Warum reagieren die thailändischen Behörden so empfindlich auf den Film Anna und der König?

Von Carol Divjak und Peter Symonds
14. April 2000

Ende letzten Jahres verbot die thailändische Zensur die jüngste Neuverfilmung aus Hollywood von Anna und der König von Siam. Der Streifen erzählt eine Geschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert über die britische Lehrerin Anna Leonowens und den König von Thailand, dem damaligen Siam. Der Film mit Jodie Foster und dem chinesischen Schauspieler Chow Yun-fat in den Hauptrollen ist ein Beispiel dafür, wie empfindlich die thailändischen Politiker auf jede Art - reale oder eingebildete - Brüskierung ihrer Monarchie reagieren.

Anna und der König ist die vierte Filmversion des Bühnenoriginals von 1946 und sollte ursprünglich in Thailand gedreht werden. Die Produzenten überschlugen sich beinahe, um ihrem Film das Schicksal zu ersparen, das 1956 das Musical Der König und ich mit Yul Brynner und Deborah Kerr ereilt hatte: Es wurde verboten und durfte nie in Thailand gezeigt werden.

Um möglichen Einwänden Thailands zuvorzukommen, sollte das Drehbuch und die Besetzung des Films "kulturell einfühlsam" sein. Die thailändischen Behörden hatten sich damals beschwert, Der König und ich stelle den siamesischen Monarchen als Narr dar und verunglimpfe die thailändische Kultur, sie sei im Vergleich mit der westlichen minderwertig. Die Neuverfilmung mit einem asiatischen Schauspieler zeigt den König als kultivierten Mann, der mehrere Sprachen fließend spricht, sich aufgeschlossen gegenüber den Bedürfnissen seiner Familie zeigt und danach trachtet, seinen Kindern eine westliche Erziehung zukommen zu lassen, damit sie auf dem diplomatischen Parkett den Vertretern europäischer Mächte ebenbürtig seien.

Die Geschichte basierte ursprünglich auf den Tagebüchern der Anna Leonowens und schilderte das Leben am Hof des Königs Mongkut (Rama IV.), der von 1851 bis 1868 regierte. Er hatte sie engagiert, um seine ungefähr fünfzig Kinder zu erziehen. Ihre Memoiren werden von Historikern mit Skepsis betrachtet, die der Meinung sind, die Lehrerin übertreibe ihre eigenen Fähigkeiten und diffamiere den König als Narren, obwohl sie in Wirklichkeit kaum mit ihm in Berührung kam.

In einem Kommentar würdigte ein Kritiker die Bedeutung, die der neue Film der Kultur beimisst: "Statt darzustellen, was für ein Bild sich Anna von Siam und seinem König machte und wie sie einen König und sein Land umkrempelte, ist dieser Film mehr darauf bedacht, Annas persönliche Veränderung zu beobachten. In diesem nachkolonialen Film werden wir Zeuge, wie eine Frau, die bei ihrer Ankunft voller britischer Vorurteile ist, lernt, die Irrtümer ihrer Kultur und ihre eigene Überheblichkeit zu begreifen."

Auf Thailands Bitte wurden eine Reihe von Änderungen am Drehbuch von Anna und der König vorgenommen, aber dennoch kam es zu keiner Übereinstimmung, und schließlich wurde der Film in Malaysia gedreht. Nach seiner Fertigstellung im vergangenen Jahr schaute sich ein thailändisches Komitee von Akademikern, Journalisten, Mitgliedern der Nationalen Filmbehörde und Beamten der polizeilichen Zensur den Film an, und am 28. Dezember erklärten sie ihn für "illegal" aufgrund eines Gesetzes von 1930, nach dem es verboten ist, die thailändische Monarchie in einem Film respektlos darzustellen.

Um die Entscheidung zu rechtfertigen, erklärte der Polizeimajor General Prakat Sataman: "Der Film Anna und der König hat mehrere Szenen, die die Geschichte verdrehen und den König beleidigen, und die meisten Mitglieder der Zensurbehörde sprachen sich für ein Verbot aus." Thepmontri Limpayom, ein weiteres Mitglied der Zensur, geißelte den Film mit den Worten: "Die Filmemacher haben König Mongkut wie einen Cowboy aussehen lassen, der auf dem Rücken eines Elefanten reitet, als ob dies ein Western sei. In einer Szene schubst Chow Yun-fat die Königskrone und sein Portrait auf den Boden - das ist völlig unakzeptabel." Ein weiteres Zensurmitglied wollte nicht hinter ihnen zurückstehen und erklärte: "Wenn wir alle Szenen streichen, die wir als Verspottung der Monarchie einschätzen, würde der Film nur noch zwanzig Minuten dauern."

Drakonische Strafen werden über jeden verhängt, der versucht, Filmkopien nach Thailand einzuschmuggeln oder sie öffentlich vorzuführen. Im Januar verhaftete die Geheimpolizei zwei Männer, die im Besitz von 200 Raubkopien des Films waren. Importeure und Verkäufer des Films müssen mit Strafen bis zu sechs Monaten Haft und einer Buße von 21.000 Baht rechnen.

Wer versucht, den Film in der Öffentlichkeit zu zeigen, wird noch härter bestraft. Das feudale Gesetz über "Majestätsbeleidigung" ist in Thailand immer noch in Kraft, und Kritik oder geäußerter Mangel an Respekt für die Monarchie gilt als schweres Vergehen. Wer sich dessen schuldig macht, muss mit harter Gefängnis- oder sogar Todesstrafe rechnen.

Obwohl dies scheinbar eine lächerliche Überreaktion ist, stecken ernste Fragen dahinter. Unter dem Vorwand, die thailändische Kultur zu verteidigen, haben die Behörden eine Zensur aufgebaut, die einen krassen Angriff auf demokratische Grundrechte darstellt. Die Entscheidung der Regierung Chuan Leekpais, die angeblich mit der früheren Militärdiktatur gebrochen hat, setzt einen gefährlichen Präzedenzfall: Sie wird auch andere Kunstwerke zensieren, die als kulturell beleidigend oder politisch heikel betrachtet werden.

Natürlich gibt es noch weit mehr Verbotenes, aber davon merkt man kaum etwas. Polizei und Behörden sind im Allgemeinen auf einem Auge blind, wenn es um den berüchtigten Mädchenhandel, um die Korruption in Wirtschaft und Regierung und um den empörend schlechten Sicherheitsstandard geht, der in Ausbeuterbetrieben in diesem Land an der Tagesordnung ist. Aber im Fall von Anna und der König ist die Führung des Staatsapparates kompromisslos darauf bedacht, dass die Würde der Thai-Monarchie keinen Kratzer abbekommt.

Die Frage lautet, warum ein harmloser Hollywood-Film eine solche Reaktion hervorruft. Der Polizeimajor General Prakat Sataman, der sowohl Chef der Zensurbehörde als auch des Geheimdienstes ist, brachte die unterschwelligen Befürchtungen zum Ausdruck, als er kommentierte: "Die Vorführung wäre gegen Frieden und Sicherheit unserer Gesellschaft, weil sie Aufstände unter denjenigen provozieren würde, die der Monarchie loyal ergeben sind. Das könnte unserer Kontrolle entgleiten. Der Film untergräbt die Monarchie. Wenn wir ihn zensieren würden, würde nichts mehr vom Film übrig bleiben."

Ein thailändischer Regierungssprecher, der in der Los Angeles Times zitiert wurde, wies auf die politische Schlüsselrolle hin, die die Monarchie in Thailand für die Aufrechterhaltung der politischen und sozialen Stabilität spielt. Als Begründung, warum er sich für das Verbot ausgesprochen hatte, führte er an: "Gebildete Menschen würden verstehen, dass es sich um eine Hollywoodproduktion handelt, aber ungebildete Menschen vielleicht nicht. Sie könnten durch eine unangemessene Darstellung unserer höchsten Institution beeinflusst werden."

Dieser Kommentar zeigt, dass die Überempfindlichkeit gegenüber allem, was das öffentliche Bild der Monarchie beeinträchtigen könnte, eher politischer als kultureller Natur ist. Der letzte Monarch, König Bhumibol Adulyadej, Rama IX., hat sich während der ganzen fünfzig Jahre, seit er im Mai 1950 gekrönt worden war, als Dreh- und Angelpunkt des thailändischen Staates erwiesen, und zwar besonders in Zeiten akuter politischer und sozialer Krisen.

Die Chakri-Dynastie, deren letzter Abkömmling König Bhumibol ist, ist eine vergleichsweise junge historische Erscheinung, denn ihre Wurzeln gehen in das späte achtzehnte Jahrhundert zurück, als ein thailändischer General zum ersten Rama gekrönt worden war und Bangkok zur Hauptstadt gemacht wurde. Seine Nachkommen herrschten als absolute Monarchen bis 1932, als inmitten wachsender sozialer und politischer Spannungen eine Gruppe von Offizieren und Zivilisten die Macht eroberten und eine Verfassung forderten. Die Beziehungen zwischen dem neuen Regime und der Monarchie verschlechterten sich noch, bis im März 1935 König Prajadhipok abdankte.

Das nächste Jahrzehnt war Thailand ganz ohne Monarchie. Die Nationalversammlung bot dem Prinzen Ananda Mahidol, einem zehnjährigen Jungen, der eine Schweizer Internatsschule besuchte, die Krone an. Ananda kehrte kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs nach Thailand zurück und wurde unter mysteriösen Umständen im Juni 1946 erschossen. Obwohl dies anfänglich für einen Unfall gehalten wurde, brachten Untersuchungen ans Licht, dass er ermordet worden war. Drei der Hauptzeugen wurden in großer Hast verurteilt und erschossen.

Danach wurde sein Bruder Bhumibol, der ebenfalls in der Schweiz zur Schule ging, auf den Thron gehoben. Es ist nicht unwichtig, zu erwähnen, dass die erste Filmversion von Leonowens Story, Anna und der König von Siam,mit Irene Dunne und Rex Harrison in den Titelrollen, im gleichen Jahr zur Uraufführung kam und scheinbar in Thailand wenig Aufmerksamkeit erregte. Erst nachdem der junge König 1950 nach Thailand zurückgekehrt war, und besonders, nachdem Feldmarschall Sarit Thanarat die Regierung im September 1957 gestürzt hatte, wurden bewusste politische Anstrengungen zur Wiederbelebung der Monarchie unternommen. Unter diesen besonderen Bedingungen sprach Thailand das Verbot gegen den Film Der König und ich aus.

Sarit, der die Verfassung außer Kraft setzte und das Kriegsrecht verhängte, wollte die Monarchie benutzen, um die öffentliche Aufmerksamkeit von den Auswirkungen seiner autoritären Herrschaft abzulenken. So kommentierte ein Autor: "Statt Loyalität gegenüber einem abstrakten Staat oder einer Verfassung zu verlangen - was er als nutzlos einschätzte - richtete er die ganze Aufmerksamkeit auf den Monarchen, der sowohl die ganze Loyalität des Bürgers auf sich konzentrieren, als auch die Regierung legitimieren sollte. ... Sarit verlieh der Monarchie in der thailändischen Gesellschaft wieder eine aktive Rolle, erweckte öffentliche Zeremonien wieder zum Leben, die seit 1932 vernachlässigt worden waren, ermutigte den König, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, und machte aus seiner Treue zu König Bhumibol Adulyadej eine größere öffentliche Demonstration. Der König persönlich verlieh zum Beispiel sämtliche akademischen Grade und bereiste oft die Provinzen." (David Wyatt, Thailand. A Short History, S. 281)

Die engen Beziehungen, die zwischen der Monarchie, dem Militär und dem thailändischen Staat geschaffen wurden, bestehen bis auf den heutigen Tag. Während der Periode politischer Aufstände zwischen 1973 und 1976 unterstützte König Bhumibol die Generäle und rechtsextremen Elemente gegen eine Reihe von instabilen Zivilregierungen, nachdem die Militärdiktatur unter dem Druck mächtiger Proteste von einer halben Million Menschen, an deren Spitze die Studenten standen, zusammengebrochen war.

Der Sturz der Junta leitete eine Periode politischer Unruhen ein, in der sich politische Organisationen und Parteien bildeten, Arbeiter militante Streiks führten und arme Bauern an Demonstrationen teilnahmen. Von den Unruhen aufgeschreckt, unterstützten die Monarchie und Teile des Kapitals die Bildung rechtsextremer Gruppen, um die linken Organisationen und Persönlichkeiten zu terrorisieren. Dazu gehörte das New Force Movement, das nach dem Motto handelte: "Für Nation, Religion und König!", außerdem die Village Scouts, und die Red Gaurs, eine Studentenorganisation.

Die Krise erreichte 1976 ihren Höhepunkt, nachdem zwei Parlamentswahlen zerbrechliche Koalitionsregierungen hervorgebracht hatten. Der ehemalige Militärdiktator General Thanon kehrte aus dem Exil zurück und erklärte, er werde Buddhistenmönch werden. Er wurde vom Militär und den Rechten wärmstens empfangen und erhielt Besuch von Mitgliedern der Königsfamilie, was tägliche Studentenproteste im Stadtviertel der Thammasat Universität in Bangkok provozierte.

Als die demonstrierenden Studenten öffentlich ein Bildnis des Kronprinzen Vijiralongkorn hängten, rief der Radiosender der Armee alle "Patrioten" dazu auf, die Studenten anzugreifen und "Kommunisten zu töten". Am 5. Oktober 1976 griffen die Red Gaurs und die Village Scouts zusammen mit der Polizei die Thammasat Universität an, wo sie Studenten lynchten und zusammenschlugen. Einige wurden lebendig verbrannt. Laut unbestätigten offiziellen Zahlen wurden 46 Studenten getötet, Hunderte verwundet und ungefähr 1.300 verhaftet. Diese Orgie der Gewalt war das Signal für die Armee, zu intervenieren und die Verfassung einmal mehr außer Kraft zu setzen.

Im Mai 1992, nach einer weiteren längeren Periode der Militärdiktatur, war der König wieder einmal daran beteiligt, die bürgerliche Herrschaft aus wachsenden politischen Unruhen zu befreien. Wochenlang hatten Studenten, denen sich auch immer mehr Arbeiter, Akademiker, junge Angestellte und Geschäftsleute anschlossen, gegen die fortgesetzte Herrschaft der Militärmacht protestiert. Am 17. Mai schwoll eine Demonstration am Ehrenmal der Demokratie in Zentralbangkok auf bis zu 200.000 Teilnehmer an und forderte den Rücktritt des starken Mannes der Armee, General Suchhinda Kraprayoon. Die Antwort der Armee erfolgte prompt in der darauffolgenden Nacht: Schwerbewaffnete Truppen und Polizisten drangen auf den Platz, feuerten in eine immer noch große Menschenmenge und erschossen mehrere tausend Menschen.

Als das Land sich am Abgrund eines Bürgerkriegs bewegte, intervenierte der König, um einen Deal zwischen dem Militär und der bürgerlichen Opposition zustande zu bringen und die Situation zu kitten. In einem vom nationalen Fernsehen übertragenen Spektakel krochen Suchhinda und der Oppositionsführer General Chamlong Srimunang buchstäblich auf den Knien vor König Bhumibol und baten darum, dass er sich an der Wiederherstellung der Ordnung beteilige. Die militärischen Befehlshaber akzeptierten schließlich eine zivile Regierung, aber nur unter der Bedingung, dass sie ihren mächtigen Einfluss im parlamentarischen Oberhaus erhalten würden und der König ihnen Amnestie gewährte.

Jedenfalls dem Namen nach zog sich das Militär aus der Politik zurück. Aber die asiatische Wirtschaftskrise, die 1997 von Thailand ausging, schuf neue soziale und politische Spannungen, während zahlreiche Betriebe zusammenbrachen und die Arbeitslosigkeit anstieg. Die herrschende Klasse ist sich darüber wohl bewusst, dass sie in der kommenden Zeit alle ihre politischen Ressourcen brauchen wird - inklusive der Monarchie und der Armee - um mit der Opposition fertig zu werden, die aus der wachsenden sozialen Ungleichheit und Armut entsteht.

Das Verbot von Anna und der König,das jede Trübung von der Thai-Monarchie fernhalten soll, erscheint auf den ersten Blick lächerlich. Aber im Licht der historischen Erfahrung bekommt das Verbot einen bitteren Beigeschmack. Es steht außer Frage, dass ein Teil der herrschenden Kreise darin eine willkommene Gelegenheit sieht, um die Reaktion auszuloten und den Boden für noch viel weitgehendere Eingriffe in die demokratischen Grundrechte zu bereiten.

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