Siemens gliedert Geschäftsbereich mit weltweit 7000 Beschäftigten aus

Der Siemens-Konzern stößt sein Geschäft mit großen Antrieben ab. Das berichtete das Handelsblatt Anfang der Woche, gestützt auf Informationen aus Konzernkreisen. In der Large Drive Applications (LDA) genannten Einheit arbeiten weltweit mehr als 7000 Beschäftigte, etwa 2200 davon in Deutschland.

Das Geschäft mit Elektromotoren, Umrichtern und Generatoren für Mittel- und Hochspannung z. B. für den Einsatz in Schiffen, Minen und Walzwerken werde ausgegliedert und in einer eigenen Gesellschaft gebündelt, bestätigte ein Sprecher des größten Technologiekonzerns Deutschlands. Die Ausgliederung ist in der Regel der erste Schritt zum Verkauf. Die LDA gehört schon längere Zeit nicht mehr zum von Siemens bevorzugten Kernbereich.

Das Siemens-Dynamowerk in Berlin (Bild: Norhei / CC BY-SA 3.0)

Vorbereitet wurde die jetzt anvisierte Abspaltung durch die Gründung so genannter „Portfolio Companies“ (POC), einer Art konzerneigener „Bad Bank“, die außerhalb der operativen Geschäftseinheiten geführt wird.

„Seit dem Start der Siemens Portfolio Companies im April 2019 haben wir immer kommuniziert, dass wir kontinuierlich Optimierungen für jedes Geschäft evaluieren,“ heißt es verklausuliert bei Siemens.

Die Siemens-Arbeiter haben ihre Erfahrungen mit dieser Art der kontinuierlichen Optimierungen und Evaluationen gemacht. Erst vor gut einem Monat haben die IG Metall, die Betriebsräte und die Geschäftsführung von Siemens Energy mit ähnlichen Erklärungen den Abbau von 2600 Arbeitsplätzen in Deutschland beschlossen – in Berlin, Erlangen, Mülheim, Duisburg und Görlitz. Weltweit sind hier 7800 Arbeitsplätze betroffen.

Insgesamt gehören Firmenteile mit insgesamt 15.400 Beschäftigten und 3,2 Milliarden Euro Umsatz zu den vier „Portfolio Companies“. Neben den LDA als größter Bereich betrifft dies die Siemens Logistics GmbH, die Siemens Commercial Vehicle (Anbieter für Antriebe elektrischer Nutzfahrzeuge wie Busse und Bagger), Mechanical Systems and Components (Blechbearbeitung) sowie die Valeo Siemens eAutomotive (E-Mobilität). Das letztere Unternehmen, ein vor fünf Jahren gegründetes Joint Venture mit dem französischen Autozulieferer Valeo, schreibt anhaltend Verluste. Valeo möchte den Anteil von Siemens aufkaufen.

Im Februar hatte Roland Busch die Führung des Konzerns vom langjährigen Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser übernommen. Die beiden haben jahrelang eng zusammengearbeitet. Vorstandsmitglied Busch war Kaesers Strategiechef, Technologie-Verantwortlicher und Konzernvize.

Bereits im Juni hatte Busch den versammelten Aktionären und Investoren eine Beschleunigung des Wachstums versprochen. Der Umsatz soll jährlich um fünf bis sieben Prozent steigen. Bislang hatte das Unternehmen vier bis fünf Prozent zugesagt. Während das Geschäft mit Hardware, wie den großen Antrieben, zurückgefahren, aber angeblich nicht ganz ausgegliedert werden soll, plant der Konzern für das Geschäft mit Software und digitalen Lösungen in den nächsten Jahren Steigerungen im zweistellige Prozentbereich.

Dabei liefen die Geschäfte für Siemens im abgelaufenen Geschäftsjahr prächtig. Kaeser und Busch hoben mehrmals die Gewinnprognose an, zuletzt erwartete der Konzern ein Umsatzwachstum von elf bis zwölf Prozent und einen Nettogewinn von 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro. Die endgültigen Geschäftszahlen gibt der Konzern im nächsten Monat bekannt.

Die kontinuierliche und nun beschleunigte Veräußerung der POC-Geschäftsbereiche soll erstens leichtes Geld einfahren und zweitens langfristig die Profitmarge erhöhen, denn diese Bereiche haben dem Konzern in der Vergangenheit leichte Verluste eingefahren. Laut Handelsblatt lag dies an defizitären Beteiligungen. „Die Geschäfte, die noch voll im Siemens-Besitz waren, hätten einen positiven Ergebnisbeitrag geliefert.“

Schon vor gut einem Jahr hatte Siemens den Getriebehersteller Flender für mehr als zwei Milliarden Euro an den Finanzinvestor Carlyle verkauft.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass auch die Brief- und Paketlogistik von Siemens zum Verkauf stehe. Die Herstellung von Brief- und Paketbändern sowie Sortieranlagen ist Teil der Siemens Logistics GmbH und soll bei einem Verkauf rund eine halbe Milliarde Euro einbringen. Wegen der Umsatzeinbrüche im Luftverkehr werde die Flughafenlogistik – also die Produktion von Gepäckbändern für Flughäfen – nicht mit zum Verkauf angeboten. Die Jobs der dort Beschäftigten dürften demnach akut bedroht sein.

Auch auf der Verkaufsliste des Konzerns steht die Straßenverkehrssteuerungs-Tochter Yunex, die bereits ausgegliedert wurde. Sie hatte bisher zur Zugsparte Mobility gehört und vertreibt etwa Ampelsteuerungen, Verkehrsbeeinflussungs-, Überwachungs- sowie Mautsysteme, die in aller Welt eingesetzt werden. Finanzkreisen zufolge hat die Investmentbank Morgan Stanley den Auftrag, sich nach einem Käufer umzusehen. Die Siemens-Aktionäre erhoffen sich Erlöse von bis zu 850 Millionen Euro.

Angesichts des anhaltenden Ausverkaufs wiegeln Konzernspitze, Aktionäre und das Handelsblatt die Befürchtungen der betroffenen Arbeiter ab: „Die großen Antriebe seien einer der führenden Anbieter im Markt und insgesamt in einer starken Position. Siemens werde die Position von LDA weiter stärken und verbessern.“ Ein möglicher Verkauf und damit eine mögliche Zerschlagung durch einen Konkurrenten stünden nicht unmittelbar bevor.

Die Belegschaften der LDA-Werke in Berlin, Erfurt und Ruhstorf sind nicht so gelassen. Für sie geht es um ihre Existenz. Und die meisten wissen, dass die Steigerung der Aktionärsvermögen in direktem Zusammenhang mit dem Abbau ihrer Arbeitsplätze und Löhne steht. Die Arbeiter des Dynamowerks in der Berliner Siemensstadt kennen diese Situation. Ihrem Traditionswerk war schon vor drei Jahren mit der Schließung gedroht worden, um den Abbau jeder zweiten Stelle durchzusetzen. Das Werk in Ruhstorf bei Passau wird ohnehin bis Ende 2023 geschlossen, 330 Arbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.

„Damit räumt der neue Siemens-Chef Roland Busch im Portfolio weiter auf,“ schreibt anerkennend das Handelsblatt. Auf der Siemens Business Conference hatte Busch seine Strategie in dieser Woche Siemens-Managern vorgestellt, das Motto: „Accelerate“, „Beschleunigen“.

„Im Grundsatz sind sich da bei Siemens derzeit alle einig,“ folgert das Finanz- und Börsenblatt. Auch aus Betriebsrat und Gewerkschaft gebe es bislang eher Kritik an einzelnen Punkten und nicht an Buschs Strategie insgesamt. Auf die Ausgliederung der größten der vier Portfolio Companies reagierten Betriebsräte und IG Metall lediglich mit der Verlautbarung, man sehe die Argumente der Konzernführung „äußerst kritisch“.

In Wirklichkeit unterstützen die IG Metall und ihre Betriebsräte den von Busch eingeschlagenen Weg. Das zeigt auch ihre Zustimmung zum Abbau von 2600 Arbeitsplätzen bei Siemens Energy im letzten Monat. Die Ausgliederung von Siemens Energy aus dem Konzern hatte noch Joe Kaeser angeordnet. Nun sind die Gewerkschafter voll des Lobes darüber, dass Busch ständig betont, den Konzern nicht weiter aufspalten zu wollen. Die Beschäftigten der LDA und der anderen drei POC sind damit jedoch nicht gemeint.

Die Situation bei Siemens unterstreicht erneut, dass die Verteidigung von Arbeitsplätzen, Löhnen und sozialen Rechten einen Bruch mit den Gewerkschaften erfordert. Arbeiter müssen unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die den Kampf organisieren und den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen in anderen Werken und Ländern aufbauen. Dazu hat die Vierte Internationale die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees ins Leben gerufen, um eine globale Gegenoffensive einzuleiten und zu entwickeln. Nehmt Kontakt auf zu ihrer deutschen Sektion, der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP).

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