Der Streit in der Katholischen Kirche

Vom sozialen Vermittler zum rechten Bollwerk

Von Dieter Hesse
7. Oktober 1999

Seit beinahe vier Wochen berichten Zeitungen und Nachrichtensendungen täglich vom Streit über die Schwangerschaftsberatung in der Katholischen Kirche. Der Konflikt selbst ist nicht neu, zieht er sich doch schon seit Jahren hin, aber er gewinnt nun zusehends an Schärfe.

Worum geht es dabei vordergründig?

1993 legte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Übergangsregelungen (ab 1995 dann im Abtreibungsgesetz) für die Auslegung des Paragraph 218 StGB fest, wonach Schwangerschaftsabbrüche zwar weiterhin rechtswidrig, unter gewissen Voraussetzungen jedoch bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei sind. Zu diesen Voraussetzungen gehört, dass die schwangere Frau an einem oder gegebenenfalls auch an einem zweiten Beratungsgespräch teilnimmt. Für diese Gespräche gibt es in Deutschland rund 1700 autorisierte Beratungsstellen, wovon 270 von der katholischen Kirche getragen werden. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg betreut die Katholische Kirche rund die Hälfte der Beratungsstellen.

Offiziell nimmt der Staat seinen Strafanspruch zurück, um der Frau in einer Konfliktsituation mit einem "ergebnisoffenen" Gespräch zu helfen und um Wege aufzuzeigen, wie die abtreibungswillige Frau doch zum Austragen des Kindes gebracht werden kann. Die Beratungsstellen stellen der Frau dann eine Bescheinigung aus, dass ein Beratungsgespräch stattgefunden hat. Dieser Schein berechtigt zur straffreien Abtreibung.

Die katholischen Bischöfe schlossen seit 1993 diverse Kompromisse, um sich im Namen der Kirche an diesen Beratungsgesprächen zu beteiligen. Nach ihren eigenen Angaben sahen sie in dem Beratungsschein nicht ein rechtfertigendes Dokument zur Abtreibung, was nach kirchlichem Recht eine Sünde darstellt und verboten ist, sondern sie sahen in den Beratungsgesprächen die letzte Chance, eine abtreibungswillige Frau umstimmen zu können. Um diese Interpretation und ihre Folgen dreht sich der Streit in der Katholischen Kirche.

Der Vatikan und der Papst kritisierten in mehreren Briefen an die Deutsche Bischofskonferenz die jeweiligen Kompromisse und forderten immer vehementer ein Ausstieg aus der Schwangerenberatung. Der letzte Kompromiss vom Juni dieses Jahres hielt nicht einmal drei Monate, bis der Papst ihn auf Initiative einiger deutscher Bischöfe kippte. Dieser Kompromiss besagte, dass die Bescheinigung, die den Frauen ausgehändigt wird, den Zusatz tragen müsse: "Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung straffreier Abtreibung verwendet werden."

In seinem bisher letzen Brief vom 19. September, zu dem er u.a. durch die deutschen Bischöfe Meisner (Köln) und Dyba (Fulda) ermuntert worden war, verweist der Papst (vertreten durch zwei römische Kardinäle) nochmals ausdrücklich darauf hin, dass laut dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Abtreibung "ein verabscheuenswürdiges Verbrechen" darstelle, und verlangt von den Bischöfen, dass sie aus der Beratung aussteigen, bzw. keine Scheine mehr ausstellen.

Dieser Forderung wollen die Bischöfe nun aller Voraussicht nach nachkommen, obwohl die bisherige Position schon überaus konservativ war. Selbst die Direktorin des UN-Bevölkerungsfonds, Nafis Sadik, wendet sich offen gegen die mittelalterlichen Gebote des Papstes. Sie erklärte anlässlich der Vorstellung ihres Jahresberichts über die Entwicklung der Weltbevölkerung, dass der Vatikan den Disput über Familienplanung international verloren habe. "Auch der Vatikan", so Sadik, "muss wie die internationale Gemeinschaft akzeptieren, dass die selbstbestimmende Familienplanung der Frau ein Menschenrecht ist."

Der Hintergrund der Diskussion

Die Schwangerenberatung ist nur der Anlass der heftigen Auseinandersetzung innerhalb der Kirche. Sie wird von den äußerst rechten Kreisen um die Bischöfe Dyba und Meisner, dem deutschen Kardinal in Rom, Ratzinger, und nicht zuletzt dem Papst und seinen Beratern genutzt, um den Kurs der Katholischen Kirche zu verändern. Dyba, in dessen Fuldaer Bistum als einzigem seit 1993 keine Beratungsscheine mehr ausgestellt wurden, unterhält in seiner Eigenschaft als Militärbischof auch beste Kontakte zum Offizierscorps der Bundeswehr.

Bisher spielten die Kirchen verschiedener Konfessionen eine wichtige Rolle im staatlichen Fürsorgesystem. Mit Organisationen wie Caritas, Diakonisches Werk, Kolping u.s.w. waren sie ein entscheidendes Glied bei der Verteilung von Sozial- und Hilfsleistungen an Bedürftige. Die Priester und Pfarrer redeten in ihren Predigten der sozialen Gerechtigkeit das Wort und ließen sich dieses durch das Kirchensteuersystem fürstlich entlohnen.

Nun aber, wo durch Umverteilung, drastische Sparmaßnahmen und Kriegseinsätze der Politik des Sozialreformismus und der Sozialpartnerschaft der Boden entzogen wird, ändert sich die Rolle der Kirche. Statt der Fürsorge soll sie nun die Funktion eines rechten, demagogischen Bollwerks übernehmen.

Der jetzige Streit - zu diesem Schluss gelangen verschiedene Zeitungen - ist nur der Auftakt für diverse Konflikte, die sich nun im deutschen Katholizismus verschärfen werden. Die Zeit nennt den Papst ganz offen einen "Fundamentalisten", der "immer deutlicher seine Vorbehalte gegen den westlichen Pluralismus und Individualismus erkennen" lasse. Es werde, so die Zeit, zu tiefen Konflikten im Verhältnis zwischen Amtskirche und Laienbewegung, zwischen Staat und Kirche und zwischen Männern und Frauen kommen.

Je mehr die Kluft in der Gesellschaft wächst und je mehr der Konflikt zwischen den Institutionen des Staats und der breiten Mehrheit der Bevölkerung anschwillt, desto eindeutiger wird sich die Kirche von einer sozialen Institution in eine autoritäre ideologische Bastion verwandeln. Sie wird die alten, bekannten Formen ihrer Tätigkeit abstreifen und zur Quelle der Reaktion werden, wie es kirchliche Vereinigungen in Amerika - oder in extremerer Form in islamisch-fundamentalistischen Ländern wie Algerien oder dem Iran - heute schon sind.

Gerade die Katholische Kirche mit ihrem - das rationale Denken ausschaltenden - Hang zum Mystizismus, mit ihren Dogmen und ihrem Prunk ist dafür besonders geeignet. Sie, "mit ihrer jahrtausendjährigen Erfahrung und ihrem gewaltigen, den Verstand unterjochenden Mechanismus, mit ihrem Hinweis auf das Jenseits, wenn das Diesseits versagt, ist ja gerade geschaffen, hoffnungslosem, ökonomischem und moralischem Elend einen Halt zu geben", wie Karl Kautsky einst schrieb.

In dem kirchlichen Streit verweisen viele Opponenten der Positionen des Papstes darauf, dass in Deutschland eine kleine rechte Minderheit einer breiten Mehrheit gegenüberstehe. Tatsache ist jedoch, dass sich diese "Minderheit" mit dem päpstlichen Segen durchsetzt. Die Rufe, dass jetzt die Stunde der Laien gekommen sei, die sich gegen die bornierten Kleriker und die römische Kurie durchsetzen und Eigenverantwortung zeigen müssten, sind lediglich die Begleitmusik zur Rechtswende der Kirche. Man fühlt sich an die Regierung Schröder erinnert, die sich in keiner Weise dem Druck aus der Bevölkerung beugt, sondern nur dem Druck der Wirtschaft, dem Druck von rechts.