Seit einigen Wochen treffen immer häufiger Nachrichten von Arbeitsunfällen mit Todesfolge ein. Am 2. Dezember traf es einen Kollegen bei der Lufthansa-Technik am Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. Wie die Luftfahrtnachrichten aero.de mitteilen, wurde der Arbeiter von einem Hangartor eingeklemmt.
Es war ein Freitagabend gegen 19 Uhr, als ein Flugzeug aus der Halle 6 der Lufthansa-Werft herausgefahren werden sollte. Der 53-jährige Kollege, der das Tor öffnete, geriet mit dem Kopf zwischen das riesige Tor und ein Element der Hallenstruktur. Er wurde so schwer verletzt, dass der herbeieilende Notarzt an Ort und Stelle seinen Tod feststellen musste.
Rasch erklärten Lufthansa Technik und die Hamburger Polizei, ein Fremdverschulden sei „zunächst auszuschließen“. Doch der entsetzliche Tod wirft eine Menge Fragen auf.
So sind diese massiven Hangartore normalerweise mit Sensoren ausgerüstet, die auf Bewegungen in der Nähe reagieren. Sie stoppen sofort, wenn sich ein Mensch im Gefahrenbereich aufhält. War dies der Fall, und waren die Sensoren defekt? Oder war die Anlage ausgeschaltet, aus welchem Grund auch immer (vermutlich, um Zeit und Geld zu sparen)? War der Kollege mit der Anlage ausreichend vertraut, oder war er möglicherweise wenig eingearbeitet, da als Leiharbeiter beschäftigt?
Lufthansa Technik ist für den Einsatz von Leiharbeitern bekannt. Allein beim Ausbruch der Corona-Pandemie entließ das Unternehmen bundesweit 900 Leiharbeiter, als die Festangestellten in Kurzarbeit gingen.
Bekannt ist auch, dass der Lufthansakonzern die Corona-Pandemie nutzte, um massiv Stellen abzubauen. Obwohl er von staatlichen Coronahilfen in Milliardenhöhe profitierte, zerstörte er rund 31.000 Arbeitsplätze. Der Technikbereich war stark davon betroffen. Dies macht sich seit einem halben Jahr, bei wieder anlaufendem Betrieb, in wachsendem Arbeitsstress und Mehrarbeit bemerkbar. Gleichzeitig konnte Lufthansa Technik im letzten Jahr ein Umsatzplus von 7 Prozent auf 4 Milliarden Euro und einen Gewinn von 163 Millionen Euro verzeichnen.
Die Großkonzerne nutzen die anhaltende Krise, um die Gewinne zu steigern, während die Arbeiter dafür mit Lohneinbußen, zunehmendem Arbeitsdruck und ihrer Gesundheit bezahlen. Immer öfter auch mit dem Leben.
Der tödliche Arbeitsunfall bei der Lufthansa ist beileibe nicht der einzige derartige Fall. Gerade in den letzten Wochen häufen sich die Meldungen über tödliche Arbeitsunfälle.
Im Duisburger Stahlwerk sind innerhalb von acht Wochen zwei schwere Arbeitsunfälle bekannt geworden, einer davon mit tödlichem Ausgang. Als bei Amazon in Leipzig ein Arbeiter zusammenbrach und starb, wurde die Leiche einfach mit Pappen abgedeckt, und der Betrieb lief wie gewohnt weiter.
Die Häufung tödlicher Arbeitsunfälle zeichnete sich schon im letzten Jahr ab. Laut einer Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sind die tödlichen Arbeitsunfälle 2021 gegenüber 2020 um fast 28 Prozent angestiegen, von 399 auf 510 im letzten Jahr. Und diese grausige Zahl – praktisch zwei tödliche Unfälle an jedem einzelnen gesetzlichen Arbeitstag – ist zweifellos noch nicht alles, denn selbst schwere Arbeitsunfälle werden nicht immer bei der Berufsgenossenschaft gemeldet.
Das Verkehrswesen, zu dem die Luftfahrt gehört, war schon im letzten Jahr vom Anstieg stark betroffen. Die Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft, Post-Logistik und Telekommunikation (BG Verkehr) gab bekannt, dass die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle von 61 im Jahr 2020 auf 102 im Jahr 2021 angestiegen sei, das ist eine Zunahme von mehr als 67 Prozent.
In der Corona-Zeit, als ein Teil der Arbeit ruhte, war diese Zahl naturgemäß zurückgegangen – während viele Kollegen an Corona verstarben. In den Jahren davor hatte sie stetig abgenommen, doch seit 2021 schoss sie wieder regelrecht in die Höhe. In diesem Jahr ist die Zahl zweifellos weiter angestiegen.
Für das Bauwesen sind vor wenigen Tagen Zahlen für 2022 bekanntgeworden. Demnach ist der Bau ein lebensgefährlicher Arbeitsbereich. Wie die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) am 5. Dezember mitteilte, sind in diesem Jahr bis Ende August 56 Bauarbeiter während der Arbeit gestorben. Durchschnittlich gab es somit alle vier Tage am Bau einen tödlichen Arbeitsunfall. In derselben Zeit wurden aus der Bauwirtschaft 65.701 Arbeitsunfälle gemeldet.
Als Hauptursachen werden vor allem Stürze aus großer Höhe, außerdem herabstürzende Bauteile angegeben. Aber die wirklichen Ursachen sind der massive Stress und Arbeitsdruck, Übermüdung durch ständige Mehrarbeit und der mangelnde Arbeitsschutz.
Am Dienstagvormittag, den 6. Dezember, wurde erneut ein Bauarbeiter getötet. Der Arbeitsunfall ereignete sich bei Brückenarbeiten an der A7 im Bereich Petersberg bei Fulda, als ein 38-Jähriger beim Einsatz eines technischen Geräts zu Tode kam. Ganz in der Nähe hatte sich wenige Tage zuvor schon ein tödlicher Arbeitsunfall am Bahngleis ereignet. In der Nacht des 24. Novembers war bei Fulda ein Bauarbeiter zwischen einem Gleisarbeitsfahrzeug und einem Güterwaggon eingeklemmt worden. Er verstarb noch an der Unfallstelle.
