Das "Schwarzbuch des Kommunismus" und Leo Trotzki

Der Arbeiterpresse Verlag stellt "1937" von Wadim Rogowin vor

Von Peter Schwarz
11. September 1998

Auf einer Veranstaltung im Rahmen des Historikertags in Frankfurt am Main hat der Arbeiterpresse Verlag am 9. September ein Buch über die Moskauer Prozesse vorgestellt. Wir dokumentieren im folgenden den Beitrag, mit dem Peter Schwarz die Veranstaltung eröffnete.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte ihnen heute abend das Buch "1937 - Jahr des Terrors" von Wadim Rogowin vorstellen, dessen deutsche Übersetzung in diesem Frühjahr im Arbeiterpresse Verlag erschienen ist. "1937" ist der vierte Band einer inzwischen auf sechs Bände angewachsenen Reihe unter dem Titel "Gab es eine Alternative?" Diese Reihe behandelt die Geschichte der sozialistischen Opposition gegen den Stalinismus in der Sowjetunion.

Wadim Rogowin, selbst im Jahr 1937 geboren, beschäftigt sich seit seiner Jugend mit diesem Thema. Er hat die vergangenen Jahre genutzt, um intensiv in den inzwischen zugänglichen Archiven zu arbeiten. Er ist Doktor der philosophischen Wissenschaften und Professor am soziologischen Institut der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

Der Band "1937" beschäftigt sich mit einem Zeitabschnitt von nur zehn Monaten - der ersten Phase des "Großen Terrors". Es beginnt bei der Vorbereitung des ersten Schauprozesses im August 1936 und endet mit dem Prozeß gegen die Generäle im Juni 1937. Ein weiterer Band, "Die Partei der Hingerichteten", dessen deutsche Übersetzung im Januar 1999 erscheint,  behandelt die Massensäuberungen und den dritten Schauprozeß vom März 1938.

Rogowins Buch besticht durch die Fülle der historischen Fakten, durch die sorgfältige Auswertung und Präsentation des neu zugänglichen Archivmaterials, durch die detaillierte Darstellung der Entscheidungsprozesse in den führenden Gremien, durch sein Bemühen, die Ereignisse in einen größeren gesellschaftlichen und internationalen Zusammenhang zu stellen. So widmet der Autor mehrere Kapitel dem spanischen Bürgerkrieg und der Hetzjagd auf Sozialisten im Ausland, er geht auf die Arbeit der Dewey-Kommission ein, die in New York einen Gegenprozeß zu den Moskauer Prozessen durchführte, oder er diskutiert die Frage, ob es tatsächlich eine militärische Verschwörung gegen Stalin gab.

Ich will mich aber in meinem heutigen Beitrag nicht mit den zahlreichen Einzelheiten und neuen Erkenntnissen beschäftigen, die Rogowins Buch zutage fördert, sondern mich mit seinem Stellenwert im Rahmen der reichhaltigen Literatur über den stalinistischen Terror befassen.

Schwarzbuch des Kommunismus

Während der vergangenen Monate hat die Diskussion über das "Schwarzbuch des Kommunismus", verfaßt von mehreren französischen Historikern unter Leitung von Stéphane Courtois, in den Medien breiten Raum eingenommen. Die ideologische Voreingenommenheit und die politischen Absichten dieses Buches sind derart durchsichtig, daß es unter ernsthaften Historikern auf weitverbreitete Kritik gestoßen ist.

Courtois will den Nachweis erbringen, daß die "verbrecherische Dimension" dem Kommunismus immanent und schon in der kommunistischen Ideologie angelegt sei. Zu diesem Zweck zählt er im Vorwort des Buches alle Toten zusammen, die "im Namen des Kommunismus" umgebracht wurden. Dabei setzt er so unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene wie der Bürgerkrieg von 1918-21, die Zwangskollektivierung und der Große Terror in der Sowjetunion, die Herrschaft Maos in China und die Diktatur Pol Pots in Kambodscha, das Militärregime in Äthiopien, sowie verschiedene lateinamerikanische Bewegungen - von den Sandinistas in Nicaragua bis zum "leuchtenden Pfad" in Peru - wahllos gleich... und errechnet eine Zahl von 100 Millionen Opfern.

Dem wird eine nach wesentlich restriktiveren Kriterien ermittelte Zahl der Opfer des Faschismus gegenübergestellt und daraus der Schluß gezogen, daß der Kommunismus ebenso verbrecherisch, wenn nicht verbrecherischer sei als der Faschismus.

Vom Standpunkt einer ernstzunehmenden Geschichtsschreibung ist diese Vorgehensweise völlig wertlos. Es gehört zum ABC der Geschichtswissenschaft, daß man eine politische Bewegung nicht nach dem beurteilen kann, was sie von sich selbst behauptet, sondern untersuchen muß, was sie tatsächlich ist, d.h. vor allem, welche sozialen Interessen sie vertritt.

Es würde wohl kaum einem Historiker in den Sinn kommen, alle Bewegungen, die im Laufe der Geschichte im Namen des Christentums aufgetreten sind - von den urchristlichen Märtyrern über die Kreuzfahrer bis hin zur Inquisition und zur Reformation - über einen Kamm zu scheren. Zählte man auf diese Weise alle Leichen zusammen, die "im Namen des Christentums" ins Jenseits befördert wurden, ließe sich leicht nachweisen, daß Jesus von Nazareth die größte kriminelle Organisation der Weltgeschichte gegründet hat. Das wäre offensichtlich absurd. Aber genau das tut Courtois in Hinsicht auf den Kommunismus.

Er setzt den Bolschewismus, der die Arbeiterklasse im Zarenreich zum politischen Leben erweckte und zur Eroberung der Staatsmacht führte, mit dem Stalinismus gleich, der die Staatsmacht im Interesse einer privilegierten Bürokratie usurpierte und jedes politische Leben in der Arbeiterklasse erstickte. Er subsumiert die Bauernarmeen Mao Tsetungs und Pol Pots Diktatur des rückständigen Landes über die Stadt ebenso unter den Begriff "Kommunismus" wie die Guerilla-Abenteuer eines Che Guevara und diverse Militärdiktaturen in Afrika, die sich nur aufgrund ihrer außenpolitischen Beziehungen zu Moskau als "kommunistisch" bezeichnet haben.

In der öffentlichen Diskussion über das Schwarzbuch haben sich, wie ich bereits erwähnt habe, zahlreiche Historiker mit wertvollen Einwänden gegen dieses polemische Machwerk zu Wort gemeldet.

Einige wenden sich gegen den plumpen Vergleich von Kommunismus und Faschismus, in dem sie - nicht zu Unrecht - einen Versuch sehen, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Aber solche Einwände sind in der Regel unfähig, die Verbrechen des Stalinismus selbst zu erklären. Ja sie akzeptieren  sogar - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen - die Grundthese des Schwarzbuchs, daß nämlich der Stalinismus eine Form des Kommunismus sei.

Andere Historiker haben sich auch inhaltlich mit den zahlreichen im Schwarzbuch enthaltenen Fälschungen, Verdrehungen und Geschichtsklitterungen auseinandergesetzt, die sich unweigerlich aus dem Versuch ergeben, eine letztlich unhaltbare These zu beweisen. Aber auch sie gehen in der Regel nicht über eine bestimmte Schranke hinaus. Wie das Schwarzbuch selbst machen sie einen großen Bogen um jene historische Persönlichkeit, die jahrzehntelang im Mittelpunkt der stalinistischen Verfolgung und Unterdrückung stand: um Leo Trotzki.

Rogowins Buch untersucht und würdigt im Gegensatz dazu nicht nur die Rolle der von Trotzki geführten Linken Opposition gegen den Stalinismus. Es läßt auch Trotzki selbst und dessen Sohn Leon Sedow ausführlich zu Wort kommen und stellt ihre Analyse der Säuberungen den neuen Materialien aus den Archiven gegenüber.

Die historische Bedeutung Trotzkis

Es erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, daß Trotzki in den meisten historischen und literarischen Werken, die bisher über den Stalinschen Terror erschienen sind, kaum Beachtung findet. So gibt es beispielsweise in Solschenizyns "Archipel GULAG" keine Verweise auf Arbeiten von Trotzki. Auch Richard Conquests "Der große Terror" setzt sich damit nicht auseinander. Auch viele jüngere Arbeiten folgen diesem Muster.

Dabei ist es unbestritten, daß Trotzki das wichtigste Ziel des Terrors und der Hauptangeklagte aller Prozesse war. Ausnahmslos alle Opfer und Angeklagten, selbst jene, die Trotzkis politische Ansichten stets abgelehnt hatten, wurden des "Trotzkismus", des Bündnisses und der Verschwörung mit Trotzki beschuldigt. Ein Historiker muß nicht mit Trotzkis Auffassungen übereinstimmen - aber er ist verpflichtet diese Tatsache zu erklären. Statt dessen wird ihr regelmäßig ausgewichen.

Typisch ist eine Bemerkung von Reinhard Müller in dem kürzlich von Hermann Weber und Ulrich Mählert herausgegebenen Sammelband "Terror - Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953". Müller wirft Wadim Rogowin in einer Fußnote vor, er transportiere "die NKWD-Phantasmen von der Omnipräsenz und Wirkungsmächtigkeit eines organisierten ,Trotzkismus' weiter". Müller zufolge ist also Stalins Angst vor einer "trotzkistischen Verschwörung" ein reines Mißverständnis, ein Hirngespinst des Geheimdiensts.

Aber historische Ereignisse von der Dimension des "Großen Terrors", der 800.000 Menschen das Leben kostete, lassen sich nicht so oberflächlich erklären. Das bloße Ausmaß dieses einseitigen Bürgerkriegs zwingt dazu, nach den sozialen Interessen zu fragen, die vom Stalinismus auf der einen und dem Trotzkismus auf der anderen Seite verkörpert wurden. So geht Rogowin an die Frage heran. Er schreibt in seinem Buch:

"Der große Terror und sein unabdingbarer Bestandteil - die Schauprozesse gegen die ehemaligen Führer der Opposition - hatten tiefreichende soziale und politische Ursachen.

Die erste und wichtigste dieser Ursachen und dementsprechend auch der Ziele Stalins resultierte aus den unversöhnlichen Gegensätzen der sozialen Interessen. Diese Widersprüche, die das gesamte Leben der Sowjetunion zerrissen, waren darauf zurückzuführen, daß eine ,neue privilegierte Schicht' entstanden war, ... (die) das Sowjetregime in eine bürokratische Tyrannei (verwandelt hatte). Das Ergebnis dieser Degeneration des politischen Regimes war eine Veränderung der sozialen Struktur der Gesellschaft und der Macht, die in Widerspruch zu den Zielen der Oktoberrevolution geriet. Diese Ziele hatten darin bestanden, ,eine Gesellschaft ohne Klassen zu errichten, das heißt ohne Privilegierte und ohne Übervorteilte'... In der Realität entwickelte sich die sowjetische Gesellschaft jedoch genau entgegengesetzt: Die Bürokratie usurpierte die Macht des Volkes, konzentrierte in ihren Händen die Verfügung über allen Reichtum des Landes und teilte sich Privilegien zu, die von Jahr zu Jahr wuchsen."

Die Politik Trotzkis und der Linken Opposition artikulierte die Interessen des sowjetischen Proletariats, in dem die Bürokratie zu Recht die größte Gefahr für ihre Machtstellung erblickte. Daraus erklärt sich Stalins Haß gegen den "Trotzkismus" und seine Angst vor ihm. Rogowin fährt fort:

"Bereits in den ersten Phasen dieses Prozesses stieß die Bürokratie auf den Widerstand der linken Opposition (nach Stalins Terminologie - der ,Trotzkisten'), der einzigen politischen Kraft im Land, die ein Programm besaß, das die Interessen der Volksmassen zum Ausdruck brachte. Mit zunehmender thermidorianischer Degeneration des Regimes ließ die reale Wirklichkeit immer mehr die offizielle Lüge erkennen und bestätigte, daß die Kritik und das Programm der Opposition richtig waren. Das zwang die Bürokratie, um den Anschein ihrer Unfehlbarkeit zu wahren, zu immer schärferen Formen des Kampfes gegen die Opposition zu greifen..."

Der Einfluß der Linken Opposition

Viele Historiker widersprechen dieser Auffassung mit der Behauptung, die Linke Opposition habe kaum über organisatorischen Einfluß verfügt. Dem hat schon vor zwanzig Jahren der Historiker Michael Reiman in seinem 1979 erschienen Buch "Die Geburt des Stalinismus" widersprochen:

"Die Bedeutung der linken Opposition wird in der einschlägigen Literatur nicht selten unterschätzt...", schreibt Reiman. "...viele Autoren (halten) es für unwahrscheinlich, daß die Opposition irgendeinen nennenswerten Einfluß auf die Masse der Parteimitglieder oder gar auf breitere Bevölkerungskreise ausgeübt habe. Aber für eine solch einschränkende Ansicht lassen sich kaum stichhaltige Argumente anführen. Sie wirkt sogar reichlich paradox angesichts jener Berge von Munition, die von der Führung der KPdSU(B) in diesen Jahren gegen die Opposition verschossen wurden: Hunderte von Erklärungen, Aufsätzen, Büchern, Broschüren - ganz zu schweigen von den politischen Massenkampagnen, die noch in den letzten Winkel der UdSSR vordrangen. Schon im Frühjahr 1926 hatte die Vereinigte Opposition, gestützt auf die Kader der alten und erfahrenen Parteiführer, nicht unbedeutendes Terrain erobert. Sie behielt einen gewissen Einfluß in Leningrad, in der Ukraine, in Transkaukasien, im Ural und in einer Reihe von Betrieben Moskaus und des Zentralen Industriebezirks, in höheren Lehranstalten und einigen zentralen Institutionen, sowie im Kommandokorps von Armee und Marine, das die harte Zeit des Bürgerkriegs unter Trotzkis Führung durchgemacht hatte. Innerhalb der Partei gab es zahlreiche verdeckte oppositionelle Zellen und Komitees, die Verbindung mit den Führern in Moskau unterhielten."

Inzwischen haben zahlreiche Dokumente aus den Archiven diese Auffassung bestätigt. Rogowin geht in den ersten Bänden der Reihe "Gab es eine Alternative?" ausführlich darauf ein. Im vorliegenden Band findet sich ein Kapitel über die Trotzkisten in den Lagern, aus dem hervorgeht, daß sich Tausende Trotzkisten nicht hatten brechen lassen, selbst dann nicht, als sie mit dem sicheren Tod konfrontiert waren.

Wichtiger noch als der organisatorische Einfluß der Trotzkisten war aber, daß Stalin stets fürchten mußte, die unterschwellige Opposition gegen seine Herrschaft könnte in dem von Trotzki vertretenen Programm seinen bewußten Ausdruck finden. Die dreißiger Jahre waren nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen Folgen der Zwangskollektivierung von wachsenden sozialen Spannungen geprägt, die auch auf die Spitzen der Kommunistischen Partei übergriffen. So fand - wie Rogowin in einem früheren Band seiner Reihe aufzeigt - 1932 die oppositionelle Rjutin-Plattform in führenden Parteikreisen Unterstützung. Damals wurde in diesen Kreisen sogar die Möglichkeit diskutiert wurde, Trotzki in die Sowjetunion zurückzuholen.

Erst in diesem Zusammenhang erschließt sich der politische und soziale Sinn der Moskauer Prozesse. Lassen sie mich dazu noch einmal Rogowin zitieren:

"Das Hauptziel der Moskauer Prozesse bestand darin, die Bedingungen zu schaffen für eine politische Diskreditierung und physische Vernichtung der gesamten kommunistischen Opposition, um das Volk zu enthaupten, ihm für viele Jahre seine politische Avantgarde zu nehmen und damit auch die Fähigkeit, dem totalitären Regime eine Abfuhr zu erteilen. Der Klassenkampf in der UdSSR hatte im Prinzip seine schärfste Form angenommen - er war zum Bürgerkrieg geworden. Dieser Bürgerkrieg wies, im Unterschied zum Bürgerkrieg von 1918-1920, die spezifische Form des Staatsterrors auf, der darauf gerichtet war, zu verhindern, daß die Massen politisch in Erscheinung traten. ,In den Massen sind zweifellos die Traditionen der Oktoberrevolution lebendig', schrieb Trotzki. ,Die Feindschaft gegenüber der Bürokratie wächst. Aber die Arbeiter und Bauern, sogar wenn sie formal der sogenannten Partei angehören, haben keinerlei Kanäle und Hebel, um Einfluß auf die Politik des Landes zu nehmen. Die heutigen Prozesse, Verhaftungen, Vertreibungen, gerichtlichen und nichtgerichtlichen Repressalien sind eine Form des präventiven Bürgerkrieges, den die Bürokratie insgesamt gegen die Werktätigen führt.'"

Auch die Dynamik der Säuberungen, die immer weitere Kreise erfaßten, erklärt Rogowin aus diesem sozialen Hintergrund.

"Eine wichtige Besonderheit dieses Bürgerkrieges bestand darin, daß er, entgegen Stalins Absichten, unvermeidlich zu einem zahlenmäßigen Anwachsen seiner Gegner innerhalb des Landes führte. Als Resultat der Vergeltungsmaßnahmen gegen offenkundig unschuldige Menschen, gegen die Erbauer der bolschewistischen Partei, gab es weitaus mehr solche Gegner, als Stalin angenommen hatte. Diese Vergeltungsmaßnahmen mußten ,in den Reihen der Bürokratie selbst ein Schaudern hervorrufen'. Man konnte die zentrifugalen Tendenzen innerhalb der regierenden Schicht, in der nicht wenige Menschen subjektiv immer noch den kommunistischen Idealen ergeben waren, nur überwinden, indem man den Hauptteil dieser Schicht vernichtete. Deshalb mündete der große Terror in einen Kampf, den der ,konsequenteste bonapartistische Flügel der Bürokratie gegen deren übrige weniger festen oder weniger zuverlässigen Gruppen führt'."

Höhepunkt der Gegenrevolution

Faßt man zusammen, so erweist sich der "große Terror" nicht, wie die Autoren des Schwarzbuchs behaupten, als zwangsläufige Folge der Oktoberrevolution, sondern als Höhepunkt der Reaktion dagegen, als Höhepunkt der Gegenrevolution. Rogowin schreibt dazu:

"Das Ausmaß des von Stalin entfesselten präventiven Bürgerkriegs war bedingt durch die Kraft der Ideen und der Traditionen der Oktoberrevolution, die nicht nur unter den Volksmassen, sondern auch unter den Parteiapparatschiks, Wirtschaftsleuten, Heerführern usw. lebendig geblieben waren. Um diese in der Geschichte einmalige Kraft zu überwinden, brauchte man einen in Ausmaß und Grausamkeit genauso einmaligen großen Staatsterror."

Diese Einschätzung ist grundlegend für ein Verständnis des zwanzigsten Jahrhunderts. Viele Kritiker des Schwarzbuchs, die zu Recht gegen dessen reaktionäre Zielsetzung auftreten, bleiben selbst in dem Gegensatz von Faschismus und Stalinismus verhaftet. So schreibt Wolfgang Wippermann im Vorwort zu einem soeben im Konkret Literatur Verlag erschienenen Sammelband  "Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus":

"Es geht um die Deutung dieses Jahrhunderts, das sich dem Ende zuneigt. Stand es im Zeichen des Holocaust oder des immer und überall verbrecherischen Kommunismus, dem nach der Meinung zumindest des Herausgebers des ,Schwarzbuches', Stephane Courtois, viermal so viele Menschen zum Opfer gefallen sind? Was sind die signatura temporis: Auschwitz oder Kolyma? Kommunismus oder Faschismus? Verbrechen ,der Deutschen' oder ,Verbrechen des Kommunismus'?"

Auf diese Weise kann man das zwanzigste Jahrhundert nicht verstehen. Die Alternative zwischen Auschwitz oder Kolyma gleicht der Alternative zwischen Pest und Cholera. Der wirkliche Gegensatz in diesem Jahrhundert ist der zwischen der sozialistischen Arbeiterbewegung auf der einen und Faschismus und Stalinismus auf der anderen Seite.

Die internationale sozialistische Arbeiterbewegung hatte Ende des 19. Jahrhunderts einen gewaltigen Aufschwung genommen und erreichte 1917 mit der Machteroberung der russischen Arbeiter ihren Gipfelpunkt. Die Oktoberrevolution erschütterte die bürgerliche Gesellschaft weltweit in ihren Grundfesten. Sowohl der Faschismus als auch der Stalinismus waren eine Reaktion darauf. Beide waren darauf ausgerichtet, die revolutionäre Entwicklung zu stoppen, indem sie die Vorhut der Arbeiterklasse vernichteten. Daraus erklären sich die zahlreichen Parallelen zwischen Faschismus und Stalinismus.

Es gab aber auch Unterschiede. Der Faschismus trat offen als antikommunistische Bewegung auf. Der Stalinismus konnte dies nicht tun und tarnte sich mit dem Banner von Marx, Engels und Lenin - deren Lehren er dabei völlig verfälschte. Der Grund dafür ist nicht schwer zu erklären; er liegt in der sozialen Stellung der stalinistischen Bürokratie begründet. Sie war keine selbständige Klasse. Sie konnte sich nicht auf selbst geschaffene Eigentumsverhältnisse stützen. Sie schmarotzte von den Eigentumsverhältnissen, die die Oktoberrevolution hervorgebracht hatte, und sah sich daher gezwungen, ihre wirkliche Identität ständig durch Fälschung und Lüge verbergen.

Dieser Zustand konnte nicht ewig dauern. Trotzki hat schon vor über sechzig Jahren vorausgesagt, daß die stalinistische Bürokratie schließlich nach neuen sozialen Stützen im bürgerlichen Eigentum suchen werde. Die Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts haben diese Voraussage bestätigt. Die halbkriminelle und parasitäre Kapitalistenklasse, die in dieser Zeit in der ehemaligen Sowjetunion entstanden ist, ging aus dem Schoße der alten Nomenklatura hervor. Sie besitzt alle Laster des Bürgertums des Westens, aber keine seiner Tugenden. In ihren Reihen befinden sich nicht wenige faschistische Elemente.

Die russische Arbeiterklasse war bisher nicht in der Lage, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Auch das ist ein Erbe des Stalinismus. Er hat die einst stark verwurzelten sozialistischen Traditionen systematisch ausgerottet. In diesem Zusammenhang fällt Rogowins Buch eine wichtige Aufgabe zu. Es tut, was Geschichte eigentlich immer tun sollte: Es lehrt und öffnet die Augen. Die Passivität der russischen Bevölkerung erklärt sich daraus, daß sie - abgeschnitten von der eigenen Geschichte - selbst in der falschen Alternative von Stalinismus und Kapitalismus befangen ist. Erst das Verständnis, was Stalinismus wirklich war, wird ihr erlauben, zu den ursprünglichen sozialistischen Perspektiven zurückzukehren.

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