Der Arbeiterpresse Verlag stellt einen neuen Band von Wadim Rogowin vor

"Vor dem großen Terror - Stalins Neo-NÖP"

Von Wolfgang Zimmermann
29. März 2000

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse hat der Arbeiterpresse Verlag ein weiteres Buch aus der siebenbändigen Reihe "Gab es eine Alternative?" von Wadim Rogowin vorgestellt. Es handelt sich um den dritten Band mit dem Titel "Vor dem großen Terror - Stalins Neo-NÖP". Er wird im Mai erscheinen. Die Bände vier und fünf mit den Titeln "1937 - Jahr des Terrors" und "Die Partei der Hingerichteten" liegen bereits in deutscher Sprache vor.

Eine Lesung, in der auf die Kernpunkte des dritten Bandes eingegangen wurde, stieß in Leipzig auf großes Interesse.

Wadim Rogowin, der im Jahr 1998 einem schweren Krebsleiden erlag, legte mit dieser Reihe eine einmalige Studie über die Geschichte der Opposition gegen den Stalinismus vor. Der neue Band behandelt die Zeit von 1934-1936, eine Periode der stürmischen Veränderungen in der Sowjetunion.

Mit der "Neo-NÖP" (Neue Ökonomische Politik) trat durch eine teilweise Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Mechanismen, die in den vorangegangenen Jahren der Zwangskollektivierung zerstört worden waren, eine Liberalisierung der Wirtschaftsbeziehungen ein. Rogowin erläutert es so:

"Trotz aller Widersprüche der ‘Stalinschen Neo-NÖP' erreichte man in den Jahren 1934 bis 1936 ein Wachstum in der Effektivität der Produktion, wie es in den Nachkriegsjahren noch nicht da gewesen war. Diese Wirtschaftserfolge brachte die Auslands- und Emigrantenpresse mit dem Anbruch eines ‘sowjetischen Frühlings', einer ‘Rosafärbung des Roten Russland' in Zusammenhang. 1936 charakterisierte das von Emigranten geführte Institut für Wirtschaftsforschung die Fortschritte im sowjetischen Wirtschaftssystem als ‘Versuch, Produktion und Distribution zwischen den staatlichen Betrieben auf den Prinzipien der Konkurrenz, der persönlichen Interessiertheit, der Rentabilität und der Gewinnerwirtschaftung zu organisieren'.

Die ‘Stalinsche Neo-NÖP' unterschied sich wesentlich von der NÖP der zwanziger Jahre. Die Hauptunterschiede bestanden darin, dass die Liberalisierung des Wirtschaftslebens unter den Bedingungen der NÖP begleitet wurde von einer bewussten Zügelung der wachsenden sozialen Ungleichheit und einer drastischen Abnahme politischer Repressalien im Vergleich zu den Jahren des Bürgerkriegs. Die Stalinsche Neo-NÖP dagegen kombinierte die Abschwächung des administrativen Kommandos in der Wirtschaftsleitung mit einer verstärkten sozialen Differenzierung und stetig zunehmenden politischen Repressalien, um jede Oppositionshaltung und Kritik in der Partei und im Land zu unterdrücken, sowie um die herrschende Rolle der Bürokratie und das Regime der persönlichen Macht zu festigen.

Trotzki schrieb, nachdem nunmehr die größten, durch die Zwangskollektivierung hervorgerufenen ökonomischen Schwierigkeiten der Vergangenheit angehörten, hätte man eine Ausweitung der geistigen Freiheit und eine Demokratisierung des politischen Regimes erwarten können. Doch diesen Weg konnte die Stalinsche Bürokratie nicht beschreiten, da er die Gefahr des Verlustes ihrer Alleinherrschaft in der Partei und im Land in sich barg. ‘Je komplizierter die Wirtschaftsaufgaben', schrieb Trotzki, ‘und je größer die Forderungen und Ansprüche der Bevölkerung werden, desto akuter werden auch die Widersprüche zwischen dem bürokratischen Regime und den Erfordernissen der sozialistischen Entwicklung, und desto brutaler kämpft die Bürokratie um die Erhaltung ihrer Positionen, desto zynischer greift sie zu Gewalt, Betrug und Bestechung. ... Darum wird es auch immer dringender, die Repression durch Fälschungen und Amalgame zu maskieren.' Daraus erklärte sich die Kurzlebigkeit der ‘Stalinschen Neo-NÖP'. Sie wurde abgelöst durch den großen Terror und eine Verschärfung der Arbeitsgesetzgebung, die in eine direkte Militarisierung der Arbeit hinüberwuchs."

Die wirtschaftliche Entwicklung und Erholung nach den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die die Zwangskollektivierung begleiteten, wird von Rogowin mit sehr viel Zahlenmaterial untermauert. In mehreren Kapiteln zeigt er auf, wie die Ermordung Kirows organisiert und benutzt wurde, um den Terror und die Säuberungen in Gang zu setzen.

Ausführlich schildert er dann die wachsende Unzufriedenheit und Opposition in den Städten, die den eigentlichen Hintergrund des Terrors bildeten. Die Lesung in Leipzig demonstrierte dies anhand vieler Textbeispiele, wie dem folgenden:

"Während zu Beginn der dreißiger Jahre die Speerspitze der politischen Massenrepressalien gegen die Bauernschaft gerichtet war, die sich der Zwangskollektivierung widersetzte, ging es 1934 gegen die Städter, die immer stärker ihre Unzufriedenheit mit dem Stalinschen Regime zum Ausdruck brachten. Ein beträchtlicher Teil der Arbeiterklasse, nämlich jener, in dem die revolutionären Traditionen noch nicht erloschen waren, empfand voller Entrüstung die antiproletarische Politik des Stalinismus, in deren Folge die arbeitende Masse nach wie vor an den sozialen Folgen der forcierten Industrialisierung schwer zu tragen hatte...

Wie Chrustschow in seinen Erinnerungen schrieb, waren selbst in Moskau die Arbeits- und Alltagsbedingungen der Arbeiter sehr schwer. ‘Man warb Bauarbeiter in den Dörfern an und brachte sie in Baracken unter. In den Baracken hausten die Menschen in unerträglichen Verhältnissen: es war schmutzig, Läuse, Schaben und anderes Ungeziefer krabbelten umher, und vor allem waren die Verpflegung und die Versorgung mit Berufskleidung schlecht. Und damals war es ja generell schwer, sich die erforderliche Kleidung zu besorgen. Das alles löste natürlich Unzufriedenheit aus. Unzufriedenheit kam auch bei der Überprüfung der Kollektivverträge auf, als die Leistungsnorm geändert wurde. Es existierte beispielsweise irgendwo eine bestimmte Norm, und nach Neujahr stieg sie plötzlich um 10-15 % bei gleichem oder sogar vermindertem Lohn.' Solche administrativ angeordneten Aktionen, gehorsam unterstützt durch die Gewerkschaft und selbstverständlich ohne die Arbeiter zu fragen, riefen mitunter in einzelnen Betriebsabteilungen oder auch in einem ganzen Betrieb Streiks hervor. Dann erläuterten, Chrustschow zufolge, Parteifunktionäre den Arbeitern die Situation. Diese Erläuterungen liefen darauf hinaus, dass ‘man in gewissem Maße die Gürtel enger schnallen müsse, um im Wettbewerb mit dem Gegner erfolgreich zu sein und ihn einzuholen'.

Die Propagierung des ständigen ‘Gürtel-enger-Schnallens' hatte jedoch bei weitem nicht immer die von der Bürokratie gewünschte Wirkung auf die Arbeiter, besonders die jungen. ‘Diese waren', wie A. Orlow schrieb, ‘aufs äußerste über die empörende Ungleichheit aufgebracht, worunter sie die halbverhungerte Mehrzahl der Bevölkerung und das luxuriöse Leben der privilegierten Klasse der Bürokratie verstanden. Die Söhne und Töchter der Fabrikarbeiter mussten mit ansehen, wie ihre "Genossen" vom Kommunistischen Verband, die Söhne der Bürokraten, auf einträgliche Posten im Staatsapparat berufen wurden, während sie selbst bis zum Übermaß in schweren Handarbeiten ausgenutzt wurden. Die Mitglieder des Verbandes, welche sich für die Arbeit beim Bau der Moskauer Untergrundbahn gemeldet hatten, mussten zehn Stunden täglich arbeiten, wobei sie bis zum Leib im kalten Wasser standen. Zur gleichen Zeit aber fuhren ihre Kameraden, eben die Söhne der Moskauer Bürokratie, in den Limousinen ihrer Väter einher. Die schonungslose Ausnutzung der jungen Kommunisten beim Bau der Untergrundbahn führte zu einem Ausbruch der Entrüstung. Eines Tages verweigerten etwa 800 von ihnen die Arbeit und marschierten zum Zentralkomitee des Verbandes der Jungkommunisten. Dort warfen sie ihre Parteimitgliedskarten auf den Fußboden, wobei sie in schwere Verwünschungen gegen die Regierung ausbrachen.'

In seinem Kampf gegen die Erscheinungsformen des sozialen Protests der Arbeiter wandte Stalin alle Mittel an - bis zur Ausnutzung antisemitischer Stimmungen. Chrustschow berichtet, dass Stalin, als ‘im Flugzeugwerk Nr. 30 irgendwelche Unruhen - ich möchte sie nicht als Aufruhr bezeichnen - ausbrachen', zu ihm gesagt habe: ‘Man muss die kräftigen Arbeiter organisieren, sollen sie Knüppel nehmen und wenn der Arbeitstag zu Ende ist, diese Juden verprügeln.'...

Im Laufe der Zeit setzte man zur Niederhaltung der Unzufriedenheit unter den Massen immer stärker die NKWD-Organe ein, die sogar der Kontrolle durch die Parteiapparatschiki entzogen waren...

Besonders wüteten die ‘Organe' gegen das Eindringen ‘trotzkistischer' Ideen in das Milieu der Arbeiterklasse. Als 1935 im Moskauer Kugellagerwerk gedruckte oppositionelle Flugblätter verbreitet worden waren, verhaftete man am darauffolgenden Tag mehr als 300 Arbeiter.

Trotz des verschärften Terrors wurde immer neue Kreise Jugendlicher von oppositionellen Stimmungen erfasst. Orlow schrieb: ‘Über das ganze Land breiteten sich Geheimzirkel junger Leute aus, welche eine Antwort auf politische Fragen suchten, die man nicht laut stellen durfte.'...

Die oppositionellen Stimmungen im Land waren zum größten Teil kommunistisch geprägt und kamen vor allem in Parteikreisen auf. Deshalb nahm Stalin im Zeitraum 1933-1936 drei offizielle Parteisäuberungen vor, in denen mehrere Hunderttausend Mitglieder ausgeschlossen wurden."

In mehreren ausführlichen Kapiteln beschreibt Rogowin die soziale Zuspitzung in der Sowjetunion der dreißiger Jahre. Während die Masse der Arbeiterklasse nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert, lebt die herrschende Bürokratie in Saus und Braus:

"Ständiges Attribut der Lebensführung Stalins und seines engsten Umfeldes waren fünf bis sechs Stunden dauernde Abendessen, bei denen raffinierte Gerichte und erlesene alkoholische Getränke serviert wurden. Der bei einigen dieser Mahlzeiten anwesende Sohn Mikojans erinnerte sich, dass Stalin manchmal einige Worte auf georgisch sprach, die ‘ein frisches Tischtuch' bedeuteten. Daraufhin erschien sofort ein ‘Bediensteter', der das Tischtuch an seinen vier Ecken anfasste und die darauf befindlichen Gerichte samt dem zerbrochenen Kristall und Porzellan wegräumte. Auf das neue, saubere Tischtuch wurden andere, gerade eben zubereitete Speisen gestellt."

Rogowin widmet sich auch dem Widerspruch zwischen diesem verschwenderischen Leben und der Propaganda, dass Stalin ein asketischer Mensch sei, der "die Güter des Lebens zurückweise". Er zeigt, dass es formell kein persönliches Eigentum gab, was ein Relikt aus den Revolutionsjahren war. Aber der herrschenden Bürokratie standen unentgeltlich und vollkommen unkontrolliert alle materiellen Güter des Staates zur Verfügung:

"Die Tatsache, dass es formell kein persönliches Eigentum gab, war selbstverständlich keine Erschwerung sondern im Gegenteil eine große Erleichterung für die bürokratische Oberschicht, die, Trotzkis Worten zufolge, das Leben westeuropäischer Kapitalmagnaten führte. Das bestätigte etwas später auch E. Varga, der viele Jahre im Apparat der Komintern gearbeitet hatte und danach als Akademiemitglied weiterhin Einblick in das Leben und die Sitten der sowjetischen Elite besaß. In seinen Aufzeichnungen kurz vor dem Tode Anfang der sechziger Jahre schrieb er, dass er die gewaltigen Unterschiede im Einkommen und Vermögen der einzelnen Gesellschaftsschichten zunächst lediglich als moralischen Defekt des Systems betrachtet habe. Er sei der Meinung gewesen, es handle sich nur um eine unbedeutende Zahl an Privilegierten und deshalb könnten sie auch keinen wesentlichen Teil des Nationaleinkommens verschlingen. Im weiteren sei er jedoch zu dem Schluss gelangt, dass er die Höhe der Mittel, die der Staat für den Lebensunterhalt der Bürokratieelite ausgebe, stark unterschätzt habe und dass diese Aufwendungen, umgerechnet auf einen hochgestellten Würdenträger, ungeheuerlich hoch lägen. Zur Bekräftigung schrieb Varga: ‘Bei Moskau gibt es Datschen, die natürlich dem Staat gehören; dort halten sich ständig zehn bis zwanzig Mann Wachpersonal auf, außerdem Gärtner, Köche, Zimmermädchen, Spezialärzte und Krankenschwestern, Chauffeure usw. - insgesamt bis zu 40 oder 50 Bedienstete. Alles das bezahlt der Staat. Darüber hinaus hat man natürlich eine Stadtwohnung mit den entsprechenden Bediensteten und mindestens noch eine weitere Datsche im Süden. Sie haben personengebundene Spezialzüge, persönliche Flugzeuge, beides mit Küche und Köchen, persönliche Jachten und natürlich eine Vielzahl von Autos und Chauffeuren, die ihnen selbst und ihren Familienmitgliedern Tag und Nacht zu Diensten stehen. Sie erhalten kostenlos... alle Lebensmittel und sonstigen Gebrauchsgüter. ... Für einen solchen Lebensstandard muss man in Amerika Multimillionär sein!'"

Die Lage der Hausangestellten ist jedoch miserabel:

"In seinem Buch ‘Zurück aus Sowjetrussland' berichtete Gide, dass er sich bei seiner Reise davon überzeugen wollte, dass es in der Sowjetunion keine Armen mehr gebe. Sehr bald musste er jedoch erkennen, dass es ‘zu viel, viel zuviel Arme' gab. Aber ‘das Elend ist in der Sowjetunion schlecht angesehen. Es versteckt sich. Man könnte meinen, es fühle sich schuldig. Wenn es sich zeigte, fände es kein Mitleid, keine hilfreiche Nächstenliebe, sondern Verachtung.' Der ehrliche Beobachter des sowjetischen Lebens begegnete jedoch auf Schritt und Tritt Formen dieses Elends. So erhielten beispielsweise Mädchen, die eine Beschäftigung als Hausmädchen in einer reichen Familie angenommen hatten, einen armseligen Lohn und vegetierten in erbärmlichen, erniedrigenden Verhältnissen dahin. ‘Die Dienstmagd der Flurnachbarn meiner Freunde... schläft in der Abstellkammer, wo sie sich kaum ausstrecken kann. Was die Ernährung betrifft ... Sie ist zu meinen Freunden gekommen und hat sie angefleht: "Ach, liebe Frau, werfen Sie doch bitte die Küchenabfälle nicht weg." Bislang hat sie den Abfalleimer nach Essbarem durchwühlen müssen.'

Das Problem der Dienstmädchen erlangte in den dreißiger Jahren ernsthafte soziale Bedeutung, vor allem deshalb, weil es so viele davon gab. Die Frauen, die meistens ihre Hungerdörfer verlassen hatten, um in der großen Stadt Arbeit zu finden, waren ein riesiges Arbeitskräftereservoir für die Privilegierten. Fast in jeder Familie der herrschenden Bürokratie und der Intelligenzelite standen eine oder mehrere Personen in Diensten."

Diese unüberbrückbare Kluft zwischen der Arbeiterklasse und der herrschenden Bürokratie zwang diese, mit allen Mitteln gegen die linke Opposition vorzugehen, die als einzige die weitverbreitete Unzufriedenheit mit diesen Zuständen politisch artikulierte.

Die Buchvorstellung in Leipzig konnte natürlich nur einige Aspekte dieses höchst interessanten Buches streifen. Die Stachanowbewegung, der Stalinkult, die öffentliche Meinung im Westen über den Stalinismus, die Sowjetunion in den Augen Lion Feuchtwangers, all diese Themen würden eigene Veranstaltungen erfordern, um sie gebührend diskutieren zu können.

Die anschließende Diskussion bestätigte, dass die Frage des Stalinismus eine zentrale Frage des 20. Jahrhunderts ist, die unbedingt geklärt werden muss. Der Arbeiterpresse Verlag wird die Übersetzung und Veröffentlichung der weiteren Werke Rogowins, die einen entscheidenden Beitrag zu dieser Klärung leisten können, in den nächsten Jahren fortsetzen.

Siehe auch:
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