Rußland - Eine Gesellschaft im freien Fall

Die soziale Krise verschärft sich immer mehr

Von Patrick Richter
1. April 1999

Ein halbes Jahr nach der Finanzkrise vom August 1998 ist von der einstigen Weltmacht kaum mehr ein Schatten ihrer selbst übriggeblieben. Die Ohnmacht der russischen Politiker, innen- wie außenpolitisch auch nur eines der brennenden Probleme anzugehen, findet ihren dramatischsten Ausdruck in den verheerenden sozialen Verhältnissen des Landes.

Verschiedene Studien und Untersuchungen, die gegenwärtig veröffentlicht werden, geben ein konkreteres Bild über das wahre Ausmaß der sozialen Krise. Es zeichnet sich ab, daß die vergangenen zehn Jahre für die große Mehrheit der russischen Bevölkerung eine Katastrophe bedeuteten, von der nahezu jeder Lebensbereich nachhaltig betroffen ist.

Von den bescheidenen sozialen Zugeständnissen aus Sowjetzeiten ist fast nichts mehr übrig geblieben. Sie machten Armut, Unsicherheit und Kriminalität Platz, die das tägliche Leben der breiten Masse der Bevölkerung heute bestimmen. Nur einer dünnen Schicht korruptester und rücksichtslosester Bürokraten und Krimineller gelang es, einen byzantinischen Reichtum anzuhäufen, der in immer größeren Gegensatz zum Leben der übrigen Bevölkerung steht. Die Kriminalitätsrate kann nur noch mit der Kolumbiens verglichen werden.

Allein das äußere Bild Moskaus vermittelt den Eindruck einer surrealen Welt. Neben schweren westlichen Limousinen reicher Mafiabosse oder hoher Regierungsbeamter sieht man auf den Straßen überall Rentner, die betteln oder irgend etwas verkaufen, weil sie mit ihrer Rente von umgerechnet 25 DM (bzw. 13 Dollar) pro Monat nicht überleben können. In den Vorortzügen, einer Art S-Bahn, versuchen sich Unzählige als Verkäufer und bieten alle möglichen Kleinigkeiten an, um sich über Wasser zu halten. Die Hauptstraßen sind nachts mit jungen Mädchen überfüllt, die sich in ihrer Verzweiflung zum Teil für weniger als 5 DM (3 Dollar) anbieten.

Die jüngsten Arbeitslosenstatistiken von Ende Januar 1999 gehen von einer bisher unbekannten Arbeitslosenquote von 12,4 Prozent aus. Das entspricht 8,96 Millionen Arbeitslosen. Aufgrund des Rückgangs der Produktion um 5 bis 10 Prozent seit vergangenem Sommer kam es allein in den beiden Monaten Dezember und Januar zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um 0,6 Prozentpunkte oder 700.000 Menschen. Seit August haben mehr als 1 Million ihre Arbeit verloren. Das ist der größte Anstieg der Arbeitslosigkeit seit vier Jahren.

Der Gipfel ist aber noch nicht erreicht. Weltbankökonom Kuddo Arvo erklärt, daß Rußlands Bruttoinlandsprodukt in den Jahren seit der Perestroika mit einer um 26 Prozent höheren Geschwindigkeit geschrumpft sei, als die Beschäftigung. In naher Zukunft müsse daher von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 12,5 bis 13 Millionen ausgegangen werden.

Das Problem bestünde darin, daß 42 Millionen Beschäftigte (66 Prozent der arbeitenden Bevölkerung) in großen bzw. mittleren Betrieben arbeiten, die mit ihren Jahrzehnte alten Maschinen und Anlagen eine viel zu geringe Arbeitsproduktivität aufwiesen und in Kürze gezwungen sein werden, größere Entlassungen vorzunehmen. Selbst ein 10prozentiger Anstieg der Nachfrage nach Industrieprodukten könne die Lage auf dem Arbeitsmarkt höchstens stabilisieren, jedoch nicht lindern.

Besonders betroffen sind Frauen. Sie machen über 60 Prozent der Arbeitslosen aus und stellen mehr als zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen. 80 Prozent der Frauen, die seit August ihre Arbeit verloren haben, gehören der Kategorie "schwach geschützt" an. Dazu zählen alleinerziehende Mütter, Mütter mit drei und mehr Kindern oder Frauen, die sich um einen Angehörigen kümmern müssen (wie zum Beispiel ihre Eltern - eine weit verbreitete Erscheinung in Rußland).

Frauen unter 30 Jahren mit einem Kind gehören zu den ersten, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Die vollständige Abschaffung jeglicher Art staatlicher Unterstützung zwingt junge Mütter zu Hause zu bleiben. "Nach Jahrzehnten mystischer Befreiung sind die russischen Frauen mehr denn je an die traditionelle Rückständigkeit gebunden", erklärt Jelena Mesentzewa vom Zentrum für Geschlechterforschung.

Mit der Verschärfung der Situation auf dem Arbeitsmarkt leiden Frauen vor allem am Wegfall besser bezahlter und qualifizierter Arbeitsplätze. Sie werden aus dem Berufsleben gedrängt und gezwungen, schlecht bezahlte, unqualifizierte und nicht selten sogar illegale Arbeit anzunehmen.

So sind beispielsweise 70 Prozent der 10 Millionen Kleinhändler auf den Märkten Frauen. Sie müssen oft länger als 10 Stunden bei jedem Wetter auf der Straße stehen und sind dabei ganz allein für den Transport der schweren Waren auf den Markt verantwortlich. Teilweise müssen sie unter Schwarzmarktbedingungen arbeiten und haben dann keinerlei Rechte und keinen Anspruch auf staatliche Leistungen. Denjenigen, denen das nicht gefällt, bleibt nur noch der "traditionelle" Arbeitsplatz in der Küche und zu Hause.

Doch auch dort haben die Leiden insbesondere seit August enorm zugenommen. Frauen und Kinder bekommen die gesellschaftlichen Spannungen zu spüren. Der Psychologin Albina Panschina zufolge habe sich die Gewalt zu Hause seit der Krise verdoppelt. Es handele sich dabei nicht nur um physische Gewalt, sondern auch um psychologische Unterdrückung oder die bloße Androhung von körperlicher Gewalt, was im Endeffekt ebenso verheerend sei.

Jüngsten Zahlen zufolge wurden im vergangenen Jahr 15.000 Frauen von ihren Männern ermordet. Im Vergleich dazu liegt diese Zahl in den USA, deren Bevölkerung nahezu doppelt so groß ist, bei 1.500.

Die heutige Kindergeneration wächst unter Bedingungen heran, die von zerrütteten Familienverhältnissen und ökonomischer Unsicherheit geprägt sind. Moralische und physische Schäden sind die Folge.

Die Qualität des Familienlebens hat ein absolutes Tief erreicht. Ein Fünftel aller russischen Haushalte lebt mittlerweile unterhalb des Existenzminimums, wobei die Lage für Familien mit Kindern unter 16 Jahren noch schlechter ist. Fast ein Drittel der Kinder wächst in Armut auf, und je mehr Kinder in einer Familie leben, desto größer wird die Armut. Über 50.000 Kinder verlassen jährlich das Elternhaus und 2.000 begehen Selbstmord.

Die Anzahl außerehelich geborener Kinder hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Sie machen heute 20 Prozent aller geborener Kinder aus. Selbst für Kinder, die in traditionellen Familien aufwachsen, ist das Risiko sehr hoch, zumindest einen Elternteil zu verlieren, bevor sie das 18. Lebensjahr erreichen. Die Scheidungsraten nehmen zu, und die Elternsterblichkeit ist auf 16,2 Prozent angestiegen. Von 1989 bis jetzt ist der Anteil der Kinder, die einen Elternteil durch Scheidung oder Tod verloren haben, von 50 auf 64 Prozent angestiegen. Die Zahl der Vollwaisen hat sich im gleichen Zeitraum auf 600.000 mehr als verdoppelt.

Ebenso dramatisch entwickelt sich der Gesundheitszustand Jugendlicher. Ein Bericht des Verteidigungsministeriums über die Musterung Wehrpflichtiger vom vergangenen Herbst stellt fest, daß sich der allgemeine Gesundheitszustand weiter verschlechtert hat. 30 Prozent der Männer im wehrpflichtigen Alter seien für den Militärdienst untauglich.

An der Spitze der Erkrankungen stehen mit 31,2 Prozent Herz-, Nieren- und Verdauungsstörungen. 20,7 Prozent wurden wegen angeborener oder posttraumatischer Sprachbehinderungen ausgemustert, 19,3 Prozent aufgrund psychologischer Deformationen. Die Anzahl junger Männer mit Geschlechtskrankheiten oder anderen ansteckenden Krankheiten ist steigend. Das selbe trifft auf die Zahl Süchtiger zu.

Seit 1992, als die Russische Armee gegründet wurde, ist die Rate an Syphilis Erkrankter um 1.000 Prozent angestiegen. Fälle von Alkoholismus, Drogensucht und Lösungsmittelmißbrauch haben um 100 Prozent zugenommen. Fast 30 Prozent der für den Wehrdienst als tauglich Eingestuften leiden an Untergewicht, während mehr als zwei Drittel der 10.500 eingezogenen Moskauer die einfachsten Sporttests nicht bestanden haben.

Eine Studie, die Anfang März von der Komsomolskaja Prawda veröffentlicht wurde, führt an, daß unzählige Faktoren, wie zunehmende Armut, schlechtere Umweltbedingungen und belastende emotionelle Sorgen den durchschnittlichen Russen physisch und psychisch immer mehr schwächen. Die Leute sterben öfter und früher.

So sprechen viele Soziologen, was die Entwicklung des Bevölkerungswachstums betrifft, mittlerweile von einer "demographischen Krise". Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges übersteigen die Sterberaten die Geburtenraten. Rußlands Bevölkerung, die sich gegenwärtig auf 150 Millionen beläuft, wird bis zum Jahr 2010 um 12 Millionen sinken. Eine Umkehr dieses Trends ist nicht in Sicht.

Siehe auch:
Rußland nach acht Jahren kapitalistischer Reformen - Eine soziale Krise ohne Parallelen
(30. Januar 1999)
Rußlands Finanzkrise soll auf den Rücken der Arbeiterklasse abgewälzt werden.
( 8. Juli 1998)