Arm und Reich in Deutschland

Der Caritas-Verband legt neue Zahlen vor

Von Dietmar Henning
26. Oktober 1999

"Die Erfahrung von Armut, kontrastiert durch einen teilweise unvorstellbaren Reichtum, bleibt die belastende Spur, die sich ins nächste Jahrhundert hineinzieht." So kommentiert der katholische Wohlfahrtsverband Caritas die Ergebnisse einer von ihm in Auftrag gegebenen Studie zur Verteilung von "Armut und Reichtum in Deutschland".

Eine Auswahl der vom Frankfurter Institut für Sozialberichterstattung und Lebenslagenforschung (ISL) ermittelten Zahlen ist in der vergangenen Woche vom Caritasverband der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Danach lebten 1997 in der Bundesrepublik 8,7 Prozent oder 7,12 Millionen Menschen in "relativer Einkommensarmut". Die Schwelle, unterhalb derer die "relative Einkommensarmut" beginnt, in der Sozialwissenschaft eine anerkannte Größe zur Einteilung von Armut, liegt bei der Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens. In Deutschland sind dies derzeit 924 DM im Monat. Ein Großteil unter diesen Einkommensarmen sind Alleinerziehende (über 23 Prozent) und Paare mit Kindern (21,9 Prozent). Mit einem durchschnittlichen Einkommen dieser Personengruppen von 739 DM liegen sie noch deutlich unter der Armutsgrenze.

Die Caritas stellt weiterhin fest: "Mit zunehmender Kinderzahl steigt die Armutsquote deutlich: Von 9,7 Prozent in Haushalten mit einem Kind auf 34,5 Prozent in Haushalten mit vier und mehr Kindern." Kinder brächten ein sehr hohes Armutsrisiko mit sich. Das bedeute natürlich auch, dass Kinder von der Armut am meisten betroffen sind. Von den Kindern zwischen 14 und 17 Jahren zum Beispiel müsse man 22 Prozent zur Armutsbevölkerung zählen. "Etwa 1 Million Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind in Deutschland arm."

Als ein weiteres Indiz für Armut gilt - lediglich Politiker sehen das anders - der Sozialhilfebezug. 2,89 Millionen Menschen in eineinhalb Millionen Haushalten bezogen 1997 diese Hilfe. Doch auf jeden Empfänger von Sozialhilfe kommt noch einmal ein Armer, der - aufgrund fehlender Information, aus Scham oder Stolz - seinen Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend macht. Insgesamt kommen nach dieser Rechnung 5,7 Millionen Arme zusammen.

Die Armut- und Lebenslagenuntersuchungen der Caritas haben darüber hinaus aufgezeigt, wie finanzielle Nöte mit einer Vielzahl anderer Probleme in Beziehung und Wechselwirkung stehen. Neben der Langzeitarbeitslosigkeit, die die Caritas als " das Übel schlechthin" einstuft, zählen dazu: Überschuldung, hohe Mietbelastung und schlechte Wohnqualität, unzureichende Absicherung für das Alter oder unvorhergesehene Situationen, Gewalterfahrungen, Suchtprobleme und andere gesundheitliche und psychische Belastungen.

In diesem Zusammenhang wirft die Caritas ein Schlaglicht auf die Befindlichkeit der Bevölkerung im Osten Deutschlands. In einer Studie von 1997 gaben zwei Drittel der Befragten an, "öfter erschöpft und zerschlagen" zu sein. Immerhin 42 Prozent erleben sich als "gewöhnlich unglücklich". Nur 7 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden, während mehr als ein Drittel mit dem ihren "eher unzufrieden" sind.

Die Caritas wehrt sich auch gegen die Diskussion um den Missbrauch sozialer Leistungen. Der Anteil der Sozialhilfeempfänger, die Leistungen in Anspruch nehmen, die ihnen nicht zustehen, beläuft sich auf 7,4 Prozent in der Gruppe der Sozialhilfeempfänger und auf 0,2 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Der wirtschaftliche Schaden, der den Kommunen dadurch entsteht, liegt bei 283 Millionen DM im Jahr. Die Caritas stellt dieser Zahl die "Einsparung" von 4,48 Milliarden DM jährlich entgegen, die durch das Nichtgeltendmachen bestehender Ansprüche auf Sozialhilfe zustande kommt, sowie die Mindereinnahmen des Staates durch Steuerhinterziehung von 140 Milliarden DM im Jahr. Hinzufügen könnte man den Zinsdienst der Bundesrepublik an die Banken von 80 Milliarden DM im Jahr oder 220 Millionen DM am Tag.

Der Bericht gibt gleichzeitig zu bedenken, dass bei einem Einkommen von über 50 Prozent des Durchschnitteinkommens (924 DM) die Menschen zwar aus der definierten Einkommensarmut herausfallen, aber dennoch nicht sorglos leben können. Den Einkommensbereich zwischen 50 und 75 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens nennt die Wissenschaft "prekären Wohlstand". Dieser Begriff soll deutlich machen, dass jederzeit mögliche Ereignisse wie eine plötzliche Krankheit, der Verlust eines Arbeitsplatzes, eine Mieterhöhung, das Scheitern einer Ehe, aber "auch an sich durchaus erfreuliche Ereignisse wie die Geburt eines Kindes - zumal wenn es nicht ,geplant' ist - den Absturz unter die Armutsgrenze mit sich bringen können". Die Caritas schließt daraus: "Armut und Armutsgefährdung fressen sich bis weit in die mittleren Schichten der Gesellschaft hinein."

Rechnet man die Einkommensarmen und die in prekärem Wohlstand Lebenden zusammen, so findet man ein Drittel der Bevölkerung, die mit finanziellen Sorgen und in existentieller Unsicherheit lebt.

Bei den Zahlen zur Verteilung des Reichtums ist die Wissenschaft nicht ganz so weit wie in der Armutsforschung. Es gibt keine "Reichtumstheorie". In der Literatur spricht man bei Personen, die über das doppelte oder mehr des durchschnittlichen Nettoeinkommens (3.696 DM) verfügen von "wohlhabend" oder "relativ reich". In Deutschland fallen unter diese Eingruppierung 3,8 Prozent der Bevölkerung oder 2,63 Millionen Personen. Es ist offensichtlich, dass diese Personengruppe stark differenziert gesehen werden muss. Mit Sicherheit haben diejenigen, die 3.696 DM im Monat zur Verfügung haben, kaum existentielle oder finanzielle Sorgen. Doch eine genauere Einteilung der Personen, die unter den Zusatz "und mehr" fallen, wäre höchst interessant. Diese gibt es leider noch nicht.

Dafür werden andere Vergleichszahlen vom Wohlfahrtsverband angeführt, die eine krasse Ungleichheit belegen. So verfügten 1997 die ärmsten 10 Prozent der deutschen Bevölkerung über 4,1 Prozent des Gesamteinkommens. Die unteren 70 Prozent der Bevölkerung verfügten über 53 Prozent des Einkommens. Dem stehen 21 Prozent des Gesamteinkommens für das oberste Zehntel gegenüber.

Noch ungleicher sind die Geld- und Immobilienvermögen in der Bundesrepublik verteilt. Hier mussten die Wissenschaftler auf Zahlen von 1993 zurückgreifen. Dennoch sind bereits diese recht eindeutig, wobei man annehmen kann, dass sich diese Tendenz in den letzten sechs Jahren noch verstärkt hat. 1993 belief sich das westdeutsche Gesamtvermögen auf 7,2 Billionen DM, das ostdeutsche auf 0,5 Billionen DM. (Es beträgt nach den neuesten Zahlen im Jahre 1998 (für Ost und West) 14,8 Billionen DM, hat sich also innerhalb von nur fünf Jahren nahezu verdoppelt).

In Westdeutschland besaß 1993 die untere Hälfte der Haushalte 5,6 Prozent dieses Vermögens, die unteren 30 Prozent sogar nur 1 Prozent. Dagegen besitzen die oberen 20 Prozent der Haushalte 61 Prozent dieses Vermögens, die oberen 10 Prozent ganze 41 Prozent. Übersetzt man die Anteile in Geldmengen, so stehen die unteren 10 Prozent einem "mehr oder weniger großen Schuldenberg" gegenüber. Das dann folgende Zehntel kann auf durchschnittlich 6.700 DM Vermögen zurückgreifen. Die zehn Prozent der reichen Haushalte hingegen können durchschnittlich eine Million DM ihr Eigen nennen. Zusammengerechnet besitzt dieses obere Zehntel insgesamt 3 Billionen DM. Gewinnbringend verzinst wirft das Vermögen dieses oberen Zehntels mehr an jährlichen Zinseinnahmen ab, als die unteren 40 Prozent an Gesamtvermögen auf sich vereinigen. Die Studie folgert: "Arbeit als Faktor der Vermögensbildung und Zukunftssicherung spielt eine zunehmend untergeordnete Rolle."

In Ostdeutschland ist das Vermögen zwar nicht so gewaltig wie im Westen, dafür ist es noch ungleicher verteilt. Drei Viertel des Gesamtvermögens geht dort an die oberen 20 Prozent der Haushalte. Die oberen 10 Prozent besitzen dabei sogar mehr als die Hälfte, genau 52,6 Prozent. Das untere Zehntel der Haushalte im Osten steht vor einem Schuldenberg von zusammen 1,6 Milliarden DM.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zahlen, die die Caritas vorgelegt hat, eine Anklage an die bestehende Gesellschaft darstellen; ein "sich verfestigender Sockel einer Armutsbevölkerung" auf der einen und "teilweise unvorstellbare Größenordnungen von Einkommen" auf der anderen Seite. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Die rot-grüne Bundesregierung sieht diese Zahlen im übrigen anders. Sie steht, wie so häufig, auch in dieser Hinsicht in der Kontinuität der Kohl-Regierung, wenn sie in einem Berichtsentwurf zu einer Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen im Juni 2000 in Genf schreibt, dass "Armut im absoluten Verständnis nur in wenigen Ausnahmefällen (etwa bei Nichtinanspruchnahme zustehender Sozialhilfe) zu begegnen" sei.

Siehe auch:
Steigende Armut in Schleswig-Holstein
(28. August 1999)