IKVI
Das IKVI verteidigt den Trotzkismus 1982–1986

Ein Beitrag zu einer Kritik von G. Healys „Studien im dialektischen Materialismus“

7. Oktober—7. November 1982

Von David North

I. Einstweilige Analyse

7. Oktober 1982

1. Fünfzehn Jahre zuvor (1924) hatte Trotzki einen Kampf auf Leben und Tod gegen die stalinistische Bürokratie geführt. Stalin hatte die demagogische Forderung nach der ‚Bolschewisierung der Parteizu einem Zeitpunkt aufgestellt, als er dabei war, mit allen Mitteln die Bürokratie zu festigen und die physische Zerstörung von Trotzkis Linker Opposition vorbereitete. Die Forderung der ‚Bolschewisierungdiente Stalin lediglich als zynischer Vorwand, nicht nur, um seine Gegner physisch zu eliminieren, sondern auch, um die von der sowjetischen Arbeiterklasse errungenen demokratischen Rechte abzuschaffen und den sowjetischen Massen seine eigene persönliche Diktatur aufzuzwingen. (Studien im dialektischen Materialismus, Artikel 1, S. 1)

Das ist eine Interpretation von Stalins Rolle, die Trotzkis Analyse, an die sich die Vierte Internationale immer gehalten hat, widerspricht. Trotzki hat niemals behauptet, dass Stalin bereits 1924 bewusst die Zerstörung seiner Gegner geplant habe, um eine persönliche Diktatur zu errichten.

Wie Trotzki in seiner Stalin-Biographie schrieb:

Hätte Stalin anfänglich voraussehen können, wohin ihn sein Kampf gegen den Trotzkismus führte, er hätte zweifellos gezögert, trotz der Aussicht auf den Sieg über alle seine Gegner. Er ist aber nicht imstande, irgend etwas vorauszusehen. Die Prophezeiungen seiner Gegner, dass er der Führer der thermidorianischen Reaktion werden würde, der Totengräber der Partei und der Revolution, erschienen ihm als sinnlos. (Trotzki, Stalin, Eine Biographie, Bd. II, Rowohlt Hamburg 1971, S. 233/34)

2. Jetzt, nur wenige Monate vor seiner Ermordung, unterstrich Trotzki erneut die Notwendigkeit, die Ausbildung revolutionärer Kader im Geiste Hegels, Marx’, Engels’ und Lenins in einer ernsthaften Weise anzugehen. (I, 1)

Diese einfache Gleichstellung von Hegel mit Marx, Engels und Lenin ist ungerechtfertigt und verwirrt unnötigerweise die Grenze zwischen Materialismus und Idealismus. Hegel war ein großer Vorgänger des Marxismus. Aber historisch, politisch und theoretisch ist es falsch zu erklären, Trotzki habe versucht, Kader im Geiste Hegels auszubilden. In Wirklichkeit schreibt Trotzki in denselben Schriften, auf die sich der Autor bezieht: „Studiert Marx, Engels, Plechanow, Lenin ,und Franz Mehring!“ (Verteidigung des Marxismus, S.120).

Um den rationellen Inhalt des Hegelschen Systems zu erhalten, musste Marx gegen den Geist Hegels ankämpfen, wie er bei seinen Schülern, die sein durch und durch idealistisches System unkritisch akzeptierten, zum Ausdruck kam. Der Bedeutung Hegels wird durch eine solche Formulierung nichts hinzugefügt, aber sie ruft theoretische Verwirrung in unseren eigenen Reihen hervor. Außerdem ist das eine Formulierung, die in unserer Bewegung nie benutzt wurde. Sie jetzt einzuführen bedeutet, das Hegelsche System anders einzuschätzen, als Marx, Engels, Lenin und Trotzki das getan haben. Außerdem, wenn wir Hegel zu denen zählen, in deren Geist der Kader des IK erzogen wird, weshalb nicht auch Spinoza und die französischen Materialisten?

3. Als es darum ging, sich die dialektische Methode anzueignen und Hegel ‚materialistisch‘ zu lesen, war Trotzki ein konsequenter Leninist. Er trat nicht nur in die Fußstapfen Lenins, sondern auch in die von Marx und Engels. (I, 1)

Das verfälscht die Beziehung zwischen Trotzki und Lenin und mindert ersteren unabsichtlich herab. Schon bevor Trotzki Mitglied der Partei wurde, in der langen Periode, in der er scharfe Meinungsverschiedenheiten mit Lenin hatte, war Trotzki ein dialektischer Materialist. Die Dinge anders zu sehen, bedeutet zu sagen, Trotzki sei erst Marxist geworden, als er Leninist wurde, d.h. Mitglied der bolschewistischen Partei. Trotzki behagte außerdem der Begriff Leninismus, als sei dies eine besondere Art von Marxismus, ganz und gar nicht. Man muss hinzufügen, dass Trotzki nicht wirklich „in den Fußstapfen“ Lenins marschierte. Er war Lenins Zeitgenosse und leistete seinen eigenen, unabhängigen Beitrag zur Entwicklung des Marxismus – vor allem die Theorie der permanenten Revolution, die den Charakter der zukünftigen Revolution in Russland genauer voraussah.

4. Zwar bedeutet dies natürlich nicht, dass jeder Arbeiter, der Mitglied der Partei ist, ein bewusster Dialektiker werden wird. Doch wir bestehen darauf, dass die revolutionären trotzkistischen Führungen in allen Ländern in der dialektisch-materialistischen Methode ausgebildet werden müssen. (I, 1-2)

Ich erinnere mich, dass 1972 Trotzki kritisiert wurde, weil er genau in diesem Punkt ein Zugeständnis an Burnham gemacht habe.

5. Diese Bemerkungen Lenins sind sehr wichtig für das dialektische Training. Die Entwicklung des Bewusstseins durch Hegel und die Gründer unserer Bewegung in der Vergangenheit muss als ein unendlicher Prozess begriffen werden. (I, 2)

Diese Bemerkung scheint dem Zitat aus Lenins Was sind die Volksfreunde zu widersprechen, wo Lenin von „dem System dieser Beziehungen“ spricht, (‚Produktionsverhältnisse‘ nach der Terminologie von Marx), die „die Grundlage der Gesellschaft“ bilden, „auf der die politisch-juristischen Formen und bestimmte Strömungen des gesellschaftlichen Denkens beruhen.“

Wenn wir wirklich vom System der Produktionsverhältnisse ausgehen, als Grundlage, auf der sich der ideologische Überbau erhebt, sprechen wir nicht von der „Entwicklung des Bewusstseins durch Hegel und die Gründer unserer Bewegung.“ Erneut werden Hegel und die Marxisten mehr oder weniger gleichgesetzt.

Weiter sollten wir die „Entwicklung des Bewusstseins“ nicht einfach als einen „unendlichen Prozess“ begreifen. Es ist beides, endlich und unendlich. Hegels Beitrag zur Entwicklung des Bewusstseins ist notwendigerweise endlich, beschränkt in dem Sinne, dass er in einer bestimmten historischen Epoche gelebt und gearbeitet hat. Die Entwicklung des menschlichen Wissens ist unendlich im Sinne der gesamten Entwicklung der menschlichen Kultur. Die unendliche Entwicklung des Bewusstseins schreitet durch das endliche Denken einzelner Menschen voran. Engels hat genau in dieser Frage auf Dühring geantwortet. (Siehe „IX. Moral und Recht“).

6. Die Gründer unserer Bewegung haben uns eine wissenschaftlich abgeleitete revolutionäre Erkenntnistheorie hinterlassen, die heute den Kern unseres dialektischen Trainings bildet. Nicht allein die Entwicklung des Bewusstseins ist ein unendlicher Prozess, sondern dies gilt in gleichem Maße für die Erkenntnis der äußeren Welt. Der Prozess der Erkenntnis ermöglicht es uns heute, gewissermaßen auf ihnen aufzubauen und die historische Aufgabe zu erfüllen, für deren Lösung sie kämpften. (I, 2)

Die Erkenntnis ist nur dann nur ein unendlicher Prozess, wenn es keine endlichen Menschen gibt, die ihre reine unendliche Entwicklung verunreinigen können. Wir befinden uns nun eindeutig im Bereich der Bewegung des reinen Bewusstseins.

Die Gründer unserer Bewegung haben uns nicht nur eine revolutionäre Erkenntnistheorie hinterlassen; aber das könnte man vielleicht aus Gründen der Betonung noch akzeptieren. Das Folgende kann jedoch nicht akzeptiert werden:

„Der Prozess der Erkenntnis ermöglicht es uns heute, gewissermaßen auf ihnen aufzubauen...“

Es ist die objektive Entwicklung der kapitalistischen Weltkrise und die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse, die es uns ermöglicht, auf Trotzki und allen früheren Generationen revolutionärer Arbeiter und Kämpfer aufzubauen. Unsere Stellung in der Weltgeschichte dem Denkprozess zuzuschreiben, heißt eine völlig idealistische Position einzunehmen.

II. Fortsetzung der einstweiligen Analyse

8. Oktober 1982

Genosse G.’s Ausgangspunkt ist eine idealistische Überarbeitung Hegels. Durchbricht man die eklektischen Formulierungen, die zusammenhangslose Darstellung, die willkürlichen Übergänge (die in Hegelschem Stil durch die Benutzung von Worten wie „daher“ vollführt werden), tritt eine klare theoretische Linie in Erscheinung:

1. Hegel wird in eine historische Linie mit Marx, Engels und Lenin gestellt – ein Begründer des Marxismus, in dessen Geist revolutionäre Kader trainiert werden. Das leugnet im wesentlichen die Revolution in der Philosophie, die Marx durch seinen Bruch mit der klassischen deutschen Philosophie vollführt hat.

2. Das Studium der „objektiven Logik“ wird zur höchsten Aufgabe der Menschheit erklärt, in Abänderung von Lenins Erklärung: „Die höchste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlich Seins) in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen... „ (Lenin Werke, Bd. 14, S. 328/29)

3. Die Geschichte des Menschen, erklärt uns G., ist die Geschichte des „Wachstums des kreativen Elements ...“, nicht der Klassenkampf.

4. Das Prinzip der Objektivität wird zum „wesentlichen Unterschied zwischen dem Materialismus und dem abstrakten Idealismus“ erklärt, und nicht die Vorrangigkeit der Materie über das Denken.

5. Die Entwicklung des Bewusstseins wird zu einem „unendlichen“ Prozess erklärt, wobei sein endlicher Charakter im wirklichen Denken individueller Menschen ignoriert wird.

6. Der Erkenntnisprozess, und nicht der Prozess der kapitalistischen Weltkrise, wird zur Quelle unserer Verbindung zu den vergangenen Generationen von Marxisten gemacht.

7. Die subjektive Erkenntnis (d.h. das Selbstbewusstsein) „bedingt sich als Substanz ...“ genau wie es Hegel darstellt.

8. Der denkende Körper wird an Stelle des gesellschaftlichen Menschen gesetzt.

9. „Der theoretische Begriff“ wird als „die äußere Welt selbst“ dargestellt.

10. Der „spekulative Charakter der Erkenntnis“ (d.h. das Denken, das aus seiner Selbstbewegung entsteht) wird „betont“.

11. Wissen wird „dialektisch und materialistisch“ aus dem „Empirismus“ gewonnen.

12. Der Erkenntnisprozess wird in strikter Übereinstimmung mit dem logischen Schematismus Hegels dargestellt, sehr ähnlich wie Dühring in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vorging.

13. Kenntnis der logischen Kategorien ersetzt wirkliche Erkenntnis der konkreten Bewegung der Erscheinungen; die wesentlichen Beziehungen werden als logische Kategorien dargestellt. Diese Methode geht in folgender Weise vor: Wir entdecken die logischen Kategorien, die das Wesen der historischen Erscheinungen sind, und zeigen dann ihre Beziehungen auf „als eine Stufe der Erkenntnis in Beziehung zu anderen Kategorien wie Notwendigkeit, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit“. Anders ausgedrückt ist der wirkliche Inhalt aller Erscheinungen ihr logischer Gedankeninhalt.

14. Kurz zusammengefasst, was G. darstellt, ist roher Hegelianismus, der nur durch gelegentliche Bezugnahme auf die materielle Welt leicht verschleiert wird. Die Vorherrschaft der materiellen Welt wird jedoch als bedingt gesehen: „Unter dieser Bedingung ist das ‚Sein‘ das Primäre, das Bewusstsein das Sekundäre.“ Mit anderen Worten, es könnte Bedingungen geben, wo das Bewusstsein primär und das Sein sekundär ist. (I, 2)

15. Alles in allem ein klarer Rückzug vom Materialismus durch ein unkritisches Wiederkäuen Hegelscher Phrasen; das Bewusstsein wird als eine Form logischer Phänomenologie in jedem Individuum dargestellt; über das gesellschaftliche Bewusstsein – nil (nichts, die Red.); der historische Materialismus wird ignoriert, Alle Irrtümer der Junghegelianer und des schwachen Proudhons (d.h. „Philosophie des Elends“) werden wiederholt. Die wirkliche Bedeutung von Marx, der Hegel „auf die Füße stellt“, wird nicht erfasst. Bei der Analyse von G.’s Artikeln ist die Kritik von Lassalles Werk durch Marx und Lenin sehr nützlich.

(Als Ergebnis von all dem gelangen wir schließlich zu einer Darstellung der Wurzeln des Stalinismus, die im Gegensatz zur Analyse Trotzkis steht. Dies ist ein sehr beunruhigendes Zeichen, weil die Mystifikation der Geschichte ein Kennzeichen der Junghegelianer war.)

III. Notizen über G. Healy’s „Studien“

9.-11. Oktober 1982

1. Der dialektische Materialismus, die Erkenntnistheorie, welche die theoretische Grundlage des Marxismus als wissenschaftliche Weltanschauung bildet, war das Ergebnis der überragenden intellektuellen Leistung des jungen Karl Marx, d. h.. der Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie als Ganzen.

2. Die Überwindung Hegels durch Marx – Vorbedingung für die Ausarbeitung der materialistischen Geschichtsauffassung und gleichzeitig untrennbar verbunden mit ihr – wurde zwischen 1843 und 1847 erreicht; und diese Überwindung kann man durch ein Studium der folgenden Werke verfolgen: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843), Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, Die heilige Familie (1844), Die deutsche Ideologie (1845), und Das Elend der Philosophie (1847).

3. Die Bedeutung dieser Leistung wurde von Engels erklärt:

Marx war und ist der einzige, der sich der Arbeit unterziehen konnte, aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckungen auf diesem Gebiet umfasst, und die dialektische Methode, entkleidet von ihren idealistischen Umhüllungen, in der einfachen Gestalt herzustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenentwicklung wird. Die Herausarbeitung der Methode, die Marx’ Kritik der politischen Ökonomie zugrunde liegt, halten wir für ein Resultat, das an Bedeutung kaum der materialistischen Grundanschauung nachsteht. (Friedrich Engels: Karl Marx, ‚Zur Kritik der Politischen Ökonomie‘, MEW, Bd. 13, S. 474).

4. Zur selben Zeit, als Marx sich öffentlich als „Schüler jenes großen Denkers“ bekannte, erklärte er eindeutig:

Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. (Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des ‚Kapitals‘, MEW, Bd. 23, S. 27).

5. Marx und Engels hatten nur Spott für jene Epigonen Hegels übrig – zuerst die Alt- und Junghegelianer, später Proudhon, und noch später F. Lassalle –, die „von der Dialektik des Meisters nur die Manipulation der allereinfachsten Kunstgriffe sich angeeignet (hatten), die sie auf alles und jedes, und oft noch mit lächerlichem Ungeschick, (anwandten).“ (Friedrich Engels, ebd., S. 472). Über Lassalles unkritischen Gebrauch des Hegelschen Systems logischer Kategorien schrieb Marx: „Er wird zu seinem Schaden kennen lernen, dass es ein ganz anderes Ding ist, durch Kritik eine Wissenschaft erst auf den Punkt bringen, um sie dialektisch darstellen zu können, oder ein abstraktes System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems anzuwenden“ (Brief von K. Marx an Engels vom 1. Februar 1858, MEW, Bd. 29, S. 275),

6. Das klassische Werk des Marxismus, der Anti-Dühring, war gegen den eklektischen Hochstapler gerichtet, der vulgären Materialismus mit logischem Schematismus, basierend auf einem unkritischen Wiederkäuen Hegelscher Kategorien, verband.

Wir finden, dass Hegels Logik anfängt vom Sein – wie Herr Dühring; dass das Sein sich herausstellt als das Nichts, wie bei Herrn Dühring; dass aus diesem Sein-Nichts übergegangen wird zum Werden, dessen Resultat das Dasein ist, d. h. eine höhere, erfülltere Form des Seins – ganz wie bei Herrn Dühring. Das Dasein führt zur Qualität, die Qualität zur Quantität – ganz wie bei Herrn Dühring. (MEW, Bd. 20, S. 42-43).

7. 1914 las Lenin Hegels Logik als Materialist, d. h. vom Standpunkt des Marxismus aus; dies bedeutet natürlich, dass er sich auf die Errungenschaften von Marx stützte und versuchte, an der Aufgabe weiterzuarbeiten, „von der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckungen auf diesem Gebiet umfasst...“.

8. Lenins Philosophische Hefte gehen über die Kritik an Hegel hinaus, die Marx 70 Jahre vorher geleistet hatte. Seine Philosophischen Hefte sind eine kritische Überarbeitung der Logik. Sie haben zu tiefen Erkenntnissen geführt, die die Grundlage für die Vereinigung von Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie bilden.

9. Lenins Einstellung zum Studium von Hegel ist identisch mit derjenigen von Marx und Engels; das kann man an seinem Konspekt zu Lassalles Studie über Herakleitos sehen:

Es ist verständlich, warum Marx dieses Werk Lassalles ‚schülerhaft‘ nannte (siehe Brief an Engels vom ....) Lassalle wiederholt einfach Hegel, schreibt ihn ab, käut ihn im Zusammenhang mit einzelnen Stellen aus Heraklit millionenfach wieder und stattet seine Arbeit mit einer unwahrscheinlichen Fülle gelehrtesten, erzgelahrten Ballasts aus.

Unterschied zu Marx: bei Marx eine Unmenge Neues, und interessant ist für ihn nur die Vorwärtsbewegung von Hegel und von Feuerbach weiter, von der idealistischen Dialektik zur materialistischen ...

Marx ging in den Jahren 1844 – 1847 von Hegel weg zu Feuerbach und über Feuerbach hinaus zum historischen (und dialektischen) Materialismus. Lassalle begann ein Werk nackten, leeren, unnützen, gelahrten Wiederkäuens der Hegelei ...“ (Lenin Werke, Bd. 38 S. 323/324).

10. Gen. Healys Studien im dialektischen Materialismus leiden an einem entscheidenden Mangel: sie ignorieren im wesentlichen die Errungenschaften sowohl von Marx als auch von Lenin bei der materialistischen Überarbeitung der Hegelschen Dialektik. Hegel wird also unkritisch behandelt, im wesentlichen auf die Art und Weise der Junghegelianer, gegen die Marx gekämpft hatte.

11. Durch eine derartige Behandlung von Hegel wird nicht nur der Unterschied zwischen Materialismus und Idealismus ausradiert; Genosse Healy geht vielmehr ausdrücklich zum Idealismus über, indem er Hegel wie ein Junghegelianer erläutert. So haben wir „Bewusstsein“ als „einen unendlichen Prozess“; „Subjektive Erkenntnis“ (d. h. Selbstbewusstsein) „bedingt sich selbst als Substanz, ähnlich wie positive und negative Elektrizität“ (d.h. Denken wird zu Materie, oder wie Hegel schrieb: „Die Entäußerung des Selbstbewusstseins selbst setzt Dingheit“, (vgl. Die Phänomenologie des Geistes, Abschnitt ‚Das absolute Wissen‘, Ullstein-Ausgabe S. 436); „Subjektive Erkenntnis ist ein entscheidender Trieb“; „die geistige Welt“; „Der abstrakte Begriff muss unweigerlich zu einem ‚positiven oder theoretischen Begriff‘ werden“; „der ‚Sprung‘ der stattfindet, führt zur Praxis, unter Bedingungen, unter denen ‚das Bewusstsein sie schafft‘ “; „um den weitgehend spekulativen Charakter der Erkenntnis ... noch deutlicher zu machen ...“.

12. Gen. Healy beachtet nicht die oft wiederholten Warnungen von Marx und Engels, dass die Hegelsche Dialektik in der Form, in der sie hinterlassen worden war, unbrauchbar sei. So versucht Gen. Healy, den Erkenntnisprozess direkt aus der Hegelschen Logik zu erklären. Dies ist ein falscher Ansatz. Der Denkprozess kann ebenso wenig wie die Natur des Staates aus der Logik erklärt werden. Healy versäumt es, die Entdeckung von Marx zu berücksichtigen, dass das Hegelsche idealistische System Auswirkungen auf die Darstellung der Bewegung der logischen Kategorien nach sich zog; d. h. Marx nimmt die Kategorien Hegels nicht als geben hin. Sie selbst müssen im Geist eines konsequenten Materialismus überarbeitet werden. Marx überarbeitete die Kategorie Widerspruch, welche als Ergebnis von Hegels idealistischem Mystizismus in der Logik ihren Inhalt, den wirklichen Kampf, verliert. Hegels logische Auflösung des Widerspruchs durch Vermittlung eines Dritten wird durch Sophisterei bewerkstelligt. Gen. Healy jedoch behandelt den Widerspruch wie ein Hegelianer: „Vermittlungen finden nun auf allen Stufen der Erkenntnis statt, und hier ist es, wo die Methode der ‚dialektischen Logik‘ für die Analyse benutzt wird“.

13. Der Hauptfehler von Gen. Healys Artikel – er beruht darauf, dass er die Errungenschaften von Marx und Lenin missachtet – zeigt sich am offensichtlichsten in seiner ausgesprochenen Gleichgültigkeit gegenüber dem historischen Materialismus. Erkenntnis wird als Bewegung von Gedankenkonzepten außerhalb der von Gesetzen beherrschten, historisch sich entwickelnden gesellschaftlichen Praxis des Menschen behandelt.

a) Spinozas Begriff vom „denkenden Körper“ wird in seinem dritten Artikel ohne jegliche Erklärung seines philosophischen Ursprungs eingeführt. (Er taucht in einer Passage auf, die – ohne Quellenangabe – aus Iljenkows Dialectical Logic abgeschrieben ist. Nur eine einzige Veränderung ist vorgenommen worden. Substanz wird “als dialektische Kategorie“ angesprochen, was dem Spinoza-Plagiat Hegelschen Glanz verleiht.)

b) Gen. Healy schreibt: „Die Geschichte des Menschen ist in der Gesellschaft organisiert als Geschichte des Wachstums des kreativen Elements, der Initiative des Menschen, sowohl der Unternehmer als auch der Arbeiterklasse. Je höher das Bewusstsein der Menschen, desto höher ihre Erkenntnis der objektiven Gesetze der Natur und der Geschichte“.

Dann schreibt er über „die Tätigkeit der Dialektik“. Hier wird die Geschichte vom Bewusstsein her erklärt, nicht ausgehend von den materiellen Produktionsverhältnissen, deren Widerspiegelung das gesellschaftliche Denken nur sein kann. Das „kreative Element“ ist natürlich Bewusstsein; Gen. Healy wiederholt damit nur die Position der Junghegelianer, der „kritischen Kritiker“ – die ihre kritische Aktivität an die Stelle der „unkritischen“ praktischen revolutionären Aktivitäten der Massen setzten.

c) „Im Anfangsstadium des dialektischen Materialismus als wissenschaftlichem Studium gelangen wir sehr bald zu einem Studium der Begriffe“, schreibt Gen. Healy. Wer „wir“ ist, bleibt unklar. Für Marx und Engels jedenfalls beginnt der dialektische Materialismus nicht mit einem Studium von Begriffen, sondern mit einem Studium des wirklichen Menschen.

Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D. h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. (Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 26)

d) Der wirkliche Ausgangspunkt ist nicht der Begriff von der materiellen Welt, sondern die materielle Welt selbst. Sonst kann der Ausgangspunkt nur der eines Hegelianers sein – die Bewegung des Wirklichen aus der Bewegung der Begriffe zu erraten. Doch wir rekonstruieren nicht die Bewegung des Wirklichen aus der Bewegung des Denkens. Dies ist sowieso nicht möglich, da Denken keinesfalls eine „reine“ Widerspiegelung der äußeren Welt ist. Denken ist immer gesellschaftliches Denken. Wir zeigen daher, wie Begriffe die Widerspiegelung der materiellen Welt im Geist des gesellschaftlich handelnden Menschen sind. Sonst gilt:

Diese Vorstellungen, abgesehen von ihrer realen Grundlage (von der Stirner ohnehin absieht), als Vorstellungen innerhalb des Bewusstseins, als Gedanken im Kopfe der Menschen gefasst, aus ihrer Gegenständlichkeit in das Subjekt zurückgenommen, aus der Substanz ins Selbstbewusstsein erhoben, sind – der Sparren oder die fixe Idee. (ebd., S. 143)

14. Die im wesentlichen idealistische Entstellung des dialektischen Materialismus zeigt sich deutlich in Genossen Healys Behandlung des folgenden Abschnitts aus Lenins Materialismus und Empiriokritizismus.

a) Genosse Healy zitiert folgendermaßen:

Jeder einzelne Produzent in der Weltwirtschaft ist sich bewusst, dass er die und die Änderung in die Produktionstechnik hineinbringt, jeder Warenbesitzer ist sich bewusst, dass er die und die Produkte gegen andere austauscht, doch diese Produzenten und Warenbesitzer sind sich nicht bewusst, dass sie dadurch das gesellschaftliche Sein verändern.

Die Summe aller dieser Veränderungen in allen ihren Verästelungen hätten innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft auch 70 Marxe nicht bewältigen können. Das Höchste, was geleistet werden konnte, war, dass die Gesetze dieser Veränderungen entdeckt wurden, dass die objektive Logik dieser Veränderungen und ihrer geschichtlichen Entwicklung in den Haupt- und Grundzügen aufgezeigt wurde. (Lenin, Werke Bd. 14, S. 328)

Gen. Healy fährt dann folgendermaßen fort:

Dieser Prozess ist objektiv, ‚in dem Sinne, dass das gesellschaftliche Sein unabhängig ist von dem gesellschaftlichen Bewusstsein der Menschen‘. ‚Die höchste Aufgabe der Menschheit‘, schrieb Lenin vor 75 Jahren, ‚ist es, diese objektive Logik ... zu erfassen‘. (Bd. 14, S. 328/329).

Gen. Healys Zitierweise hat den Inhalt von Lenins Aussage auf eine Art verändert, dass sie an Hegelschen Idealismus angepasst wird. Angefangen von dem Satz, der die Worte „aufgezeigt wurde“ enthält, wollen wir Lenin zitieren und die Stellen in Klammern setzen, die Gen. Healy nicht zitiert hat:

Das Höchste, was geleistet werden konnte, war, ... dass die objektive Logik dieser Veränderungen und ihrer geschichtlichen Entwicklung in den Haupt- und Grundzügen aufgezeigt wurde [- objektiv nicht in dem Sinne, dass eine Gesellschaft von bewussten Wesen, von Menschen, existieren und sich entwickeln könnte unabhängig von der Existenz bewusster Wesen (nur diese Albernheit unterstreicht aber Bogdanow gerade mit seiner ‘Theorie‘), sondern] in dem Sinne, dass das gesellschaftliche Sein unabhängig ist von dem gesellschaftlichen Bewusstsein der Menschen. [Aus der Tatsache, dass ihr lebt und wirtschaftet, Kinder gebärt und Produkte erzeugt, sie austauscht, entsteht eine objektiv notwendige Kette von Ereignissen, eine Entwicklungskette, die von eurem gesellschaftlichen Bewusstsein unabhängig ist, die von diesem niemals restlos erfasst wird.] Die höchste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik [der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundzügen] zu erfassen, [um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen.] (ebd.)

b) Somit bleibt uns anstelle der objektiven Logik der wirtschaftlichen Evolution die objektive Logik. Von was? Das wird sofort im nächsten Absatz von Gen. Healy deutlich:

Dieses Prinzip der Übereinstimmung gestattet es uns, den objektiven Gehalt einer gegebenen Kategorie zu definieren, indem wir ihre Beziehungen aufzeigen als eine Stufe der Erkenntnis in Beziehung zu anderen Kategorien wie Notwendigkeit, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit.

Mit dem „Prinzip der Übereinstimmung“ meint Gen. Healy, wie er unmittelbar vor dem Zitat aus Materialismus und Empiriokritizismus erklärt, „die Übereinstimmung von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie“.

Diese Absätze und das zerstückelte Zitat machen deutlich, dass Gen. Healy die logischen Kategorien und ihre Beziehungen untereinander als den wesentlichen Inhalt der historischen Entwicklung betrachtet. Ist der gedankliche, logische Inhalt eines materiellen Ereignisses oder einer materiellen Tatsache einmal entdeckt, können wir ihr Wesen „als eine Stufe der Erkenntnis in Beziehung zu andern Kategorien wie Notwendigkeit, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit“ enthüllen.

Hier haben wir den ganzen logischen Mystizismus Hegels unkritisch reproduziert, und dies ist in Wirklichkeit das Wesen von Gen. Healys ganzer Auffassung von Dialektik in diesen jüngsten Artikeln. Alles reduziert sich darauf, der Abfolge der Kategorien von Hegels Logik zu folgen. Der materielle Inhalt soll aus der Logik statt – darauf bestand Marx – die Logik aus dem Inhalt entwickelt werden.

Gen. Healy hat lediglich die Fehler Proudhons wiederholt, die von Marx in Das Elend der Philosophie analysiert worden sind:

So haben die Metaphysiker, die sich einbilden, vermittelst solcher Abstraktionen zu analysieren, und die, je mehr sie sich von den Gegenständen entfernen, sie desto mehr zu durchdringen wähnen [d. h., „als eine Stufe der Erkenntnis in Beziehung zu anderen Kategorien ...“] – diese Metaphysiker haben ihrerseits recht zu sagen, dass die Dinge dieser Welt nur Stickereien sind auf einem Stramingewebe, gebildet durch die logischen Kategorien. ...

Ebenso wie wir durch Abstraktion jedes Ding in eine logische Kategorie verwandelt haben, braucht man nur von jeder unterscheidenden Eigenschaft der verschiedenen Bewegungen zu abstrahieren, um zur Bewegung im abstrakten Zustande, zur rein formellen Bewegung, zu der rein logischen Formel der Bewegung zu gelangen. Hat man erst in den logischen Kategorien das Wesen aller Dinge gefunden, so bildet man sich ein, in der logischen Form der Bewegung die absolute Methode zu finden, die nicht nur alle Dinge erklärt, sondern die auch die Bewegung der Dinge umfasst.

Es ist dies die absolute Methode, von der Hegel sagt:

‚Die Methode ist die absolute, die einzige, die höchste, unendliche Kraft, der kein Ding widerstehen kann. Sie ist die Tendenz der Vernunft, sich selbst in jedem Dinge wiederzufinden, wiederzuerkennen.‘ (Logik, Bd. III, S. 320-321.)

Ist jedes Ding auf eine logische Kategorie und jede Bewegung, jeder Produktionsakt auf die Methode reduziert, so folgt daraus, dass jeder Zusammenhang von Produkten und Produktion, von Dingen und Bewegung sich auf eine angewandte Metaphysik reduziert. Was Hegel für die Religion, das Recht etc. getan hat, sucht Herr Proudhon für die politische Ökonomie zu tun. (MEW, Bd. 4, S. 128)

15. Der Ausdruck „Hegel auf seine Füße stellen“ darf nicht benutzt werden, um die große wissenschaftliche Leistung zu verniedlichen, die in dieser Aufgabe beinhaltet ist. Worum es ging, war nichts weniger, als die materialistische Weltanschauung zu begründen, mit der die Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des Bewusstseins erfasst werden können. Das Hauptanliegen der Philosophie war nicht mehr die „Sache der Logik“, sondern die „Logik der Sache“.

Marx wies klar nach, dass das Hegelsche logische System, wenn man es so, wie es ist, anwendet, unweigerlich zu Sophisterei führt, und zwar durch die Manipulation logischer Kategorien und anschließend die Manipulation empirischer Tatsachen, um sie den vorgefassten Kategorien anzupassen.

Besonders in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie zeigte Marx die Notwendigkeit einer kritischen Überarbeitung Hegelscher Begriffe auf. Bei Hegel haben die Kategorien der Identität, Besonderheit, des Allgemeinen nur einen abstrakten und deshalb unwahren Inhalt. Hegel geht von einer unwirklichen Antithese zu einer eingebildeten Identität über. Auf diese Weise ist Hegel in der Lage, das allgemeine Staatsinteresse mit dem besonderen Privatzweck in Identität zu vereinen. Dass Hegels System schließlich zu reaktionären Zwecken verwandt werden konnte, beruht auf seiner idealistischen Struktur. Die Identität des Allgemeinen und des Besonderen kann nicht in logischen Kategorien hergestellt werden, es sei denn durch Abstraktionen ohne jeden wirklichen Inhalt. In dieser Form kann jedes beliebige Allgemeine mit jedem beliebigen Besonderen vereint werden, um nach Wunsch eine abstrakte und daher unwirkliche Identität zu liefern. Die Beziehungen zwischen Kategorien können deshalb nicht im Denken als eine Form von logischem Schematismus hergestellt werden. Allgemeines, Besonderes, Antithese, Subsumtion usw. sind Formen der Widerspiegelung der äußeren Welt im Denken; ihr wirklicher dialektischer Inhalt muss daher aus Natur (und Geschichte) selbst durch wissenschaftliche Analyse abstrahiert werden. Der spekulative Idealismus entdeckte die allgemeinen abstrakten Formen der Reflexion der Welt im gesellschaftlichen, historisch sich entwickelnden Bewusstsein des Menschen, und die Absonderung dieser Formen liefert uns die logischen Kategorien der Hegelschen Dialektik. Doch diese Kategorien kann man nicht frei in der Luft schweben lassen. Ihr materieller Inhalt muss durch das Studium von Natur und Geschichte herausgearbeitet werden.

16. Marx schrieb:

... Begreifen besteht aber nicht, wie Hegel meint, darin, die Bestimmungen des logischen Begriffs überall wiederzuerkennen, sondern die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes zu fassen. (Kritik des Hegelschen Staatsrechts; MEW, Bd. 1,S. 296).

Dies war Marx kurz bevor er seine Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt schrieb.

17. Genosse Healys Studien sind kein materialistisches Lesen von Hegel. Vielmehr stellen sie eine langatmige Wiedergabe von Hegel dar, wobei bedeutende Zugeständnisse an den Idealismus gemacht werden.

a) „Das Prinzip der OBJEKTIVITÄT beim Herangehen an die äußere Welt macht den wesentlichen Unterschied zwischen Materialismus und abstraktem Idealismus aus“. (Artikel I) Dies ist nicht wahr. Hegels Standpunkt war ebenfalls der der Objektivität. Der wesentliche Unterschied zwischen Materialismus und Idealismus (abstrakt ist überflüssig) ist die Vorrangigkeit der Materie gegenüber dem Bewusstsein.

b) „Das ‚Sein‘ ist Materie, die unabhängig vom Bewusstsein existiert und die Quelle aller Empfindung ist. Unter dieser Bedingung ist das ‚Sein‘ das Primäre, das Bewusstsein das Sekundäre“. Kann es Bedingungen geben, unter denen „Sein“ nicht primär ist? Auch Hegel erkannte das „Sein“ als die Quelle der Empfindung an, das ist in Wirklichkeit der Ausgangspunkt der Phänomenologie. Hegel konnte das Primat des Seins in diesem Sinne anerkennen. Doch dann ist es das Bewusstsein, welches primär wird.

c) „Nicht allein die Entwicklung des Bewusstseins ist ein unendlicher Prozess, sondern auch die Erkenntnis der äußeren Welt ist ein unendlicher Prozess“. Kann die „Entwicklung des Bewusstseins“ irgendetwas anderes sein als die „Erkenntnis der äußeren Welt“? Warum präsentiert uns Genosse Healy zwei verschiedene unendliche Prozesse: die „Entwicklung des Bewusstseins“ und „die Erkenntnis der äußeren Welt“? Darüber hinaus ist „die Entwicklung des Bewusstseins“ (in der Erkenntnis der äußeren Welt) beides, endlich und unendlich. Rein unendlich kann es sie nur geben als Selbstbewegung des Bewusstseins, unabhängig von all den endlichen Generationen endlicher Menschen, durch die das Denken sich historisch entwickelt hat. Genosse Healys „Unendliches“ ist die „Entwicklung des Bewusstseins“ getrennt von der „Erkenntnis der äußeren Welt, d. h., die Bewegung der Absoluten Idee.

d) Genosse Healy zitiert Lenins Philosophische Hefte: „Die praktische Tätigkeit des Menschen musste das Bewusstsein des Menschen milliardenmal zur Wiederholung der verschiedenen Figuren führen, damit diese Figuren die Bedeutung von Axiomen erhalten konnten.“ (Lenin, Werke, Bd. 38, s. 181)

Genosse Healy kommentiert dann: „Das subjektive dialektische Denken wird in der objektiven Situation milliardenmal durchdrungen, so dass das ‚Bewusstsein des Menschen‘ die ‚Bedeutung von Axiomen‘ erlangen kann“.

Dies ist eine idealistische Interpretation der Stelle bei Lenin. Letzterer beginnt mit der praktischen Aktivität des Menschen, aus der heraus sich dann Bewusstsein entwickelt. Genosse Healy beginnt mit „subjektivem dialektischem Denken“, lässt die praktische Aktivität des Menschen aus und verwandelt dann Bewusstsein in „ein Axiom“. Dieser Ansatz reproduziert lediglich die Illusion des Idealismus, die in der historischen Entwicklung des Menschen entsteht.

Engels erklärt das so:

Aber wie in allen Gebieten des Denkens werden auf einer gewissen Entwicklungsstufe die aus der wirklichen Welt abstrahierten Gesetze von der wirklichen Welt getrennt, ihr als etwas Selbständiges gegenübergestellt, als von außen kommende Gesetze, wonach die Welt sich zu richten hat. So ist es in Gesellschaft und Staat hergegangen, so und nicht anders wird die reine Mathematik nachher auf die Welt angewandt, obwohl sie eben dieser Welt entlehnt ist und nur einen Teil ihrer Zusammensetzungsformen darstellt – und grade nur deswegen überhaupt anwendbar ist. (Engels, Anti-Dühring; MEW, Bd. 20, S. 36)

Dass das Bewusstsein „die Bedeutung von Axiomen erlangen kann“, war die Auffassung von Dühring.

18. In der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie erklärt Marx die grundlegende Schwäche von Hegels idealistischer Dialektik: auf jedem Gebiet konkreter Untersuchung, dem Hegel seine Aufmerksamkeit zuwendet, haben wir immer die Logik vor uns. Die Bewegung geht also immer vom Denken aus und die Zusammenhänge sind daher diejenigen der abstrakten Logik. Im Zusammenhang mit Hegels Abhandlung zum Staat erklärte er:

Der Übergang der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft in den politischen Staat ist also der, dass der Geist jener Sphären, der an sich der Staatsgeist ist, sich nun auch als solcher zu sich verhält und als ihr Inneres sich wirklich ist. Der Übergang wird also nicht aus dem besondern Wesen der Familie etc. und dem besondern Wesen des Staats, sondern aus dem allgemeinen Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit hergeleitet. Es ist ganz derselbe Übergang, der in der Logik aus der Sphäre des Wesens in die Sphäre des Begriffs bewerkstelligt wird. Derselbe Übergang wird in der Naturphilosophie aus der unorganischen Natur in das Leben gemacht. Es sind immer dieselben Kategorien, die bald die Seele für diese, bald für jene Sphäre hergeben. Es kommt nur darauf an, für die einzelnen konkreten Bestimmungen die entsprechenden abstrakten aufzufinden. (MEW Bd. 1, S. 208/209; letzte Hervorhebung von mir)

19. Mit diesem völlig idealistischen Vorgehen bewerkstelligt Genosse Healy den Übergang von der sinnlichen Wahrnehmung zum Bewusstsein. Sein, Nichtsein, Werden, Ursache, Wirkung und innere Bewegung der Negation im Allgemeinen werden benutzt, um den Übergang von der Empfindung zu bewusstem Denken (und ebenso die Bewegung der Wertform) zu erklären. Nach „Das absolute Wesen (Negativer Schein) stellt sich unserer Erkenntnistheorie gegenüber, die zum Positiven Schein wird, wenn beide in der Antithese aufeinander treffen“, verkündet Gen. Healy: „Wir sind damit am Ende der sinnlichen Phase des Erkenntnisprozesses“.

All dies ist einfach durch Bezugnahme auf Kategorien der Hegelschen Logik erreicht worden; mit anderen Worten, ein mystischer Prozess wird uns als realer Prozess präsentiert. Gen. Healy zitiert zwar ein Bruchstück von Seite 273 aus Lenins Band 38, lässt aber eine sehr wichtige Bemerkung auf Seite 271 aus:

Der Anhänger der Dialektik Hegel vermochte nicht den dialektischen Übergang von der Materie zur Bewegung, von der Materie zum Bewusstsein zu begreifen – besonders das zweite nicht. Marx hat den Fehler (oder die Schwäche?) des Mystikers berichtigt.

NB:

Dialektisch ist nicht nur der Übergang von der Materie zum Bewusstsein, sondern auch von der Empfindung zum Denken etc.

20. Lenin entwickelt diese Kritik weiter zu einem positiven Vorschlag, wie die Erkenntnistheorie entwickelt werden sollte. Er schließt dabei sowohl die Psychologie als auch die Physiologie der Sinnesorgane mit ein. Man sollte beachten, dass er diese beiden seinen Vorschlägen, einer Geschichte der einzelnen Wissenschaften, der geistigen Entwicklung des Kindes, der geistigen Entwicklung der Tiere, der Sprache, hinzugefügt hat. Und er stellt dazu fest: Dies die Wissensgebiete, aus denen sich Erkenntnistheorie und Dialektik aufbauen sollen, kurz, Geschichte der Erkenntnis überhaupt, das ganze Gebiet des Wissens. (Lenin, Werke, Bd. 38, S. 335)

21. So hat Lenin die Entwicklung der Dialektik begriffen; dies war sein Vorschlag dafür, wie die zuerst von Hegel erarbeitete Dialektik materialistisch vertieft werden sollte. Die wesentliche Schwäche von Gen. Healys Ansatz ist, dass er sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt: zurück zur mystischen Konstruktion von Hegelschen Kategorien, die dann als Universalschlüssel benutzt werden. Mit anderen Worten, er hält das mystische System aufrecht. Dieser Ansatz kann nicht richtig sein.

IV. Weitere Notizen über G. Healys „Studien“

11.-16. Oktober 1982

„Idealistisches Denken ist immer spekulativ, weil es den Widerspruch ausschließt.??? (Pkt. I, S. 12)

Dies ist in zweierlei Hinsicht falsch. Idealistisches Denken wird so hingestellt, als ob es Widerspruch ausschließe, und das, so wird gesagt, sei seine spekulative Natur.

1. Es war der Idealismus, der zuerst den Widerspruch ausgesprochen und zur Grundlage der Logik gemacht hat; in Wirklichkeit war dies gerade die große Errungenschaft spekulativen Denkens. Die dialektische Methode ist das Ergebnis idealistischer Spekulation.

2. Hegel stellt eindeutig dem „gewöhnlichen“ das „spekulative“ Denken gegenüber, wobei ersteres „den Widerspruch verabscheut...“ (Vgl. Hegel, Wissenschaft der Logik).

3. Es war der mechanische Materialismus, der den Widerspruch ausschloss – und das war sein Hauptmangel.

4. „... der Prozess der Erkenntnis begreift das Bewusstsein nicht lediglich als passive Widerspiegelung des ‚Seins‘ (Pkt. I, S. 10).

Der ERKENNTNISPROZESS hat die Eigenschaft eines menschlichen Wesens bekommen; er ist nicht mehr ein Prozess, er ist eine Person geworden, die begreift!

5. „Jedes qualitativ unterschiedene Objekt hat sein eigenes quantitatives Objekt. Es hat seine eigenen quantitativen Eigenschaften, die sowohl unbeweglich wie unveränderlich sind.“ (Pkt. 3, S. 6).

Es gibt in der Natur nichts, was unbeweglich unveränderlich ist; denn die Bewegung ist die Existenzweise der Materie.

6. Die Stelle wird durch das, was unmittelbar darauf folgt, noch obskurer: „Gerade dieser Veränderung jedoch sind notwendigerweise bestimmte Grenzen gesetzt ...

Von Unbeweglichkeit und Unveränderlichkeit sind wir jetzt angelangt bei „gerade dieser Veränderung“!

7. „Die Selbstbewegung der Materie ist nur für die Bewegung des Denkens durch den Schein, die Erscheinung und die Wirklichkeit verantwortlich; sobald Stadium des abstrakten Begriffes erreicht ist, erzeugt die Praxis selbst die Selbstbewegung der Materie.“

Die Selbstbewegung der Materie ist die Existenzweise des Universums. Praxis, menschliche Praxis, ist Teil der Bewegung der Natur. Ist die Selbstbewegung der Materie für die Praxis nicht verantwortlich?

8. „Die Materie als solche könnte ohne die Fähigkeit der Wechselwirkung der Partikel untereinander auf allen Ebenen nicht existieren.“ (Pkt. 3, S. 7)

Vom Standpunkt der Naturwissenschaft ist das eine absurde Aussage. Engels schrieb dazu in Dialektik der Natur:

NB. Die Materie als solche ist eine reine Gedankenschöpfung und Abstraktion. Wir sehen von den qualitativen Verschiedenheiten der Dinge ab, indem wir sie als körperlich existierende unter dem Begriff Materie zusammenfassen. Materie als solche, im Unterschied von den bestimmten, existierenden Materien, ist also nichts Sinnlich-Existierendes. (MEW, Bd. 20, S. 519)

„Materie als solche“ gibt es nicht; und gerade die Verwendung dieses Begriffs lässt erkennen, in welchem Maße Genosse Healy sich in Hegels mystischer Ausdrucksweise eingehüllt hat – um den Preis der Aufgabe des dialektischen Materialismus.

Ein dialektischer Materialist würde einfach festgestellt haben, dass, wie die Naturwissenschaft bewiesen hat, die Interaktion von Teilchen eine allgemeine Eigenschaft der Materie in Bewegung ist.

9. Wenn wir uns die umfassendste Betrachtungsweise des Materials zunutze machen wollen, das durch empirische Beobachtung und Untersuchung gesammelt wurde, und dies unter Bedingungen tun, in denen das dialektisch und materialistisch aus dem Empirismus gewonnene Wissen immer reichere und größere Quellen des Wissens erschließt, dann müssen wir bereit sein, ‚den Stier bei den Hörnern zu packen‘ (Pkt. 3, S. 8; Hervorhebung von D.N.).

Das übertrifft sogar Hansens „konsistenter Empirismus gleich dialektischer Materialismus“. Jetzt gewinnen wir sogar dialektisch und materialistisch Wissen aus dem Empirismus. Die zwei entgegengesetzten Methoden werden vereint, indem dialektisch und materialistisch als Adverbien für das Vorgehen des Empirismus benutzt werden. Wie können wir Kader erziehen, wenn wir lehren, dass der Empirismus, eine bestimmte Richtung in der bürgerlichen Ideologie, Wissen dialektisch und materialistisch gewinnt? Wenn wir sagen wollen, dass alles Wissen dialektisch und materialistisch gewonnen wird, in dem Sinne, dass der Mensch Teil der Natur ist, dessen Denken in Übereinstimmung mit ihren objektiven Gesetzen vor sich geht, dann sprechen wir über „unbewusste Dialektik“, die wie Trotzki feststellte, sowohl auf die Bauersfrau zutrifft, wenn sie ihre Fleischbrühe abschmeckt, als auch auf den Fuchs, wenn er ein Huhn ins Auge fasst. Doch der dialektische Materialismus ist eine bewusste Methode und sie wird entwickelt im Kampf gegen den Empirismus; und man gewinnt nichts dabei, wenn man die beiden zusammenwirft.

10. Wenn die Subjektive Erkenntnis durch die Antithese die ‚Erkenntnistheorie‘ durchdringt, bedingt sie sich selbst als Substanz, ähnlich wie positive und negative Elektrizität. (Pkt. 3, S. 6)

Das ist durch und durch mystischer Hegelianismus. Der Mensch wird in „Selbstbewusstsein“ verwandelt, auf das Gen. Healy sich als subjektive Erkenntnis zu beziehen beliebt. Subjektive Erkenntnis ist nicht mehr eine Eigenschaft des Menschen; vielmehr wird sie in ein unabhängiges Subjekt verwandelt, das in der Lage ist, „sich selbst als Substanz zu bedingen“.

Von da gelangt Gen. Healy zur Substanz „als dialektische Kategorie“. Damit mystifiziert er den spinozistischen Begriff der Substanz – die nicht mehr Substanz als Substanz ist, sondern Substanz als dialektische Kategorie – als eine Vorgehensweise der subjektiven Erkenntnis. Mit anderen Worten: Spinoza la Hegel!

Ohne sich dessen bewusst zu sein, ist es Gen. Healy gelungen, fast Wort für Wort die ganze Richtung Kritischer Mystifikation zu reproduzieren, gegen die Marx in der Heiligen Familie kämpfte:

Einige Zitate werden zeigen, dass die Kritik durch die Überwindung des Spinozismus zum Hegelschen Idealismus, von der ‚Substanz‘ zu einem andern metaphysischen Ungeheuer, zu dem ‚Subjekt‘, der ‚Substanz als Prozess‘ dem ‚unendlichen Selbstbewusstsein‘ kam und dass das schließliche Resultat der ‚vollendeten‘ und ‚reinen‘ Kritik die Wiederherstellung der christlichen Kreationstheorie in spekulativer, Hegelscher Form ist. (MEW, Bd. 2, S. 145)

Interessanterweise kann man wirklich die ganze Terminologie an dieser oder jener Stelle der Studien wiederfinden: „vollendet“, „unendliches Selbstbewusstsein“, „Substanz“, „Subjekt“, usw..

Herr Bauer lässt ... ‚die Substanz aus ihrer logischen Einfachheit heraustreten und in der Macht der Gemeinde eine bestimmte Form der Existenz annehmen‘. Er wendet den Hegelschen Wunderapparat an, welcher die ‚metaphysischen Kategorien‘ – die aus der Wirklichkeit extrahierten Abstraktionen – aus der Logik, wo sie in die ‚Einfachheit‘ des Gedankens aufgelöst sind, herausspringen und ‚eine bestimmte Form‘ der physischen oder menschlichen Existenz annehmen, sich inkarnieren lässt. Hinrichs hilf! (ebd., S. 145 )

„Auch bei Bauer ist das Selbstbewusstsein die zum Selbstbewusstsein erhobene Substanz oder das Selbstbewusstsein als die Substanz, das Selbstbewusstsein ist aus einem Prädikate des Menschen in ein selbständiges Subjekt verwandelt. Es ist die metaphysisch-theologische Karikatur des Menschen in seiner Trennung von der Natur. Das Wesen dieses Selbstbewusstseins ist daher nicht der Mensch, sondern die Idee, deren wirkliche Existenz es ist. Es ist die menschgewordene Idee und darum auch unendlich. Alle menschlichen Eigenschaften verwandeln sich daher mysteriöserweise in Eigenschaften des imaginären ‚unendlichen Selbstbewusstseins‘. Herr Bauer sagt daher ausdrücklich von diesem unendlichen Selbstbewusstsein, dass alles in ihm seinen Ursprung und seine Erklärung, d.h. seinen Existentialgrund finde. Hinrichs hilf! (ebd., S. 146)

11. Betrachte die folgende Stelle bei Gen. Healy zur Veranschaulichung der oben beschriebenen Methode:

Die subjektive Erkenntnis ist ein entscheidender Trieb; sie wird durch die Antithese und die Durchdringung in die ‚Erkenntnistheorie‘ und in die geistige Welt (!), die das Individuum verkörpert (!!), negiert, in welcher sich Kausalität und Substanz zur Wechselwirkung und durch die Notwendigkeit zum Sprung und zum abstrakten Begriff entwickeln. (Pkt. 3, S. 6)

Von der subjektiven Erkenntnis in die „Erkenntnistheorie“, von dort in die „geistige Welt“, die das Individuum „verkörpert“. Einfach ausgedrückt: Subjektive Erkenntnis (Denken) wird negiert (oder entfremdet) in die geistige Welt, die das Individuum verkörpert. Das ist reinster Idealismus: Das Individuum ist in der geistigen Welt verkörpert; der Mensch ist Selbstbewusstsein.

12. Um den letzten Zweifel über die spekulative Konstruktion der ganzen Argumentation auszuräumen, wollen wir zu einer Stelle etwas weiter unten gehen:

Der abstrakte Begriff schließt den dialektischen Prozess des Denkens innerhalb der Selbstbeziehung zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen und umgekehrt ab. Der theoretische Begriff ist die äußere Welt selbst, die dem Begriff die positive Seite verleiht. Aus dem subjektiven Selbstimpuls ist der praktische Impuls hervorgegangen, d.h. aus dem Denken die objektive Praxis.

Wir sind schon dahingehend belehrt worden, dass die geistige Welt das Individuum verkörpert. Das Individuum kann dann bestenfalls subjektive Erkenntnis sein. Was ist die Selbstbeziehung zwischen dem Einzelnen und Allgemeinen? Bei Hegel besteht sie zwischen dem absoluten Geist und der dialektischen Bewegung des Bewusstseins. Weiter: der theoretische Begriff, so wird uns gesagt, ist die äußere Welt (!!), die dem Begriff lediglich die „positive Seite verleiht“.

Die ganze Vorstellung, auf der dies beruht, kommt daher, dass der Mensch nur als Selbstbewusstsein, als Denken begriffen wird. Wie bei jedem Idealismus wird „die Bewegung des Universums erst in seiner idealen Selbstbewegung wahrhaft und wirklich.“ (MEW, Bd. 2, S. 151)

Weil Hegel hier das Selbstbewusstsein an die Stelle des Menschen setzt, so erscheint die verschiedenartigste menschliche Wirklichkeit nur als eine bestimmte Form, als eine Bestimmtheit des Selbstbewusstseins. Eine bloße Bestimmtheit des Selbstbewusstseins ist aber eine ‚reine Kategorie‘, ein bloßer ‚Gedanke‘, den ich daher auch im ‚reinen‘ Denken aufheben und durch reines Denken überwinden kann. In Hegels ‚Phänomenologie‘ werden die materiellen, sinnlichen, gegenständlichen Grundlagen der verschiedenen entfremdeten Gestalten des menschlichen Selbstbewusstseins stehengelassen, und das ganze destruktive Werk hatte die konservativste Philosophie zum Resultat, weil es die gegenständlicheWelt, die sinnlich wirkliche Welt überwunden zu haben meint, sobald es sie in ein ‚Gedankending‘, in eine bloße Bestimmtheit des Selbstbewusstseins verwandelt hat und den ätherischgewordenen Gegner nun auch im ‚Äther des reinen Gedankens‘, auflösen kann. Die ‚Phänomenologie‘ endet daher konsequent damit, an die Stelle aller menschlichen Wirklichkeit das ‚absolute Wissen‘ zu setzen – Wissen, weil dies die einzige Daseinsweise des Selbstbewusstseins ist und weil das Selbstbewusstsein für die einzige Daseinsweise des Menschen gilt – absolutes Wissen, eben weil das Selbstbewusstsein nur sich selbst weiß und von keiner gegenständlichen Welt mehr geniert wird. Hegel macht den Menschen zum Menschen des Selbstbewusstseins, statt das Selbstbewusstsein zum Selbstbewusstsein des Menschen, des wirklichen, daher auch in einer wirklichen, gegenständlichen Welt lebenden und von ihr bedingten Menschen zu machen. Er stellt die Welt auf den Kopfund kann daher auch im Kopf alle Schranken auflösen, wodurch sie natürlich für die schlechte Sinnlichkeit, für den wirklichen Menschen bestehen bleiben. Überdem gilt ihm notwendigerweise alles das als Schranke, was die Beschränktheit des allgemeinen Selbstbewusstseins verrät, alle Sinnlichkeit, Wirklichkeit, Individualität der Menschen wie ihrer Welt. Die ganze ‚Phänomenologie‘ will beweisen, dass das Selbstbewusstseindie einzige und alle Realität ist.“ (ebd., S. 203/204)

„Es versteht sich endlich von selbst, dass, wenn Hegels ‚Phänomenologie‘ ihrer spekulativen Erbsünde zum Trotz an vielen Punkten die Elemente einer wirklichen Charakteristik der menschlichen Verhältnisse gibt, Herr Bruno und Konsorten dagegen nur die inhaltslose Karikatur liefern, eine Karikatur, die sich damit begnügt, irgendeine Bestimmtheit aus einem geistigen Produkt oder auch aus realen Verhältnissen und Bewegungen herauszunehmen, diese Bestimmtheit in eine Gedankenbestimmtheit, in eine Kategorie zu verwandeln und diese Kategorie für den Standpunkt des Produkts, des Verhältnisses und der Bewegung auszugeben, um nun mit altkluger Weisheit vom Standpunkt der Abstraktion, der allgemeinen Kategorie, des allgemeinen Selbstbewusstseins auf diese Bestimmtheit triumphierend herabsehen zu können. (ebd., S. 205)

V. Notizen zu einer Kritik an Genosse Healys 'Studien' (Forts.)

4. November 1982

Artikel 1: „Subjektiver Idealismus heute“

1. „Dialektische Materialisten lernen die Welt zuerst durch einen Prozess der Erkenntnis kennen.“

Was ist mit „dialektischen Materialisten“ im Gegensatz zu allen anderen Menschen gemeint? Soll damit behauptet werden, dass „dialektische Materialisten“ die Welt zuerst auf eine andere Weise kennen lernen als alle anderen Menschen?

Was ist überhaupt gemeint, mit „lernen die Welt zuerst durch einen Prozess der Erkenntnis kennen“? Sowohl in der Geschichte als auch in ihrem individuellen Lebenslauf lernen die Menschen „die Welt zuerst“ durch Praxis „kennen“. Es ist die historische Entwicklung gesellschaftlicher Praxis, die Bewusstsein hervorbringt und auch seine spezifischen Formen, in denen die äußere Welt erkannt wird.

2. Als Formen der Bewegung und der Veränderung der äußeren Welt werden diese Bilder als Begriffe von Erscheinungen verarbeitet. Durch ihre Auflösung von der positiven Sinnesempfindung in ihr abstraktes Negatives negiert, werden sie wiederum als die Natur des Scheins in den positiven Schein negiert, der die Erkenntnistheorie des Menschen darstellt. Während dieses Prozesses der Durchdringung werden diese Bilder als Gedankenformen durch die Wissenschaft des Denkens und der Vernunft, die dialektische Logik, analysiert.

Genosse G. Healy benutzt die Sprache der Hegelschen Mystifikation, um bei einer völlig idealistischen und ahistorischen Konzeption von der Entwicklung der Erkenntnis zu landen. Er stellt in mystischer Sprache („durch ihre Auflösung von der positiven Sinnesempfindung in ihr abstraktes Negatives negiert, werden sie wiederum ... negiert“) die leere, abstrakte Form der Bewegung des Denkens als den wirklichen Prozess begrifflichen Denkens hin. Aber bei all dem erzählt er uns absolut nichts darüber, wie wirkliche Begriffe entwickelt worden sind und entwickelt werden. Frage: „Durch ihre Auflösung von der positiven Sinnesempfindung in ihr abstraktes Negatives negiert, werden sie wiederum als die Natur des Scheins in positiven Schein negiert“ – kommen wir so zum Begriff eines Streiks, eines Staats oder eines Bienenstichs auf unserem Arm?

Was bedeutet „... werden diese Bilder als Gedankenformen durch die Wissenschaft des Denkens und der Vernunft, die dialektische Logik, analysiert“? Dies ist nicht Materialismus, mit Sicherheit nicht, und es ist noch nicht einmal Hegel.

3. Noch mehr idealistische Mystifikation:

Von der Synthese, die in der Wissenschaft der dialektischen Wahrnehmung beinhaltet ist, übernimmt [??] die dialektische Logik und enthüllt Begriffe [?] und Kategorien für die Analyse, wobei sie die Wissenschaft [???] und die Theorie der Erkenntnis und den historischen Materialismus [???] aktiviert. So fallen die sich ständig verändernden Eigenschaften des Denkens in der dialektischen Logik in der Eigenbeziehung [?] zwischen [?] Subjekt und Objekt materiell mit der Erkenntnistheorie zusammen.

Dialektische Logik wird als ein unabhängiges Subjekt dargestellt, das nicht nur die Erkenntnistheorie sondern auch den historischen Materialismus aktiviert!!

4. Im nächsten Abschnitt dann, der mit „Der historische Materialismus als Methode“ überschrieben ist, wird uns folgendes erzählt:

Der historische Materialismus ist eine Methode für den Aufbau der revolutionären Partei, gegründet auf die Erkenntnis ihres Objekts, der Gesellschaft, bestehend aus bewussten Menschen mit dem Willen, die Welt unabhängig voneinander als Individuen weiterhin zu verändern.

Der historische Materialismus kann, will man ihn richtig definieren, nicht als „eine Methode für den Aufbau der revolutionären Partei...“ bezeichnet werden. Er war vielmehr, wie Lenin erklärt, „die konsequente Fortführung, die Ausdehnung des Materialismus auf das Gebiet der gesellschaftlichen Erscheinungen ...“, die „zum erstenmal die Möglichkeit ...“ gab, „mit naturgeschichtlicher Exaktheit die gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Massen sowie die Veränderungen dieser Bedingungen zu erforschen“ und „die objektive Gesetzmäßigkeit in der Entwicklung des Systems der gesellschaftlichen Verhältnisse zu erfassen...“ (Lenin: Karl Marx; Werke, Bd. 21, S. 45).

Sein „Objekt' ist nicht die „Gesellschaft, bestehend aus bewussten Menschen mit dem Willen [??], die Welt unabhängig voneinander als Individuen weiterhin zu verändern.“

Die philosophische Grundlage des historischen Materialismus ist, dass das gesellschaftliche Sein unabhängig vom gesellschaftlichen Bewusstsein existiert. Der Bezug auf „bewusste Menschen“ wirft alles durcheinander und steht direkt im Gegensatz gerade zu den Vorstellungen, die Lenin im Band 14 entwickelt, und die Gen. Healy rühmt, ohne sie zu verstehen. Lenin schrieb:

Wenn die Menschen miteinander in Verkehr treten, sind sie sich in allen einigermaßen komplizierten Gesellschaftsformationen – und insbesondere in der kapitalistischen Gesellschaftsformation – nicht bewusst, was für gesellschaftliche Verhältnisse sich daraus bilden, nach welchen Gesetzen sie sich entwickeln. (Lenin, Werke Bd. 14, S. 326)

Dass der „Wille“ ins Spiel gebracht wird, ist auch eine totale Abkehr vom historischen Materialismus; Geschichte kann weder mit dem „Willen“ noch den Absichten von Menschen erklärt werden. Der historische „Wille“ gesellschaftlicher Menschen ist – und nur so kann er verstanden werden – das Ergebnis von ganz stimmten materiellen Bedingungen.

Was das „die Welt unabhängig voneinander als Individuen weiterhin zu verändern“ betrifft, so hat Gen. Healy ganz offensichtlich gerade den gesellschaftlichen Menschen abgeschafft. Statt der Geschichte, die sich durch die kollektive gesellschaftliche Praxis des Menschen unabhängig vom Bewusstsein entwickelt, haben wir jetzt eine Geschichte als Ergebnis von Menschen mit Willen und Bewusstsein, die die Welt unabhängig voneinander als Individuen verändern!

5. Die ‚Produktionsverhältnisse‘ werden manchmal Produktionsweise genannt, während die materiellen Produktivkräfte auch Produktionsmittel oder -werkzeuge genannt werden können.

In Wirklichkeit ist es die Einheit der materiellen Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, welche die Produktionsweise ausmacht.

Diese erstaunliche Ignoranz bezüglich der grundlegendsten Begriffe des historischen Materialismus liefert, das kann man wohl sagen, den Schlüssel für ein wirkliches Verständnis von G. Healys subjektiv-idealistischer Verstümmelung des Marxismus. Der Übergang von Hegel zu Marx kann nicht als eine Art leerer logischer Entwicklung vom objektiven Idealismus zum dialektischen Materialismus verstanden werden. Der dialektische Materialismus darf nicht auf historischen Materialismus reduziert werden, doch die Ausarbeitung der Weltanschauung des dialektischen Materialismus verlief über die Entwicklung des historischen Materialismus. Wie Marx selbst in seinem kurzen Abriss seines eigenen intellektuellen Werdegangs feststellte, begann er mit Hegel intellektuell zu brechen, nachdem er „in die Verlegenheit, über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen“ gekommen war. (Zur Kritik der Politischen Ökonomie; MEW, Bd. 13, 7)

Die politischen Kämpfe, die sich daraus entwickelten, veranlassten ihn zu einer

kritischen Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie... Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, dass Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln. ... (ebd.)

Ab dieser Stelle fasst dann Marx seine oft zitierten Schlussfolgerungen zusammen – die prägnante Darstellung der materialistischen Geschichtsauffassung. Während die Entwicklung des historischen Materialismus über die Kritik der Schule der Alt- und Jung-Hegelianer verlief, wurden die Grundlagen für den dialektischen Materialismus gelegt – d.h. die Arbeit geleistet,

aus der Hegelschen Logik den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckungen auf diesem Gebiet umfasst, und die dialektische Methode, entkleidet von ihren idealistischen Umhüllungen... herzustellen. ... (Fr. Engels: Rezension zu ‚Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie‘; MEW Bd. 13, S. 474)

Es wäre falsch, diesen Prozess in einer Art strikter chronologischer Reihenfolge zu verstehen; es handelte sich vielmehr um einen wahrhaft dialektischen Prozess, in dem die Überarbeitung der Hegelschen Methode gleichzeitig mit der positiven Ausarbeitung des historischen Materialismus einherging. Anders ausgedrückt, die Entwicklung des historischen Materialismus erfordert eine „richtige Form der Gedankenentwicklung“ – die „Methode, die Marx' Kritik der politischen Ökonomie zu Grunde liegt.“ (ebd.)

Zu glauben, man könne ein dialektischer Materialist sein ohne ein wirkliches Studium der wirklichen theoretischen Grundlagen des Marxismus und seiner anschließenden Entwicklung, ist ein gefährliches Missverständnis. Healys Problem ist nicht einfach, dass er durch Hegel verwirrt ist. Wie Marx über Proudhon sagte: Er

liefert nicht deshalb eine falsche Kritik der politischen Ökonomie, weil er eine lächerliche Philosophie besitzt, sondern er liefert eine lächerliche Philosophie, weil er die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrenement)... nicht begriffen hat. (Brief von Karl Marx an P. W. Annenkow vom 28. Dezember 1846; MEW Bd. 4, S. 547)

Marx betont in seinem Brief an Annenkow, dass Proudhon die wirklichen materiellen Grundlagen der geschichtlichen Entwicklung des Menschen nicht versteht. So heißt es dort:

Unfähig, die wirkliche Bewegung der Geschichte zu verfolgen, liefert Herr Proudhon eine Phantasmagorie, die den Anspruch erhebt, dialektisch zu sein. Er verspürt nicht das Bedürfnis, vom 17., 18., 19. Jahrhundert zu sprechen, denn seine Geschichte spielt sich im Nebelreich der Einbildung ab und ist hoch erhaben über Zeit und Ort. Mit einem Wort: das ist Hegelsches abgedroschenes Zeug, das ist keine Geschichte ... Die Evolutionen, von denen Herr Proudhon spricht, sollen Evolutionen sein, wie sie sich im mystischen Schoße der absoluten Idee vollziehen. Zerreißt man den Vorhang dieser mystischen Ausdrucksweise, so heißt das, dass Herr Proudhon uns die Ordnung angibt, in der die ökonomischen Kategorien im Innern seines Kopfes rangieren. Es wird mich nicht viel Mühe kosten, Ihnen zu beweisen, dass dieses Arrangement das Arrangement eines sehr ungeordneten Kopfes ist. (ebd. S. 550)

Unglücklicherweise hat diese ungeordnete Methode dazu gedient, das Internationale Komitee zu desorientieren!

VI. Politische Zusammenfassung der Kritik an G. Healys „Studien“

7. November 1982

1. Die Studien in der Dialektik haben eine Krise ans Tageslicht gebracht, die sich im Internationalen Komitee über eine beträchtliche Zeit hin entwickelt hat.

2. Seit mehreren Jahren (meiner Ansicht nach begann dies 1976 und fing erst 1978 zu dominieren an) hat sich das Internationale Komitee im Namen des Kampfs für Dialektischen Materialismus und gegen Propagandismus immer mehr von einem Kampf für den Trotzkismus abgewandt.

3. Eine zunehmend einseitige und engstirnige Konzentration auf „den Prozess und die Praxis der Erkenntnis“ – fast völlig getrennt von einem konkreten Studium der objektiven Situation – hat, wie in den Studien sichtbar geworden ist, zu einer krassen idealistischen Vulgarisierung der Dialektik geführt, zu einer Karikatur auf Lenins Arbeit an Hegels Wissenschaft der Logik, einer Karikatur, die genau die Formen der Mystifikation wiederholt, die Marx in seinen Schriften gegen die Jung-Hegelianer vor 140 Jahren kritisierte (und die Engels in seiner Polemik gegen Dühring in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts entlarvt hat).

4. Der historische Materialismus ist ignoriert worden.

Es ist vergessen worden, dass Marx und Engels laut Lenin „naturgemäß die größte Aufmerksamkeit auf den Ausbau der Philosophie des Materialismus nach oben, d.h. nicht auf die materialistische Erkenntnistheorie, sondern auf die materialistische Geschichtsauffassung“ (Lenin Werke, Bd. 14, S. 333) gerichtet haben.

5. Während Hegel im Internationalen Komitee in seine gegenwärtige Position auf derselben Ebene wie Marx, Engels und Lenin gehoben worden ist, ist Trotzki degradiert worden: im Grunde genommen wird einem Studium seiner Schriften keine Aufmerksamkeit gewidmet. (Dies kann sehr einfach nachgewiesen werden: Wie viel Zeit ist auf all den internationalen Konferenzen und Kaderschulen seit 1978 auf ein Studium von Trotzkis Schriften im Vergleich zu dem von Band 14, Band 38 von Lenin und Hegels Logik aufgewandt worden?).

6. Entsprechend dem nachlassenden Interesse am Studium von Trotzkis Schriften wurde die theoretische Seite des Kampfs gegen den Pablismus völlig aufgegeben.

7. Eine Vulgarisierung des Marxismus, die uns als „Kampf für die Dialektik“ angedreht worden ist, wurde von einer unmissverständlichen Abweichung zum Opportunismus innerhalb des Internationalen Komitees, besonders innerhalb der WRP begleitet.

8. Die Arbeit des IK im Nahen Osten, die niemals von einer klaren Perspektive, das Internationale Komitee in diesem Gebiet der Welt aufzubauen, angeleitet war, ist jetzt zu einer Reihe von pragmatischen Anpassungen an die politische Windrichtung degeneriert. Marxistische Verteidigung von nationalen Befreiungsbewegungen und der Kampf gegen den Imperialismus wurden auf opportunistische Weise ausgelegt, nämlich als unkritische Unterstützung verschiedener bürgerlicher nationalistischer Regime. Das Ergebnis der israelischen Invasion im Libanon hat den Bankrott dieser Methode völlig enthüllt. Bis heute ist das IK unfähig, eine Einschätzung zur Lage im Nahen Osten zu geben. Die WRP muss erst noch eine klare Position zu den gegenwärtigen diplomatischen Manövern der Reagan-Regierung finden.

9. Das hat sich nicht über Nacht entwickelt. Die Linie des IK ist voller ungeklärter Fragen:

a. Das „Bündnis“ mit der Libyschen Jamahiriya vom August 1977;

b. Die Unterstützung für die Verfolgung der Stalinisten durch die Baathisten im Irak.

10. Während der sechs Jahre, die das IK im Nahen Osten gearbeitet hat, ist keine einzige Erklärung herausgekommen, in der die Klassenbeziehungen in jenem Gebiet der Welt analysiert worden sind. Kein einziger Artikel, in dem die Entwicklung der Arbeiterklasse analysiert worden ist. Trotz aller Absichtserklärungen ist die Theorie der permanenten Revolution als für die gegebenen Umstände nicht anwendbar behandelt worden.

11. Dieselbe unkritische Art und Weise, sich mit Entwicklungen zu befassen, bestand auch gegenüber dem Unabhängigkeitskampf, der in der Errichtung von Zimbabwe gipfelte.

12. Was den Iran betrifft, die größte revolutionäre Erhebung in der kolonialen Welt seit den Ereignissen in China, so hat das Internationale Komitee seit Februar 1979 keine einzige kritische Analyse zustande gebracht.

13. Aus all den pragmatischen Wendungen von Tag zu Tag beginnt sich eine politische Tendenz herauszubilden, die einen eindeutig pablistischen Anstrich hat. So können wir in einer Erklärung des Politischen Komitees der WRP vom 11. Dezember 1981 folgendes finden:

Aber Gaddafi hat sich politisch in die Richtung des revolutionären Sozialismus entwickelt und die Paläste und Harems von einigen anderen arabischen Führern gemieden.

Aus diesem Grund ist er der unangefochtene Führer des libyschen Volkes geworden, und sein Name ist nun ein Synonym für die Bestrebungen der Unterdrückten in vielen Ländern. (News Line, 12. Dezember 1981)

14. Die Gefahren einer solch impressionistischen Methode, vor der wir im Laufe des Kampfs gegen den Pablismus und die SWP oft gewarnt haben, haben sich deutlich bei den Ereignissen gezeigt, die der israelischen Invasion folgten.

15. Die Reaktion der WRP auf den Ausbruch des Malwinen-Krieges muss als ein besorgniserregendes Zeichen politischer Desorientierung angesehen werden. Bei Ausbruch des Krieges nahm die älteste und erfahrendste Sektion des Internationalen Komitees eine falsche Position ein, die im Wesen pazifistisch war und die erst fast zwei Wochen später korrigiert worden ist. Angesichts all der Arbeit, die von der WRP im Nahen Osten zur Verteidigung unterdrückter Nationen gegen den Imperialismus durchgeführt worden ist, stellt sich die Frage, weshalb es der WRP so schwer fiel, dasselbe Problem im Malwinen-Krieg zu erkennen.

16. Dies sind keine vereinzelten Vorfälle, die man übersehen kann. Wir blicken kritisch auf mehrere Jahre Arbeit zurück, in denen eine immer eindeutigere opportunistische Tendenz in Erscheinung getreten ist.

17. Das heißt nicht, dass alle unsere Arbeit falsch gewesen ist und dass keine Errungenschaften zu verzeichnen sind. Das ist natürlich nicht der Fall. Doch die rasche Entwicklung der Weltkrise, die verzweifelte Krise des Stalinismus und die Radikalisierung der Massen in allen größeren kapitalistischen Ländern bieten eine beispiellose Gelegenheit für den Trotzkismus. Wir würden jedoch den größten politischen Irrtum begehen, wenn wir gerade in diesem Moment unsere trotzkistischen Fahnen einziehen würden.

Anhang: Über die Verwendung von Quellen in G. Healys „Studien“

1. Ein weiterer „Aspekt“ von Healys Artikeln muss hervorgehoben werden, denn er entlarvt die Scharlatanerie, die der ganzen Operation zugrunde liegt. Es stellt sich heraus, dass GH ein Plagiator ist! Im Bestreben, die höchste Tiefgründigkeit zu erreichen, ist er nicht abgeneigt, die Ideen und Worte anderer zu „borgen“ – ohne sich um Quellenangaben zu scheren. Ganze Absätze aus Schriften sowjetischer Autoren sind schlicht in die Artikel, die in den Studien erscheinen, eingefügt worden.

2. Auf Seite 55 der Studien lesen wir einen Satz, der scheinbar ohne ersichtlichen Grund in den Artikel eingefügt wurde:

Das Prinzip des Zusammenfallens befähigt uns, den objektiven Inhalt der gegebenen Kategorie zu definieren, indem wir ihr Verhältnis zu anderen Kategorien wie Notwendigkeit, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit als Erkenntnisstufe aufdecken.

Im Buch Dialektischer Materialismus und Geschichte Philosophie des sowjetischen Theoretikers I. Oiserman finden wir auf Seite 228 den Ursprung dieser Idee:

Doch damit erschöpft sich nicht die Anwendung des Prinzips des Zusammenfallens, denn es geht nicht nur darum, den objektiven Inhalt der gegebenen Kategorie aufzudecken und sie als Erkenntnisstufe, mithin auch in ihrer Relativität, zu begreifen, sondern auch darum, ihren Platz unter den anderen Kategorien, ihr Verhältnis zu diesen Kategorien zu bestimmen. Daraus ergibt sich beispielsweise für die Untersuchung der Kategorie ‚Notwendigkeit‘, dass deren Verhältnis zu solchen Kategorien wie ‚Gesetz‘, ‚Wesen‘, ‚Möglichkeit‘, ‚Zufälligkeit‘, ‚Wahrscheinlichkeit‘, ‚Grund‘, usw. bestimmt werden muss.

3. Auf Seite 63 der Studien finden wir:

Substanz als dialektische Kategorie hat sich als notwendige Bedingung erwiesen, ohne deren Annahme es im Prinzip unmöglich war, die Wechselwirkung zwischen dem denkenden Körper und der Welt, in der er als denkender Körper wirkte, zu verstehen.

Was ist der Ursprung dieser „Neuschöpfung“, des „denkenden Körpers“? Wir können die Inspiration dazu auf Seite 60 in E.V. Ilyenkovs Buch Dialectical Logik finden:

Die Substanz erwies sich so als eine absolut notwendige Bedingung, ohne deren Annahme es im Prinzip unmöglich war, die Wechselwirkung zwischen dem denkenden Körper und der Welt, in der er als denkender Körper wirkte, zu verstehen.

Bei Ilyenkov erscheint dieser Absatz als Bestandteil einer Diskussion über Spinoza. Bei Healy wird er aus heiterem Himmel eingefügt, ohne dass Spinoza auch nur erwähnt würde.

4. Der vielleicht unklarste Teil der unklaren Artikel von Gen. GH ist der mit der Überschrift „Empirismus und theoretisches Denken“. Jenen, die die Studien gutgläubig akzeptiert haben, kann man vergeben, wenn sie zur Auffassung gekommen sind, man müsse ein Genie sein, um diesen Teil zu entziffern. Es genügt aber, wenn man die dritte Nummer der sowjetischen Zeitschrift Social Sciences von 1982 in seinem Besitz hat, die einen Artikel von Vladimir Shvyrev, Das Empirische und Theoretische in der wissenschaftlichen Erkenntnis enthält.

Auf Seite 70 erklärt uns GH, dass „wissenschaftliche Erkenntnis in diesem frühen Stadium aus der Wechselwirkung zwischen Sinnlichkeit und Denken entsteht, wobei die Quelle der Empfindung in der äußeren Welt liegt.“ Im Original schreibt S.: „Daher setzt die wissenschaftliche Erkenntnis immer eine Wechselwirkung zwischen den Mechanismen der Sinnlichkeit und des Denkens voraus.“ (S. 128)

GH schreibt auf Seite 72:

Unsere empirische Untersuchung orientiert die Erkenntnis auf die Identifizierung der Beziehungen zwischen dem begrifflichen Apparat der Wissenschaft und der Wirklichkeit, die dahinter liegt und die durch die Analyse als Ganzem als hinter dem begrifflichen Feld liegend erscheint, um dann erst in der ‚lebendigen Betrachtung‘ enthüllt zu werden. Man darf nie vergessen, dass die Wissenschaft ein Wissen über die objektive Wirklichkeit gibt, und nicht eine geschlossene begriffliche Struktur.

Sehr tiefgründig, scheint es, und sicherlich schwierig zu verstehen. Aber wie ist er zu dieser Einsicht gekommen, die kaum in Beziehung zu dem Voranstehenden steht? Man muss bei Shvyrev nachschauen, der schrieb:

Wenn wir andererseits die empirische Untersuchung nehmen, dann besteht ihre allgemeine Eigenschaft mit größter Wahrscheinlichkeit in der Orientierung der Erkenntnis auf die Identifizierung der Beziehungen zwischen dem begrifflichen Apparat der Wissenschaft und der Wirklichkeit, die hinter der begrifflichen Sphäre liegt und die, in letzter Analyse, in der ‚lebendigen Betrachtung‘ erscheint. Die Bestimmung solcher Beziehungen ist eine unverzichtbare Funktion der wissenschaftlichen Erkenntnis, die gerade insofern durch empirische Untersuchung ergänzt wird, als die Wissenschaft nicht eine Sphäre künstlicher begrifflicher Strukturen ist, sondern ein Wissen über die objektive Wirklichkeit. (ebd. S. 130-131)

GH schreibt auf Seite 72:

Wann immer der empirische und der theoretische Begriff aufeinander einwirken, findet in der Wechselwirkung eine sehr bestimmte Funktion statt. Dies ist in Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Beobachtung und Experimenten mit entsprechenden Resultaten durch Verbesserung im Erkenntnisprozess selbst.

Shvyrev hat es im Original besser formuliert:

Immer wenn es aber eine wirkliche Wechselwirkung zwischen beiden gibt, die für das Funktionieren und die Entwicklung der Wissenschaft von Bedeutung ist, hat das Empirische eine sehr bestimmte funktionelle Aufgabe in dieser Wechselwirkung; es stellt die Beziehung zwischen dem theoretischen begrifflichen Apparat und den Ergebnissen der Beobachtung und Experimente sicher, den Resultaten der lebendigen Anschauung. (ebd. S. 131)

GH schreibt auf Seite 72: „Begriffe wie Erarbeitung und Vervollkommnung stellen einen Akt der Aussonderung und Durchdringung der objektiven Wirklichkeit in einer immer volleren und immer tieferen Reflexion ihrer Substanz dar.“

All das muss selbst dem erfahrensten Kader unverständlich bleiben, denn die Begriffe, über die Healy schreibt, sind in der trotzkistischen Bewegung niemals verwendet worden. Wie sich herausstellt, hat Healy wiederum Shvyrev abgeschrieben ... und zwar schlecht. Der sowjetische Autor erklärte:

Wenn wir aber sagen, dass die theoretische Erkenntnis darauf orientiert ist, den begrifflichen Apparat zu erarbeiten und zu vervollkommnen, sollten wir nicht übersehen, dass Erarbeitung und Vervollkommnung einen Akt der Aussonderung und Durchdringung der objektiven Wirklichkeit, der immer volleren und immer tieferen Reflexion ihrer Substanz darstellen. (ebd. S. 131-132)

Indem er Shvyrev frei abschreibt, macht er den armen Mann völlig unverständlich; denn GH „zitiert“ völlig unbekümmert um den Zusammenhang – er klaubt sich Teile aus Absätzen heraus und setzt sie in seine eigenen Artikel hinein, ohne dass der Grund dafür ersichtlich wäre. So schreibt er z.B. aus Seite 72-73:

In den frühen Stadien des dialektischen Materialismus als wissenschaftliches Studium kommen wir schnell bei einem Studium der Begriffe an. In dieser Beziehung leitet ein derartiges Studium eine empirische Untersuchung im wahren Sinne des Wortes an. Aus diesem Grund darf die Induktion als wissenschaftliche Methode, durch die aus einer Reihe Voraussetzungen allgemeine Schlussfolgerungen gezogen werden, im empirischen Stadium der Wissenschaft nicht benutzt werden.

GH verwechselt Induktion und Deduktion, aber der Fehler liegt nicht bei Shvyrev, den man nicht dafür verantwortlich machen kann, dass der Mann, der ihn abschreibt, seinen Artikel nicht versteht. Folgendes schrieb Shvyrev wirklich:

Die Dinge, die dem gewöhnlichen Bewusstsein einfach und klar erscheinen, werden in den frühen Stadien des wissenschaftlichen Studiums zu einem Gegenstand begrifflicher Analyse. Wir müssen dabei betonen, dass diese begriffliche Analyse eine empirische Untersuchung im wahren Sinne des Wortes anleitet und orientiert. Gerade aus diesem Grund ist das induktivistische Modell der Erkenntnistätigkeit, als ‚linearer Prozess‘ des schrittweisen induktiven Aufsteigens von Fakten zu Verallgemeinerungen, im empirischen Stadium Wissenschaft ungültig. (ebd. S. 134-135)

Ich vermute, dass es weitere Teile gibt, die aus verschiedenen sowjetischen Quellen abgeschrieben sind. Aber was hat das zu bedeuten? Trotzki mochte das Epigramm: „Die Methode ist der Mann.“ Plagiieren ist dem Marxismus als Arbeitsmethode völlig fremd. Im Kapital unterließ es Marx nie, den Autor der Idee, auf die er sich bezog, namentlich zu erwähnen. Das ging Hand in Hand mit seiner dialektisch materialistischen Auffassung der historischen Entwicklung theoretischer Begriffe. Auf der anderen Seite findet die Hochstapelei, von der GHs Studien durchtränkt sind ihren klarsten Ausdruck im Plagiat, d.h. im direkten intellektuellen Betrug. Man muss sich an Marx' Einschätzung von Proudhons Philosophie des Elends erinnern:

Hochtrabend spekulatives Kauderwelsch, deutsch-philosophisch sein sollend, tritt regelrecht ein, wo ihm die gallische Verstandesschärfe ausgeht. Ein marktschreierischer, selbstlobhudelnder, ein renommistischer Ton, namentlich das stets so unerquicklickliche Gesalbader von und falsches Gepränge mit Wissenschaft, gellt einem fortwährend ins Ohr. ... Dazu das unbeholfen-widrige Gelehrttun des Autodidakten, dessen naturwüchsiger Stolz auf originelles Selbstdenken bereits gebrochen ist und der nun als Parvenü der Wissenschaft mit dem, was er nicht ist und nicht hat, sich spreizen zu müssen wähnt. (MEW, Bd. 16, S. 29/30)

Auch der folgende Absatz aus Marx' Nachruf für Proudhon ist es wert, zitiert zu werden:

Proudhon neigte von Natur zur Dialektik. Da er aber nie die wirklich wissenschaftliche Dialektik begriff, brachte er es nur zur Sophistik. In der Tat hing das mit seinem kleinbürgerlichen Standpunkt zusammen. Der Kleinbürger ist wie der Geschichtsschreiber Raumer zusammengesetzt aus einerseits und andererseits. So in seinen ökonomischen Interessen, und daher in seiner Politik, seinen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Anschauungen. So in seiner Moral, so in everything. Er ist der lebendige Widerspruch. Ist er dabei, wie Proudhon, ein geistreicher Mann, so wird er bald mit seinen eigenen Widersprüchen spielen lernen und sie je nach Umständen zu auffallenden, geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Paradoxen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Akkommodation sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die Eitelkeit des Subjekts und es fragt sich, wie bei allen Eiteln, nur noch um den Erfolg des Augenblicks, um das Aufsehn des Tages. (ebd. S. 31/32)