Seit Mai gab es im Einzelhandel in Berlin/Brandenburg sechs Streikphasen mit mindestens zehn angekündigten Streiktagen; zuletzt wurde am 1. und 2. Oktober gestreikt. Während die 220.000 Beschäftigten für angemessene Löhne kämpfen wollen, versucht die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) Reallohnsenkungen und Bettellöhne gegen die Beschäftigten durchzusetzen.
Beim bundesweiten Auftakt am 15. Mai – in allen Bundesländern fanden oder finden in diesem Jahr Tarifrunden im Einzelhandel statt – versammelten sich rund 5.000 Beschäftigte auf dem Wittenbergplatz in Berlin-Schöneberg. Bestreikt wurden mehr als 200 Betriebe – Edeka, Rewe, Kaufland, Penny, Douglas, Primark, Zara, H&M, Metro und Ikea. Doch statt die enorme Kampfkraft der Belegschaften aus den Betrieben zu bündeln und die Logistikketten der Handelsmilliardäre vollständig lahmzulegen, organisierte der Gewerkschaftsapparat seitdem lediglich sechs isolierte Streikphasen.
Denn Verdi hat nicht vor, die ursprüngliche Forderung durchzusetzen: 7 % mehr Lohn, mindestens aber 222 Euro monatlich bei einer Laufzeit von 12 Monaten. In Nordrhein-Westfalen unterschrieb die Verdi-Führung bereits am 26. August 2026 einen Pilotabschluss, dessen Umsetzung Verdi auch in Berlin und Brandenburg fordert.
Der NRW-Abschluss bedeutet jedoch Reallohnsenkungen und das gerade bei einer der Beschäftigtengruppen, die am unteren Ende der Lohnskala schuftet. Bei einer Laufzeit von 25 Monaten steigen die Entgelte rückwirkend zum 1. August 2026 um 3 Prozent und zum 1. Mai 2027 um weitere 2 Prozent; schon die erste Stufe bleibt hinter der Septemberinflation von 3,3 Prozent zurück. Verdi hat nur noch nicht in Berlin und Brandenburg abgeschlossen, weil die Unternehmen sich gegen die Angleichung der Löhne in Ost und West stemmen – 36 Jahre nach der Vereinigung.
In Brandenburg und den östlichen Bezirken Berlins wird weniger verdient und länger gearbeitet. Die bloße Übernahme des NRW-Ergebnisses würde die ostdeutschen Beschäftigten weiter benachteiligen – die Angleichung, die Verdi seit Jahrzehnten verspricht, würde erneut auf Jahre verschoben.
Wir sprechen hier von unteren Lohngruppen auf Mindestlohnniveau. Und dennoch antworten die Arbeitgeber mit Hohn. Der Handelsverband Berlin-Brandenburg bietet 2 Prozent ab Dezember 2026 und weitere 1,5 Prozent ab September 2027. Die Begründung für diese saftige Reallohnsenkung ist die alte Lüge: Die Beschäftigten hätten bereits in den letzten drei Jahren 14 Prozent mehr Entgelt erhalten, es gebe keinen „Nachholbedarf'.
Diese Nominalerhöhungen sind tatsächlich eine Reallohnerhöhung von nur 2,7 Prozent – berechnet anhand der offiziellen Inflationsrate. Die Preise für Lebensmittel, Energie und Mieten, vor allem in Berlin, sind weitaus deutlicher gestiegen. Arbeiterfamilien in den unteren Lohngruppen müssen aber nahezu ihr gesamtes Einkommen für diese grundlegenden Bedarfe ausgeben. Die Lebensmittelpreise für Nahrungsmittel sind in den vergangenen fünf Jahren in Berlin um 37,2 Prozent, in Brandenburg um 38,8 Prozent gestiegen. Nutznießer davon sind auch die Discounter Aldi und Lidl, deren Eigentümerfamilien Milliarden horten.
Dieter Schwarz, der zweitreichste Milliardär Deutschlands, hat sein Vermögen im vergangenen Jahr um 7,2 Milliarden Euro vermehrt – ohne einen Karton bewegt, eine Kasse bedient oder einen Lkw gefahren zu haben. Sein Vermögen wuchs von 46,5 auf 53,7 Milliarden Euro, während die Beschäftigten seiner Lidl & Schwarz KG – zusammen mit Kaufland 14.500 Filialen in 33 Ländern – um einen Einstiegslohn von 14,90 Euro streiten. Diese 14,90 Euro, die Verdi als Einstiegsgehalt festlegen will, bedeutet bei einer alleinstehenden Verkäuferin in Vollzeit etwas mehr als 1700 Euro Nettolohn im Monat. Das sind nur 30 Cent mehr als der neue Mindestlohn. Damit kann niemand in Berlin leben. Die Beschäftigten streiten nicht um Luxus – sie streiten darum, ob sie von ihrer Arbeit leben können.
Schwarz wurde nicht reich, weil er ein paar Cent an der Kasse sparte. Er wurde reich, weil er ein System aufbaute, das mit Überwachung und unbezahlten Überstunden ein Arbeitsregime entwickelte, das jede Minute in Profit verwandelt. Der Reichtum des Eigentümers ist die Kehrseite der Ausbeutung der Belegschaft.
Doch das gilt nicht nur für dieses extreme Beispiel. Vielen Verkäuferinnen und Verkäufern geht es noch schlechter als den Beschäftigten der großen Discounter oder Mode-Ketten, die Tarif zahlen. In Berlin arbeiteten 2024 nur noch 39 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben, in Brandenburg waren es 42 Prozent.
Die Behauptung, es sei kein Nachholbedarf da, ist genauso verlogen wie die, es sei kein Geld da. Das Geld ist da. Es fließt nur in die falsche Richtung: in Panzer statt in Löhne, in die Kriegsvorbereitung statt in Wohnungen. Während die Beschäftigten um 14,90 Euro streiten, treibt die Bundesregierung – mit Zustimmung von SPD, Grünen und der Linkspartei – ein Aufrüstungsprogramm im dreistelligen Milliardenbereich voran. Der Krieg und der Bettellohn sind zwei Seiten derselben Politik. Dieselben Apparate, die die Streiks ausbremsen, haben sich hinter die Aufrüstung gestellt.
Bei Karstadt/Galeria gilt schon lange kein Tarif mehr, Verdi und Betriebsräte verordneten jahrelang Lohnverzicht und Sozialpläne, um den Konzern zu „retten“. Die Standorte wurden trotzdem geschlossen, inzwischen ist die vierte – womöglich letzte – Insolvenz angemeldet worden. Bei Rewe sitzen Arbeitnehmervertreterinnen im Aufsichtsrat und beraten über „tragfähige Lösungen', während die Beschäftigten die Kosten tragen.
Abgedeckt werden die Verdi-Bürokraten, die die Beschäftigten ausverkaufen, durch die Linkspartei. Wenn die Linken-Parteivorsitzende Ines Schwerdtner diese Woche auf einer Verdi-Kundgebung spricht, ist das keine Unterstützung für einen unabhängigen Kampf. Es ist die Linke, die ihre Duzfreunde in der Verdi-Führung deckt – wie im öffentlichen Dienst, an der Charité oder bei der BVG.
Notwendig ist die Organisation der Beschäftigten unabhängig von Verdi, in Aktionskomitees – Organe der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst, von der Basis, für die Basis. In jeder Filiale, jedem Lager, jedem Logistikzentrum wählen die Beschäftigten ihre eigenen Vertreterinnen und Vertreter: demokratisch, jederzeit abwählbar, an die Weisungen der Belegschaft gebunden und nicht an Konzernleitung, Betriebsrat oder Gewerkschaftsapparat. Aus den Filialkomitees entsteht die Koordination über Unternehmen, Bundesländer und Ländergrenzen hinweg. So wird aus den kurzen, getrennten Warnstreiks ein gemeinsamer Kampf gegen Aldi, Lidl, Kaufland, Edeka, Netto, Rewe, Penny, Amazon und Galeria zugleich.
Und zwar international. Die Konzerne haben sich längst zentral und international organisiert – Lidl und Kaufland in über 33 Ländern, Rewe in über 21, Aldi in Europa, den USA, Australien und China. Sie kennen keine Tarifgebiete, wenn es darum geht, Gewinne zu sichern. Nur die Beschäftigten sollen getrennt antreten.
Dieser Kampf ist zugleich ein Kampf gegen den Krieg. Der Krieg spaltet die Arbeiterklasse entlang nationaler Linien, während die Konzerne international vereint sind. Die Beschäftigten bei Aldi in Deutschland, bei Lidl in Frankreich, bei Kaufland in Polen und bei Amazon in den USA haben denselben Feind – und nur gemeinsam können sie ihn schlagen.
Die World Socialist Web Site unterstützt dabei. Sie berichtet über die Kämpfe, veröffentlicht Forderungen und Erklärungen und stellt die Verbindung zwischen den Belegschaften her.
Es geht nicht um eine Gnade von 14,90 Euro. Es geht um einen einheitlichen, existenzsichernden Lohn; volle Arbeitszeit für alle, die sie wollen; die Abschaffung unfreiwilliger Teilzeit; verbindliche Personalbemessung; das Ende der Tarifflucht; und das Recht der Beschäftigten, Einsicht in Bücher, Gewinne und Konzernpläne zu nehmen.
Keine Almosen. Kein regionaler Lohnrabatt. Keine Rettung der Konzerne auf Kosten der Beschäftigten. Kein Krieg für die Profite der Rüstungsindustrie. Was zentral organisiert ausgebeutet wird, muss zentral und international organisiert verteidigt werden.
Wer ein Komitee gründen will oder über die Zustände in seiner Filiale berichten will, kann sich vertrauensvoll an die WSWS wenden, über das folgende Formular oder per Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.
