Masse statt Klasse

Deutsche Großverlage fusionieren

Von Wolfgang Zimmermann
5. November 1998

Der Buchhandel und die Verlage befinden sich in einer tiefgehenden Umgestaltung. "Wer kauft wen?", war das Motto auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Die 45prozentige Beteiligung des zweitgrößten Medienkonzerns in Deutschland Holtzbrinck am Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch markiert nur eine neue Runde in der Fusionsspirale.

Kein Monat vergeht ohne die Ankündigung eines neuen Firmenzusammenschlusses. Im Sommer schlug die Nachricht von der Übernahme des amerikanischen Großverlags Random House durch Bertelsmann, den größten deutschen Medienkoloß, noch wie eine Bombe ein. Amerikanische Autorenverbände protestierten, weil nach ihren Angaben Bertelsmann damit etwa 30 Prozent des amerikanischen Buchmarkts kontrolliere. Um die Gemüter zu beruhigen, wurde diese Zahl von der Konzernspitze in Gütersloh auf 12 Prozent heruntergerechnet.

Es ist jedoch kein Geheimnis, daß dieses Jahr bereits 50 Prozent des gesamten Buchabsatzes in den USA auf Verlage in ausländischem Besitz entfallen. Das englische Branchenmagazin The Bookseller schätzt, daß in zwei Jahren 90 Prozent der amerikanischen Verlage 20 weltweit agierenden Unternehmen gehören werden.

Auch im Inland hat Bertelsmann dieses Jahr bereits eingekauft: den Berlin Verlag und den Ratgeberhersteller Falken. Der Umsatz des Konzern wuchs seit 1983 von sechs auf 25,5 Milliarden DM, ein Wachstum von 325 Prozent.

Aber auch für Holtzbrinck war die Beteiligung an Kiepenheuer & Witsch nicht der erste Coup. Im September schmiedeten deren Manager die Ehe zwischen ihren Verlagen Droemer und Scherz und den Verlagen der Weltbild-Gruppe, einem Unternehmen der katholischen Bischöfe. Die renommierteren Verlage Fischer und Rowohlt im Holtzbrinck-Besitz waren vorerst von der Fusion ausgenommen.

Einen Monat zuvor hatte der Springer-Verlag mit dem Kauf von Econ & List versucht, seinem Buchbereich aus Ullstein und Propyläen Verlag auf die Sprünge zu helfen.

Doch dies waren nicht die letzten Meldungen im Medienmonopoly. Die Gerüchteküche um die bekannteren mittelgroßen Verlage wie Eichborn, Hanser, Suhrkamp und Antje Kunstmann brodelt.

Offensichtlich ist die Zeit zu Ende, in der der Verleger nicht nur wirtschaftliche Beziehungen zu seinen Autoren hatte, sondern auch ihr Gesprächspartner, Ratgeber war. Verlegerpersönlichkeiten aus der Verlagsgeschichte wie Johann Friedrich Cotta oder selbst noch aus der Nachkriegszeit wie Ernst Rowohlt sind längst ausgestorben. Sie sahen sich selbst als Bestandteil und Motor der kulturellen Entwicklung.

Verleger heute, vor allem in den Großkonzernen, sind Manager, deren Ziel darin besteht, in schneller Folge wirtschaftlich erfolgreiche Bücher zu veröffentlichen. Die Vorgabe bei Bertelsmann heißt 15 Prozent Rendite im Jahr. Eine Folge davon: immer mehr Titel. Dieses Jahr warten in der Bundesrepublik etwa 86.000 Neuerscheinungen auf Leser. Um sich aus dieser Masse abzuheben, wird an alles angeknüpft, was Popularität verheißt.

Jeder erinnert sich noch an die Stapel von verschiedenen Diana-Büchern, die nach ihrem Tod auf den Markt geworfen wurden. Die Vorschüsse in Millionenhöhe an Autoren steigen ohne Obergrenze und erinnern in fataler Weise an andere Medienspektakel, den Fußball, die Formel-Eins, Tennis, bei denen die Summen, die für die Spieler und Fahrer ausgegeben werden, um so mehr steigen, je schlechter der Sport wird.

Bertelsmann zahlte für den letzten in seinem Club erschienen Roman "Das Lazarus Kind" allein 1,6 Millionen DM für die Lizenz und steckte noch einmal einen siebenstelligen Betrag in die Werbung. Weltbild zahlte jüngst eine Million DM nur für die deutschen Rechte an dem Roman "Für immer Casablanca", der Fortsetzung des Films von Michael Curtiz. Vielleicht gibt es demnächst die Fortsetzung der Fortsetzung, so daß aus dem Filmklassiker noch eine Soap Opera wird.

Bei diesen Summen können kleinere und mittlere Verlage nicht mithalten und werden von den Großen aufgesogen. Gleichzeitig macht es für die Buchkonzerne eine weitere Vermarktung der teuer eingekauften Rechte notwendig. Entweder kann dies in anderen Medien geschehen, wie bei Bertelsmann beispielsweise in den hauseigenen Fernsehkanälen RTL, Vox und Premiere, oder durch Nutzung der Rechte in möglichst vielen Ländern, was nur ein global handelnder Medienkonzern vermag.

Die beiden führenden Verlagshäuser Bertelsmann und Holtzbrinck engagieren sich zunehmend auch in der Verbreitung der Bücher. Bertelsmann, dessen Vertriebsschiene Buchclub stark an Bedeutung verloren hat, hat begonnen, eine eigene Buchladenkette aufzubauen, wird demnächst den Internet-Buchladen BOL in Europa präsentieren und hat sich vor kurzem mit 50 Prozent am zweitgrößten Internetbuchhändler der USA barnesandnobles.com beteiligt.

Nach Ansicht des neuen Vorstandvorsitzenden des Konzerns Thomas Middelhoff werden bis zum Jahr 2005 zwischen fünf und zehn Prozent, eventuell sogar mehr, des gesamten Buchhandels über Internet abgewickelt. Bertelsmann bestätigte unterdessen auch, daß sie ihren Anteil von 45 Prozent an AOL Deutschland auf 55 Prozent erhöhen wollen.

Nicht nur durch die Konkurrenz des Internetbuchhandels bricht die Basis für den traditionell mittelständischen Buchhandel zusammen, sondern auch durch die zunehmende Konzentration im Handel selber und die Entstehung von Buchhandelsketten.

Die Fusion der Holtzbrinck-Verlage mit Weltbild hatte nicht zuletzt den Sinn, diesen das Vertriebsnetz des größten deutschen Buchversands und der angeschlossenen Läden zu öffnen. Die katholische Weltbild-Ladenkette läßt einen Blick zu auf den Buchladen der Zukunft in Buchkonzernart: Die Läden schießen im Wochenrhythmus aus dem Boden, jetzt schon über 200; sie haben nicht mehr als 3.000 Titel im Angebot, während selbst jede kleine Vorstadtbuchhandlung es auf mehr als 10.000 Titel bringt.

Dieser "Buchhandel light" konzentriert sich nur noch auf die Verbreitung der Bestseller, der gängigen Ratgeber und Reiseführer. Dort haben anspruchsvolle Literatur und Sachbücher keinen Platz mehr. Im Internet bieten sich jedoch gerade für kleinere Verlage wie auch den Arbeiterpresse Verlag gute Möglichkeiten, die Inhalte ihrer Bücher darzustellen und dadurch einen guten Platz im virtuellen Buchregal zu erhalten.