Laut Angaben des Gesundheitsministerium des Gazastreifens ist die Zahl der Todesopfer durch Israels Völkermord auf über 20.000 gestiegen. Allein in den vergangenen 24 Stunden wurden 241 Menschen getötet und 382 verletzt. Wenn man die 7.000 Vermissten ebenfalls berücksichtigt, von denen die meisten unter Trümmern begraben sind, liegt die tatsächliche Zahl der Todesopfer wahrscheinlich bereits bei über 25.000.
Bei einer Bevölkerung von knapp über zwei Millionen bedeuten 20.000 bis 25.000 Tote, dass in den letzten zweieinhalb Monaten mehr als ein Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens getötet wurde. Das entspricht hochgerechnet 3,3 Millionen Toten in den USA.
Laut dem Gesundheitsministerium gibt es mehr als 50.000 Verletzte, von denen sich 5.000 in einem kritischen Zustand befinden und sterben könnten, wenn sie nicht zur Behandlung ins Ausland verlegt werden.
Ashraf Al-Qudra, ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, erklärte, dass 50.000 schwangere Frauen und etwa 900.000 Kinder an Unterernährung leiden. Er erklärte, im Gazastreifen treffe nur ein Fünfzigstel der benötigten Hilfsgüter ein.
Bereits am vergangenen Donnerstag berichteten die Vereinten Nationen, dass ein Viertel der Bevölkerung des Gazastreifens, d.h. mehr als 500.000 Menschen, unter Hunger leiden. Sie schreiben in ihrem Bericht: „Im Gazastreifen wütet eine Hungersnot und wird vermutlich die Ausbreitung von Krankheiten im gesamten Gebiet erhöhen, vor allem unter Kindern, schwangeren und stillenden Frauen sowie älteren Menschen.“
Laut den UN leiden 93 Prozent der Bevölkerung unter „Hunger auf Krisenniveau“, ein Viertel der Haushalte ist mit „Hunger von katastrophalem Ausmaß“ konfrontiert. Weiter erklärten sie: „Hunger, Elend und Tod sind deutlich sichtbar.“
Nach Angaben der UN „erklären Mitarbeiter der WHO, dass jede einzelne Person, mit der sie im Gazastreifen gesprochen hätten, an Hunger leide.“ Weiter heißt es: „Wir verteilen im Gazastreifen Medikamente und die Menschen stürmen auf unsere Lastwagen zu, weil sie hoffen, dass es sich um Lebensmittel handelt.“
Es wurden mehr als 100.000 Fälle von Durchfallerkrankungen gemeldet, die Hälfte davon bei Kindern unter fünf Jahren – eine Rate, die 25-mal höher liegt als vor Israels Angriff.
Die UN stellten fest: „Ein gesunder Körper kann diese Krankheiten leichter abwehren, doch ein erschöpfter und geschwächter Körper hat damit zu kämpfen. Hunger schwächt die körpereigenen Abwehrkräfte und öffnet der Krankheit Tür und Tor.“ Im entsprechenden Bericht heißt es weiter: „Im Gazastreifen gibt es gegenwärtig im Durchschnitt nur eine Dusche für 4.500 Personen und eine Toilette für 220 Personen. … Diese Bedingungen führen unausweichlich zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten.“
Der Chefökonom und Direktor für Forschung, Beurteilung und Überwachung beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, Arif Husain, wies in einer erschütternden Stellungnahme darauf hin, dass die massive Hungerkatastrophe im Gazastreifen die schlimmste sei, die er je in seinem Leben gesehen habe: „Schlimmer geht es nicht. Etwas in dem Ausmaß, wie es im Gazastreifen passiert, habe ich noch nie erlebt – und in dieser Geschwindigkeit.“
Etwa 1,9 Millionen Menschen im Gazastreifen, d. h. rund 80 Prozent der Bevölkerung, sind Binnenvertriebene. Im Norden des Gazastreifens gibt es keine funktionierenden Krankenhäuser, landesweit sind nur noch neun Gesundheitseinrichtungen teilweise in Betrieb.
Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete am Freitag eine Resolution, in der er dazu aufrief, humanitäre Hilfslieferungen nach Gaza zuzulassen. In den letzten zwei Monaten haben die USA zweimal ihr Veto gegen Resolutionen des Sicherheitsrats eingelegt, in denen ein Waffenstillstand gefordert wurde. Diesmal enthielten sich die USA, nachdem alle Forderungen nach einem Waffenstillstand aus dem Entwurf gestrichen und stattdessen der Aufruf, „Bedingungen für eine nachhaltige Einstellung der Kampfhandlungen zu schaffen“, eingefügt wurde. Die Verhandlungen über eine Formulierung von der Art, gegen die die USA kein Veto einlegen würden, verzögerten die Abstimmung vom letzten Montag bis zum Freitag.
Eine frühere Formulierung, mit der die „dringende Aussetzungen der Kampfhandlungen“ gefordert wurde, „um einen sicheren und ungehinderten humanitären Zugang zu ermöglichen, sowie schnellstmögliche Schritte zur nachhaltige Einstellung der Kampfhandlungen“ wurde gestrichen, damit die USA kein Veto dagegen einlegen. Gegen einen Vorschlag Russlands, zur „schnellstmöglichen und nachhaltigen Einstellung der Kampfhandlungen“ aufzurufen, legten die USA ihr Veto ein, obwohl 10 von 14 Mitgliedern dafür stimmten.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Der russische UN-Botschafter Wasili Nebensia warf den USA vor, sie würden „erzwingen, dass der Text Israel praktisch eine Lizenz zur Tötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen ausstellt, unter dem Vorwand ,Bedingungen für eine Einstellung der Kampfhandlungen zu schaffen‘“.
Am Freitag erklärte UN-Generalsekretär Antonio Guterres, die Art und Weise, wie Israel seine Operation durchführt, schaffe „enorme Hindernisse für die Verteilung humanitärer Hilfe“ in Gaza. Guterres erklärte weiter: „Vier von fünf der hungrigsten Menschen auf der Welt leben in Gaza.“
„Dass nach fünf Tagen vorsätzlicher Verzögerungen und Verwässerungen der Resolution kein Waffenstillstand gefordert wird, ist unbegreiflich und absolut kaltschnäuzig“, erklärte Sally Abi-Khalil, eine Sprecherin der Hilfsorganisation Oxfam. „Es handelt sich um eine schwerwiegende Verletzung der Pflichten einer Organisation, die gegründet wurde, um die UN-Charta zu verteidigen, den Frieden zu erhalten und Menschenleben zu schützen.“
Abi-Khalil fügte hinzu: „Mehr als zwei Millionen Palästinensern, von denen viele jetzt verhungern, während eine weitere Verschärfung der Hungersnot droht, wird aktiv jede Pause von den unablässigen Luftangriffen und der Belagerung verweigert, die sie seit fast zweieinhalb Monaten ertragen müssen.“
Der ehemalige Sprecher des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), Christopher Gunness, kritisierte die Resolution des Sicherheitsrats gegenüber Al Jazeera, sie gebe Israel „grünes Licht für Völkermord“. Weiter erklärte er, das Massaker im Gazastreifen sei „ein amerikanisch-israelischer Völkermord – es ist nicht nur ein israelischer Völkermord.“
Gunness erklärte weiter: „So wie Amerika Israel jährlich militärische Unterstützung in Höhe von vier Milliarden Dollar leistet, liefert es Israel auch die diplomatische und politische Rückendeckung, um einen Völkermord fortzusetzen, der durch eine umfassende und industrielle Missachtung des internationalen Völkerrechts geprägt ist – wie wir heute Abend gesehen haben.“
Gunness hat Recht. US-Außenminister Blinken wurde am Mittwoch bei einer Pressekonferenz um einen Kommentar dazu gebeten, dass die Welt Israels Angriff auf den Gazastreifen als „Amerikas Krieg“ betrachtet. Blinken wies dies nicht zurück, sondern erklärte, die US-Regierung sei „fest entschlossen, dies zu Ende zu bringen“.
