Vorwort zum Buch: „Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk“

Der Band „Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk“ versammelt erstmals die wichtigsten Dokumente des Falls. Er erscheint im August 2026 im Mehring Verlag und kann hier vorbestellt werden. Wir veröffentlichen hier das Vorwort von Johannes Stern, dem Chefredakteur der deutschen Ausgabe der WSWS und Herausgeber des Buchs.

Am 25. April 2024 wurde Bogdan Syrotjuk, ein junger ukrainischer Sozialist und führendes Mitglied der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten, einer trotzkistischen Jugendorganisation in der ehemaligen Sowjetunion, vom ukrainischen Geheimdienst SBU verhaftet. Seither sitzt er im Gefängnis in Nikolajew. Ihm wird „Hochverrat unter Kriegsrecht“ vorgeworfen – ein Verbrechen, das mit fünfzehn Jahren bis lebenslänglich bestraft werden kann. In Wirklichkeit besteht Bogdans „Verbrechen“ darin, dass er sich dem Ukrainekrieg vom Standpunkt des sozialistischen Internationalismus widersetzt, gegen die kapitalistischen Regimes in Kiew und Moskau auftritt und für die Einheit der ukrainischen, russischen und internationalen Arbeiterklasse kämpft.

Dieses Buch erscheint zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Mehr als zwei Jahre nach Bogdans Verhaftung ist die juristische Konstruktion des SBU weitgehend zusammengebrochen. Bogdans Anwälte haben die Behauptung, er sei ein Unterstützer des Kremls, anhand seiner eigenen Schriften systematisch widerlegt. Ende vergangenen Jahres legten sie ein unabhängiges linguistisches Gutachten von Juri Borisowitsch Irchin vor, einem der renommiertesten Kriminologen der Ukraine. Seine Analyse zeigt, dass die Vorwürfe gegen Bogdan jeder Grundlage entbehren.

Die ukrainische Justiz stützt sich in politischen Verfahren regelmäßig auf sogenannte „linguistische Gutachten“. Dabei werden ausgewählte Experten beauftragt, die Äußerungen von Angeklagten zu untersuchen und die gewünschten Schlussfolgerungen zu liefern. Auch im Fall Bogdan legte die Staatsanwaltschaft zunächst ein solches Gutachten vor. Das unabhängige Gutachten Irchins widerlegte jedoch überzeugend die Behauptung, Bogdan habe im Interesse des Putin-Regimes gehandelt. Daraufhin ordnete das Gericht ein weiteres Gutachten an – doch auch dieses entkräftet die zentralen Vorwürfe der Anklage.

Mittlerweile hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Fall angenommen. Und doch sitzt Bogdan weiter in Haft. Seine Untersuchungshaft wird immer wieder verlängert, notwendige medizinische Behandlung wurde ihm über zwei Jahre lang verweigert, und seine Gesundheit ist ernsthaft gefährdet.

Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Bogdan wird nicht aufgrund einer Straftat verfolgt, sondern wegen seiner politischen Überzeugungen. Sein Prozess ist ein politischer Schauprozess. Er richtet sich nicht nur gegen einen einzelnen jungen Kriegsgegner. Er richtet sich gegen die World Socialist Web Site, gegen das Internationale Komitee der Vierten Internationale und gegen die gesamte sozialistische Opposition gegen Krieg, Imperialismus und Faschismus.

Die Anklageschrift des SBU spricht dies selbst aus. Sie behauptet, Bogdan habe „im Auftrag von Vertretern einer russischen Propaganda- und Informationsagentur, der World Socialist Web Site“, Publikationen erstellt. Zugleich beschreibt sie die WSWS als eine Publikation, die „die wichtigsten gesellschaftspolitischen Probleme auf der ganzen Welt vom Standpunkt des revolutionären Widerstands gegen die kapitalistische Marktwirtschaft aus behandelt, mit dem Ziel, durch eine sozialistische Revolution den Weltsozialismus zu errichten“. Damit erklärt das ukrainische Regime nicht nur Bogdan, sondern den sozialistischen Internationalismus an sich zum Verbrechen.

Die Lüge, Bogdan sei ein Agent des Kremls, ist besonders infam. Keine andere politische Strömung hat den reaktionären Charakter des Putin-Regimes so konsequent aufgedeckt wie der Trotzkismus. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat die russische Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 vom ersten Tag an verurteilt. Es erklärte, dass Putins Krieg keine fortschrittliche Abwehr der imperialistischen Bedrohung durch die NATO sei, sondern eine reaktionäre Antwort der russischen Oligarchie, die aus der Zerstörung der Sowjetunion durch die Stalinisten und der Wiedereinführung des Kapitalismus hervorgegangen ist. Die Invasion dient nicht der Verteidigung der russischen oder ukrainischen Arbeiter, sondern spaltet sie und spielt den imperialistischen Mächten in die Hände.

Aber die Ablehnung des russischen Einmarsches bedeutet nicht die Unterstützung der NATO. Der Ukrainekrieg ist kein Krieg für Demokratie und nationale Selbstbestimmung. Er ist ein imperialistischer Krieg, der von den USA, der NATO und den europäischen Mächten über Jahrzehnte vorbereitet wurde. Seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 verfolgen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten eine Politik der schrittweisen militärischen und geopolitischen Expansion nach Osten. Der von Washington und Berlin unterstützte rechtsextreme Putsch in Kiew 2014, die systematische Aufrüstung der Ukraine und die Integration des Landes in die NATO-Strategie gegen Russland waren entscheidende Stationen auf dem Weg zum Krieg.

Gerade deshalb ist die Verteidigung Bogdans von so großer Bedeutung. Sie entlarvt die Propaganda, der Krieg werde zur Verteidigung der Demokratie geführt. In der Ukraine sind Wahlen ausgesetzt, oppositionelle Parteien verboten, die Pressefreiheit massiv eingeschränkt und sozialistische sowie andere linke Kräfte kriminalisiert. Junge Männer werden in Bussen von der Straße verschleppt und an die Front gezwungen. Hunderttausende ukrainische und russische Arbeiter und Jugendliche sind bereits in einem Krieg gestorben oder verstümmelt worden, der nicht in ihrem Interesse geführt wird, sondern im Interesse der NATO-Mächte und der Oligarchien auf beiden Seiten der Front.

Die Verhaftung Bogdans ist untrennbar mit dieser Entwicklung verbunden. Je stärker der Widerstand gegen den Krieg wächst, je offener der Charakter des Selenskyj-Regimes als Werkzeug der NATO und der ukrainischen Oligarchie zutage tritt, desto brutaler geht der Staat gegen jede Opposition vor. Bogdan wurde verhaftet, weil seine Stimme, seine Schriften und die Arbeit der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten für eine politische Perspektive stehen, die den Krieg an seiner Wurzel angreift, indem sie die Arbeiterklasse gegen sämtliche kapitalistischen Regierungen und für den Sozialismus mobilisiert.

Diese Perspektive ist der rote Faden des vorliegenden Bandes.

Der erste Teil, „Der Fall Bogdan Syrotjuk“, dokumentiert die wichtigsten Erklärungen und Berichte des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zur Verteidigung Bogdans. Die Erklärung des Vorsitzenden der internationalen Redaktion der WSWS und der Socialist Equality Party in den USA, David North, vom Mai 2024, die kurz nach Bekanntwerden der Anklage veröffentlicht wurde, zerlegt die Lügen des SBU und zeigt, dass die Anschuldigungen nicht nur gegen Bogdan, sondern gegen die gesamte trotzkistische Bewegung gerichtet sind. Clara Weiss’ Bericht über die Kampagne zur Befreiung Bogdans ordnet den Fall historisch und politisch ein. Er zeigt, dass der Kampf für Bogdans Freiheit in der langen Tradition der sozialistischen Bewegung zur Verteidigung von Klassenkriegsgefangenen steht. Die Erklärung der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten zum ersten Jahrestag von Bogdans Verhaftung fasst den politischen Inhalt des Falls zusammen und appelliert an Arbeiter und Jugendliche in der Ukraine, Russland und international, sich der Kampagne anzuschließen.

Der zweite Teil enthält Texte und Reden von Bogdan selbst. Sie sind die beste Widerlegung der Anklage. In seinen Grüßen an die Maikundgebung 2022 bekannte sich die Junge Garde der Bolschewiki-Leninisten offen zum Internationalen Komitee der Vierten Internationale als der einzigen internationalen Bewegung, die die Traditionen von Lenin und Trotzki gegen Stalinismus, Nationalismus und Imperialismus verteidigt. In seinem Aufsatz über die Verbrechen der Bandera-Anhänger gegen das ukrainische Volk verteidigt Bogdan die historische Wahrheit gegen die staatlich geförderte Rehabilitierung ukrainischer Faschisten und Nazi-Kollaborateure. Seine Rede auf der internationalen Maikundgebung 2023, die er gemeinsam mit Andrei Ritsky, einem russischen Vertreter der Jungen Garde, hielt, bringt die zentrale Losung zum Ausdruck, wegen der Bogdan verfolgt wird: „Für die Einheit der russischen und ukrainischen Arbeiterklasse!“ In der Rede betont er: „Wir, die orthodoxen Trotzkisten der Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten, unterstützen diesen Krieg nicht, weder in der Ukraine noch in Russland.“ In seinem Artikel zum zehnten Jahrestag des rechtsextremen Putsches in Kiew analysiert er die Ereignisse von 2014 als entscheidende Etappe der Kriegsvorbereitung und der Wiederbelebung des ukrainischen Faschismus.

Der dritte Teil, „Der Krieg in der Ukraine. Eine sozialistische Perspektive“, stellt Bogdans Kampf in einen größeren historischen und politischen Zusammenhang. Er beginnt mit der Erklärung des Internationalen Komitees vom 24. Februar 2022 gegen die Invasion der Putin-Regierung und die Kriegstreiberei der USA und der NATO. Die Erklärung analysiert, dass der Krieg letztlich seine Wurzeln in der Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie hat, und sie legt die Grundsätze dar, die die trotzkistische Bewegung seit Beginn des Krieges geleitet haben: unversöhnliche Opposition gegen das Putin-Regime und seine reaktionäre Invasion, eine ebenso unversöhnliche Opposition gegen den US- und NATO-Imperialismus sowie der Kampf für die Einheit der russischen, ukrainischen und internationalen Arbeiterklasse. David Norths Vortrag zum 100. Jahrestag der Gründung der Linken Opposition zeigt, dass die heutigen Konflikte in der ehemaligen Sowjetunion nur auf der Grundlage der Geschichte des Kampfs verstanden werden können, den Trotzki gegen Stalinismus und Nationalismus führte. Die Erklärung der Jungen Garde über die Gefahr einer imperialistischen Aufteilung der ehemaligen Sowjetunion knüpft an diese Analyse an und warnt vor der existenziellen Bedrohung, die von der Eskalation des NATO-Kriegs gegen Russland ausgeht.

Für deutsche Leser hat dieses Buch eine besondere Bedeutung. Der deutsche Imperialismus spielt im Ukrainekrieg eine zentrale Rolle. Berlin gehört zu den wichtigsten Geldgebern, Waffenlieferanten und aktiven politischen Unterstützern des Kiewer Regimes. Die herrschende Klasse in Deutschland nutzt den Krieg, um die größte Aufrüstung seit Hitler zu rechtfertigen, die Bundeswehr zu einer „kriegstüchtigen“ Armee umzubauen und die gesamte Gesellschaft auf Konfrontation mit Russland auszurichten. Gleichzeitig werden demokratische Rechte angegriffen, Kriegsgegner diffamiert und die Sozialistische Gleichheitspartei sowie ihre Jugendorganisation International Youth and Students for Social Equality vom Verfassungsschutz ins Visier genommen.

Die historische Dimension ist unübersehbar. Achtzig Jahre nach dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion dringt der deutsche Imperialismus erneut nach Osten vor. In der Ukraine stützt er sich dabei auf ein Regime, das Nazi-Kollaborateure rehabilitiert, Denkmäler der Roten Armee zerstört und die Erinnerung an den gemeinsamen Kampf der sowjetischen Völker gegen Hitler-Deutschland auslöscht. Bogdans Schriften über die Verbrechen der Bandera-Anhänger und die Glorifizierung der Waffen-SS-Division Galizien sind deshalb nicht bloß historische Studien. Sie sind eine politische Warnung. Die Fälschung der Geschichte dient der Vorbereitung neuer Verbrechen.

Der Kampf für Bogdans Freiheit ist daher ein zentraler Bestandteil des Kampfs gegen Imperialismus, Völkermord und Faschismus. Die Angriffe auf demokratische Rechte in der Ukraine, die Unterdrückung von Protesten gegen den Völkermord in Gaza, die Verfolgung von Migranten und Kriegsgegnern in den USA und Europa, die Aufrüstung der Polizei- und Geheimdienstapparate und die Förderung rechtsextremer Kräfte sind keine voneinander getrennten Entwicklungen. Sie entspringen derselben Krise des kapitalistischen Systems, das die herrschenden Klassen wieder zu Krieg und Diktatur treibt.

Dieses Buch ist deshalb kein Dokument zur passiven Lektüre. Es ist eine Waffe im politischen Kampf. Jeder Leser sollte den Fall Bogdan studieren, aber dabei nicht stehen bleiben. Bogdan kann nur durch eine internationale Massenkampagne befreit werden, die Arbeiter, Jugendliche, Studierende, Künstler und kritische Intellektuelle mobilisiert. Die Petition für seine Freilassung muss verbreitet werden. Veranstaltungen müssen organisiert, Resolutionen verabschiedet, Kollegen, Mitschüler, Kommilitonen, Freunde und Familienangehörige informiert werden. Dieses Buch muss in Betrieben, Schulen, Universitäten und Stadtteilen zirkulieren und zum Ausgangspunkt politischer Diskussionen über Krieg, Faschismus und Sozialismus werden.

Bogdan sitzt im Gefängnis, weil er für eine Wahrheit kämpft, die die herrschenden Klassen fürchten: dass die Arbeiter in der Ukraine und Russland keine Feinde sind; dass der Krieg nicht im Interesse der arbeitenden Bevölkerung geführt wird; dass die Alternative zur imperialistischen Barbarei nicht nationaler Chauvinismus, sondern die internationale sozialistische Revolution ist.

Seine Freiheit wird nicht durch Appelle an die Regierungen erkämpft, die diesen Krieg führen und unterstützen. Sie kann nur durch die bewusste Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse errungen werden. In diesem Sinn ist der Kampf für Bogdan Syrotjuk ein Prüfstein für alle, die sich gegen Krieg und Diktatur stellen. Er ist ein Aufruf zum Handeln.

Freiheit für Bogdan Syrotjuk!

Stoppt den Ukrainekrieg!

Für die Einheit der ukrainischen, russischen und internationalen Arbeiterklasse!

Baut das Internationale Komitee der Vierten Internationale auf!

Johannes Stern

Berlin, 9. Juni 2026

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