Das Gespenst geht wieder um!

Das Gespenst geht wieder um! - Zur Debatte über das Schwarzbuch des Kommunismus

Von Ulrich Rippert
15. Juli 1998

Anfang Mai erschien das Schwarzbuch des Kommunismus* in deutscher Sprache.

Bereits vor einem halben Jahr löste das französische Original eine heftige Debatte und Flut von Rezensionen aus. Auf knapp tausend Seiten tragen die Autoren alle Anschuldigungen gegen den Kommunismus zusammen, die jemals erhoben wurden. Die deutsche Ausgabe wurde durch ein Kapitel über die "politischen Verbrechen der DDR" erweitert.

Das Vorwort, verfaßt von Stéphane Courtois, einem ehemaligen Maoisten, zählt alle Toten zusammen, die "im Namen des Kommunismus" umgebracht worden seien. Dabei werden so unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene wie der Bürgerkrieg von 1918-21, die Zwangskollektivierung und der Große Terror in der Sowjetunion, die Herrschaft Maos in China und die Diktatur Pol Pots in Kambodscha, das Militärregime in Äthiopien, sowie verschiedene lateinamerikanische Bewegungen--von den Sandinistas in Nicaragua bis zum "leuchtenden Pfad" in Peru--wahllos durcheinandergemischt.

Die so errechnete Zahl von rund 100 Millionen Toten wird dann den Opfern des Faschismus entgegengestellt, deren Zahl nach wesentlich restriktiveren Methoden ermittelt und mit 25 Millionen angegeben wird. Die Schlußfolgerung lautet: Kommunismus war mindestens ebenso verbrecherisch wie Faschismus, wenn nicht sogar viel schlimmer.

Vom Standpunkt einer ernstzunehmenden Geschichtsschreibung ist dieses Buch völlig wertlos. In der oberflächlichsten Weise setzt es sich über die unterschiedliche Klassengrundlage, Programme und sozialen Interessen der Bewegungen hinweg, die es als "kommunistisch" bezeichnet.

Den politischen Stellenwert des Buches beurteilt der nachfolgende Kommentar.

Einhundertfünfzig Jahre nach Erscheinen des Kommunistischen Manifests beginnt erneut eine Debatte über Kommunismus. Und wie soll es anders sein, in einer Gesellschaft, die tief gespalten, sich am Rande des Abgrunds bewegt--die Auseinandersetzung wird mit einer umfassenden Anklageschrift eröffnet. Endgültig und ein für allemal soll Schluß gemacht werden mit dem Ruf der Kommunisten nach Gleichheit, Gerechtigkeit und einer freien Gesellschaft.

So sehr fühlen sich Stéphane Courtois und andere Autoren und Verfechter der Anklageschrift durch die soziale Schieflage der Gesellschaft herausgefordert und durch das Herannahen eines sozialen Sturms bedroht, daß sie die großen Leichenberge dieses Jahrhunderts nach brauchbarem Material durchsuchen, um es gegen Kommunismus und Sozialismus zu schleudern.

Als Historiker hat sich Courtois mit seinem Vor- und Nachwort selbst gerichtet. Legt man seinen Maßstab an, so sind die Verbrechen, die im Namen des Christentums begangen wurden--von der Inquisition, über die Kreuzzüge, bis hin zur Organisation der "Rattenlinie" für verfolgte Nazischergen--noch weit ungeheuerlicher. Dann hat der Prediger aus Nazareth vor 2000 Jahren die größte Terrororganisation der Menschheit geschaffen.

Als Politiker spricht Courtois für eine soziale Schicht. Die in die Jahre gekommenen Ex-Radikalen der 68er-Generation schicken sich an, die Leitung einer Gesellschaft zu übernehmen, in der vieles weitaus schlimmer ist, als zur Zeit der APO-Proteste.

Von der früheren Radikalität dieser Radikalen ist nur die radikale Verteidigung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, samt Massenarbeitslosigkeit, sozialer Spaltung und Abbau demokratischer Rechte geblieben.

Der Werdegang eines Courtois hat viele Facetten.

Der Psychologe würde aufzeigen, wie der junge, von Selbstzweifeln geplagte Student die Mao-Bibel verbreitete und Molotowcocktails auf Polizeistationen warf, um unter seinen Kommilitonen Anerkennung zu finden, in einer Zeit, in der es schick war, radikal zu sein. Dreißig Jahre später ist es der selbe Drang nach Anerkennung, der ihn zum provokanten Antikommunisten macht, in einer Zeit, in der es modern ist, dem Kommunismus die Totenglocken zu läuten.

Der Soziologe würde erläutern, daß sich die radikalen Jugendproteste der sechziger Jahre gegen den Reichtum einer Gesellschaft richteten, von dem die Studenten damals weitgehend ausgeschlossen waren. Drei Jahrzehnte später sind die ehemaligen Demonstranten zu Erben geworden. Mehr als zwei Drittel des gesellschaftlichen Reichtums liegt heute in ihren Händen und ihre Entschlossenheit, ihn zu verteidigen, ist weitaus größer als ihr früherer Protest gegen seine Schattenseiten.

Der Marxist aber muß deutlich machen, daß der schrille Antikommunismus des Mittfünfzigers in engem Zusammenhang steht zu den platten studentischen Lobgesängen des Mittzwanzigers auf den Stalinismus.

Was war für den jungen Courtois und seinesgleichen anziehend an den platten abgeschmackten Phrasen der Mao-Bibel?

Die Vorstellung, die Gesellschaft zu ändern, nicht durch das selbstständige Handeln der Arbeiter, sondern gegen sie. Die Umwälzung der Gesellschaft von oben, durch ein diktatorisches Regime, in dem die Studenten--ganz ähnlich wie in Maos Kulturrevolution der sechziger Jahre--eine Schlüsselrolle spielen sollten. Schon damals war bekannt, daß der Stalinismus und seine maoistische Variante diktatorische Regime waren, die jede selbstständige Regung der Arbeiter brutal unterdrückten und im Namen des Sozialismus die größten Verbrechen begingen.

Schamlos erklärt uns Courtois, daß er in den vergangenen dreißig Jahren in dieser Frage nichts dazu gelernt hat. Lediglich sein Antikommunismus stalinistischer Prägung hat sich in hysterischen bürgerlichen Antikommunismus verwandelt.

Das Schwarzbuch versucht die große Lüge dieses Jahrhunderts wieder aufzuwärmen, die da lautet: Stalinismus gleich Kommunismus. Doch die Bedingungen dafür werden immer ungünstiger. Die Heimat dieser Fälschung, die stalinistischen Regime der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten ist untergegangen. Viele Archive sind offen. Täglich kommen neue Dokumente über die wahre Rolle des stalinistischen Terrors ans Licht.

Der russische Historiker Vadim Rogovin hat gerade den sechsten Band einer umfassenden Geschichte der Linken Opposition veröffentlicht. Gestützt auf eine Vielzahl von Dokumenten weist er nach, daß sich die grausame Unterdrückung und Vernichtung, die das stalinistische Regime durchführte, vor allem gegen die linke sozialistische Opposition richtete.

Der stalinistische Terror entehrt nicht die russische Revolution, denn er war ein Ergebnis der Reaktion. Er diskreditiert nicht den Sozialismus oder Kommunismus, denn er richtete sich gegen ihn.

Als vor sechzig Jahren in den Moskauer Schauprozessen viele der herausragenden Führer der Revolution unter falscher Anklage verurteilt und hingerichtet wurden, schickten einige demokratische Regierungen ihre Prozessbeobachter. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger und der Theoretiker Ernst Bloch unterstützten Stalins Schauprozesse ebenso, wie der britische Kronanwalt und Mitglied der Labour-Partei D.N. Pritt. Auch Romain Rolland und die französische Liga für Menschenrechte unterstützten Stalin und beschönigten die Prozesse im Interesse eines französisch-russischen Abkommen. Ein patriotischer Zweck heiligte bereits damals bekanntlich jedes Mittel.

Die linke, sozialistische Opposition unter Leitung von Leo Trotzki aber erklärte zur selben Zeit, daß die Moskauer Prozesse Bestandteil und Höhepunkt des stalinistischen Terrors darstellen. Sie zeigte, daß das ungeheuerliche Ausmaß der stalinistischen Unterdrückung im umgekehrten Verhältnis zum Fortschritt der Revolution stand. Rußland hatte im Oktober 1917 einen grandiosen Sprung vorwärts in der Geschichte gemacht. Doch die Niederlagen der Arbeiter in mehreren Ländern isolierten die Revolution und stärkten die Reaktion. In Form der stalinistischen Diktatur nahm die Barbarei der alten russischen Gesellschaft furchtbare Rache.

Gegen die Väter unserer heutigen Philister, die den stalinistischen Terror schon damals als Ergebnis und Konsequenz des Bolschewismus darstellten, schrieb Trotzki 1938 seine Schrift "Ihre Moral und unsere". Darin heißt es: "Die Oktoberrevolution vernichtete die Privilegien, führte Krieg gegen die soziale Ungleichheit, ersetzte die Bürokratie durch die Selbstverwaltung der Arbeiter, schaffte die Geheimdiplomatie ab, erstrebte die vollständige demokratische Kontrolle der Funktionäre in Partei und Staat. Der Stalinismus führte die widerwärtigsten Privilegien wieder ein, verlieh der Ungleichheit einen provokatorischen Charakter, erstickte die Selbstständigkeit der Massen in einem Polizeiabsolutismus, machte aus der Verwaltung ein Monopol für die Kremeloligarchie und erneuerte den Machtfetischismus in einer Art und Weise, wie es sich die absolute Monarchie nicht hätte träumen lassen...

Es erfordert wirklich eine bodenlose intellektuelle und moralische Stumpfheit, die reaktionäre Polizeimoral des Stalinismus mit der revolutionären Moral der Bolschewiken zu identifizieren." Kann man es besser sagen?

Damals wie heute weigern sich die Historiker, den geschichtlichen Tatsachen ins Auge zu blicken. Sie stellen die Gewalt der Befreiung auf eine Stufe mit der Gewalt der Unterdrückung und halten ihr den abstrakten Begriff der Demokratie entgegen. Doch auch die bürgerliche Demokratie hat ihre Geschichte. Nicht nur in den Geburtsjahren des Thermidor und Bonapartismus nach der französischen Revolution herrschte Gewalt und floß viel Blut. Demokratische Regierungen setzten sich rücksichtslos über den Mehrheitswillen der Bevölkerung hinweg, organisierten Kriege und Bürgerkriege und mancher Diktator stieg über die Stufen des Parlaments an die Macht.

Mit der abstrakten Phrase der Demokratie wird eine Gesellschaft verteidigt, in der nackte soziale und politische Gewalt herrscht. Doch aus allen Poren dieser Gesellschaft dringt Empörung und wächst Widerstand.

Auch wenn die Debatte über Kommunismus rückwärts beginnt--mit Verleumdungen und Anschuldigungen--sie hat begonnen und hat tiefe soziale Wurzeln. Mögen stumpfsinnige Historiker noch so sehr die alte Leier wiederholen und die Verbrechen der Stalinisten den Kommunisten zur Last legen, die historische Wahrheit läßt sich nicht länger unterdrücken. Und sie ist die größte Kraftquelle für eine Wiederbelebung der revolutionären Arbeiterbewegung.

Nur zu meine Herren Ankläger! Das Gespenst lebt davon, daß man es totsagt. Euer Antikommunismus schreckt niemanden und entlarvt nur Euch selbst. Ihr bestätigt lediglich, was wir Trotzkisten immer gesagt haben: Stalinismus war durch und durch konterrevolutionär!

*Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror, Stéphan Courtois (ed.), Piper Verlag, München, 1998.

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