„Karl Marx und der Kapitalismus“ – eine sehenswerte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

Das Deutsche Historische Museum (DHM) im Zentrum Berlins zeigt derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung über das Leben und Werk von Karl Marx. Sie wurde Anfang Februar eröffnet und läuft noch bis zum 21. August.

Karl Marx in London 1861 [Photo by International Institute of Social History, Amsterdam]

„Hätte jemand vor zwanzig Jahren gesagt, im Deutschen Historischen Museum würde demnächst eine Ausstellung mit dem Titel ‚Karl Marx und der Kapitalismus‘ gezeigt, hätte das wahrscheinlich ungläubiges Erstaunen hervorgerufen,“ erklärte die Kuratorin Sabine Kritter bei der Eröffnung der Ausstellung.

Nach dem „Scheitern des Realsozialismus“ seien der Marxismus und Marx selbst scheinbar erledigt und das Wort „Kapitalismus“ als polemischer Kampfbegriff diskreditiert gewesen. Doch vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008, zunehmender sozialer Ungleichheiten und der enormen Vermögenskonzentration finde „in der Öffentlichkeit, aber auch in den Sozialwissenschaften, in der Philosophie und im Kulturbereich eine rege Auseinandersetzung mit den Theorien von Marx statt“.

Für viele stelle sich heute die Frage, so Kritter, ob der Kapitalismus in der Lage sei, Antworten auf diese drängenden gesellschaftlichen Probleme zu finden. „Und damit rückt Marx, der als erster die Mechanismen und die Zusammenhänge des Kapitalismus zu ergründen versuchte, als Sozial- und Gesellschaftskritiker wieder in den Vordergrund.“

Meinungsumfragen zu Karl Marx, die am Eingang der Ausstellung gezeigt werden, belegen das große Interesse. 43 Prozent der Befragten und 60 Prozent der 16- bis 22-Jährigen sind überzeugt, dass Marx‘ Kapitalismuskritik dazu beitragen könne, die Probleme der modernen Wirtschaft besser zu verstehen. Bei der Besichtigung der Ausstellung fällt auf, wie viele junge Menschen anwesend sind.

Die Ausstellungsmacher haben sich das Ziel gesetzt, Marx in seiner Zeit zu betrachten und sein Wirken zunächst aus seinem Kontext im 19. Jahrhundert heraus zu verstehen, wie es im Vorwort des Katalogs heißt. Daraus erhoffen sie sich ein besseres Verständnis für seine Wirkung auf das 20. und 21. Jahrhundert. Ersteres ist ihnen gelungen, letzteres dagegen nicht – aus Gründen, auf die wir in der zweiten Hälfte dieser Besprechung eingehen werden.

Obwohl die Ausstellung auf einen großen Raum beschränkt ist, gibt sie einen umfassenden Einblick in Marx‘ Leben, sein politisches und theoretisches Werk, seine Rolle als Revolutionär und die dramatischen Veränderungen seiner Epoche.

Die Verantwortlichen haben viel Mühe und Sorgfalt aufgewandt, um das Thema einem breiten Publikum nahezubringen. Sie setzen dafür zahlreiche Mittel ein: Von kurzen Texten in deutscher und englischer Sprache über Porträts, Skizzen, Gemälde, interaktive Installationen und Reproduktionen von Gegenständen – wie einer frühen Version der Spinnmaschine „Mule-Jenny“, die die Arbeitsproduktivität vervielfachte – bis hin zu einem Brettspiel namens „Streiks“, das die Familie Marx zu spielen pflegte.

Zahlreiche Video- und Audiopräsentationen vertiefen die Themen. Wer die nötige Zeit mitbringt, kann einen Audioguide mieten, auf dem neben ausführlicheren Kommentaren auch Originalzitate aus Marx‘ Werken zu hören sind.

Die Ausstellung ist in sieben Themenkomplexe gegliedert, die von einem Prolog über die Stationen von Marx‘ Leben und einem Epilog über seine Rezeption und Wirkungsgeschichte eingerahmt werden.

„Von der Religions- zur Gesellschaftskritik“ behandelt die 1840er Jahre, als Marx in enger Zusammenarbeit mit Friedrich Engels mit dem kritischen Idealismus der Junghegelianer und dem mechanischen Materialismus Ludwig Feuerbachs brach und seine materialistische Geschichtskonzeption sowie die Perspektive der proletarischen Revolution entwickelte, die im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 ihre geniale Zusammenfassung fanden.

Ausgestellt ist hier unter anderem eine handschriftliche Seite von Marx‘ „Thesen über Feuerbach“ aus dem Jahr 1845, deren elfte lautet: „Die Philosophen habe die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

„Judenemanzipation und Antisemitismus“ befasst sich mit dem Antisemitismus der damaligen Zeit. Die Ausstellung weist nach, dass Marx, der sich in seiner Frühschrift „Zur Judenfrage“ und in privaten Briefen über Ferdinand Lassalle vereinzelt judenfeindlicher Stereotypen bedient hatte, kein Antisemit war, sondern sich konsequent für die politische Emanzipation der Juden einsetzte.

„Revolution und Gewalt“ konzentriert sich auf die beiden Revolutionen, an denen Marx selbst beteiligt war – die bürgerliche Revolution von 1848, die sich über Frankreich und Deutschland auf zahlreiche europäische Länder ausdehnte, und die Pariser Kommune von 1871. Als Chefredakteur der täglich erscheinenden Neuen Rheinischen Zeitung spielte Marx eine führende Rolle auf dem linken Flügel der 1848er Revolution. Die Pariser Kommune unterstützte und verteidigte er als führender Kopf der Internationalen Arbeiterassoziation.

Dieser Themenbereich gehört zu den interessantesten der Ausstellung, vermittelt er doch einen Eindruck von der ungeheuren Dynamik, die das Eingreifen der Massen in die Politik entwickelte, und vom Ausmaß der konterrevolutionären Gewalt, mit der die Herrschenden darauf reagierten.

Marx zog aus beiden Revolutionen wichtige Lehren. Aus der Revolution von 1848/49, die aufgrund der Feigheit der kleinbürgerlichen Demokraten in einer Niederlage mündete, folgerte er, dass sich die Arbeiterklasse unbedingt unabhängig von diesen organisieren und die Revolution „permanent“ machen müsse, „bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind“. Aus der Niederlage der Pariser Kommune schloss er, dass die Arbeiterklasse den bürgerlichen Staatsapparat nicht einfach übernehmen könne, sondern ihren eigenen Herrschaftsapparat aufbauen müsse. Beides wird in der Ausstellung kaum thematisiert.

Ausstellungsansicht mit historischer "Mule Jenny" [Photo by Deutsches Historisches Museum/Yves Sucksdorff]

Der Themenbereich „Neue Technologien“ gibt einen Einblick in die Dynamik des technologischen und wirtschaftlichen Umbruchs im 19. Jahrhundert, der – ausgehend von England – Millionen von Bauern vom Land vertrieb und in Proletarier verwandelte.

Marx war sich bewusst, dass der Kapitalismus als Raubsystem auch die natürlichen Grundlagen oder, wie er am Ende des ersten Bands des „Kapitals“ schrieb, „die Springquellen allen Reichtums: die Erde und den Arbeiter“ zerstört. Das zeigt der Themenbereich „Natur und Ökonomie“.

„Ökonomie und Krise“ befasst sich mit Marx‘ Hauptwerk, „Das Kapital“, und beleuchtet die ökonomischen Entwicklungen, insbesondere die Weltwirtschaftskrise von 1857, die Marx während der Arbeit am Kapital eingehend studierte.

„Kämpfe und Bewegungen“ befasst sich mit Marx‘ Rolle als aktiver Politiker, insbesondere mit seiner Arbeit an der Spitze der Internationalen Arbeiterassoziation, die 1864 gegründet und 1876 aufgelöst wurde. Vor dem Hintergrund eines raschen Wachstums der Arbeiterbewegung spielte die Erste Internationale eine wichtige Rolle dabei, die politischen Perspektiven zu klären und die sozialistische Arbeiterbewegung vom Anarchismus Bakunins und anderen kleinbürgerlichen Strömungen abzugrenzen.

Besucher hören die Auseinandersetzung zwischen Marx, Bakunin und Lassalle an [Photo by Deutsches Historisches Museum/Yves Sucksdorff]

Zu den wichtigsten Exponaten gehören hier Debatten zwischen Marx und Bakunin sowie Ferdinand Lassalle, die aus Originalzitaten montiert sind. Lassalle verstand sich zwar als Sozialist, war aber im Gegensatz zu Marx zur Unterstützung des bürgerlichen Staates bereit und traf sich sogar mit Reichskanzler Otto von Bismarck zu Geheimgesprächen. Leider sind diese Auseinandersetzungen nur über jeweils einen Kopfhörer zu hören.

Marx‘ Rezeption und Wirkung

An diesem Punkt bricht die Ausstellung abrupt ab. Der Epilog über Marx‘ „Rezeption und Wirkung“ wirkt wie eine kalte Dusche. In einem winzigen Räumchen hängen einige Bilder und Plakate, ohne Erklärung und Zusammenhang.

Bilder von Marx‘ ursprünglichem Grab und einem später errichteten großen Grabmal sollen den Unterschied zwischen dem „historischen“ und dem „idealisierten, monumentalisierten Marx des 20. Jahrhunderts“ dokumentieren, wie es im Katalog heißt. Antikommunistische Plakate der NSDAP und der CDU stehen für die Feindschaft gegen den Marxismus.

Ausstellungsraum "Rezeption und Wirkung" [Photo by Deutsches Historisches Museum/Yves Sucksdorff]

Andere Aufnahmen zeigen Marx- und Engels-Bilder auf Demonstrationen in Angola, Kuba und Peking. Auch der ehemalige venezolanische Präsident Hugo Chavez ist mit einem Bild von Marx zu sehen, sowie eine Versammlung der Führung der Roten Khmer Pol Pots mit Porträts von Marx- und Engels im Hintergrund – als hätte der Massenmörder Pol Pot, der den Stalinismus maoistischer Prägung zur letzten Konsequenz trieb und rückständige Bauern gegen die Arbeiterklasse und Intelligenz der Städte aufhetzte, etwas mit Marx zu tun.

Nicht gezeigt wird dagegen das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts, das auf den Lehren von Marx beruht, die Russische Oktoberrevolution von 1917. Auch Leo Trotzki, der herausragendste Marxist des 20. Jahrhunderts, wird wie in der stalinistischen Sowjetunion totgeschwiegen. Er gehört aus Sicht des DHM offenbar nicht zur Wirkungsgeschichte des Marxismus.

Während der „Epilog“ der Ausstellung ebenso dürftig wie nichtsagend ist, befasst sich der Ausstellungskatalog intensiver mit der Wirkung von Marx. Er enthält eine Kakophonie von Einzelbeiträgen, die von interessanten Beobachtungen über plumpen Antikommunismus bis zu postmodernem Unsinn reichen, den man ebenso schnell wieder vergisst, wie man ihn gelesen hat.

So behauptet der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe, Marx‘ „Vorstellung von dem einen Proletariat“, das „zur weltbewegenden Macht ernannt werden konnte“, sei eine „monumentale Fantasie“ gewesen. Und das, obwohl die internationale Arbeiterklasse heute Milliarden umfasst, durch globale Arbeitsteilung und digitale Kommunikation eng miteinander verbunden ist und sich der internationale Reichtum in den Händen einiger Tausend Milliardäre konzentriert!

Der Princeton-Historiker Harold James bezeichnet die „sogenannte Zusammenbruchstheorie“ als „Relikt der revolutionären Sehnsüchte der 1840er Jahre“, die zum Rest des „Kapitals“ keine Verbindung aufweise. Und das angesichts der tiefsten Krise des Kapitalismus seit den 1930er Jahren und dem Meltdown der Finanzmärkte 2008!

Auch der unvermeidliche Gerd Koenen darf im Katalog nicht fehlen. Koenen, der sich wie mehrere andere deutsche Historiker, Journalisten und Politiker vom Stalinisten maoistischer Prägung nahtlos zum wütenden Antikommunisten entwickelt hat, steuert eine Attacke auf Lenin bei, dem er vorwirft, Marx zu Unrecht „usurpiert“ zu haben und für den Stalinismus verantwortlich zu sein.

Andererseits gibt es auch Beiträge wie den des New Yorker Ökonomen Branko Milanović, der Marx – trotz vieler Ungereimtheiten – bescheinigt, der „irreduzible revolutionäre Kern“ in seinem Denken werde „immer diejenigen Menschen ansprechen, die die bestehende Ordnung der Dinge verändern wollen“. Er schreibt: „Kein noch so großes ‚Photoshoppen‘ kann den revolutionären Marx in einen gesetzestreuen, vorsichtigen und gemäßigten Linkspolitiker von heute verwandeln.“ Solange der Kapitalismus existiere, werde „Marx als sein scharfsinnigster Analytiker gelesen werden“.

Die Verantwortlichen der Ausstellung versuchen diese Kakophonie zu rechtfertigen, indem sie Marx selbst dafür verantwortlich machen. „Wie Marx‘ Werk selbst, so war und ist auch seine Wirkungsgeschichte ambivalent,“ schreiben die Kuratorin Sabine Kritter und der wissenschaftliche Berater Jürgen Herres in der „Einführung zur Ausstellung“ – eine Behauptung, die sich wie ein roter Faden durch Katalog und Ausstellung zieht.

Sie ist in doppelter Hinsicht falsch.

Erstens gibt es kaum einen anderen Denker, der seine Weltanschauung derart klar, geradlinig und folgerichtig entwickelt und vertieft hat, wie Marx. Auch sein Denken hat eine Evolution durchlaufen, doch das ist etwas völlig anderes als Ambivalenz.

Am schnellsten veränderte sich Marx‘ Denken in den Jahren 1843 bis 1848, als er – in enger Zusammenarbeit mit Engels – mit dem hegelschen Idealismus brach und die Grundzüge der Weltanschauung entwickelte, an der er Zeit seines Lebens festhielt. Er dehnte den philosophischen Materialismus auf die Geschichte und die gesellschaftlichen Beziehungen aus und wies nach, dass sich der Sozialismus mit Notwendigkeit aus der gesetzmäßigen Entfaltung der inneren Widersprüche des kapitalistischen Systems ergibt.

Marx beschränkte sich nicht auf die Erkenntnis, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Das hatten bereits andere vor ihm entdeckt. Marx wies nach, dass die Existenz der Klassen an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist, dass der Klassenkampf notwendig zur Herrschaft des Proletariats führt und dass diese selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.

Seiner in der Auseinandersetzung mit Feuerbach entwickelten Maxime, dass es nicht ausreicht, die Welt verschieden zu interpretieren, sondern darauf ankommt, sie zu verändern, blieb er Zeit seines Lebens treu. Er sah „in der Wissenschaft einen großen Hebel der Geschichte, eine revolutionäre Kraft im wahrsten Sinne des Wortes“, wie Engels an seinem Grab hervorhob. „Der Kampf für die Befreiung der Klasse der Lohnarbeiter von den Fesseln des modernen kapitalistischen Systems der Produktion war seine wahre Berufung.“

Es liegt in der Natur von Marx‘ revolutionärer Weltanschauung, die die Gesellschaft in ständiger Veränderung und die wissenschaftliche Erkenntnis als unendlichen Prozess des Durchdringens der objektiven Welt versteht, sich ständig weiterzuentwickeln. Es gibt kaum ein politisches oder soziales Ereignis, kaum eine ökonomische Entwicklung oder wissenschaftliche Entdeckung, die Marx nicht aufmerksam verfolgt und zur Grundlage der Vertiefung seiner Anschauungen gemacht hätte. Auch das wird in der Ausstellung deutlich.

Einer der besseren Beiträge im Katalog, verfasst vom US-Historiker James M. Brophy, nimmt Marx gegen den Vorwurf des „Eurozentrismus“ in Schutz. Er schildert, mit welchem Interesse er die Geschichte der amerikanischen Revolution studierte, die politische und wirtschaftliche Entwicklung der USA verfolgte, die Abschaffung der Sklaverei als „Weltereignis“ begrüßte und den Aufstieg der USA zur führenden kapitalistischen Macht sehr früh voraussah.

Fortschreitende Erkenntnis einer sich verändernden Welt ist, wie bereits gesagt, etwas völlig anderes als ambivalente Zweideutigkeit. Mit der Behauptung, die „ambivalente Wirkungsgeschichte“ von Marx – also die Tatsache, dass sich so unterschiedliche und teils reaktionäre Figuren wie Stalin, Mao, Pol Pot oder Chavez mit seinen Zitaten und Bildern schmückten – gehe auf die angebliche „Ambivalenz“ von Marx‘ Werk zurück, ist der Gipfel der Verfälschung. Anstatt der Frage nachzugehen, ob sich diese Figuren zu Recht auf Marx berufen oder ob sie ihn verdrehen und missbrauchen, wird der Autor des Originals für sämtliche Fälschungen seines Werks verantwortlich gemacht.

Lenin, Stalin und Trotzki

Diese historische Lüge gipfelt in der ebenfalls von Herres und Kritter aufgestellten Behauptung, „Lenin und später Stalin“ hätten „Marx zum Begründer eines in sich geschlossenen Systems – des wissenschaftlichen Sozialismus“, verwandelt. Es ist der altbekannte Versuch, Lenin, den Führer der ersten siegreichen proletarischen Revolution der Weltgeschichte, mit deren Totengräber Stalin gleichzusetzen.

Lenin zählte – neben Trotzki, Rosa Luxemburg und einigen anderen – zu den kreativsten Schülern von Marx, die den revolutionären Geist seiner Lehre gegen eine ältere Generation verteidigten, die ihren Frieden mit dem Kapitalismus schloss und im Ersten Weltkrieg offen die Seite wechselte. Wer seine Werke liest, ist immer wieder überrascht, mit welch penibler Sorgfalt er sich auf die Schriften von Marx und Engels stützt.

Artikel über Karl Marx und die Pariser Kommune in der Leipziger „Illustrirte Zeitung“ 1871 [Photo by Deutsches Historisches Museum]

Ausgehend von den Lehren, die Marx aus der Niederlage der Pariser Kommune gezogen hatte, verstand Lenin schärfer als alle anderen Zeitgenossen die Bedeutung des subjektiven Faktors, von Perspektive und Führung in der sozialistischen Revolution. Deshalb bestand er auf einer Partei, in der opportunistische Strömungen – anders als etwa in der deutschen Sozialdemokratie – keinen Platz hatten.

Seine Analyse des Imperialismus war eine geniale Vertiefung von Marx Analyse des Kapitalismus. Lenin begriff den Ersten Weltkrieg als Form jenes „Zusammenbruchs“, den Marx lange vorausgesagt hatte. Der Imperialismus verkörperte das „höchste Stadium des Kapitalismus“, in dem viele Tendenzen, die Marx analysiert hatte, ihren Abschluss gefunden hatten. Monopole hatten die freie Konkurrenz abgelöst, das Finanzkapital dominierte über das Industriekapital, die Welt war unter den Großmächten verteilt und musste gewaltsam neu aufgeteilt werden.

Lenin zog daraus die kühne Schlussfolgerung, dass der Krieg gleichzeitig die objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution geschaffen hatte. Darauf stützte er die Perspektive seiner bolschewistischen Partei, die ihre Korrektheit nur drei Jahre später bewies, indem sie die Arbeiterklasse in Russland an die Macht führte.

Hier traf sich Lenins Genie mit jenem Leo Trotzkis, der – ebenfalls gestützt auf Marx – als erster erkannt hatte, dass die russische Revolution im 20. Jahrhundert nicht einfach dem Schema der europäischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts folgen konnte: zuerst eine bürgerlich-demokratische Revolution und dann, Jahrzehnte später, eine sozialistische.

Angesichts des fortgeschrittenen Charakters des Kapitalismus im Weltmaßstab und der Schwäche der russischen Bourgeoisie, die die Arbeiterklasse weit mehr fürchtete als die zaristische Reaktion, konnten die demokratischen Aufgaben der Revolution nur durch eine Arbeiterregierung, die von der Bauernschaft unterstützt wurde, gelöst werden. Befand sich die Arbeiterklasse aber einmal an der Macht, musste sie zu sozialistischen Maßnahmen übergehen, um diese zu sichern. Der Sozialismus wiederum konnte nur im Weltmaßstab vollendet werden. Die Revolution hatte so einen „permanenten“ Charakter.

Stalin griff diese von Lenin und Trotzki entwickelten Grundlagen der Oktoberrevolution frontal an. 1924, kurz nach Lenins Tod, verkündete er die nationalistische Doktrin vom „Aufbau des Sozialismus in einem Land“, die in unversöhnlichem Gegensatz zur Theorie der permanenten Revolution stand und allem widersprach, was Marx, Engels und Lenin jemals gesagt oder geschrieben hatten.

Stalin sprach für die erstarkende Bürokratie in Staat und Partei, die das vergesellschaftete Eigentum als Grundlage ihrer Privilegien betrachtete und der Revolution zunehmend ablehnend gegenüberstand. In den folgenden Jahren schloss sie die Anhänger Trotzkis aus der Partei aus und verbannte sie ins Exil. Im Großen Terror der Jahre 1937/38 ermordete sie schließlich alle Mitstreiter Lenins und Trotzkis bis auf wenige Ausnahmen. Hunderttausende fielen dem Terror zum Opfer. Stalin ließ mehr Kommunisten töten als Hitler. 1940 wurde Trotzki selbst von einem stalinistischen Agenten ermordet.

Auf internationaler Ebene führte die Politik, die Stalin den Kommunistischen Parteien aufzwang, zu verheerenden Niederlagen, die die Sowjetunion weiter isolierten und damit die Bürokratie stärkten – 1927 in China, 1933 in Deutschland und 1936 in Spanien, um nur die wichtigsten zu nennen. 1943 löste Stalin die Kommunistische Internationale auf.

Wenn Stalin und die Bürokratie trotzdem auf Marx und Engels schworen, ihnen Denkmäler bauten und den Marxismus zur Staatsideologie erhoben, taten sie das, weil sie als parasitäres Geschwür am Arbeiterstaat über keine eigene Ideologie verfügten. So wie sie die Macht im Arbeiterstaat usurpiert hatten, usurpierten sie auch den Marxismus, säuberten ihn von seinem revolutionären Inhalt und verwandelten ihn in eine Herrschaftsideologie. Marx hätte sie deshalb mit aller Kraft bekämpft.

Die Ausstellungsmacher sind diesen Fragen ausgewichen. Sie hätten sie in vermintes Gelände geführt und in Konflikt zu den herrschenden Autoritäten gebracht.

Zum Teil haben sie Marx einfach zu einem „Denker des 19. Jahrhunderts“ erklärt, der heute nur noch wenig Relevanz habe. Das ist der Standpunkt des US-Historikers Jonathan Sperber, der das erste Konzept für die Ausstellung entwarf. Im Vorwort seiner 2013 erschienen Marx-Biografie behauptet Sperber, die „Auffassung von Marx als einem Zeitgenossen, dessen Ideen die moderne Welt geprägt haben“, sei überholt. Es sei vielleicht „sinnvoller, Marx als eine rückwärtsgewandte Figur zu verstehen, die die Umstände der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Zukunft projiziert, und nicht als einen sicheren und vorausschauenden Interpreten historischer Trends.“

Andere, wie die Kuratorin Sabine Kritter, bekennen sich zur Aktualität von Marx‘ Werk, verstehen darunter aber keine zusammenhängende Weltanschauung, sozialistische Perspektive und Anleitung zum politischen Handeln, sondern eine Sammlung vereinzelter Bemerkungen, Beobachtungen und Einsichten zu unterschiedlichen Themen, die auch heute noch von Interesse sind.

Trotzki sprengt und widerlegt diese Interpretation. Deshalb wird sein Name weder in der Ausstellung noch im Katalog erwähnt. Doch wer „Marx‘ Rezeption und Wirkung“ im 20. Jahrhundert verstehen will, kommt nicht um Trotzki herum. Sein Meisterwerk „Verratene Revolution“ ist bis heute die beste marxistische Analyse des Stalinismus. Seine Schriften zu Großbritannien, China, Deutschland, Frankreich und Spanien geben einen tiefen Einblick in die Probleme der Arbeiterbewegung, die verräterische Rolle der Komintern unter Stalin und die Ursachen für den Sieg Hitlers und Francos.

Wie Marx beließ es Trotzki nicht dabei, die Welt anders zu interpretieren. Die Linke Opposition gegen den Stalinismus, die er politisch führte, und die Vierte Internationale, die er 1938 gründete, setzten den Kampf der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale für die sozialistische Weltrevolution fort und knüpften an deren reiches Erbe an.

Heute verkörpern das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und seine Sektionen, die Sozialistischen Gleichheitsparteien, die Kontinuität der marxistischen Bewegung. Die World Socialist Web Site, die das IKVI herausgibt, ist weltweit die einzige Publikation, die die politischen Ereignisse Tag für Tag von einem marxistischen Standpunkt beleuchtet, daraus politische Schlussfolgerungen ableitet und in der internationalen Arbeiterklasse für eine sozialistische Perspektive kämpft.

Die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution, die Marx begründete, hat heute brennende Aktualität. Der Kapitalismus hat nichts mehr zu bieten außer soziale Ungleichheit, autoritäre Herrschaftsformen, Krieg und Umweltzerstörung. Überall beginnen Arbeiter dagegen zu rebellieren.

Wir empfehlen allen, die Interesse am Marxismus haben und einen sozialistischen Ausweg aus der kapitalistischen Krise suchen, die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu besuchen. Sie gibt einen guten Einblick in die historische Entstehung des Marxismus. Doch der Besuch der Ausstellung sollte nur der Einstieg in ein tieferes Studium des Marxismus – der strategischen Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts, wie sie in den Schriften Trotzkis und des IKVI analysiert werden –, eine regelmäßige Lektüre der WSWS und eine aktive Teilnahme an der Arbeit der Sozialistischen Gleichheitspartei sein.

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