Die Szenen, die sich eineinhalb Stunden nach Beginn des neuen Jahres im Schweizer Skiort Crans-Montana abspielten, trugen apokalyptische Züge. Brennende Gestalten, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, wankten aus der lichterloh brennenden Bar „Le Constellation“. Für viele kam jede Hilfe zu spät.
40 Tote und über 119 überwiegend Schwerverletzte lautet die vorläufige Bilanz. Die meisten bisher Identifizierten sind keine 26 Jahre alt. Die Verbrennungen sind derart schwer, dass die Kapazitäten der Spezialkliniken in Lausanne und Zürich, in die Verletzte per Hubschrauber geflogen wurden, nicht ausreichten. 50 wurden inzwischen in Kliniken in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien gebracht.
Ihnen steht ein monatelanges Martyrium bevor. Teilweise sind mehr als 70 Prozent der Körperoberfläche verbrannt, was auch innere Organe in Mitleidenschaft zieht. Hinzu kommen schwere Lungenschäden durch das Einatmen von Rauch. „Im Moment planen wir, mit jedem Patienten jeden zweiten Tag in den Operationssaal zu gehen“, sagte die Chefärztin des Brandverletzungszentrums im Kinderspital Zürich dem Schweizer Fernsehen. Wer diese Tortur überlebt, muss mit lebenslangen Behinderungen und Entstellungen rechnen.
Das Feuer hatte sich in der zweistöckigen Bar, die 300 Gäste fasst, aber möglicherweise überbelegt war, in rasender Geschwindigkeit ausgebreitet. Vor allem die Gäste im Kellergeschoss, wo das Feuer ausbrach, hatten kaum eine Chance. Die schmale Treppe, die nach oben führt, wurde in der ausbrechenden Panik blockiert. Ein Notausgang war anscheinend nicht gekennzeichnet und durch Möbel und abgestellte Gegenstände blockiert.
Auch die Gäste im Erdgeschoss konnten sich teilweise nur aus der Flammenhölle retten, indem sie Fenster einschlugen. Andere wurden von Helfern aus dem Eingangsbereich ins Freie gezogen. Augenzeugen schildern schreckliche Szenen. „Gesichter waren völlig entstellt, Haare abgefallen. Die Menschen waren schwarz verbrannt, ihre Kleidung mit der Haut verschmolzen,“ beschrieb ein Helfer die Szene.
Die Leichen der Todesopfer waren derart stark verkohlt, dass trotz des Einsatzes von dreißig Spezialisten bisher nur 24 eindeutig identifiziert werden konnten. Darunter befinden sich als bisher jüngstes Opfer eine 14-Jährige sowie zwei 15-Jährige. Von den 119 Verletzten wurden bisher 113 identifiziert. 71 sind Schweizer, 14 Franzosen und 11 Italiener, die restlichen stammen aus anderen Ländern.
Die unmittelbare Ursache des Brandes scheint inzwischen weitgehend geklärt. Sogenannte Partyfontänen, die eine helle Flamme noch oben ausstoßen, hatten die Schalldämmung an der Decke des Kellergeschosses in Brand gesetzt. Zahlreiche Handyfotos und Videos, die im Netz kursieren, zeigen, wie das Servierpersonal mit brennenden Partyfontänen dekorierte Champagnerflaschen in den Raum bringt, Gäste sie in der Nähe der Decken schwenken und das Feuer schließlich ausbricht.
Nach kurzer Zeit kam es dann zu einem sogenannten Flashover (Feuersprung). Dabei löst ein Wärmestau und die damit verbundene Bildung von Gasen in erhitzten und brennenden Gegenständen eine Feuerwalze aus, die alles gleichzeitig in Brand setzt. Es entsteht ein Selbstentzündungsmechanismus, der extrem und sehr schnell wirkt und die Temperatur über 1000 Grad Celsius steigert. Ein Entkommen ist nun unmöglich.
Bewusst in Kauf genommener Totschlag
Alles, was bisher über die Brandursache bekannt ist, bestätigt, dass die Katastrophe kein tragischer Unfall war, sondern ein bewusst in Kauf genommener, dutzendfacher Totschlag. Die Bar „Le Constellation“ war eine leicht entzündbare Feuerfalle, in der niemals eine Silvesterfeier hätte stattfinden dürfen.
Elementare Brandschutzmaßnahmen wurden missachtet – angefangen bei den leicht entzündlichen Baumaterialien, über das Fehlen von Fluchtwegen bis hin zur völligen Unvorbereitetheit des Servierpersonals. Anstatt den Raum sofort geordnet zu evakuieren, versuchten sie, das Feuer mit primitiven Mitteln zu löschen, während Gäste sie dabei fotografierten und filmten. Selbst Feuerlöscher scheinen nicht zur Hand gewesen zu sein.
Verantwortlich ist dafür nicht nur das Ehepaar Moretti, das die Bar seit zehn Jahren betreibt und gegen das die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst ermittelt. Einen Haftbefehl hat sie bisher nicht erlassen.
Verantwortlich sind auch die Regierungsvertreter und Behörden, die der Bar trotz offensichtlicher Mängel eine Betriebsgenehmigung erteilt und beim Brandschutz die Augen zugedrückt haben. Spricht man mit Einwohnern anderer lukrativer Touristenorte, wird schnell klar, dass Crans-Montana dabei kein Einzelfall ist. Mangelnder Brandschutz, blockierte Notausgänge und allgemeine Verantwortungslosigkeit sind weit verbreitet.
Die Tourismusbranche steht, wie zahlreiche andere Wirtschaftszweige, unter dem Druck mächtiger Profitinteressen, die sich rücksichtslos über Menschenleben hinwegsetzen. In dieser Hinsicht steht die Katastrophe von Crans-Montana in einer Linie mit der Ablehnung der Zero-Covid-Politik durch einflussreiche Wirtschaftskreise, dem Genozid in Gaza, dem Abschlachten Hunderttausender junger Männer im Ukrainekrieg, der Bombardierung Irans, Venezuelas und angeblicher Drogenhändler durch die Trump-Administration und der Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Kanonenfutter für zukünftige Kriege bereitstellen soll. In allen Fällen haben Profit- und Machtinteressen Vorrang vor Menschenleben.
Crans-Montana gehört einem US-Konzern
Crans-Montana hat sich stark verändert, seit Ärzte Ende des 19. Jahrhunderts Patienten zur Erholung in der frischen Luft in den hoch über dem Rhonetal gelegenen Ort schickten. Es ist zu einem mondänen Skiort mit viel Geldadel und Prominenz geworden, in dem regelmäßig aufwändige Wintersportveranstaltungen stattfinden.
Inzwischen gehört das Ski-Gebiet dem US-Konzern Vail Resorts, der vor zwei Jahren sämtliche Liftanlagen, die dazugehörigen Bergbetriebe einschließlich vier Einzelhandels- und Mietstationen, die Skischulen und elf Restaurants einem tschechischen Investor für 118,5 Millionen Schweizer Franken abkaufte. Vail Resorts, das bereits Ski-Gebiete in den USA und im schweizerischen Andermatt-Sedrun betreibt, erhofft, nach anfänglichen Investitionen in Crans-Montana einen jährlichen Profit von 30 Millionen Schweizer Franken zu erzielen.
Mit der reichen Klientel, die es sich leisten kann, in exklusiven Schweizer Skiorten Urlaub zu machen, lässt sich viel Geld verdienen. Aber der Tourismus ist ein hartes Geschäft. Der finanzielle Abgrund ist nie weit weg. Das Geschäft ist wetter- und saisonabhängig, auch wenn der Schnee für die Skipisten inzwischen künstlich hergestellt wird. Die Skisaison dauert nur vier, maximal fünf Monate, die Sommersaison ist wesentlich weniger lukrativ.
Bars, Restaurants und Hotels, die sich in diesem rauen, von einem Großinvestor dominierten Umfeld behaupten wollen, kämpfen mit harten Bandagen. Und sie brauchen einen guten Draht zu den zuständigen Behörden.
Der Schweizer Föderalismus, der zahlreiche Entscheidungen und Kontrollfunktionen auf die kantonale und die kommunale Ebene verlagert, sieht zwar nach außen demokratisch aus. Er hat aber auch zur Folge, dass „man sich kennt“. Ein Freund oder Verwandter in der Regierung oder in einer Behörde kann Wunder wirken, wenn man eine Genehmigung braucht oder Vorschriften umgehen will.
Das Ehepaar Moretti, das aus dem französischen Korsika stammt, verfügte offenbar über die nötige Skrupellosigkeit und Härte, um sich in diesem Haifischbecken zu behaupten. Es betreibt in der Region noch weitere Gaststätten.
Jacques Moretti hatte die Bar in Crans-Montana vor zehn Jahren in Eigenregie renoviert und umgebaut, wie ältere Fotos auf Facebook belegen. Experten vermuten, dass er dabei um Geld zu sparen im Untergeschoss den Billigkunststoff Polyurethan als Lärmdämmstoff verbaute. Polyurethan ist billig, leicht zu verarbeiten und hat gute Dämmeigenschaften, ist aber leicht entflammbar. Fängt es Feuer, brennt es innerhalb kürzester Zeit lichterloh und entwickelt toxische Gase. In Gastrobetrieben ist es deshalb verboten, feuerresistente Dämmstoffe sind aber wesentlich teurer.
Bewahrheitet sich dieser Verdacht, stellt sich die Frage, weshalb die Brandschutzkontrolle nicht eingriff, obwohl sie das Lokal laut Morettis eigener Aussage in zehn Jahren dreimal kontrolliert hat. Hier mauern die Behörden.
Auf einer international übertragenen Pressekonferenz am Samstag, auf der Vertreter der Walliser Kantonsregierung, der Polizei, der Staatsanwaltschaft, von Krankenhäusern und Hilfsdiensten informierten, fiel darüber kein Wort. Selbst die Frage, wann die letzte Kontrolle der abgebrannten Bar stattgefunden hatte, wurde nicht beantwortet. Als Journalisten kritische Fragen stellten, ließen die Vertreter von Regierung und Polizei ihre freundliche Maske fallen und reagierten brüsk abweisend.
Oberstaatsanwältin Béatrice Pilloud versprach zwar, man werde Umbauarbeiten, verwendete Materialien, Betriebsgenehmigungen, Sicherheitsmaßnahmen, Brandschutznormen und Flucht- und Evakuierungswege überprüfen. Konkret sagte sie aber nichts und begründete dies mit fehlenden „belastbaren Erkenntnissen“. Fast alles, was man bisher über den Hergang der Katastrophe weiß, wurde von Journalisten aufgedeckt.
Auch die Gemeinde, die für die Einhaltung der Betriebsvorschriften für Gaststätten zuständig ist, blockiert. Auf einer Pressekonferenz erwähnte Gemeindepräsident Nicolas Féraud nur vage Prüfungen, die „jährlich oder zweijährlich“ stattgefunden hätten. Als das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schriftlich bei Féraud nachfragte, reagierte dieser mit Beschimpfungen: „Wer sind Sie, so etwas zu verlangen! Ich habe den Anstand, Sie nicht so zu behandeln, wie Sie es verdienen.“
Offensichtlich gibt es viel zu verbergen. Angesichts der großen Zahl der Opfer und des Ausmaßes der Katastrophe könnte sich die Staatsanwaltschaft gezwungen sehen, ihre Ermittlungen etwas auszudehnen, um den Schaden für die Tourismusindustrie gering zu halten. Aber am grundlegenden Problem, das zu der Katastrophe von Crans-Montana geführt hat, der Missachtung von Menschenleben im Interesse des Profits, wird dies nichts ändern.
