Immer mehr Menschen sind auf die Tafeln angewiesen

Immer mehr Menschen benötigen Lebensmittel-Unterstützung von den Tafeln, und gleichzeitig gehen die Lebensmittelspenden zurück. Eine Studie, die die zunehmend prekäre Lage beleuchtet, ist bereits wieder überholt: Infolge von Krieg, Inflation und der Energiepreisexplosion hat sich die Zahl der Hilfesuchenden in zwei Jahren von 1,1 Millionen auf über 2 Millionen verdoppelt.

Warteschlange an der Essener Tafel

Die Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) untersucht, wer und wie viele Menschen die Lebensmittel-Tafeln in Deutschland nutzen. Die aktuellen Ergebnisse beziehen sich auf das erste Halbjahr 2020. In dieser Zeitspanne haben 1,1 Millionen Menschen, die nicht genug Geld hatten, um sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen, die Tafeln genutzt.

Inzwischen hat sich diese Zahl bereits verdoppelt: Mitte Juli 2022 sprach der Vorsitzende des Dachverbands Tafel Deutschland, Jochen Brühl, bereits von einem neuen Rekordstand: „Deutlich über zwei Millionen“, so viele von Armut Betroffene wie nie zuvor, nutzen ihm zufolge die Tafeln, die den Ansturm immer weniger bewältigen können.

Die DIW-Studie von Markus M. Grabka und Jürgen Schupp trägt den Titel: „Etwa 1,1 Millionen Menschen in Deutschland besuchen Tafeln – vor allem Alleinerziehende und Getrenntlebende überdurchschnittlich häufig“. Sie basiert auf der am längsten in Deutschland laufenden Befragung von Haushalten durch das Sozio-oekonomische Panel SOEP.

Im Jahr 2020 wurde erstmals im Haushaltsfragebogen die Frage hinzugefügt, ob von mindestens einem Haushaltsmitglied in den letzten zwölf Monaten die Tafel genutzt worden sei. Gestützt darauf kamen die Wissenschaftler des DIW auf folgende Erkenntnisse:

Im Jahr 2019–2020 nutzten 1,1 Millionen Menschen die Tafeln, um annähernd genug zum Essen zu haben. Das sind etwa 1,3 Prozent der Menschen in Privathaushalten. Bewohner der Alten-, Pflege- und Studentenheime und Flüchtlingsunterkünfte wurden von der Befragung nicht erfasst, was darauf hinweist, dass die Zahlen das wirkliche Armutsausmaß unterschätzen.

Drei Viertel der Tafelnutzer beziehen Grundsicherung (Hartz IV), und mehr als zwei Drittel leben in Armut. Die offizielle Armutsquote ist 2021 auf 16.6 Prozent gestiegen, was 13,8 Millionen Armen entspricht. Das heißt, schon im letzten Jahr hat für immer mehr Arbeitslose, Alleinerziehende, Niedriglohnarbeiter, Rentnerinnen und Rentner das Geld nicht mehr zum Leben ausgereicht.

Laut DIW leiden viele der Tafelnutzer unter gesundheitlichen Problemen. 32 Prozent sind erwerbsgemindert, beziehen aufgrund von Arbeitsunfähigkeit eine Armutsrente, oder sind schwerbehindert.

Eine Personengruppe, die laut der DIW-Studie besonders von Armut betroffen ist, sind die Pflegepersonen von Angehörigen. In Deutschland ist jede fünfte Person, die einen Angehörigen pflegt, von Armut betroffen bzw. armutsgefährdet. Bei pflegenden Frauen ist es sogar jede vierte. Diese pflegenden Angehörigen sinken in die Armut ab, weil sie entweder nicht mehr arbeiten oder nur noch in Teilzeit arbeiten können. Ihnen fehlen dadurch auch die Renteneinzahlungen, und Altersarmut ist für sie vorprogrammiert.

Die Tafelbesucher geben für ihre Lebensmittel im Ganzen ein Fünftel ihres Nettoeinkommens aus. Damit liegen sie deutlich über dem Durchschnitt der restlichen Bevölkerung. Vor allem vulnerable Gesellschaftsgruppen sind auf das Angebot der Tafeln angewiesen, um sich überhaupt ernähren zu können.

Die Studie hat die Tafelnutzer nach Erwerbsstatus und Haushaltstyp untersucht: Im Ergebnis sind 76 Prozent der Nutzer nicht erwerbstätig. Drei Prozent der Tafelnutzer arbeiten Teilzeit, drei Prozent befinden sich in Ausbildung und sieben Prozent gehen einer unregelmäßigen, geringfügigen Beschäftigung nach. 11 Prozent müssen die Tafel nutzen, obwohl sie voll erwerbstätig sind!

Diese Zahlen sind besonders erschreckend, zeigen sie doch, dass diese Working Poor trotz Arbeit so wenig verdienen, dass es nicht für eine ausreichende Ernährung reicht. Zweifellos hat sich ihre Zahl, wie die der Tafelnutzer insgesamt, in den letzten zwei Jahren stark erhöht, da immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter nur noch als Leiharbeiter und Niedriglohnjobber eingestellt werden.

Was den Haushaltstyp angeht, so leben 33 Prozent der Tafelnutzer in einem Ein-Personenhaushalt und 27 Prozent sind alleinerziehend; 19 Prozent sind Paare mit Kindern unter 17 Jahren, 12 Prozent sind Paare ohne Kinder, und 8 Prozent sind Paare mit Kindern im Alter von 17 Jahren oder älter. Ein Prozent verteilt sich auf „Sonstige“.

Besonders aufhorchen lässt die Zahl der Kinder, die von der Unterstützung der Tafeln abhängig sind: Laut der DIW-Studie waren nach Altersgruppen im Jahr 2019–2020 nicht weniger als 25 Prozent Kinder. 28 Prozent waren 30-44-Jährige (darunter hauptsächlich die Eltern der betroffenen Kinder), daneben 12 Prozent über 65-Jährige und Ältere.

Im Jahresbericht 2021 der Tafel selbst wurde die Altersgruppe der Kinder sogar mit 28 Prozent angegeben, neben den 48 Prozent Erwachsenen im Erwerbsalter und 24 Prozent Rentnern und Rentnerinnen.

Am 20. September, dem Weltkindertag, berichtete die Tagesschau, dass sich die Kinderarmut in Deutschland auf dem höchsten Stand seit Jahren befinde. 2021 lag die Kinderarmut bei 20,8 Prozent, was bedeutet, dass mehr als jedes fünfte Kind der Gesamtgesellschaft von Armut betroffen ist. In Nordrhein-Westfalen, für das nur Zahlen für 2018 vorliegen, betrug die Armutsrate von Kindern und Jugendlichen schon vor vier Jahren sogar 22,6 Prozent.

In Schleswig-Holstein lebten im letzten Jahr 100.000 Kinder und Jugendliche in Armut (20,8 Prozent). Und es werden immer mehr. Wie der Kinderschutzbund Schleswig-Holstein berichtet, hat die aktuelle Energiekrise die Lage teilweise schon dramatisch verschärft. Bei ersten Familien sei bereits der Strom abgestellt worden. Für diese Familien sei vielfach das Geld „schon ab der zweiten Monatshälfte so knapp, dass die Betroffenen beim Lebensmitteleinkauf nur noch Nudeln mit Ketchup und Toast in den Einkaufswagen legen“.

Derzeit gibt es in Deutschland etwa 960 Tafeln. 60.000 Helfer, davon 90 Prozent Ehrenamtliche, kümmern sich um das Einsammeln von Lebensmittel und das Verteilen in die Stadtteile. 23 Prozent sind selbst Kunden der Tafeln, an denen sich nur ausgewiesene Bedürftige bedienen dürfen. Die Armutsgrenze liegt bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens; sie lag im Jahr 2019 für einen Einpersonenhaushalt bei 1266 Euro pro Monat, aber viele Rentner und Arbeitslose befinden sich weit darunter.

Der Mindestlohn ist mittlerweile auf gerade mal 12 Euro angehoben worden. Die Hartz-IV-Sätze, die ab Anfang nächsten Jahres in „Bürgergeld“ umbenannt werden, sollen dann um 53 Euro auf 502 Euro erhöht werden. Das sind erbärmliche Almosen, und sie gleichen die Inflation und Explosion der Energiepreise längst nicht mehr aus.

Mit dem Anwachsen der Armut in Deutschland hat die Zahl der Tafeln in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Die Hartz-Reformen der SPD/Grünen-Regierung (1998–2005) trugen maßgeblich zu ihrer Ausbreitung bei. Die Schröder-Fischer-Regierung sorgte mit der Einführung von HartzIV als Existenzminimum, das in Wirklichkeit niemals ausreichte, und den Sanktionsmöglichkeiten der Jobcenters, um Arbeitslose unter Druck zu setzen, für die Ausbreitung eines riesigen Niedriglohnsektors.

Um über die Runden zu kommen, müssen sowohl Hartz IV-Empfänger als auch Arbeiter im Niedriglohnbereich immer öfter auf die Tafeln zurückgreifen.

Infolge von Krieg, Inflation und Explosion der Energiepreise sind heute auch Haushalte mittleren Einkommens immer häufiger überfordert und unfähig, die verdoppelten und vervielfachten Strom-, Gas- und Heizkosten weiter zu bezahlen. Dazu sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am Wochenende: „Ein vierköpfiger Haushalt mit einem Jahreseinkommen von 35.000 Euro hat bis zu 5.000 Euro Mehrkosten.“

Überall werden die Sozialverbände, Verbraucherschutzstellen, Schuldnerberatungen und Hotlines von Stadtwerken und anderen Strom- und Energieerzeugern überrannt, weil es so viele Nachfragen und Notsituationen wegen der hohen Rechnungen und Nachzahlungen gibt.

Für arme Haushalte beträgt die tatsächliche Inflation gut und gerne 30 Prozent und mehr, denn sie müssen ihr verfügbares Einkommen fast vollständig für unmittelbare Lebenshaltungskosten wie Mieten, Nebenkosten für Strom und Heizung sowie Lebensmittel ausgeben.

Dies führt dazu, dass der Ansturm auf die Tafeln weiter steigt, während diese ihn schon heute kaum noch bewältigen können. Die Lebensmittelspenden werden geringer, weil die Supermärkte anders planen und teilweise die beinahe abgelaufenen Lebensmittel weiter verkaufen. Dazu kommt, dass die extrem hohen Energiekosten auch den Tafeln enorm zu schaffen machen. Lebensmittel müssen ja transportiert und teilweise gekühlt werden, bis sie an ihre Empfänger ausgegeben werden.

Schon im Juli wies Jochen Brühl, der Chef von Tafel Deutschland, darauf hin, dass die Tafeln an ihre Grenzen kämen. „Die Tafeln sind am Limit und berichten uns, dass viele Menschen zu ihnen kommen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind und zum ersten Mal Hilfe in Anspruch nehmen müssen“, sagte Brühl. Ihm zufolge müsse jede dritte Tafel jetzt schon einen Aufnahmestopp einführen.

Als Folge davon stehen in der heranziehenden kälteren Jahreszeit immer mehr Menschen vor der Alternative, entweder zu frieren oder zu hungern – oder beides zusammen. Vielen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können, werden der Strom und die Heizung abgedreht werden. Und wieder anderen droht der Verlust der Wohnung, weil sie Miete und Nebenkosten nicht mehr aufbringen können.

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