40.000 demonstrieren gegen katastrophale Bedingungen an Berliner Schulen

Von Andy Niklaus
15. März 2000

30.000 Eltern, Schüler und Lehrer hatte man erwartet, doch nahezu 40.000 kamen am vergangenen Samstag vor das Rote Rathaus in Berlin, den Regierungssitz der Landesregierung, um gegen die katastrophalen Bedingungen an den Berliner Schulen zu demonstrieren.

Es war die größte Demonstration zur Bildungsfrage in der Geschichte Berlins. Schon am Tag zuvor hatten mehrere hundert Berufsschüler gegen die Streichung der Lernmittelfreiheit demonstriert. Auffallend viele Kinder und Jugendliche aus den 1.000 Berliner Schulen waren gekommen.

Als letzten Herbst die Elterninitiative "Aktion Bildung" von drei Müttern aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf ins Leben gerufen wurde, plante man die Demonstration mit dem Ziel, gegen den starken Unterrichtsausfall von 70 Stunden in der Woche am Humboldt Gymnasium in Reinickendorf zu protestieren. Als dann der neue sozialdemokratische Schulsenator Klaus Böger im Dezember bekannt gab, dass die Regelarbeitszeit der Lehrer um eine Stunde erhöht wird, dehnte sich der Protest aus. Viele Eltern aus anderen Schulen schlossen sich der "Aktion Bildung" an.

Auf ihrer Web Site im Internet (http://www.berlin-info.de/eltern-info/Aktion-Bildung/index.html) warb die Elterninitiative für die Kundgebung. Dort veröffentlichte sie ein Flugblatt, das auf die Kundgebung aufmerksam machte. Zahlreiche Lehrer und Eltern unterstützten die Aktion, diskutierten sie mit Schülern und schließlich nahmen ganze Schulklassen und viele Eltern an der Demonstration teil.

In einem Sternmarsch zogen Tausende von sieben verschiedenen Standorten der Stadt aus Ost und West zur Abschlusskundgebung vor dem Regierungssitz. Auf selbstgemachten Plakaten stand: "Gebt der Zukunft eine Chance", "Kinder wollen lernen", "Mehr junge Lehrer an die Schulen", "Stoppt den Bildungsnotstand" und - ironisch - "Mehr Greise für die Schule". Demonstriert wurde gegen den ständig steigenden Unterrichtsausfall, überalterte Lehrerkollegien, zu große Klassen, die Streichung von Junglehrerstellen und Förderunterricht, sowie gegen die katastrophalen sanitären und bauliche Zustände an den Schulen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kam einer Bitte der Elterninitiative nach und unterstützte die Demonstration. Auf der Kundgebung forderten Eltern-, Schüler- und Lehrervertreter die sofortige Einstellung von 1.600 Lehrern, weil nächstes Jahr 1.200 Lehrer aus dem Dienst ausscheiden. Der Senat, eine große Koalition aus SPD und CDU, will allerdings nur 500 neue Lehrer einstellen und die restlichen fehlenden Stellen durch die Verlängerung der Arbeitszeit um eine Stunde pro Woche ausgleichen. Denn, so das Argument, man müsse "122 Millionen DM im nächsten Haushalt einsparen". Laut GEW will der Senat jedoch noch im Jahre 2000 950 Lehrerstellen streichen, sowie in den Kindergärten 80 Vorklasselehrer und 235 Erzieherstellen abbauen.

Laut einer Statistik der Senatsverwaltung fallen schon jetzt 19.000 Stunden pro Woche ersatzlos aus. Das sind 3,4 Prozent des Unterrichts. 31.000 Stunden werden durch Stellvertreter erteilt. Viele Pädagogen arbeiten jetzt schon bis zu 50 Stunden in der Woche.

Die Ursache für den "skandalösen Unterrichtsausfall und den dadurch verursachten Bildungsnotstand" sehen die Sprecher der Berliner Elternschaft im Lehrermangel, der durch Mehrarbeit noch verschlimmert wird. Zwei Drittel aller Ausfälle von Unterricht sind auf Erkrankungen zurückzuführen. Aufgrund des seit Jahren bestehenden weitgehenden Einstellungsstopps im öffentlichen Dienst ist die Lehrerschaft stark überaltert.

Natürlich stünden mit der Erhöhung der Regelarbeitszeit rein rechnerisch mehr Lehrerstellen zur Verfügung, sagte Heidemarie Eller, eine Initiatorin des Elternbündnisses, aber auch sie würden von älteren Lehrern gehalten und könnten gestrichenen Förderunterricht wie Theaterkurse oder Arbeitsgemeinschaften nicht ersetzten. "Die meisten Erkrankungen von Lehrern ist darauf zurückzuführen, dass die meist älteren Lehrer die ihnen aufgezwungene Mehrbelastung nicht mehr verkraften. Die zusätzlichen Stunden verhindern außerdem die Neueinstellung von jungen Lehrern." Die Unterrichtsqualität leide darunter weiter. Für private Nachhilfe wegen der Ausfälle werden laut GEW 50 Millionen DM ausgegeben.

Die Folge ist eine wachsende Abwanderung an Privatschulen, bei denen es nicht so viele Ausfälle gibt. Dort beschäftigte Lehrer werden zu 90 Prozent vom Senat bezahlt.

Es gibt auch Pläne, einer weiteren Privatisierung öffentlicher Schulen den Weg zu ebnen. Schon letztes Jahr war an Berliner Schulen das Werbeverbot aufgehoben worden. Große Werbeflächen bieten jetzt schon Coca Cola oder McDonalds an. Weiter im Gespräch ist das sogenannte Sale-and-lease-back-Verfahren. Schulen sollen durch private Investoren gekauft, saniert und vom Land Berlin zurückgemietet bzw. nach 20 Jahren zurückgekauft werden. Der Wirtschaft wird so Tür und Tor geöffnet. Kinder sollen an der Schule zu Kunden werden und nicht mehr gefördert, sondern gefordert werden.

Die sozialen Unterschiede machen sich in Berlin immer deutlicher bemerkbar. Aufgrund des hohen Ausländeranteils, der sich auf die ärmeren Bezirke konzentriert, ist ein muttersprachlicher Unterricht notwendig, der den Sparmaßnahmen aber ständig als erster zum Opfer fällt. Aus diesem Grund waren aus Bezirken mit hohem Ausländeranteil ganze Schulklassen mit ihren Eltern erschienen. Aus Kreuzberg, Wedding und Neukölln kamen viele türkische Eltern zum Roten Rathaus. Verschiedene Eltern berichteten, dass 80 Prozent der Kinder nach der 6. Klasse nur eine Hauptschulempfehlung hätten. "Das ist eine Katastrophe," sagte Attila Tazegul. Der Anteil von Arbeitslosen ist unter ausländischen Jugendlichen weitaus höher als unter deutschen.

Kerstin Folkerts und Petra Hein, deren Kinder die Lehmann-Grundschule in Kreuzberg besuchen, berichteten dem wsws: "Die Bedingungen haben sich in den letzten Jahren enorm verschlechtert. Früher hatte diese Grundschule einen guten Ruf. Leute haben ihre Kinder sogar aus anderen Stadtbezirken hingebracht. Doch jetzt gibt es kein Geld mehr für Reparaturen und Renovierungen. Nicht einmal für die Reinigung der Schule werden Gelder bereitgestellt. Es sieht jetzt so aus, dass die Eltern die Renovierungen finanzieren und selbst machen und die Kinder in Reinigungsdienste eingeteilt werden. Die Toiletten werden aber von niemandem saubergemacht, so dass meine Tochter in der Schule schon gar nicht mehr auf die Toilette geht. Dadurch, dass kaum noch Kinder aus anderen Stadtteilen in die Schule kommen, hat sich der Ausländeranteil pro Klasse erhöht, was zusätzliche Probleme schafft. Wenn zu viele ausländische Kinder in einer Klasse sind, lernen sie erstens schlechter Deutsch und zweitens behindert das das Vorankommen der gesamten Klasse."

Frau Clemens-Ziegler, eine Elternvertreterin aus Steglitz, berichtete: "Mein Jüngster geht auf die Kronach-Grundschule, dort fällt häufig der Unterricht ohne Ersatz aus. Bei uns wurde damals noch von [der SPD-Senatorin] Stahmer Englischunterricht ab der dritten Klasse verordnet, eine gute Idee. Doch wann sollen die Kinder Englisch lernen, wenn die älteren Lehrer kein Englisch sprechen? Im Heimatkundeunterricht vielleicht. Geld ist genügend da, wird aber vollkommen falsch angelegt. So wurden bei uns wie auch in anderen Schulen Computer angeschafft, gesponsert von AOL und Telekom. Doch auch hier fehlen die Lehrkräfte. Die Kinder wissen oft besser Bescheid als die Lehrer. Die sanitären Anlagen sind in einem schlechten Zustand. Die Kinder gehen nicht mehr auf die Toilette oder Kinder dürfen sich nicht ans Fenster setzten, da im Winter die Kälte durchkommt. Und dabei sind wir in Zehlendorf noch besser dran als anderswo in Berlin."

Eine 18jährige Schülerin vom musikbetonten Händel-Gymnasium sagte: "Bei uns fehlen überall die Mittel für Anschaffung von Musikinstrumenten und Büchern."

Frau Kinder, Lehrerin in einer Tiergartener Grundschule, sagte, dass die Schulen überhaupt nicht auf die zunehmenden gesellschaftlichen Probleme vorbereitet seien. "Im Gegensatz zu früher haben in den ersten Klassen zum Teil bis zu 50 % der Schüler hypermotorische Probleme, die sie von zu Hause mitbringen. Dies beeinträchtigt enorm die Lernleistung der gesamten Klasse. Wir Lehrer haben kaum Möglichkeiten, auf alle Probleme der Schüler einzugehen."

Die Mutter von zwei Kindern, Sybille B. aus Pankow, berichtete, dass in der 13. Grundschule von Pankow auch "überall Lehrer fehlen und dass die Lehrer fast in allen Fächern unterrichten, anstatt dass für die wichtigsten Fächer Fachlehrer eingesetzt werden. Dem Niveau der fünften Klasse entspricht das meines Wissens nicht mehr. So fehlt auch bei uns eine Menge Schulmaterial. Jeder Schüler muss seine Schulbücher teilen, keiner hat ein eigenes. Die Heizungen sind entweder ganz auf- oder abgedreht, so dass man ständig die Fenster öffnen oder schließen muss. Viele Kinder beklagen sich über Kopfschmerzen oder werden häufig krank."

Ein Gymnasiallehrer kritisierte die GEW, die mitverantwortlich für die Krise sei: "Die GEW hat bisher alles unterstützt, die Erhöhung der Unterrichtsstunden und die Einführung eines Arbeitszeitkontos. Sie argumentiert immer, man könne ja nicht streiken. So kann man aber auch nichts rausholen. Sie legt ein Obrigkeitsdenken an den Tag."