Am 11. Mai wurde Andrij Jermak, der ehemalige Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, vom ukrainischen Antikorruptionsgericht offiziell als Verdächtiger in einem massiven Skandal benannt und dann formell angeklagt und verhaftet. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, an einem Korruptionsskandal rund um ein Luxusbauprojekt außerhalb der Hauptstadt Kiew im Wert von 10,5 Millionen Dollar verwickelt zu sein.
Kurz vor der Anhörung erklärte Jermak gegenüber Reportern: „Ich besitze kein Haus, ich habe nur eine Wohnung und ein Auto.“ Am Montag wurde er gegen Zahlung einer Kaution von 3,2 Millionen US-Dollar aus der Haft entlassen.
Jermak war jahrelang einer der einflussreichsten Politiker der Ukraine und wurde von manchen als „Schattenkardinal“ hinter Selenskyj bezeichnet. Jermak und Selenskyj sind seit rund 15 Jahren enge Verbündete und Freunde.
Der Korruptionsskandal offenbart die Schärfe des politischen Konflikts in der ukrainischen herrschenden Klasse und das Ausmaß ihrer Korruption angesichts eines Kriegs, der hunderttausende Todesopfer unter Arbeitern und Jugendlichen gefordert sowie die Existenz von weiteren Millionen zerstört hat.
Der Skandal erschütterte das Selenskyj-Regime erstmals im November 2025, als Mitarbeiter der ukrainischen Antikorruptionsbehörde NABU im Rahmen von Ermittlungen zu einer 100-Millionen-Dollar-Korruptionsaffäre – bekannt als „Operation Midas“ – Jermaks Wohnung durchsuchten.
Den Vorwürfen zufolge waren mehrere führende Mitglieder der ukrainischen Regierung und ein enger Geschäftspartner von Selenskyj und Jermak in die Veruntreuung von Geldern beim staatlichen Atomenergiekonzern Energoatom involviert.
Energieministerin Switlana Hryntschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko mussten zurücktreten. Enthüllungen deuteten darauf hin, dass sie Bestechungsgelder in Höhe von 10 bis 15 Prozent der Auftragssumme von Firmen erhalten haben, die Befestigungsanlagen für die ukrainische Energieinfrastruktur bauen.
Jermak trat später unter immensem Druck der westlichen imperialistischen Geldgeber der Ukraine zurück, wurde aber bisher nicht formell angeklagt. Letztes Jahr, kurz vor dem Ausbruch des Korruptionsskandals, veröffentlichte die Financial Times, ein Sprachrohr des britischen Finanzkapitals, eine ausführliche Reportage über Jermak und zitierte mehrere Vertreter der USA und der EU, die über seine politische Rolle verärgert waren.
Doch obwohl Jermak in Ungnade gefallen war und ein neuer Stabschef ernannt wurde, spielt er weiterhin eine wichtige Rolle in dem rechten diktatorischen Regime und wurde regelmäßig beim Verlassen von Selenskyjs Büro gesehen.
Weitere mutmaßliche Komplizen in dem Korruptionssystem sind der ehemalige stellvertretende Premierminister Oleksij Tschernyschow sowie Timur Minditsch. Tschernyschow, ein bekannter Freund und Verbündeter Selenskyjs, wird beschuldigt, mehr als 1,2 Millionen US-Dollar in bar angenommen zu haben. Minditsch ist ein enger Partner von Selenskyj und Jermak und Miteigentümer von Selenskyjs ehemaligem Fernsehstudio Kwartal95.
Laut den neuesten Vorwürfen war Jermak – abgesehen von seiner möglichen Rolle bei der Veruntreuung von Energoatom-Geldern – auch an der Geldwäsche von Mitteln beteiligt, die in ein Luxusimmobilienprojekt nahe Kiew im Wert von 10,5 Millionen Dollar flossen. Berichten zufolge gehörte der Komplex Minditsch, Jermak, Tschernyschow und einem noch unbekannten Partner – möglicherweise Selenskyj selbst oder einem anderen hochrangigen Mitglied seiner Regierung. Jermak soll zudem einen Astrologen konsultiert haben, um sich bezüglich möglicher Regierungsbesetzungen beraten zu lassen.
Der rasant um sich greifende Skandal wird durch die jüngste Forderung des öffentlichen Antikorruptionsrats der Ukraine noch verschärft, Verteidigungsminister Rustem Umerow abzusetzen wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an Minditschs Drohnenhersteller Fire Point.
Der Antikorruptionsrat erklärte in einer Stellungnahme zu den Ermittlungen: „Der Öffentlichkeit wurden unbestätigte, aber glaubwürdige Beweise für Verbindungen zwischen dem ehemaligen ukrainischen Verteidigungsminister Rustem Umerow, dem sanktionierten Geschäftsmann Timur Minditsch und dem Unternehmen Fire Point vorgelegt.“
Nur wenige Tage vor dieser Stellungnahme hatte die Zeitung Ukrainska Prawda Tonaufnahmen veröffentlicht, auf denen zu hören ist, wie Umerow und Minditsch über den Verkauf von 33 Prozent der Anteile an Fire Point an ausländische Investoren diskutieren. Der Kontext der Unterhaltung deutet darauf hin, dass Umerow persönlich an Fire Point beteiligt war und von dem Verkauf finanziell profitieren würde.
Minditsch und sein enger Geschäftspartner, der ukrainische Oligarch Igor Kolomoiski, hatten eine entscheidende Rolle dabei gespielt, Selenskyj im Jahr 2019 an die Macht zu bringen. Während des Präsidentschaftswahlkampfs nutzte Selenskyj Minditschs persönliches gepanzertes Auto. Der ukrainische Präsident besaß außerdem ein Luxusapartment im gleichen Gebäude wie Minditsch, wo NABU-Ermittler ein mit Gold verkleidetes Badezimmer entdeckten, das Minditsch für sich selbst gebaut hatte. Minditsch floh kurz vor der NABU-Razzia nach Israel.
Da die Vorwürfe immer weitere Kreise ziehen, ist es unglaubwürdig, dass Selenskyj, Jermak und Umerow nichts von Minditschs massivem System der Unterschlagung wussten.
Der aktuelle Skandal wurde dadurch verschärft, dass Selenskyj im letzten Juli beschlossen hatte, die Befugnisse von NABU und der Sonderstaatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung (SAP) zu begrenzen – vermutlich war er sich der massiven Unterschlagungen und Korruption, die in seiner Regierung grassieren, bewusst. Diese Entscheidung führte zu den größten Protesten in der Ukraine seit Beginn des NATO-Stellvertreterkriegs im Februar 2022.
Selenskyj behauptete, es sei notwendig, der Behörde die Unabhängigkeit zu entziehen, um „russischen Einfluss“ zu bekämpfen. Gleichzeitig führte der ukrainische Sicherheitsdienst SBU, der eng mit Selenskyj verbündet ist, Razzien beim NABU durch, angeblich um russische Spione zu verhaften.
Der Schritt löste Empörung in der Bevölkerung und eine Intervention der westlichen Geldgeber der Ukraine aus, welche die NABU nachdrücklich als Instrument zur Kontrolle des ukrainischen innenpolitischen Apparats unterstützen. Letzten Endes musste Selenskyj einen Rückzieher machen und seinen Versuch, die NABU unter seine Kontrolle zu bringen, aufgeben. Doch jetzt sind genau die Skandale, die er durch die Übernahme der Kontrolle über die NABU abwenden wollte, mit voller Wucht ausgebrochen und erschüttern seine Regierung – und dies genau in dem Moment, da die innenpolitische Unterstützung für den Krieg erodiert.
Laut einer Umfrage vom letzten Sommer sind 70 Prozent der ukrainischen Bevölkerung der Ansicht, ihre Führer benutzen den Krieg, um sich selbst zu bereichern. Die jüngsten Enthüllungen bestätigen nachdrücklich, was Arbeiter bereits begriffen haben: Während die ukrainischen Arbeiter in Scharen an der Front sterben, bereichern sich die bestens vernetzten Oligarchen und Politiker, indem sie den Staat um hunderte Millionen Dollar bestehlen – in einem Land, in dem das Monatseinkommen bei nur 660 US-Dollar liegt.
Die Verhaftung seines wohl engsten Verbündeten Jermak ist ein schwerer Schlag für Selenksyj und wirft unmittelbar die Frage nach seiner eigenen Verwicklung in die Korruption auf, die in seiner Regierung und seinem inneren Kreis herrscht. Sie deutet außerdem darauf hin, dass mächtige Teile der ukrainischen herrschenden Klasse und ihre imperialistischen Geldgeber aktiv gegen ihn vorgehen.
Für Arbeiter ergeben sich wichtige politische Schlussfolgerungen aus dem anhaltenden Korruptionsskandal: Er zeigt einmal mehr, dass der Krieg nichts mit der Verteidigung der Interessen der ukrainischen Bevölkerung oder mit „Demokratie“ zu tun hat. Die herrschende Oligarchie hat die Arbeiterklasse und die Jugend des Landes den imperialistischen Mächten für einen Krieg gegen Russland zur Verfügung gestellt, den diese seit vielen Jahren geplant und vorbereitet hatten. Das Ziel der imperialistischen Mächte besteht darin, nicht nur die Rohstoffe Russlands, sondern der gesamten ehemaligen Sowjetunion zu plündern. Während sich die ukrainische Oligarchie zu Handlangern des Imperialismus macht, ist der Krieg auch für sie vor allem ein Mittel, um sich selbst weiter zu bereichern.
Doch das Ausmaß der Korruption verdeutlicht, dass es nicht bloß um ein paar schwarze Schafe geht. Die Oligarchie, welche die Ukraine regiert, ist – ebenso wie die Oligarchie, die Russland regiert – aus der Zerstörung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie und der Wiedereinführung des Kapitalismus hervorgegangen. Während dieses Prozesses wurde das Staatseigentum rücksichtslos geplündert und das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die Industrie zerstört, die von den sowjetischen Arbeitern über Jahrzehnte aufgebaut worden war, außerdem die Rohstoffe höchstbietend verschachert. Korruption und Plünderung sind nicht einfach Anomalien von einzelnen in der Selenksyj-Regierung, sondern bilden die historische und soziale Basis der gesamten herrschenden Klasse, deren Interessen das Selenksyj-Regime vertritt.
Daher müssen Arbeiter alle Versuche zurückweisen, diese eklatanten Korruptionsfälle auszunutzen, um Unterstützung für die eine oder andere Fraktion der herrschenden Klasse zu gewinnen, die sich gegen Selenskyj stellt. Eine sozialistische Opposition gegen die Selenskyj-Regierung erfordert die Vereinigung der Arbeiter in der Ukraine, Russland und Europa in einem gemeinsamen Kampf für ein Ende dieses Kriegs und des kapitalistischen Systems als Ganzem.
