1.243 Bergleute haben am Montag eine Braunkohlemine im Bezirk Kınık in der türkischen Provinz İzmir besetzt. Die Arbeiter bei Polyak Eynez Mining durchbrachen am 2. März eine Barrikade der paramilitärischen Gendarmerie und übernahmen die Kontrolle über das Bergwerk. Die Gendarmerie setzte Pfefferspray und Wasserwerfer ein, wovon sich die Arbeiter aber nicht zurückdrängen ließen.
Der spontane Streik begann am 20. Februar unter der Führung der Basisgewerkschaft Bağımsız Maden İş (Unabhängige Bergarbeitergewerkschaft). Die Gewerkschaft hat angekündigt, dass die Arbeiter den Betrieb der Mine selbst in die Hand nehmen werden, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden.
Sicherheitskräfte griffen die Bergleute an und nahmen den Gewerkschaftsorganisator Başaran Aksu, den Gewerkschaftsanwalt Abdurrahim Demiryürek sowie zwei Bergarbeiter fest.
Die Sosyalist Eşitlik Partisi, die türkische Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, rief in einem Beitrag auf X alle Arbeiter dazu auf, den Kampf der Bergleute zu unterstützen und für die sofortige Freilassung der Festgenommenen sowie die Erfüllung der Forderungen der Bergleute einzutreten. Sie warnte: „Die Gewerkschaftsverbände, die zu einem verlängerten Arm des Staates und der Unternehmen geworden sind, werden dies nicht tun. Für diesen Kampf müssen unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden.“

Vor seiner Festnahme wandte sich Gewerkschaftsorganisator Aksu an die Arbeiter: „Sie denken: ‚Wenn die Bergleute jetzt die Mine übernehmen, werden sie als Nächstes die Macht im Land übernehmen.‘ Davor haben sie Angst. Sie wollen nicht, dass die Macht der Bosse ins Wanken gerät. Wenn die Bergarbeiter ihre eigene Mine betreiben, dann können sie auch ihren Bezirk, ihre Provinz und ihr eigenes Land regieren. Ist das nicht richtig, Genossen? Davor haben sie Angst.“
Auch große Nachrichtenagenturen und die internationale Presse haben über den staatlichen Angriff auf die Bergleute und ihren entschlossenen Durchbruch der Barrikade berichtet. Reuters veröffentlichte einen Videobericht auf X mit der Meldung: „Arbeiter eines türkischen Bergwerks sind an einer Streikpostenkette vor dem Mineneingang mit Polizeikräften zusammengestoßen. Die Bergleute streiken wegen ausstehender Löhne und Sozialleistungen.“

Die Bergarbeiter von Polyak fordern die sofortige und vollständige Auszahlung ihrer ausstehenden Löhne, die Gewährung des Rechts auf Beförderung, die Zahlung rückwirkender Ansprüche aus dem Arbeitsvertrag, garantierte Abfindungs- und Kündigungszahlungen sowie die Umsetzung notwendiger Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Am 25. Februar marschierten die Bergleute 16 Kilometer von der Mine zum Zentrum von Kınık und veranstalteten mit Unterstützung der lokalen Bevölkerung eine große Kundgebung. Am Montag lehnten die Bergarbeiter das Angebot des Unternehmens ab, ihnen eine Abfindung zu zahlen, wenn sie selbst den Betrieb verlassen.
Der Einsatz von Wasserwerfern und der Angriff der Gendarmerie am Eingang des Bergwerks haben die wahre Haltung der Erdoğan-Regierung gegenüber der Arbeiterklasse offenbart. Die Sicherheitskräfte wurden auf die Arbeiter losgelassen, um die Interessen des in- und ausländischen Kapitals zu schützen. Gewerkschaftsfunktionäre, Anwälte und Arbeiter, die ihre legitimen Rechte einforderten, wurden festgenommen.
Unter breiten Schichten der türkischen Arbeiterklasse wächst die Unzufriedenheit über das brutale Sparprogramm der Regierung, die ständig steigenden Lebenshaltungskosten und die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Der imperialistische Krieg gegen den Iran, der jetzt eskaliert, wird diese Krise noch verschärfen. Der militante Kampf der Bergleute inspiriert Arbeiter im ganzen Land, die mit ähnlichen Bedingungen konfrontiert sind. Er markiert den Beginn einer neuen Phase im Klassenkampf.
Nachdem die türkischen Gewerkschaftsverbände jahrzehntelang die Kämpfe der Arbeiter unterdrückt haben, beginnt sich nun eine neue Bewegung zu entwickeln, die die Traditionen des militanten Kampfes wiederbelebt.
Im krassen Gegensatz zu der breiten Unterstützung, die der Streik der Polyak-Bergleute in der Bevölkerung gefunden hat, steht das Schweigen aller Gewerkschaftsverbände, einschließlich der vermeintlich „linken“ Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften der Türkei (DİSK). Ihre Haltung zeigt, mit welcher Angst und Feindseligkeit der Gewerkschaftsapparat, der verlängerte Arm des Staates und der Konzerne, der Entwicklung einer unabhängigen Bewegung innerhalb der Arbeiterklasse begegnet.
Die Ereignisse, die die Bergleute von Polyak in den Kampf trieben, begannen mit dem undurchsichtigen Verkauf der Polyak-Mine an einen chinesischen Konzern. Die Fiba Group, eine der führenden Holdinggesellschaften der Türkei, hatte im vergangenen Dezember 70 Prozent der Anteile des Bergwerks an das chinesische Unternehmen Qitaihe Longcoal Mining übertragen, wie die Gewerkschaft Bağımsız Maden İş in einer Erklärung schreibt. Das ist ein gemeinsamer Angriff eines türkischen Milliardärs im Bündnis mit chinesischen Kapitalisten auf die Arbeiter.
Während dieser Übernahme wurden 1.700 Arbeiter mit Abfindungen entlassen, wobei die Gewerkschaft Öz Maden-İş, die dem regierungsnahen Gewerkschaftsverband Hak-İş angehört, diesen Stellenabbau stillschweigend unterstützt hat. Die 1.243 Arbeiter, die weiterhin beim Bergwerk beschäftigt sind, haben ihre Löhne und vertraglichen Ansprüche in Höhe von insgesamt 450 Millionen Lira (8,8 Millionen Euro) nicht erhalten.
Laut Bağımsız Maden İş handelt es sich bei der Polyak-Mine um „einen Tiefbaubetrieb unterhalb des Meeresspiegels, der erdbebengefährdet ist, hohe Methangaswerte aufweist und aufgrund des Gebirgsdrucks hochprofessionelle Ingenieursarbeiten erfordert“. Die Arbeiter sind dort einem hohen Risiko ausgesetzt. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die Soma-Mine, in der 2014 bei einem Grubenunglück 301 Bergleute ums Leben kamen.
Will Lehman, ein amerikanischer Autoarbeiter, der für den Vorsitz der US-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) kandidiert, solidarisierte sich in einer Erklärung mit den türkischen Bergarbeitern und machte auf ihre Situation aufmerksam. Er sagte: „Die Katastrophe von Soma führte zu einer Rebellion, die sich landesweit ausbreitete, gegen die unternehmensfreundlichen Gewerkschaften und die Politik der Erdoğan-Regierung, die Privatisierungen und Sparmaßnahmen verfolgt und das Leben der Arbeiter für Profite opfert.“
Nach dem Angriff der Gendarmerie und den Festnahmen am Montag reagierte Bağımsız Maden auf Lehmans Aufruf zur Solidarität auf X mit folgenden Worten:

Der Widerstand der Polyak-Bergleute hat weitere Arbeiter mobilisiert, die in einer ähnlichen Situation sind. Rund 2.000 Arbeiter bei Yeni Anadolu Mining in Soma legten die Arbeit nieder, während 3.000 Arbeiter bei İmbat Mining die Produktion für vier Tage einstellten. Die İmbat-Bergleute kehrten am Montag ins Werk zurück, nachdem ihre Forderungen erfüllt worden waren.
Der Kampf der Polyak-Bergleute ist ein Gegenangriff, eine Reaktion auf die jahrzehntelange kapitalistische Offensive. Wie in anderen Ländern der Welt ging auch in der Türkei die Privatisierung der Bergwerke mit einem Abbau der grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Arbeiter, ihrer Sozialleistungen und ihrer Arbeitsplätze einher.
Der Gewerkschaftsapparat war bei diesem Angriff Mittäter. Die Attacken kamen nicht allein von der Regierung unter Erdoğans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Sie wurden auch mit der offenen oder stillschweigenden Unterstützung des gesamten politischen Establishments umgesetzt. Dazu gehört auch die „oppositionelle“ Republikanische Volkspartei (CHP), die umfassende Deregulierung und Privatisierung befürwortete.
Der direkte Zusammenstoß der Bergleute von Polyak mit den Sicherheitskräften des Staates und die Diskussionen unter den Bergleuten darüber, dass sie nicht nur das Bergwerk, sondern das ganze Land führen sollten, wirft die entscheidende Frage auf, welche Klasse die Gesellschaft regieren sollte. Was die soziale Lage der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung betrifft, so ist die Herrschaft der Kapitalistenklasse komplett gescheitert. Es ist unerlässlich, der herrschenden Klasse ihre Macht und ihren unrechtmäßig erworbenen Reichtum wegzunehmen, um diesen für die grundlegenden sozialen, wirtschaftlichen, demokratischen und kulturellen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung einzusetzen.
Um dafür zu sorgen, dass militante Klassenkämpfe zu nachhaltigen Errungenschaften führen, muss man den Kampf gegen die großen Konzerne und den Staatsapparat, der ihnen dient, auf nationaler und internationaler Ebene ausweiten. Dieser Kampf muss darauf ausgerichtet sein, dass die Macht auf die Arbeiterklasse übergeht.
Lehmans Aufruf zur Solidarität macht deutlich, welche Organisation die türkischen Arbeiter aufbauen müssen, um sich auf der Grundlage einer revolutionären internationalen Strategie mit den Arbeitern in den USA und auf der ganzen Welt zu einer Einheit zusammenzuschließen: „Konzerne agieren global. Unsere Antwort muss ebenfalls global sein. Das bedeutet, die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) aufzubauen, um unsere Kämpfe über nationale Grenzen hinweg zu koordinieren.“
