Buchbesprechung

Das heilsame Ende einer Legende

Aus der Neuen Arbeiterpresse Nr. 810

Von Wolfgang Weber
14. April 1995

Hannes Heer / Klaus Naumann (Hrsg.): "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1994";
Walter Manoschek (Hrsg.): "‚Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung'. Das Judentum in deutschen Soldatenbriefen 1939-1944";
Hannes Heer (Hrsg.): ",Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen'. Geständnisse deutscher Kriegsgefangener über ihren Einsatz an der Ostfront". Verlag Hamburger Edition, Hamburg 1995

Fünfzig Jahre lang ist an ihr erfolgreich gestrickt worden, hat sie sich gehalten und ihren Zweck erfüllt, die Legende von der "sauberen Wehrmacht".

"Der anständige Soldat an der Front hatte keine Ahnung von den Verbrechen der Gestapo und SS im Hinterland, erst hinterher haben wir von den Gräueltaten der Nazis erfahren"; "die Generäle der Wehrmacht in ihrer patriotischen Gesinnung sind von einem wahnsinnig gewordenen Hitler missbraucht (und um ihren Sieg betrogen) worden"; "soldatisches Pflichtgefühl und die Kameradschaft einer Schicksals- und Überlebensgemeinschaft haben in der Armee geherrscht. Dies ist von den Nazi-Verbrechern schamlos für ihre Zwecke ausgenutzt worden, aber beteiligt war die Wehrmacht an der Judenvernichtung und anderen Massenmorden nicht!"

So lautete die Legende.

Fabriziert wurde sie am Tag der Kapitulationserklärung von den Generälen und Stabsoffizieren der Wehrmacht selbst, benutzt wurde sie den Politikern aller großen Parteien der Bundesrepublik und aller Bundesregierungen, um "Ehre, Offiziere und Traditionen der deutschen Wehrmacht" für den Aufbau und künftigen Einsatz der neuen Bundeswehr zu bewahren. Begierig aufgegriffen wurde sie nicht nur in allen Schulbüchern und der herrschenden Geschichtswissenschaft, sondern auch von Hunderttausenden von "deutschen Landsern", die mit ihr ihre eigenen "Kriegserinnerungen" aufbereiten und besser verdauen konnten.

Jetzt ist sie gründlich zerstört worden. In einer Zeit, wo der deutsche Militarismus wieder Morgenluft wittert und sich auf der Weltbühne zu neuen Taten anschickt, ist dies von großer historischer Bedeutung.

Das Verdienst dafür gebührt einem Team von Historikern am Hamburger Institut für Sozialforschung und am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Freiburg im Breisgau/Potsdam wie Hannes Heer, Klaus Naumann, Wolfram Wette und anderen. Im Verlag Hamburger Edition haben Hannes Heer und Klaus Naumann zusammen mit einer Reihe von Wissenschaftlern, Journalisten, Film- und Buchautoren auch aus anderen Ländern wie Großbritannien, Österreich, Israel vor wenigen Wochen das umfangreiche Buch "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" herausgegeben und darin mit wissenschaftlicher Akribie die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungsarbeit dokumentiert.

Unter dem selben Titel wird vom Hamburger Institut für Sozialforschung gegenwärtig in Hamburg, anschließend in Berlin, Potsdam, Stuttgart und Wien eine eindrucksvolle Dokumentarausstellung mit Fotos, Filmen, Briefen, Armeebefehlen usw. gezeigt. Außerdem sind von ihm zwei kleine Dokumentarbände veröffentlicht worden, "Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen" und ",Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung'. Das Judentum in deutschen Soldatenbriefen 1939-1944".

Für jeden, der dem erneut anwachsenden Militarismus und der Gefahr eines neuen Weltkrieges und Holocausts entgegentreten will, sind diese Veröffentlichungen und die Ausstellung ein Muss!

Die historische Wahrheit

Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen, die in dem umfangreichen Band "Vernichtungskrieg..." veröffentlicht sind, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Die Wehrmacht war nicht ein "missbrauchtes Werkzeug", sondern Bestandteil des faschistischen NS-Regimes, ihre Generäle waren Hitlers Bundesgenossen. Nicht nur SS und Gestapo, sondern Zigtausende von Wehrmachtssoldaten waren aktive Helfer und willige Henker im Holocaust, Hunderttausende waren seine Augenzeugen und nur wenige stellten sich ihm aktiv entgegen.

2. In Polen, ab Sommer 1941 auf dem Balkan und in der Sowjetunion führte die Wehrmacht einen Rassen- und Vernichtungskrieg, der die Schaffung von "Lebensraum im Osten" durch die "Liquidierung der jüdisch-bolschewistischen Intelligenz" und durch die Ermordung der slawischen Bevölkerung, "aller Juden und sonstigen minderwertigen Rassen" bezweckte.

3. Fast 60 Prozent aller sowjetischen Kriegsgefangenen, das sind über drei Millionen, wurden systematisch umgebracht, die meisten davon nicht erst durch die Zwangsarbeit in Deutschland bei Krupp, Daimler usw., sondern bereits kurz nach der Gefangennahme durch die Wehrmacht. Die Ermordung von 1,5 Millionen Juden auf dem Gebiet der Sowjetunion ist von den Befehlshabern der Wehrmacht in Gang gesetzt und von ihren Soldaten ausgeführt worden. Fünf Millionen Menschen der Zivilbevölkerung - davon zwei Millionen allein in Weißrussland - wurden von Wehrmachtssoldaten außerhalb aller Kampfhandlungen umgebracht. Die Bevölkerung ganzer Regionen insbesondere in Polen und Weißrussland wurde durch bestialische Massenexekutionen, das Niederbrennen von Dörfern und Kleinstädten ausgelöscht.

Zusammen ergibt das an die zehn Millionen Menschen, die von der Wehrmacht fern von den Kämpfen an der Front umgebracht worden sind.

Die Befehlsmechanismen dieser ungeheuerlichen Schlächterei, ihre Entwicklung im Zusammenhang mit dem Verlauf des Krieges, die verschiedenen Tätergruppen und einzelne Fallbeispiele und Operationsgebiete des Verbrechens wie Serbien, Weißrussland, Lettland, Italien, Griechenland - alles ist in dem Buch durch eine Fülle von Material bis ins letzte Detail dokumentiert.

Daneben werden eine Reihe von Themen behandelt, die zunächst von untergeordneter Bedeutung erscheinen mögen; so zum Beispiel, wenn Feldpostbriefe analysiert und mit Briefen aus dem Ersten Weltkrieg verglichen werden; oder wenn die Amateurfotos untersucht werden, die Soldaten von ihren eigenen Mordunternehmungen gemacht haben, oder die Pflege der Wehrmachtslegende in den Kriegsromanen der "Landserhefte", den Illustrierten und auch in der sogenannten "gehobenen Literatur" der deutschen Nachkriegszeit. Diese Untersuchungen sind jedoch äußerst aufschlussreich, wenn man sich ein konkretes Bild über das Psychogramm und die politischen Anschauungen der Täter machen will und eben auch darüber, wie diese Aktivisten des Holocaust mit Hilfe der Wehrmachtslegende als ganz "normale Bürger" in der ganz "normalen Gesellschaft" der deutschen Nachkriegsgeschichte vollständig rehabilitiert und integriert worden sind.

An dieser Stelle soll nur auf einige der zahlreichen Kapitel in den Abschnitten "Verbrechen", "Formationen", "Krieger und Kriegerinnen" und "Tribunale" hingewiesen werden, die für die Zerstörung der Wehrmachtslegende und die Enthüllung der geschichtlichen Wahrheit besonders wichtig sind.

"Serbien ist judenfrei"

Eine zentrale Aussage der Legende lautet, die Wehrmacht hätte mit den speziellen Nazi-Polizeieinheiten SS und Gestapo nichts zu tun gehabt, ja sie hätte sich ihnen immer wieder, wenn auch vergeblich, entgegengestellt. Gleich im ersten Kapitel von Walter Manoschek, "Gehst mit Juden erschießen?" über die Vernichtung der Juden in Serbien, wird nachgewiesen, dass dort ebenso wie in allen besetzten Ostgebieten mit der Betrauung der "Partisanenbekämpfung" durch die Wehrmacht der "Schulterschluss zwischen SD-, Polizei- und Wehrmachtsangehörigen" stattfand. So heißt es dort (S. 41):

"Jedes Bataillon stellte mobile Jagdkommandos auf, die sich aus dreißig bis fünfzig Mann zusammensetzten und durch Polizei- und SD-Angehörige ergänzt wurden. Zum Aufgabenkatalog der Jagdkommandos gehörten,brutales Durchgreifen, Niederbrennen von Gebäuden bzw. Dörfern, aus denen Überfälle auf deutsche Wehrmacht stattfinden, rücksichtsloses Erschießen im Kampf, Aufhängen überführter Attentäter gegen deutsche Wehrmacht und ihre Interessen' (zitiert aus einem Lagebericht der Wehrmacht). Die gemischten Jagdkommandos markierten den Übergang von der Arbeitsteilung zur direkten Kooperation von Wehrmachts- und Polizeiapparat. Durch die personelle Durchmischung wurde die Truppe mit den Kampfmethoden und der speziellen Art der Gegnerbekämpfung von Polizei und SD vertraut gemacht."

Worin bestand diese "spezielle Art der Gegnerbekämpfung"? Hierzu einige Beispiele:

Der Oberkommandierende der Wehrmacht, General Keitel, erließ den Befehl, der zur "Bekämpfung der kommunistischen Aufstandsbewegung in den besetzten Gebieten" als "Sühne für ein deutsches Soldatenleben" die sofortige Liquidierung von fünfzig bis hundert Kommunisten anordnete. Die ordnungsgemäße Umsetzung dieses Befehls "mit deutscher Gründlichkeit" versteht sich von selbst. Waren keine gefangenen Kommunisten zur Hand, galt jeder männliche Serbe, auf dem man gerade stieß, als "Partisan" und "Kommunist".

Im Herbst 1941 führte in Serbien die Wehrmacht, nicht die Gestapo, die Vernichtung aller männlichen Juden durch, ebenso die Kasernierung aller jüdischen Frauen und Kinder zwecks Liquidierung durch die erst später nachrückende Gestapo. Ein Jahr nach dem Einmarsch im April 1941 waren alle 17.000 Juden ermordet. Die Wehrmacht konnte nach Berlin melden: "Serbien ist judenfrei!"

"Der Jude ist Partisan"

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Wehrmachtslegende ist die Behauptung, zu Grausamkeiten von Wehrmachtssoldaten an Zivilisten sei es nur im Rahmen des "Kampfs gegen die Partisanen" gekommen, diese seien jedoch "aus der Situation heraus" zu erklären. Der deutsche Soldat hätte es mit einem heimtückischen Gegner zu tun gehabt, der ihn aus dem Hinterhalt überfallen und nicht "auf dem Feld der Ehre" bekämpft hätte. Diese Losungen waren in Wirklichkeit schon während des Krieges von den Wehrmachtsgenerälen ausgegeben worden, um bei den Soldaten einen rücksichtslosen Vernichtungswillen gegenüber der gesamten Zivilbevölkerung zu schaffen. "Partisan" war jeder, der deutschen Soldaten bei der Durchführung von Exekutionen oder "Flurbereinigungen", wie es hieß, über den Weg lief. Kinder waren "Kundschafter", Frauen "Flintenweiber" und eine "besonders teuflische Bolschewistenbrut".

Einheizer dieses Vernichtungskrieges waren insbesondere Stabsoffiziere, die bereits im Ersten Weltkrieg als Frontoffiziere gedient und ihre Kriegsniederlage als Ergebnis der "Zersetzung der Heimatfront" durch die Revolution von 1918/19, durch "jüdisch-bolschewistische Spartakisten" verstanden hatten. Hannes Heer schreibt dazu im Kapitel "Killing Fields - Die Wehrmacht und der Holocaust" (S. 68f.):

"Als Befehlshaber oder Stabsoffiziere 1941 mit der,Sicherstellung und Befriedung' der besetzten Gebiete im Rücken der Front betraut, reaktivierte sich in den unermesslichen Räumen des Ostens und angesichts eines nicht zu fassenden unsichtbaren Feindes das Trauma aus den Jahren 1918 bis 1923. Standesgemäße oder ideologische Vorbehalte zum Nationalsozialismus, wenn sie denn bestanden hatten, traten jetzt zurück. Der Jude und der Partisan hatten die Rolle des Spartakisten übernommen, in all ihren heimtückischen Metamorphosen. Die von den Generälen geschaffenen Ghettos erschienen ihnen mehr und mehr wie Brutstätten der Konspiration und des Aufstandes: der vor dem drohenden Massaker flüchtende Jude übertrug das Gift der Zersetzung in die russischen Dörfer, jede Frau auf dem Markt, jeder Bauer mit Panjewagen war also längst infiziert und nicht nur potentieller Partisan. Einen makabren Beleg für diese Paranoia liefert der Lehrgang, den der Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Mitte vom 24. bis 26. September 1941 abhalten ließ. Den ersten Vortrag zum Thema,Die Judenfrage mit besonderer Berücksichtigung der Partisanenbewegung' hielt der Chef der Einsatzgruppe B, Arthur Nebe. Als man bei der abschließenden Lehrübung,Aushebung eines Partisanennestes' statt der gemeldeten Partisanen einige jüdische Familien antraf, wurden diese kurzerhand exekutiert."

"Auf dem Weg nach Stalingrad"

Die Schlacht von Stalingrad wird bis heute als die symbolhafte Verkörperung der "Tragik des deutschen Soldaten" in einem "sinnlosen" - weil aussichtslos gewordenen - "Krieg" dargestellt, nicht nur von der Bundeswehr oder den Schulbüchern, sondern auch von zahllosen Filmen, Romanen, Kriegserinnerungen usw.. Bernd Boll und Hans Safrian befassen sich in dem Kapitel "Auf dem Weg nach Stalingrad" jedoch ausnahmsweise nicht mit dem Ende der 6. Armee an der Wolga, sondern mit ihren Aktivitäten auf dem Weg dorthin.

Es gibt keine Bestialität, zu der ihre Truppen nicht imstande gewesen wären, um "das deutsche Volk von der asiatisch-jüdischen Gefahr für alle Zeiten zu befreien." Dabei ist es auch zu dem größten einzelnen Massenmord in der Geschichte der Wehrmacht gekommen, dem Massaker von Babi Yar am 29. September 1941. 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Kiew wurden in einer Schlucht zusammengetrieben und erschossen. Man brauchte dafür 48 Stunden! Und wie auf dem ganzen Russlandfeldzug klappte die Zusammenarbeit zwischen SS-Kommandos und Armee reibungslos.

Die Autoren schließen das Kapitel mit der Feststellung (S. 289):

"Mit ihrem unterschiedslosen Terror gegen die gesamte Zivilbevölkerung hatte die 6. Armee lange vor dem Angriff auf Stalingrad den Punkt hinter sich gelassen, an dem sie noch einen wie immer definierten Feindbegriff benötigte. Die Auswirkungen des von der Ausplünderungspolitik verursachten Hungers, im Verein mit Kälte und Krankheiten, richteten sich nicht mehr gegen bestimmte Gruppen. Weder ethnische Zugehörigkeit noch politische Überzeugung, weder angstvolle Passivität noch aktive Kollaboration konnte die Zivilbevölkerung davor bewahren, jederzeit nach der taktischen Lage zum Objekt von Repressalien zu werden. Sie war in ihrer Gesamtheit zur Geisel der Wehrmacht geworden."

"Die Männer des 20. Juli"

Was wäre die Legende von der "sauberen Wehrmacht" ohne die "Männer des 20. Juli"? Bei allen "tragischen Verwicklungen, denen sich auch die Armee nicht entziehen konnte" - waren diese hohen, meist adeligen Offiziere nicht der Beweis dafür, dass die Wehrmacht "im Grunde anständig geblieben" war, ja so recht eigentlich "die einzig realistische Opposition zu Hitler" darstellte? So oder ähnlich lautet das Standardargument.

Umso wichtiger sind die Fakten, die Christian Gerlach in dem Kapitel "Die Männer des 20. Juli und der Krieg gegen die Sowjetunion" zusammengetragen hat. So zählte der notorische Massenmörder Arthur Nebe schon seit 1938 zum Kreis der Verschwörer. General von Tresckow, der sich, wie die Legende weiß, nach seiner anfänglichen Begeisterung 1933 angeblich vom Nationalsozialismus abgewandt hat, wird als einer der Hauptverantwortlichen des Holocausts im Bereich der Heeresgruppe Mitte entlarvt. Etliche der an der Verschwörung beteiligte Offiziere waren buchstäblich gleichzeitig Organisatoren des Völkermordes. Die Opposition des 20. Juli 1944 hatte nichts mit "Abscheu über die Verbrechen der Nazis" zu tun, nichts mit einem "verzweifelten Versuch, dem Massenmorden Einhalt zu gebieten". Sie beruhte einzig und allein auf Differenzen mit Hitler darüber, wie der Krieg noch zu gewinnen oder mit möglichst wenig Verlusten für Deutschland zu beenden sei.

Aufschlussreich über den Charakter dieser "Opposition" sind die Dokumente über die Tätigkeit des berühmten oder, je nach Sichtweise, berüchtigten Potsdamer Infanterie-Regiments 9, das wegen seines hohen Anteils an Adeligen auch "Regiment Graf 9" oder "von 9" genannte wurde - auch der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gehörte ihm als Offizier an.

So wird der später hingerichtete Verschwörer Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg mit folgender Tagebuchnotiz zitiert (S. 434f.):

"Zweifellos steckt eine Gefahr darin, wenn unsere Leute anfangen auf eigene Faust,umzulegen'. Wenn wir das zulassen, begeben wir uns auf die Ebene der SS. Zweifellos (!) verdient der Russe nach seiner Kampfweise kein Pardon mehr. Aber dann müssen sie im Kampf oder nur auf Befehl von Offizieren erschossen werden. Alles andere beseitigt schlechthin alle Hemmungen und lässt keine Möglichkeit mehr, die einmal losgelassenen Triebe einzufangen." Anderentags konnte der ehemalige stellvertretende Polizeipräsident von Berlin befriedigt notieren, dass "das Heer wieder rasch und entschieden seine Grundsätze klargestellt" habe, "ohne die es zerfallen muss."

Christian Gerlach bemerkt dazu: "Grundlos und ohne die geringste Widerstandshandlung durften sowjetische Soldaten erschossen werden, freilich diszipliniert, auf Befehl eines Offiziers. Bei der Erschießung schon gefangengenommener Rotarmisten konnte es gar nicht um den Schutz deutscher Soldaten gehen, bestenfalls um Vergeltung, teilweise aber um pure Vernichtung. Und die Gedanken über die Enthemmung machte sich die SS ganz ähnlich."

Muss man noch erwähnen, dass keiner von Hitlers Generälen in Westdeutschland vor Gericht gestellt wurde, dass fast alle Ermittlungen gegen Offiziere oder an Verbrechen beteiligte Soldaten im Sande verliefen oder mit einem Freispruch endeten? Auch im Osten Deutschlands war die SED an einem "friedlichen Aufbau der DDR" interessiert, womit sie die reibungslose Integration der alten Nazis und Kriegsverbrecher in ihr Herrschaftssystem meinte. Nur gelegentlich wurden diese aus der Versenkung geholt und vor Gericht gestellt, wenn es galt, den Ruf der DDR als "antifaschistischer Staat" aufzupolieren.

Alfred Streim, der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, hat zu der Verfolgung bzw. Nichtverfolgung von Kriegs- und NS-Verbrechen in der Bundesrepublik und in der DDR ein in Anbetracht seiner Stellung in der westdeutschen Justiz erstaunlich objektives und informatives Kapitel geschrieben.

Resümee

Angesichts der schier grenzenlosen Barbarei des Vernichtungskrieges, die in diesem Buch Seite für Seite dokumentiert wird, drängt sich bei der Lektüre natürlich die Frage auf: wie konnte so etwas geschehen? Wie konnte es dazu kommen, dass bei solch breiten Schichten der Gesellschaft, bei Leuten, die in "normalen" Zeiten als Bäcker, Schlosser, Angestellte oder auch als respektable Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Bürgermeister, Ärzte, Lehrer, Richter völlig unauffällig leben würden und nach 1945 auch gelebt haben, alle moralischen und psychologischen Hemmschwellen verlieren und an einer Orgie grausamer Massenmorde teilnehmen, wie sie in der Tierwelt nicht zu finden ist?

Diese Frage zu beantworten, kann das Buch nicht leisten und ist auch nicht sein Thema. An den wenigen Stellen, wo eine Antwort angedeutet wird, kann sie nicht befriedigen; etwa wenn Hannes Heer (auf Seite 75) unter Berufung auf den Historiker Michael Geyer "die Fusion von Nationalismus und Gewalt als Charakteristikum der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert" bezeichnet und "den Nationalsozialismus als gelungenstes Ergebnis dieses Prozesses"; Millionen Deutsche in der Zwischenkriegszeit hätten daran kollektiv mitgewirkt. Letztlich wird damit der konkrete Befund nur auf einen abstrakten Begriff gebracht, die Ursachen der "Vergesellschaftung der Gewalt" aber nicht erklärt.

Hannes Heer ist zuzustimmen, wenn er sich "gegen das Fortschreiben von Kriegsgeschichte" wendet und "eine Gesellschaftsgeschichte des Krieges" fordert. Aber so wie der Krieg durch die Arbeit der Historiker aus dem Reich der Legende zurück in die Welt der konkreten Wirklichkeit geholt werden musste, darf auch die Gesellschaftsgeschichte des Krieges sich nicht mit einer abstrakten Gesellschaft befassen. Das Ausmaß der Entmenschlichung der Gesellschaft darf den Blick dafür nicht verstellen, dass sie - und hier liegt gerade das Furchtbare - dennoch aus konkreten Menschen besteht und diese Menschen verschiedenen Klassen angehören.

Wessen Interessen nützte der Krieg? Die Beantwortung dieser Frage liefert auch die Antwort darauf, was die Ursachen der furchtbaren Geschehnisse sind, und wie ihre Wiederkehr verhindert werden kann. Hannes Heer schreibt in der Einleitung des Buches richtig: "Der Krieg, den Hitler mit dem Tag seiner Machtübernahme vorzubereiten begann, konnte nach seinem Selbstverständnis nur ein Vernichtungskrieg sein, das heißt, er würde mit der Ausrottung des,jüdischen Bolschewismus' und der endgültigen Besetzung der landwirtschaftlichen und industriell entwickelten Teile seines Territoriums enden." Gerade zur Erreichung dieses Ziels aber wurde er von den führenden Industriekapitänen und Bankiers Deutschlands und auch von seinen wichtigsten Generälen politisch und finanziell unterstützt und an die Macht gebracht.

Der Zusammenbruch der organisierten Arbeiterbewegung 1933 durch den Verrat der Sozialdemokratie und des Stalinismus hat die Arbeiterklasse jeder Widerstandskraft gegenüber der Seuche des Nationalismus und des Rassismus beraubt. Er hat das einzig gesunde Organ in der Gesellschaft beseitigt, das sich dem Krieg und dem Holocaust erfolgreich hätte entgegenstellen können.

Die Sozialdemokratie hat schon zu Beginn dieses Jahrhunderts die Pest des Nationalismus in die Arbeiterbewegung getragen, damit dem Ersten Weltkrieg und der Niederlage der Revolution 1918/19 den Weg geebnet. Der Stalinismus folgte ihr zehn Jahre später mit dem Programm vom "Sozialismus in einem Land", das der Arbeiterklasse in Deutschland den Weg zur sozialistischen Revolution verbaute und mit dem sie ebenso wie die SPD mit ihrer Verteidigung des bürgerlichen Staates dem Nazi-Faschismus das Feld überließ.

Es sollte auch nicht vergessen werden anzumerken, dass nach dem Krieg die Wehrmachtslegende zwar von den Generälen der Armee erfunden worden ist, ihre politische Verbreitung und Durchsetzung zur raschen Wiederaufrüstung aber nicht möglich gewesen wäre ohne die Sozialdemokratie, ohne Carlo Schmid und seinen Einsatz für die Freilassung der von den Alliierten verurteilten, in Landsberg "unschuldig schmachtenden" Kriegsverbrecher, ohne die Verteidigungsminister Georg Leber, Hans Apel - und den langjährigen Verteidigungsminister und Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ihr alles verzehrender Antikommunismus und Nationalismus steht in der direkten Tradition der Wehrmacht und des Feldzugs im Osten.

Die Arbeiterbewegung vom Krebsgeschwür des Nationalismus zu befreien, das mit der sozialdemokratischen und stalinistischen Bürokratie 100 Jahre lang in ihr wucherte und sie immer wieder zurückgeworfen hat, das ist die Schlüsselaufgabe im Kampf gegen Krieg und Militarismus.

Und hierin liegt die heilsame und befreiende Wirkung der Arbeit der Historiker und ihres vorgelegten Buches: Bei allem Entsetzen und aller Bedrückung, die es bei Lesern mit einigem menschlichem Empfinden auslösen muss, die Bloßlegung der nackten geschichtlichen Wahrheit hilft nicht nur die Legende von der "sauberen Wehrmacht", sondern auch den verderblichen Einfluss ihrer Propagandisten und Nutznießer in der Arbeiterbewegung zerstören.

In geradezu erfrischender Weise wurde dies jüngst demonstriert, als auf einem Diskussionsforum der Wochenzeitung Die Zeit zur Rolle der Wehrmacht (Die Zeit, 3. März 1995) Helmut Schmidt ebenso wütend wie großmäulig alle Märchen von der "anständigen Wehrmacht" wieder anbrachte und verteidigen wollte, jedoch von den anwesenden Historikern wie Hannes Heer, Wolfram Wette und anderen gründlich diskreditiert und zum Schweigen gebracht wurde - allein dadurch, dass sie die geschichtlichen Fakten vortrugen.

Bleibt also nur zu wünschen, dass die Veröffentlichungen dieser Historiker und ihre Ausstellung bei Jugendlichen, Studenten und Arbeitern die größtmögliche Verbreitung und Aufmerksamkeit finden.

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