalten. So nahmen sie in Paris verschiedene Routen zum Haus der Rosmers ... Aus Sicherheitsgründen durfte die Zusammenkunft nicht länger als einen Tag dauern. [44]

Die Führung der Bewegung war so darauf bedacht, die An- und Abreise der Delegierten sicher zu gestalten und die Gastgeber zu schützen, dass „nach Abschluss des Treffens bekannt gegeben wurde, dass die Gründungskonferenz der Vierten Internationale ,irgendwo in der Schweiz‘ abgehalten worden sei“. [45]

Trotz der Gefahren, denen die Delegierten ausgesetzt waren, brachte Ageloff Mornard zum Konferenzort. Der zukünftige Attentäter saß die ganze Zeit über draußen im Hof, beobachtete die Teilnehmer und plauderte in den Pausen mit ihnen.

Luri schreibt:

Sylvia nahm als Übersetzerin an dieser Zusammenkunft teil. Ramón begleitete sie bis zum Haus der Rosmers, sagte dann aber, er habe nicht das geringste Interesse an den politischen Diskussionen, die drinnen stattfanden. Er beschränkte sich darauf, im Garten auf sie zu warten und in den Pausen mit den Teilnehmern über Nebensächlichkeiten zu reden. Es fiel ihm leicht, mit Fremden Kontakt aufzunehmen. [46]

In ähnlicher Weise erklärt Puigventós, dass Mornard „im Garten blieb, rauchte und sich die Zeit vertrieb. Er lernte einige der Delegierten kennen, weil sie Freunde seiner Freundin waren ...“ [47]

Die GPU hatte die Gründungskonferenz „im Blick“. Die internationalen Delegierten kehrten in ihre Heimatländer zurück, und die GPU informierte umgehend ihre dortigen Spione und Attentäter.

Ageloffs Entscheidung, Mornard zur Konferenz zu bringen, war ein verantwortungsloser Verstoß gegen die Sicherheit, die zu ihrem Ausschluss aus der Partei hätte führen müssen. Tragischerweise ließ die Socialist Workers Party solche Vorfälle auf sich beruhen, ein Ausdruck der politischen Unreife der amerikanischen Arbeiterbewegung. Diese politische Schwäche sollte verheerende Folgen für die persönliche Sicherheit von Leo Trotzki haben.

Nachdem viele von Trotzkis fähigsten Verbündeten in Westeuropa ermordet worden waren und Trotzki in Mexiko zunehmend isoliert war, verlagerte sich die Aufmerksamkeit der GPU auf die andere Seite des Atlantiks. In Mexiko-Stadt und New York wurde ein Netz von Agenten immer enger um Trotzki gezogen. Die Socialist Workers Party, die nun die Hauptverantwortung für den Schutz von Trotzkis Leben trug, war auf diese Bedrohung politisch nicht vorbereitet.

Einige Monate nach der Gründungskonferenz, Anfang 1939, kehrte Ageloff in die Vereinigten Staaten zurück. Sie war zu einem wesentlichen Bestandteil der GPU-Verschwörung zur Ermordung Trotzkis geworden.

September 1939: Mornard ändert seine Identität und reist illegal nach New York

Als Mornard am 3. September 1939 auf dem Ozeandampfer Ile de France in New York eintraf, war die nächste Etappe der GPU-Kampagne bereits in vollem Gange. Er nannte sich nun nicht mehr „Jacques Mornard“, sondern „Frank Jacson“. Er benutzte einen gefälschten kanadischen Pass und behauptete, er entziehe sich so der Wehrpflicht in Belgien. Später wurde bekannt, dass die GPU ihm den Pass von Tony Babich besorgt hatte, einem kanadischen Freiwilligen, der im Spanischen Bürgerkrieg gefallen war.

Zu dieser Zeit war es nicht einfach, von Europa aus in die Vereinigten Staaten einzureisen. Nach Hitlers Einmarsch in Polen am 1. September 1939 versuchten Tausende, Europa zu verlassen, kamen aber aufgrund der strengen Einwanderungsbeschränkungen der Roosevelt-Regierung nicht in die Vereinigten Staaten hinein. Nur drei Monate zuvor hatte sich die US-Regierung geweigert, 900 deutsch-jüdische Flüchtlinge auf der HMS St. Louis in den USA von Bord gehen zu lassen.

Nach Trotzkis Ermordung nahm das FBI mit Interesse zur Kenntnis, dass „Frank Jacson“ zu dieser Zeit mit einer Sondergenehmigung in die Vereinigten Staaten einreisen durfte. In einem FBI-Bericht heißt es: „Ihm wurde die Einreise in die Vereinigten Staaten durch eine so genannte ‚Executive Order‘ gestattet, was offenbar bedeutet, dass er auf Anweisung des Hauptsitzes der Einwanderungsbehörde in Washington DC zugelassen wurde.“ [48] Dieser Bericht wurde von J. Edgar Hoover umgehend an den stellvertretenden Außenminister Adolf Berle und an Konteradmiral Walter Anderson, Leiter des Marine-Nachrichtendienstes, weitergeleitet. [49] Es gibt keine weiteren öffentlichen Aufzeichnungen über die Bedeutung der „Executive Order“ zu Mornard oder darüber, wie er diese Genehmigung erlangte, als er mit dem falschen Pass eines toten kanadischen Mitglieds der Kommunistischen Partei unterwegs war.

In New York stellte Ageloff „Jacson“ ihren Genossinnen und Genossen von der SWP vor. Dazu gehörte auch Lillian Pollak, die 2011 in einem Interview Ageloff als „eine meiner engsten Freundinnen“ bezeichnete. Pollak, die SWP-Mitglied war und auch Trotzki in Mexiko besuchte, schöpfte sofort Misstrauen gegenüber Jacson-Mornard:

Er kam sie besuchen, und an dem Tag, als er ankam, ging ich mit einem Freund dorthin, wo sie [wohnten], und er saß alleine draußen. Ich sagte zu meinem Freund: „Gehen wir lieber weiter …“ Als wir an ihm vorbeiliefen, sagte ich: „Er hatte einen so düsteren Gesichtsausdruck, dass ich Angst bekam.“ Das ist der Typ, der gerade aus Europa gekommen ist, um seine Freundin zu treffen? Ich fing an, diesen Song von Fred Astaire und Ginger Rogers zu singen, er war sehr populär – „A strange romance, my friend, this is/A strange romance, with no kisses.“ [50]

Pollak, die bis zu ihrem Tod 1995 mit Ageloff befreundet blieb, schrieb 2008 einen autobiografischen Roman mit dem Titel The Sweetest Dream: Love, Lies, and Assassination, in dem eine Figur namens Sylvia Ageloff vorkommt. Darin schildert sie, wie Ageloff 1939, als die drei in New York waren, Pollak erzählte, dass Jacson-Mornard „mit mir zu Rosmers Haus ging, als wir das Treffen der Vierten Internationale hatten, nur blieb er draußen und wollte nicht reinkommen. Ich wünschte mir, dass er Shachtman und Cannon und Etienne kennenlernt ...“ Damit deutete Ageloff eine engere Beziehung zu Zborowski und den Wunsch an, Jacson-Mornard bei der SWP-Führung beliebt zu machen. [51]

Jacson-Mornard blieb für kurze Zeit in den USA und ging dann nach Mexiko-Stadt. Im Dezember 1939 beschaffte sich Ageloff ein Schreiben von einem Arzt, der ihr bestätigte, dass sie wegen Entzündungen der Nasennebenhöhlen ein wärmeres Klima bräuchte. [52]

Der Historiker Bertrand Patenaude hält dies für einen Vorwand: „Als die Weihnachtsfeiertage näher rückten, täuschte Sylvia eine Krankheit vor, um ihre Arbeit als Sozialarbeiterin in New York City aufzugeben. Sie berief sich auf ein ärztliches Attest, wonach sie unter Schmerzen in den Nebenhöhlen leide und ein wärmeres Klima brauche, um sich zu erholen.“ [53] Puigventós stellt ebenfalls fest, dass „Sylvia dies Jahre später damit erklärte, dass sie ihre Schmerzen übertrieben hatte, um eine gute Ausrede zu haben, Jac zu besuchen“. [54]

Ihrem Antrag auf Freistellung von der Arbeit wurde stattgegeben, und im Januar reiste sie nach Mexiko. Die Schlinge der GPU in Mexiko zog sich um Trotzki zu. Das Jahr 1940 sollte sein letztes sein.

Januar 1940: Ageloff und Jacson-Mornard treffen sich in Mexiko-Stadt wieder; er wird in Trotzkis Haushalt eingeführt

Als Ageloff in Mexiko-Stadt eintraf, hatte sich dort bereits ein Netzwerk von GPU-Agenten etabliert.

Kurz nach ihrer Ankunft in Mexiko begann Ageloff, Trotzkis Anwesen zu besuchen. Sie machte sich die Beziehung zunutze, die ihre Schwestern zu Trotzki und seiner Frau Natalja Sedowa aufgebaut hatten, um sich als „Freundin“ in den Haushalt zu integrieren.

Im Jahr 1950 schrieb der Chef der Geheimpolizei von Mexiko-Stadt, General Leandro Sanchez Salazar, in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen POUM-Führer Julián Gorkin ein Buch mit dem Titel Mord in Mexiko, in dem das Attentat und Aspekte der mexikanischen Ermittlungen detailliert beschrieben werden. In einem Kapitel erklärt Gorkin, mit welchen Methoden die GPU Leute wie Ageloff und Jacson in Trotzkis Haushalt einführte:

Nichtsdestoweniger nutzen alle psychologischen Fähigkeiten der Welt nichts, um den feindlichen Agenten zu erkennen, besonders wenn er als guter Freund und Kamerad vorgestellt wird. Sonst gäbe es wohl kaum Spione oder Provokateure, zumindest nicht in solcher Anzahl. Jede Polizei bedient sich dieser Leute, besonders in einer Zeit wie der unseren. Aber noch keine Polizei hat die GPU und die Gestapo in der teuflischen Kunst erreicht, ihre Agenten zu schulen und sie in die gewünschten Stellen zu placieren.

Es ist möglich, dass die GPU in dieser Hinsicht die frühere Gestapo noch übertrifft. Ihre Agenten sind nicht nur Leute, die auf Geld oder Abenteuer aus sind, sondern Fanatiker, stets bereit, ihre Freiheit und ihr Leben für das einzusetzen, was sie als ihre höchste und absolute Pflicht erachten. Außerdem wissen sie genau, dass von der Erfüllung dieser „Pflicht“ ihre eigene Existenz abhängt. In diesem Sinne sind sie also Spitzel, die selbst dauernd bespitzelt werden, Terroristen, die ständig unter dem Druck des Terrors stehen. Lange Zeit haben in Moskau und Leningrad die sogenannten Marx-Lenin-Schulen bestanden, in denen die für das Ausland bestimmten GPU-Agenten ausgebildet wurden. Trotzki kannte diese Schulen nur zu gut, da er sie selbst mitgegründet hatte. [55]

Julián Gorkin (Quelle: Fundación Andreu Nin)

Ageloffs „Freundschaft“ mit der Familie Trotzki folgte einem GPU-Muster. In Frankreich freundete sich 1937 eine 29-jährige Schweizerin namens Renata Steiner mit Leon Sedow und seiner Frau Jeanne Martin des Palliers an. Steiner war eine GPU-Agentin, die nicht nur Sedow, sondern auch Ignaz Reiss bespitzelte und über ihn berichtete. Steiners Bemühungen, Reiss und seine Frau Elisabeth Poretsky aufzuspüren, halfen der GPU, den GPU-Überläufer im September 1937 in der Nähe von Lausanne in der Schweiz ausfindig zu machen und zu töten. Poretsky erinnerte sich an Steiner wie folgt:

[Steiner] sollte die Sedows kennenzulernen, die in Antibes in Südfrankreich Urlaub machten. Das war nicht viel verlangt im Austausch für ein Visum [in die Sowjetunion], und es war nicht unangenehm. Sie buchte ein Zimmer neben dem der Sedows. Sie wurde mit Geld und Kleidung ausgestattet und musste nichts weiter tun, als über Sedows Bewegungen zu berichten. [56]

In New York City begann 1938 eine weitere GPU-Agentin – Sylvia Franklin (geb. Callen) – als Sekretärin von James P. Cannon zu arbeiten. Sie hatte sich mit Cannon und insbesondere seiner Frau Rose Karsner angefreundet, die Louis Budenz als „enge Freundin“ der GPU-Agentin bezeichnete. [57] Neun Jahre lang leitete Sylvia Franklin die gesamte Korrespondenz der Vierten Internationale von Cannons Schreibtisch aus an ihre GPU-Vorgesetzten in New York City weiter.

Was Ageloff anbelangt, so schreibt Luri, dass „Sylvia in diesen ersten Monaten des Jahres 1940 verschiedentlich Trotzkis Haus in Coyoacán aufsuchte. Bei ihrem ersten Besuch sagte sie, Jackson [sic] sei mit einem falschen Pass in die USA eingereist, aber niemand interessierte sich weiter für ihn und niemand fragte nach weiteren Details.“ [58]

In der Zeit von Januar bis Mitte März, als Ageloff das Anwesen Trotzkis besuchte, trat Jacson-Mornard erstmals in Erscheinung: Er setzte Ageloff dort ab. Er betrat das Grundstück selbst nicht, unterhielt sich aber mit Trotzkis Wachen und mit der davor stationierten mexikanischen Polizei.

Während dieser Monate bauten Ageloff und Jacson-Mornard eine enge Beziehung zu Alfred und Marguerite Rosmer auf, den Gastgebern der Gründungskonferenz der Vierten Internationale, die sich damals bei Trotzki in Coyoacán aufhielten.

Puigventós erklärt: „Sylvia hatte eine sehr enge Beziehung zu den Rosmers, vor allem zu Marguerite, der sie ihre Sorgen und Zweifel anvertraute“, während „auch Ramón die Rosmers für sich einnahm“. „Schließlich standen sie zusammen am Tor von Trotzkis Haus und unterhielten sich ... Er gewann schnell ihr Vertrauen, sie wechselten einige Worte und luden Jacson zum Essen oder zu Spaziergängen ein ... Die guten Beziehungen gingen vor allem auf Marguerite zurück, die in Ramón einen klugen, höflichen und großzügigen Jungen sah, einen sympathischen und sehr gut aussehenden Typ.“ [59]

Ageloffs Begleiter „begann, sich bei Mitgliedern des Trotzki-Haushalts einzuschmeicheln“, indem er Botengänge für die Rosmers erledigte und seinen Buick anbot, um Mitgliedern des Haushalts zu helfen. [60]

Jacson-Mornard musste es allerdings irgendwie schaffen, auf das Grundstück zu gelangen und Trotzkis Bekanntschaft zu machen. Ageloff verlängerte ihren Aufenthalt in Mexiko-Stadt, indem sie ihren Arbeitgeber wissen ließ, dass sie immer noch krank sei und eine zusätzliche Auszeit von der Arbeit benötige. Luri berichtet:

Am 26. Februar schickte Sylvia ein Telegramm an das New Yorker Department of Social Welfare, in dem sie erklärte, dass ihre Krankschreibung zwar am 1. März auslaufe, sie aber aufgrund einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ihre Rückkehr verschieben müsse. Sie kündigte an, dass sie in den nächsten Tagen ein ärztliches Attest schicken werde. Mit Wirkung vom 1. März bat sie offiziell um eine Verlängerung ihrer Krankschreibung bis zum 1. April und fügte ein von der Ärztin A. Zollinger aus Mexiko-Stadt unterzeichnetes Attest vom 24. Februar bei. Diese Ärztin bestätigte, dass sich ihre Nebenhöhlenentzündung verschlimmert hatte, und empfahl Sylvia, mindestens einen weiteren Monat in einem wärmeren Klima wie dem von Mexiko zu bleiben. Es ist zumindest merkwürdig, dass sie sich an Doktor Zollinger wandte, denn deren Fachgebiet war die Gynäkologie. Sie war die Ärztin, die Frida Kahlo mit einem Abbruch ihrer dritten Schwangerschaft geholfen hatte. [61]

März 1940: Der Vorfall mit dem Ermita-Gebäude

Im März kam es zu einem Vorfall, der Ageloff – wie sie nach ihrer Verhaftung gegenüber der mexikanischen Polizei angab – zu denken gab, was das Verhalten von Jacson-Mornard anging.

Ageloff wusste, dass Jacson-Mornard ein Büro hatte, das er nach eigenen Angaben für Import-/Exportgeschäfte nutzte. Auf die Frage, wo sich sein Büro befinde, antwortete er laut Ageloff, im Raum Nummer 820 im Ermita-Gebäude im Stadtteil Tacubaya.

Da es ihr nicht gelungen sei, ihn dort telefonisch zu erreichen, habe sie ihre Schwester Hilda, die sich zu dieser Zeit ebenfalls in Mexiko-Stadt aufhielt, gebeten, das Gebäude aufzusuchen. Hilda war die Schwester, die 1931 dreieinhalb Monate in der Sowjetunion verbracht hatte.

Luri gibt Ageloffs Schilderung folgendermaßen wieder:

Hilda stellte überrascht fest, dass es im Ermita-Gebäude keinen Büroraum mit der Nummer 820 gab. Als sie Sylvia Bescheid gesagt hatte, versuchten die beiden, eine Erklärung für diesen unerwarteten Umstand zu finden. Ihre Hypothese war, dass Ramón in Wirklichkeit insgeheim mit der britischen Regierung zusammenarbeitete ... Sylvia erzählte Margaret Rosmer davon und äußerte auch ihr gegenüber die Befürchtung, dass Ramón ein britischer Agent sei. Margaret beruhigte sie. [62]

Ageloff sagte weiter, sie habe Jacson-Mornard gebeten zu erklären, warum er ihr gegenüber eine falsche Adresse genannt hatte. Er antwortete, der Büroraum habe die Nummer 620 und nicht 820, er habe sich versprochen. Nach Informationen von Trotzkis Anwalt Albert Goldman (der auch Mitglied des SWP-Nationalkomitees war) „suchte Marguerite Rosmer das Gebäude auf und traf dort auf einen Bürogehilfen, der ihr sagte, dies sei Jacsons Büro“. [63]

Nach dem Attentat auf Trotzki am 24. Mai, aber noch lange vor dem Anschlag im August, wurde öffentlich bekannt, dass der Raum 620 im Ermita-Gebäude vom Anführer des damaligen Attentatskommandos, David Alfaro Siqueiros, gemietet worden war. [64]

Mit dieser skurrilen Geschichte, die sie persönlich der Polizei erzählte, belastete sich Ageloff stark, denn sie beweist, dass Ageloff bereits im März 1940, also fünf Monate vor dem Attentat im August, Zweifel an Jacson-Mornards Glaubwürdigkeit gekommen waren. Sie hatte sogar die Befürchtung geäußert, dass er ein britischer Agent sein könnte! Warum setzte Ageloff trotz dieses Verdachts ihre Beziehung zu diesem Mann fort? Die Befürchtung, dass er ein Agent sein könnte, musste Ageloff unbedingt zu dem Verdacht veranlassen, dass sie von Jacson-Mornard für einen unbekannten und höchstwahrscheinlich kriminellen Zweck benutzt wurde.

Außerdem stellt sich die Frage: Wenn sie vermutete, dass er ein Agent sein könnte, warum dachte sie ausschließlich an den britischen Geheimdienst? Warum kam sie nicht auf die viel näher liegende Idee, dass Jacson-Mornard ein Agent der GPU sein könnte?

Die Darstellung, dass Jacson-Mornard ein britischer Agent sein könnte, hätte der damaligen Linie der stalinistischen Bürokratie entsprochen. Im März 1940 war der Hitler-Stalin-Pakt in Kraft. Die globale Propagandamaschine der Stalinisten, die Trotzki bislang als Agenten Nazi-Deutschlands dargestellt hatte, war dazu übergegangen, ihn als Agenten des britischen Imperialismus zu denunzieren. Insbesondere die Kommunistische Partei Mexikos hetzte gegen Trotzki und forderte, ihn als „Agenten der englischen Geheimdienste“ des Landes zu verweisen. [65]

Sylvia Ageloffs Erinnerungen – falls sie der Wahrheit entsprechen – werfen auch Fragen über die Rolle Marguerite Rosmers auf. Warum hat sie Ageloff „beruhigt“, anstatt sie eindringlich davor zu warnen, eine Beziehung zu einer dubiosen Person zu unterhalten? Warum hat Rosmer es versäumt, Trotzki und Natalja Sedowa über die Bedenken zu informieren, die Ageloff über ihren Gefährten geäußert haben soll?

Außerdem konnte die nach dem Attentat vom 24. Mai von der gesamten mexikanischen Presse verbreitete Meldung, dass Jacson-Mornard als seine Büroadresse denselben Raum im Ermita-Gebäude angegeben hatte, den auch Siqueiros benutzte, keinen Zweifel daran lassen, dass Ageloffs Liebhaber ein stalinistischer Agent war. Nach dem Mord bestätigte der mexikanische Trotzkist Octavio Fernández, dass Ageloff weder Trotzki noch seine Wachen je darüber informiert hatte, dass Jacson-Mornard einen Raum im Ermita-Gebäude gemietet hatte, auch nicht, nachdem Siqueiros' dortige Adresse bekannt geworden war und seine Verbindungen zur GPU offenkundig waren. [66]

Es stellt sich noch eine weitere Frage: Warum hat Ageloff der mexikanischen Polizei diese Geschichte erzählt? Wollte sie ihre Unschuld beweisen, indem sie behauptete, dass sie Jacsons wegen Bedenken hatte, aber von der politisch erfahrenen Marguerite Rosmer beruhigt worden war? Die Antworten auf diese Fragen sind in dem komplizierten Netz aus Lügen, Halbwahrheiten und Alibis vergraben, das nach dem Attentat gesponnen wurde.

März 1940: Hat Ageloff mit Mercader eine Veranstaltung der Stalinisten besucht?

Ageloff erzählte der Polizei nach ihrer Verhaftung von einem zweiten Vorfall: Sie habe im März desselben Jahres an einer Versammlung der Stalinisten in der Innenstadt von Mexiko-Stadt teilgenommen. Luri fasst Ageloffs Aussage gegenüber den Vernehmungsbeamten folgendermaßen zusammen:

Im März organisierten die mexikanischen Kommunisten eine Konferenz im Palacio de Bellas Artes, die einen ausgesprochen antitrotzkistischen Charakter hatte. Sylvia wollte hingehen, um sich die Sache anzuhören. Ramón widersprach zunächst, willigte aber schließlich ein, sie zu begleiten. Einer der Redner war James Ford, ein schwarzer Amerikaner, der 1932 für die KP der USA als Vizepräsidentschaftskandidat angetreten war und sich während des Bürgerkriegs in Spanien aufgehalten hatte. Er griff Trotzki so vehement an, dass Sylvia öffentlich auf seine Argumente antworten wollte, aber Ramón hielt sie zurück und packte sie am Arm, um sie am Sprechen zu hindern. [67]

Sollte es stimmen, dass Ageloff an dieser Veranstaltung teilgenommen hat, dann wäre dies für eine einzelne Trotzkistin extrem gefährlich gewesen – besonders für eine Person, die Trotzkis Anwesen besucht hatte. Die Stalinisten gingen bei öffentlichen Versammlungen immer wieder mit Gewalt gegen Trotzkisten vor.

Wenn Ageloff mit Jacson-Mornard an einer stalinistischen Veranstaltung teilgenommen hätte, wäre Letzterer außerdem von den zahlreichen katalanischen stalinistischen Exilanten, die in Mexiko lebten, mit großer Wahrscheinlichkeit als Ramón Mercader identifiziert worden. Den Sohn von Caridad del Rio, der führenden katalanischen Stalinistin, hätten die KP-Mitglieder aus Spanien, die nach Francos Sieg in Scharen nach Mexiko ausgewandert waren, sofort erkannt. Präsident Cardenas gewährte grundsätzlich allen Flüchtlingen aus dem republikanischen Spanien Asyl.

Nach dem Anschlag, als Fotos des Attentäters in der mexikanischen Presse erschienen, gab es unter den spanischen stalinistischen Exilanten keinen Zweifel an der wahren Identität des Attentäters. Luri stellt fest, dass „Rossend Cabré, ein Genosse von Ramón seit ihrer Zeit in der Kommunistischen Partei Kataloniens, ihn erkannte, sobald er die Zeitungen aufschlug. ‚Das ist Ramón Mercader‘, sagte er. Die Nachricht machte unter den Exil-Spaniern die Runde.“ [68]

Luri zitiert einen weiteren katalanischen Exil-Stalinisten, Arturo García Igual, der sagte: „Während die mexikanische Presse über die Identität von ‚Jacson-Mornard‘ spekulierte, der Trotzki mit einem Eispickel den Schädel eingeschlagen hatte, wussten wir alle, dass es Ramón Mercader von der PSUC [der stalinistischen Vereinigten Sozialistischen Partei Kataloniens] war.“ [69]

Hatte Ageloff, vielleicht auf eigene Faust, tatsächlich an der Veranstaltung teilgenommen und tischte der Polizei nun eine plausible Hintergrundgeschichte für den Fall auf, dass sie dort gesehen worden war und die Ermittler davon erfahren würden? Wurde die Geschichte erfunden, um ihre Glaubwürdigkeit als Trotzkistin aufzupolieren und zugleich Jacson-Mornard in ein günstiges Licht zu rücken?

Ende März 1940: Vor ihrer Rückkehr nach New York führt Ageloff Jacson-Mornard in Trotzkis Haus ein

Ende März verließ Ageloff Mexiko-Stadt, um nach New York zurückzukehren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jacson das Haus Trotzkis nicht betreten, sondern Ageloff nur draußen abgesetzt. Doch bevor Ageloff abreiste, nahm sie Jacson-Mornard mit hinein – zum ersten Mal konnte er in das Haus gelangen.

Luri schrieb: „Am 26. März kehrte Sylvia nach New York zurück, aber zuvor wollte sie sich von Trotzki verabschieden, in Begleitung von Ramón, der auf diese Weise zum ersten Mal das Innere des Hauses betrat.“ [70]

Ageloff erklärte später gegenüber der mexikanischen Polizei, sie habe Jacson-Mornard vor ihrer Abreise nach New York angewiesen, ohne sie nicht zu Trotzkis Haus zu fahren. [71]

Wenn dies stimmt, würde es bedeuten, dass ihr Verdacht gegen diesen Mann so schwerwiegend war, dass sie in ihm eine Gefahr für Trotzkis Leben sah. Warum hätte sie ihn gerade dann mit auf Trotzkis Anwesen nehmen sollen, als ihr Verdacht wuchs? Wenn sie anfing, an seiner Vertrauenswürdigkeit zu zweifeln, warum teilte sie dies Trotzki und seinen Wachen nicht mit? Der Vorfall mit Jacson-Mornards Adresse im Ermita-Gebäude hatte sich Anfang desselben Monats ereignet. Warum nahm sie einen Mann, den sie als britischen Agenten verdächtigte, mit in Trotzkis Haus? Warum verschaffte sie ihm Kenntnis von den Räumlichkeiten? Wurden diese Informationen verwendet, damit sich die Angreifer im Mai im Inneren des Hauses orientieren konnten? Wollte Ageloff testen, ob die Wachen ihm Zutritt gewähren würden?

Als Ageloff nach New York abreiste, zog Jacson-Mornard in die Shirley-Court-Apartments, wo er bis Juni bleiben sollte. Diese Wohnanlage befand sich in der Calzada Manuel Villalongín 139, nördlich des Paseo de la Reforma im Zentrum von Mexiko-Stadt, nur neun Häuserblocks von der Calle Dinamarka 55 entfernt, wo die GPU eine operative Zentrale eingerichtet hatte.

Während dieser Zeit traf sich Jacson-Mornard wiederholt mit seiner Mutter und dem führenden GPU-Beamten Leonid Eitingon, der mit der Leitung des Attentats in Mexiko betraut worden war. Auch Marguerite Rosmer besuchte in dieser Zeit wiederholt die Shirley-Court-Apartments. [72]

Der Angriff vom 24. Mai 1940

In den frühen Morgenstunden des 24. Mai 1940 drang eine bewaffnete Gruppe, angeführt vom stalinistischen Maler David Alfaro Siqueiros, in Trotzkis Anwesen ein. Im Hof angekommen, eröffneten die Stalinisten das Feuer, verletzten aber weder Trotzki noch seine Wachen. Sie trafen lediglich Trotzkis kleinen Enkel Sewa in den Fuß.

Die Angreifer versuchten, Trotzkis Archiv und Papiere in Brand zu setzen. Viele wichtige Dokumente waren erst kürzlich von Marguerite und Alfred Rosmer, die kurz vor dem Angriff auf dem Grundstück eingetroffen waren, aus Trotzkis Archiven in Europa nach Mexiko-Stadt gebracht worden.

Trotzkis Arbeitszimmer in Coyoacán (Foto: David North)

Laut Dmitri Wolkogonow waren die Rosmers mehrere Wochen geblieben und hatten eine große Anzahl von Büchern und Briefen sowie einen Teil von Trotzkis Archiv mitgebracht. [73] Unter Hinweis auf Archivmaterial des sowjetischen Geheimdiensts stellt Wolkogonow fest, dass die Rosmers auch zur Verteidigung von Mark Zborowski nach Mexiko kamen. Alfred Rosmer „verbürgte sich für seine [Zborowskis] Zuverlässigkeit mit seinem Leben“ und gab „die denkbar beste Darstellung seines Charakters“, zitiert Wolkogonow aus Geheimdienstunterlagen. [74]

Der Angriff am 24. Mai scheiterte zwar, zeigte jedoch, dass die stalinistischen Angreifer den Grundriss des Anwesens genau kannten und in der Lage waren, die Verteidiger von kritischen Punkten aus mit Sperrfeuer festzusetzen.

Die Rolle von Robert Sheldon Harte

Trotzkis Wächter Robert Sheldon Harte hatte den Attentätern Zutritt gewährt. Nach dem Angriff wurde er von den Angreifern mitgenommen und anschließend ermordet.

Depeschen der GPU, die nach der Auflösung der Sowjetunion entschlüsselt wurden – aus Unterlagen zu den sogenannten „Venona-Papieren“ – beweisen, dass Harte tatsächlich ein GPU-Agent war. Bereits unmittelbar nach dem Anschlag vom 24. Mai gab es reichlich Beweise für Hartes Komplizenschaft. So hatte ein Polizist beobachtet, wie Harte aus freien Stücken zusammen mit den GPU-Agenten geflohen war, und Hartes Vater hatte ausgesagt, dass im Zimmer seines Sohnes in New York ein Stalin-Porträt hing.

Trotzki erklärte öffentlich, dass Hartes Tod in den Händen der GPU „ein überzeugender Beweis“ gegen seine Rolle als Agent sei. Trotzki schloss jedoch die Möglichkeit einer Komplizenschaft Hartes bei dem Angriff nicht aus. Am 25. Juni 1940 schrieb er:

Das Eindringen eines GPU-Agenten in mein Haus würde bedeuten, dass die GPU es fertiggebracht hätte, meine Freunde in New York zu täuschen, die mir Sheldon empfohlen haben. Jeder Eingeweihte weiß, dass die Arbeiterorganisationen und Staatsinstitutionen der ganzen Welt mit GPU-Agenten durchsetzt sind. Hierfür gibt sie jährlich Zigmillionen Dollar aus. (Hervorhebung hinzugefügt) [75]

Der Leiter der geheimpolizeilichen Ermittlungen in Mexiko, General Leandro Sanchez Salazar, der Harte von Anfang an für einen GPU-Agenten hielt, sprach aus, was es bedeutet hätte, wenn Hartes Beteiligung am Anschlag vom 24. Mai erkannt worden wäre: „Auch musste, wenn Sheldon ein Agent der GPU war, ja die Frage nach der Verantwortlichkeit der nordamerikanischen Freunde Trotzkis auftauchen, die Sheldon empfohlen hatten.“ [76]

Aber die SWP vertraute unkritisch auf Hartes Unschuld und machte keine Anstalten, genau zu überprüfen, wie Besucher autorisiert wurden, das Grundstück in Coyoacán zu betreten und Zugang zu Trotzki zu erhalten. Bei einer ernsthaften Untersuchung von Hartes Hintergrund wären seine Verbindungen zur stalinistischen Bewegung mit Sicherheit entdeckt worden. Die Aufdeckung dieser katastrophalen Sicherheitslücke hätte die SWP durchaus dazu veranlassen können, eine Überprüfung aller Personen vorzunehmen, die die Villa an der Avenida Viena betreten durften. Eine solche Überprüfung hätte höchstwahrscheinlich auch Fragen über Frank Jacson-Jacques Mornard und Sylvia Ageloff aufgeworfen.

Nach dem Anschlag vom 24. Mai: Jacson-Mornard erhält einen neuen Auftrag

In Moskau wurde das Scheitern des Angriffs vom 24. Mai als politische Katastrophe angesehen. Wolkogonow schildert die Reaktion folgendermaßen:

Die Mitteilung über das Misslingen des Anschlags versetzte Stalin in Wut. Berija musste einige Zornesausbrüche über sich ergehen lassen, und die Organisatoren der Operation wussten, dass ihnen leicht dasselbe Schicksal widerfahren konnte wie Spiegelglas …[77] [78]

Spiegelglas war verhaftet worden. Alles hing nun vom Handeln eines Einzeltäters ab, der schon lange in Mexiko installiert war und sich anschickte, seine Mission auszuführen.

Jacson-Mornard erfuhr erst nach dem Scheitern des Angriffs am 24. Mai von seinem neuen Auftrag. Wolkogonow schreibt:

Bis zum 26. Mai ging der junge Spanier davon aus, dass er nicht selbst die blutige Tat würde begehen müssen. Zwei Tage nach dem gescheiterten Anschlag jedoch suchte „Leonid Kotow“ alias Eitingon den jungen Mann in seinem Hotelzimmer auf und führte ein langes Gespräch mit ihm …

Man habe ihm klargemacht, dass er lediglich „ein rechtmäßiges Urteil vollstrecke“, das in Moskau ausgesprochen worden war. Durch diese Tat werde er als Held in die Geschichte des Sozialismus eingehen. Mercader hatte bereits in Spanien erlebt, wie Ungehorsam bestraft wurde: Ein bekannter Republikaner, den man während der Ereignisse in Katalonien verdächtigt hat, mit der POUM in Verbindung zu stehen, war bald darauf spurlos verschwunden. Dies, so gab man Mercader zu verstehen, sei das Gesetz der Revolution: „Verräter“ würden beseitigt. [79]

Inwieweit Eitingon bei diesen Zusammenkünften Jacson-Mornard den neuen Auftrag erklärte, ist nicht bekannt. Zwei Wochen später sollte Jacson-Mornard jedoch nach New York reisen, um sich mit seinen GPU-Vorgesetzten zu treffen, und es ist wahrscheinlich, dass ihm hier sein tatsächlicher Auftrag erklärt wurde.

Ein weiterer führender GPU-Beamter, Pawel Sudoplatow, der neben Eitingon mit dem Komplott zur Ermordung Trotzkis beauftragt war, bestätigte, dass Mercader seinen neuen Auftrag nach dem 24. Mai erhielt. Sudoplatow erzählte von einem Gespräch, das er 1969 mit Mercader in Moskau führte, neun Jahre nach dessen Entlassung aus einem mexikanischen Gefängnis.

Mercader erzählte Sudoplatow, dass er erst in den Tagen nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 24. Mai erfuhr, dass er an einem Komplott zur Ermordung Trotzkis mitwirken sollte. Bis dahin war Mercader als langfristiger GPU-Spion innerhalb der trotzkistischen Bewegung aufgebaut worden. „Ramón hatte natürlich gewusst, dass er ein Mitglied des Teams zur Bekämpfung des Trotzkismus in Mexiko war“, schrieb Sudoplatow, „aber er rechnete nicht damit, dass er der Attentäter sein würde.“ [80] Das erfuhr er erst nach dem 24. Mai.

28. Mai 1940: Jacson-Mornard trifft Trotzki zum ersten Mal

Laut Trotzkis Frau Natalja Sedowa, „fand unser erstes Treffen mit Sylvia Ageloffs Mann, ‚Jacson‘, am 28. Mai um 9 Uhr morgens statt“. [81]

In Der verstoßene Prophet, dem dritten und letzten Band seiner Trotzki-Biografie, schreibt der polnische Historiker Isaac Deutscher, dass dieses erste Treffen unter einem anderen, sehr nützlichen Vorwand arrangiert wurde:

Am 28. Mai, einige Tage nach dem Überfall, traf es sich, dass der Mörder erstmalig Trotzki Auge in Auge gegenüber stand. Die Begegnung hätte nicht zufälliger sein können. Die Rosmers standen im Begriff, Mexiko zu verlassen und in Vera Cruz ihr Schiff zu besteigen; und „Jacson“ hatte ihnen angeboten, sie in seinem Auto hinzubringen, da er angeblich ohnedies geschäftlich dort zu tun hatte. Er kam am frühen Morgen und wurde gebeten, im Hofe so lange zu warten, bis sie fertig sein würden. Als er hereinkam, begegnete er Trotzki, der noch mit dem Füttern der Kaninchen beschäftigt war. [82]

An diesem Tag fuhr auch Sedowa mit Jacson-Mornard nach Vera Cruz, um die Rosmers abzusetzen. [83] Puigventós schreibt, dass Sedowa sich später erinnerte, „dass Jacson bei mehreren Gelegenheiten nach dem Weg nach Vera Cruz fragen musste, was seltsam war, da er gesagt hatte, er müsse häufig in diese Stadt fahren“. [84]

Laut Luri sagten die Rosmers, sie würden über New York City nach Paris reisen, obwohl zu diesem Zeitpunkt Hitlers Armeen Richtung Paris marschierten, das schließlich am 14. Juni fiel. [85] Die Rosmers blieben in New York und trafen sich mit Ageloff und Jacson-Mornard, als Letzterer im Juni dorthin reiste, um seine Auftraggeber von der GPU zu treffen. [86] Um diese Zeit trafen weitere stalinistische Agenten aus Mexiko in New York ein, wo sie sich bald mit Jacson-Mornard treffen würden. Caridad del Rio war am 21. Mai angekommen, nachdem sie von Mexiko-Stadt aus über Kuba gereist war. [87]

11. Juni 1940: Jacson-Mornard trifft Cannon und Dobbs

Am 11. Juni traf sich Jacson-Mornard in Mexiko mit führenden Mitgliedern der SWP, darunter James Cannon und Farrell Dobbs, die nach dem Angriff im Mai anreisten, um sich um Trotzkis Sicherheit zu kümmern. David North beschreibt die Ereignisse in der Serie „Trotzkis letztes Jahr“:

Im Verlauf ihrer Reise nach Coyoacán inspizierten die SWP-Führer die Villa und genehmigten Bauarbeiten, die das Gelände gegen Angriffe sichern sollten. Trotz ihres aufrichtigen Engagements für Trotzkis Verteidigung wurden ihre Bemühungen durch ein beunruhigendes Maß an persönlicher Unachtsamkeit untergraben. Obwohl einige Fragen zur Rolle von Sheldon Harte bei dem Angriff vom 24. Mai noch unbeantwortet waren, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die SWP-Führer eine vorsichtigere Haltung in ihren persönlichen Beziehungen einnahmen. Angesichts der anhaltenden Kampagne gegen Trotzki in der stalinistischen Presse hätte den SWP-Führern klar sein müssen, dass das politische Umfeld in Mexiko-Stadt gefährlich war und dass die Hauptstadt von GPU-Agenten wimmelte, die Trotzki eliminieren wollten.

Dennoch nahmen James P. Cannon und Farrell Dobbs am Abend des 11. Juni eine Einladung zum Abendessen im Hotel Geneva an, gefolgt von Drinks an einem anderen Ort. Der Gastgeber der beiden SWP-Führer war Jacson-Mornard. Über diese Begegnung berichtete Cannon im Rahmen einer kurzen internen Untersuchung, die die SWP-Führung nach dem Attentat durchgeführt hatte. Diese Information wurde jedoch vor der breiten Parteimitgliedschaft verheimlicht. [88]

Sylvia Ageloff hielt sich zum Zeitpunkt dieses Treffens nicht in Mexiko auf, doch es ist wahrscheinlich, dass sie arrangiert hatte, Jacson-Mornard bei Cannon und Dobbs einzuführen. Lillian Pollak erinnerte sich, dass Ageloff ihr 1939 sagte, sie wolle ihren Freund Cannon und anderen SWP-Führern vorstellen. Möglicherweise hat sie ihn bereits im Herbst 1939 mit ihnen bekannt gemacht, als Jacson-Mornard New York besuchte. Auf dieser Reise stellte Ageloff ihren Bekannten einer Reihe von SWP-Genossen vor, und sowohl Cannon als auch Dobbs waren zu dieser Zeit in der Stadt.

Sollten Cannon und Dobbs nicht bereits vor 1940 Bekanntschaft mit Jacson-Mornard gemacht haben, hätte es zu Ageloffs Verhaltensmuster gepasst, den SWP-Führern vorzuschlagen, ihn nach ihrer Ankunft in Mexiko aufzusuchen. Sie war immer diejenige, die Jacson-Mornard mit den Führern der Vierten Internationale bekannt machte. In Paris stellte Ageloff Jacson-Mornard den Delegierten der Gründungskonferenz vor. In Coyoacán brachte sie ihn zu Trotzkis Anwesen und machte ihn mit den Bewohnern bekannt. Mit einem völlig Fremden wären Cannon und Dobbs nicht ausgegangen. Er muss ihnen als Sylvias Lebensgefährte vorgestellt worden sein. Wieder war sie es, die Trotzkis Attentäter immer tiefer in die trotzkistische Bewegung hineinführte.

Jacson-Mornard war im Begriff, Richtung New York abzureisen. Vor seinem Abflug stellte er sein Auto auf Trotzkis Grundstück ab, was ihm den Vorwand liefern sollte, es bei seiner Rückkehr nach Mexiko-Stadt wieder abzuholen. [89]

12. Juni 1940: Ageloff ermöglicht Jacson-Mornard die Einreise in die USA

Am 12. Juni gab das amerikanische Konsulat in Mexiko-Stadt Jacson-Mornards Antrag auf Einreise in die USA statt. Am nächsten Tag sollte er nach New York fliegen.

Im Juni 1940 war es für einen Ausländer noch extrem schwierig, in die Vereinigten Staaten einzureisen. Hitler war in Frankreich einmarschiert, und es gab einen Exodus von Flüchtlingen aus dem europäischen Kontinent. Die Roosevelt-Administration hatte äußerst restriktive Einreisebestimmungen verhängt.

Damit Jacson-Mornard die Vereinigten Staaten betreten konnte, musste er mehrere Referenzen von US-Bürgern vorlegen, die sich für die Richtigkeit seines Antrags verbürgten. Selbst mit solchen Referenzen erhielt Jacson-Mornard nicht das Recht auf einen längeren Aufenthalt. Seine Einreise wurde nur zum Zweck der Durchreise in ein anderes Land genehmigt, und er musste nachweisen, dass er bereits Tickets zur Ausreise aus den USA gekauft hatte. Er erhielt die Erlaubnis, für die kurze Zeit zu bleiben, die erforderlich war, um einen anderen Flug zu nehmen, der ihn außer Landes bringen würde. Er musste die US-Adresse angeben, wo er sich kurzfristig aufhalten würde.

Aus einem von J. Edgar Hoover verfassten FBI-Memorandum vom 24. August 1940 mit dem Titel „Re: Frank Jacson, Sylvia Ageloff, Spionage“ geht hervor, dass Jacson-Mornards Referenzen von Sylvia Ageloff und den SWP-Mitgliedern Henry Schultz und Evelyn Reed gestellt wurden. [90] Reed heiratete später den langjährigen SWP-Führer George Novack, der dem GPU-Agenten Mark Zborowski während des Zweiten Weltkriegs zur Einreise in die USA verhalf.

Als er das Visum beantragte, erklärte Jacson-Mornard, dass er nur zwei Tage in New York bleiben und dann ins kanadische Montreal weiterreisen wollte. Als Wohnsitz gab er „1269 St. Denis St.“ in Montreal an. [91] Jacson-Mornard hatte allerdings nicht die Absicht, nach Montreal zu reisen, und eine „1269 St. Denis St.“ gab es nicht.

In einem separaten FBI-Bericht, ebenfalls von J. Edgar Hoover verfasst, heißt es zu Jacson-Mornards Antrag auf eine Durchreisegenehmigung:

Er beabsichtigte, für etwa zwei Tage in den Vereinigten Staaten zu bleiben, wo seine Adresse 50 Livingston Street, Brooklyn, New York, lautete. Als Referenz hat er angegeben:

Sylvia Ageloff, 50 Livingston Street Brooklyn,
New York

... Bei der Beantragung der oben genannten Transitgenehmigung legte Jacson ein Schreiben der Via Mexicana de Aviacion vom 12. Juni 1940 vor, aus dem hervorging, dass Jacson eine Anzahlung für ein Flugticket nach Montreal, Kanada, geleistet und einen Platz für diese Reise reserviert hatte. [92]

Ebenfalls am 24. August schickte Hoover ein weiteres Memorandum an B. E. Sackett, den Spezialagenten, der das FBI-Büro in New York City leitete. Darin wiederholte er die Namen und Adressen von Ageloff, Evelyn Reed und Henry Schultz. Hoover rechnete offenbar damit, dass eine Untersuchung der Personen, die Jacson-Mornard die Möglichkeit zu reisen verschafft hatten, zur Enttarnung von GPU-Agenten in den USA führen würde, denn er erklärte:

Das Bureau wünscht, dass in dem Gebiet, für das Ihre Außenstelle [d. h. in New York] zuständig ist, eine sehr sorgfältige und gründliche Untersuchung dieser Angelegenheit durchgeführt wird. Nichts sollte unversucht bleiben, um alle verfügbaren Informationen über Jacksons Hintergrund, Mitarbeiter und Aktivitäten zu ermitteln. Wie Ihnen bereits mitgeteilt wurde, wünscht das Präsidium, dass äußerst umsichtig vorgegangen wird, um zu verhindern, dass irgendetwas über diese Ermittlungen an die Öffentlichkeit dringt. [93]

Hoover wollte verhindern, dass die GPU-Agenten, die er in seiner Reichweite wähnte, Verdacht schöpften. Er verlangte, dass der Geheimdienst im Verborgenen ermittelte.

Fortsetzung folgt

***

Anmerkungen:

[An dieser Stelle nicht nochmals in Langform angegebene Quellen sind in den Anmerkungen zu Teil 1 aufgeführt.]

[31] Puigventós, Position 2.575.

[32] Barrón Cruz, S. 136.

[33] Puigventós, Position 2.433.

[34] Alain Dugrand, Trotski: Mexiko 1937-1940, Mexiko-Stadt: Siglo XXI de España Editores 1992, S. 63.

[35] Barrón Cruz, S. 72.

[36] Luri, S. 223.

[37] Ebd., S. 220.

[38] Interview von David North mit Jean van Heijenoort, 10. September 1975.

[39] Puigventós, Position 2.467, mit Verweis auf Archivo General de la Nación, Mexiko. Tribunal Superior de la Justicia del D.F. Año 1940.Caja 3265. Folio 602993, S. 73.

[40] Robert J. Alexander, International Trotskyism, 1929-1985: A Documented Analysis of the Movement, Duke University Press 1991, S. 270.

[41] Dimitri Wolkogonow, Trotzki: Das Janusgesicht der Revolution, Edition Berolina. Kindle-Version, S. 350.

[42] Gani Jakupi, Les Amants de Sylvia, Paris: Futuropolis 2010, S. 11-14.

[43] Executive Confidential Testimony, 29. Februar 1956, S. 268.

[44] Alexander, S. 268.

[45] Ebd.

[46] Luri, S. 223.

[47] Puigventós, Position 2.462.

[48] FBI-Bericht des Agenten George Starr vom 4. September 1940.

[49] Memoranden von J. Edgar Hoover vom 17. September 1940.

[50] Siehe: „Class Struggle: Education Workers Newsletter“, Ausgabe Nr. 3, April-Mai 2012, S. 15-16. Hier verfügbar.

[51] Lillian Pollak, The Sweetest Dream: Liebe, Lügen und Attentat, New York: iUniverse 2008, S. 267. Pollak bezeichnet die Darstellung in diesem Buch zwar als „fiktiv“, erklärte jedoch in dem oben erwähnten Interview von 2011: „Die Vorfälle, die ich in dem Buch beschreibe, haben sich so zugetragen.“

[52] Luri, S. 237.

[53] Bertrand Patenaude, Trotsky: Downfall of a Revolutionary, New York: Harper 2009, Kindle Edition, S. 244 f.

[54] Puigventós, Position 3.517.

[55] Leandro A. Sanchez Salazar in Zusammenarbeit mit Julian Gorkin, Mord in Mexiko, Frankfurt a.M. 1952, S.139.

[56] Elisabeth K. Poretsky, Our Own People, University of Michigan Press 1969, S. 238.

[57] Louis Budenz, Men Without Faces, New York: Harper and Brothers 1950, S. 126.

[58] Luri, S. 238.

[59] Puigventós, Position 146.

[60] How the GPU Murdered Trotsky, London: New Park Publications 1981, S. 103.

[61] Luri, S. 238.

[62] Ebd., S. 239.

[63] Albert Goldman, The Assassination of Leon Trotsky: The Proofs of Stalin's Guilt, New York: Pioneer Publishers 1940, S. 16.

[64] Ebd.

[65] Siehe z. B. „How Stalin pressured Mexico for Trotsky’s deportation“, El Pais, 15. September 2016.

[66] Olivia Gall, Trotsky en Mexico y la vida política en tiempos de Lázaro Cárdenas (1937-1940), Mexico DF: UNAM 2012, S. 354 ff.

[67] Luri, S. 237.

[68] Ebd., S. 255.

[69] Ebd.

[70] Ebd., S. 240.

[71] Ebd.

[72] FBI-Bericht vom 27. August 1940.

[73] Dmitri Volkogonov, Trotsky: The Eternal Revolutionary, New York: The Free Press, 1996, S. 451.

[74] Ebd., S. 452.

[75] Leon Trotsky, „GPU Tried to Cover Murder with Slander“, Socialist Appeal, 25. Juni 1940.

[76] Sanchez Salazar, S. 148.

[77] Sergej Spiegelglas leitete während der 1930er Jahre die Versuche der GPU, führende europäische Trotzkisten zu ermorden, und war Zborowskis Kontaktmann. Er wurde 1938 von den Stalinisten verhaftet, zum großen Teil deshalb, weil Trotzki nicht getötet worden war. Er wurde gefoltert und 1941 hingerichtet.

[78] Volkogonov (englische Ausgabe), S. 454.

[79] Wolkogonow, S. 366 f.

[80] Pavel Sudoplatov/Anatoli Sudoplatov, Special Tasks: The Memoirs of an Unwanted Witness-A Soviet Spymaster, Little, Brown & Co. 1994, S. 77 f.

[81] „Natalia Trotsky Answers A Foul Slander“, Socialist Appeal, 26. Oktober 1940.

[82] Isaac Deutscher, Der verstoßene Prophet (1929 – 1940), Stuttgart 1963, S. 456.

[83] Puigventós, Position 4.383.

[84] Ebd., Position 4.403.

[85] Luri, S. 244.

[86] Laut Reiner Tosstorff kehrten die Rosmers 1940 wegen des Kriegs nicht nach Frankreich zurück, sondern blieben in den Vereinigten Staaten. (Reiner Tosstorff, Profintern: Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920-1937, Habilitationsschrift).

[87] Luri, S. 241.

[88] David North, „Trotzkis letztes Jahr“, World Socialist Web Site, 5. September 2020.

[89] Puigventós, Position 4.527.

[90] FBI-Bericht vom 24. August 1940, „Re: Frank Jacson, Sylvia Ageloff, Spionage“, von J. Edgar Hoover an B. E. Sackett.

[91] FBI-Bericht vom 23. August 1940 von Agent C. H. Carson an Clegg.

[92] FBI-Bericht von J. Edgar Hoover vom 24. August 1940.

[93] Ebd.

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