Roger Waters veröffentlicht Neuinterpretation des Pink-Floyd-Klassikers „Comfortably Numb“ als Plädoyer für Rechte der Palästinenser

Roger Waters, einer der Gründungsmitglieder der britischen Rockband Pink Floyd, hat zusammen mit der palästinensischen Sängerin Mona Miari eine neue neunminütige Version des bekannten Pink-Floyd-Songs „Comfortably Numb“ aufgenommen. Es ist eine starke Neuinterpretation eines klassischen Rock-Klageliedes in Form einer Anklage gegen den Völkermord im Gazastreifen und eines Plädoyers für internationale Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung.

Roger Waters und Mona Miari

Mehrere neue englische und arabische Verse verändern den ursprünglichen satirischen Refrain der Resignation „I have become comfortably numb“ zu dem Schwur „I will never become comfortably numb / لن أسمحَ أن أُصبحَ مُخدَّرًا ومرتاح.“ Die neue Version endet mit der Aussage „Palestine must be free… with equal rights, for everyone, from the river to the sea.“

„Comfortably Numb Re-Imagined“ wurde am 12. Juni veröffentlicht, als Interpreten werden Waters und Miari genannt. Der Song ist um Piano, Streich- und Schlaginstrumente und mehrschichtigen Gesang arrangiert. Waters und Miari erklären ausdrücklich, das Projekt sei eine Antwort auf den „anhaltenden Völkermord im Gazastreifen“.

Die Veröffentlichung geht zudem mit einer Spendensammlung für den Palestine Children's Relief Fund einher und steht in Verbindung mit einem Netzwerk von Gruppen, die Projekte für politische Bildung, Graswurzelorganisation und unabhängige Medien betreiben, bei denen Palästina im Mittelpunkt steht.

Das Musikvideo zeigt abwechselnd Aufnahmen von Waters und Miari im Studio in New York und Schwarzweißaufnahmen des palästinensischen Fotografen Suhail Nassar und seines Teams von den Trümmern im Gazastreifen. Es stellt das Bildmaterial des Projekts als etwas dar, das denjenigen gehört, die den Krieg durchgemacht haben.

Für Miari, die unter israelischer Besatzung aufwuchs, ist die Zusammenarbeit einen Akt des Erzählens. Sie erklärt: „Ich bin mein Volk, ich erzähle meine Geschichte.“ Waters beschrieb die Komposition als „organische“ Korrespondenz zwischen „einem alten Typen in New York City“ und einer palästinensischen Künstlerin auf der anderen Seite des Ozeans.

Waters erklärte die Abweichung von der bekanntesten Zeile des Originals eine Botschaft der bewussten Verweigerung gegenüber dem Druck, sich angesichts der Gräueltaten, die an den Palästinensern verübt werden, herauszuhalten, auf politische Aussagen zu verzichten und sich in Taubheit zurückzuziehen.

Ausschnitt aus dem Musikvideo

In einem Interview mit Wired erklärt Waters, er hoffe darauf, dass seine Hörer schließlich erkennen werden, dass „es ein Richtig und ein Falsch gibt. Das ist nicht kompliziert und dieser Song steht auf der richtigen Seite der Geschichte“. Er verbindet die Weigerung, passiv zu sein, mit moralischer Klarheit und politischem Bewusstsein.

Im neuen englischsprachigen Text wird die Perspektive des Songs durch Gesang in Form gesprochener Worte verändert:

Ich fühle deinen Schmerz aus New York City / Ich fühle deinen Schmerz über das Meer / Das entfernte Schiff am Horizont / ruft nach dir und mir.

Weiter im Text heißt es:

Wir wussten nichts von der Nakba / ich war ‘48 erst fünf Jahre alt / Wir wussten nicht, was dort drüben passierte / Es bricht mir das Herz, dass ich erst so spät dazu kam / Du hast uns alle mit deinem Aufruf erreicht / Jetzt stehen wir vor dem Tor.

Die offizielle Website des Projekts enthält den vollständigen zweisprachigen Text und Übersetzungen der neuen Texte, sodass der Leser Miaris arabische Verse als roten Faden innerhalb des neu aufgelegten Stücks verfolgen können.

Miari kommt nach Waters‘ Intro mit einer Antwort aus den Ruinen von Gaza hinzu:

Nach allem, was passiert ist / Ist keiner mehr da / Es gibt keine Worte mehr / Warum überhaupt fragen? / Das alles ist weg / Zuhause, geliebtes Zuhause

Mona Miari

In ihrer zweiten größeren, auf Arabisch gesungenen Passage ersetzt sie die Selbstreflexion des Originals durch eine Erklärung ihrer Generation:

Als ich jung war, träumte ich von Freiheit / Heute nährt die Hoffnung, wer ich bin / Wir sind Wurzeln, die Stein durchbrechen / Aus den Trümmern gebären wir unser Schicksal / Wir sind das Licht nach der Dunkelheit / Wir sind, was versprochen wurde, wir sind der Traum.

Waters erklärt, das Projekt sei dem palästinensischen politischen Konzept der „Sumüd“ zuzuordnen – ein arabischer Begriff, der als „Standhaftigkeit“ übersetzt werden kann, aber eine tiefere Konnotation von tief verwurzeltem, kollektivem Durchhaltevermögen hat. Er erklärte, der Song sei „Teil von Sumüd... der Ausdauer, sich der Besetzung von ganz Palästina zu widersetzen, ganz Palästina, nicht nur... Gaza und das Westjordanland. Wir sprechen von dem ganzen Gebilde vom Fluss bis zum Meer.“

Mit Blick ein Jahrzehnt in die Zukunft erklärt Miari, sie hoffe darauf, dass „wer auch immer sich ‚Comfortably Numb Re-Imagined‘ anhört, auch ein freies Palästina erleben und das Lied als Zeugnis der Wahrheit und dessen, was passiert ist, verstehen kann und einfach dieses Gefühl von Widerstand und das Verlangen nach Freiheit zu wertschätzen.“

Sie betonte, das Werk sei nicht als Protestlied vorgesehen, sondern als „Aufruf zum Handeln... der alle zwingt, sich mit der Sache auseinanderzusetzen und sie zu verstehen und sich ihrem Unbehagen über diese Wahrheit zu stellen.“

Waters‘ Zusammenarbeit mit Miari ist die jüngste in einer Reihe von Aktionen im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte, in denen er zu einem der bekanntesten westlichen Musiker wurde, der offen die Rechte der Palästinenser unterstützt und Israel als Apartheidsstaat bezeichnet.

Roger Waters

Waters hat sein kreatives Schaffen und seine Äußerungen zunehmend als Akt der Verteidigung der allgemeinen Menschenrechte charakterisiert, sich auf die Charta der Vereinten Nationen berufen und sich gegen ethnische Säuberung und militärische Besetzung ausgesprochen.

Als Reaktion auf die anhaltenden Verleumdungen seitens der Verteidiger des Massenmordes im Gazastreifen, er sei Antisemit, erklärte Waters dieses Jahr in einem Interview: „Ich trage keinen Hauch von Antisemitismus in mir, das war gestern nicht so und wird auch morgen nicht so sein... Mir geht es um die Menschenrechte für meine Brüder und Schwestern, wer auch immer sie sind. Hautfarbe, Religion, Nationalität oder politische Einstellung sind mir völlig egal.“

Waters hat die Angriffe auf ihn direkt mit den organisierten Versuchen des israelischen Staates und seiner Verbündeten in Verbindung gebracht, Widerstand gegen zionistische Politik mit Antisemitismus in einen Topf zu werfen. Er betont zurecht, dass solche Kampagnen darauf abzielen, abweichende Stimmen einzuschüchtern und zum Verstummen zu bringen.

Zu dem neuen Song erklärte Waters, er und Miari verstünden sich als „Teil eines existenziellen Kampfes für die ganze Menschheit, für die Seele der Menschheit“ und ruft seine Zuhörer auf, sich „dem Widerstand gegen die Besatzung“ anzuschließen.

„Comfortably Numb Re-Imagined“ ist Waters‘ zweite Neuinterpretation des Liedes. Im Jahr 2022, während der „Lockdown Sessions“, veröffentlichte Waters eine abgespeckte Version von „Comfortably Numb“, die hauptsächlich aus Gesang, Synthesizer und Streichinstrumenten bestand und bei der das E-Gitarren-Solo aus dem Original entfernt wurde.

Als „Comfortably Numb“ erstmals 1979 auf dem Pink Floyd-Album „The Wall“ erschien, sollte der Text den Zustand eines Rockstars schildern und kritisieren, der psychisch so kaputt ist, dass er vor seinem Auftritt durch Medikamente in einen funktionsfähigen Stupor gebracht werden muss. Die erwähnte „Taubheit“war eine Empfindungslosigkeit, die durch die Entfremdung des „Stars“ von seinem Publikum und seinem eigenen Körper hervorgebracht wurde.

In „Comfortably Numb Re-Imagined“ schlagen Water und Miari einen anderen Weg ein. Die „Taubheit“, die sie zurückweisen, ist nicht einfach der Rückzug eines einzelnen Künstlers aus Selbstschutz, sondern die kultivierte Gleichgültigkeit der Politik, der Regierungen, Medien und Kulturinstitution angesichts von Livestreams von Kriegsverbrechen im Gazastreifen.

Die eindringliche Melodie und der bekannte Refrain dienen dazu, zu betonen, dass es dringend notwendig ist, dass die Zuschauer und Zuhörer etwas gegen die Luftangriffe, das Aushungern und die Vertreibung der Palästinenser in Gaza unternehmen. Waters und Miari stellen Sumüd (Standhaftigkeit) einer Passivität und Untätigkeit entgegen und appellieren an die Öffentlichkeit, eine „angenehme Taubheit“ zu überwinden und sich der globalen Bewegung zum Kampf für die Palästinenser anzuschließen.

Loading