Der soziale Aspekt in der Kampfhunde-Diskussion

Von Bernd Reinhardt
17. August 2000

Seit Wochen und Monaten wird in den Medien über das Problem der Kampfhunde diskutiert. Insbesondere seit den tragischen Ereignissen des 26. Juni.

An diesem Tag griffen ein Pitbull und ein Staffordshire-Bullterrier eine Gruppe Kinder auf dem Gelände ihrer Schule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg an. Die Hunde sprangen dazu über eine 1,50 m hohe Mauer und schossen dann auf die Kinder zu. Eins entkam nur knapp dem unmittelbaren Angriff, zehn weitere erlitten einen Schock, während für einen Jungen jede Hilfe zu spät kam. Der sechsjährige Volkan wurde von den Tieren regelrecht zerfleischt. Wie bekannt wurde, hatte der 23-jährige Hundehalter Ibrahim K. das Gelände nahe der Turnhalle seit geraumer Zeit als Hundeausbildungsplatz benutzt. Die Hunde betrachteten es nun als ihr Revier.

Am Abend desselben Tages hetzte in Köln ein Kampfhundehalter sein Tier auf einen 73-jährigen Rentner, das ihn schwer verletzte. Der alte Mann hatte den Besitzer des Hundes aufgefordert, sein gefährliches Tier anzuleinen.

Was ist der Grund für diese Art von Gewalt?

Hamburg Wilhelmsburg ist eine jener heruntergekommenen Großsiedlungen, wie es sie heute in fast allen größeren Städten gibt. Hier leben die Ärmsten - Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, darunter viele ehemalige ausländische Gastarbeiter mit ihren Familien. Mit der Verschärfung der sozialen Polarisierung, nimmt hier auch der fortschreitende soziale Verfall schroffere Formen an.

Ibrahim K., der seine Autolackiererlehre abbrach und bei seinen Eltern rausflog, verdankte allein seinem allseits gefürchteten Pitbull seinen sozialen Status. Er verdiente an dem Hund, wenn dieser in Kämpfen gegen die vierbeinigen Kampfmaschinen der Hamburger Zuhälter erfolgreich war. Wer Welpen vom "König von Hamburg" haben wollte, so berichtet der Spiegel, musste Ibrahim 2.000 DM bezahlen.

Die weite Verbreitung von Hunderassen, die sich besonders zum Einsatz als Waffe eignen, zeigt die Reaktion bestimmter Schichten auf soziale Spannungen und Konflikte und ihre Bereitschaft, darauf mit Gewalt zu antworten. Ermuntert werden sie durch das gesellschaftliche Klima von Gewalt, Egoismus und sozialer Kälte. Während die Regierung wieder Krieg führt, schutzsuchende Ausländer abschiebt und den Sozialabbau im Land vorantreibt, verschaffen sich Teile der Bevölkerung, die auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stehen, auf ihre Art Respekt und Anerkennung in der Gesellschaft, die ihnen sonst verwehrt werden. Dass der gesellschaftliche Rand, an dem sie sich befinden, immer breiter wird und den Charakter eines Massenphänomens annimmt, stärkt sie in ihrem Selbstbewusstsein.

Bisher wurde immer versucht, die negativen Auswirkungen, die die Herausbildung und Verfestigung von sozialer Verwahrlosung mit sich bringen, abzumildern, nicht zuletzt mit Hilfe eines Heeres von Sozialarbeitern und Pädagogen, die sich bemühten, Phänomene wie Jugendkriminalität zu kontrollieren und zu therapieren. Die rigorose Sparpolitik der rot-grünen Bundesregierung ist nicht mehr darauf ausgerichtet, gesellschaftliche Spannungen zu dämpfen. So können als Reaktion darauf spontane individuelle Gewaltausbrüche, wie sie in der letzten Zeit verstärkt beobachtet werden konnten, explosivere und auch organisierte Formen annehmen.

Von daher ist die Sorge, die Demonstranten in Hamburg-Wilhelmsburg um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder zum Ausdruck brachten, vollkommen gerechtfertigt.

Die Medien reagierten auf den tragischen Tod des türkischen Jungen mit einem vereinten Ruf nach dem starken Staat, und ungewohnt schnell beschlossen die Innenminister der Bundesländer per Telefonkonferenz bereits zwei Tage später ein bundesweites Zucht- und Importverbot für die Hunderassen Pitbull, American Staffordshire und Staffordshire-Bullterrier. Weitere verschärfte, rein bürokratische Maßnahmen für die Haltung sogenannter "Kampfhunderassen" sollen in den einzelnen Bundesländern bis Ende Sommer in Kraft treten, wobei man sich an den seit 1992 bestehenden strengen Vorschriften in Bayern orientiert.

Die herrschende Politik ist sich klar darüber, dass sich der von ihr forcierte Kontrast zwischen Reich und Arm auf die gesellschaftlichen Beziehungen auswirkt, aggressives Verhalten und dumpfe Gewaltbereitschaft fördert. Aber es soll auf jeden Fall verhindert werden, dass sich Teile der Bevölkerung beginnen zu bewaffnen - ganz zu schweigen von der scharfen Reaktion, mit der zumindest in Hamburg-Wilhelmsburg die dortige Bewohner reagiert hat. Wie bei der Diskussion über die Antwort auf die rechte Gewalt, in der viele im Verbot der NPD ein Allheilmittel sehen, wird auch hier mit der Gesetzeskeule zugeschlagen - und das Ziel verfehlt.

Die Grünen wollen illegale Zucht und Verbreitung von Kampfhunden mit dreijähriger Haft bestrafen. Daneben gibt es Überlegungen über radikal erhöhte Hundesteuern und eine Zwangshaftpflichtversicherung. Außerdem gelten für bestimmte Hunderassen und Hunde ab einer Größe von 40 Zentimetern (Schulterhöhe) Maulkorb- und Leinenzwang (vorgeschriebene Leinenlänge 1,50m), ein Hundeführerschein und eine Art Hunde-TÜV. Der Halter muss ein "notwendiges Interesse" für die Haltung eines gefährlichen Hundes nachweisen, wobei diese Bestimmung in Bayern so abgefasst ist, dass es unmöglich ist, diesen Nachweis zu erbringen. Menschen die staatlicherseits als labil eingeschätzt werden, mit psychischen, Alkohol- und Drogenproblemen sowie Vorbestrafte, dürfen gefährlich eingestufte Rassen nicht besitzen.

Solcherart Überprüfungen der persönlichen und familiären Situation von Hundehaltern durch staatliche Instanzen sind bei Sozialhilfeempfängern schon lange gang und gäbe. Durch die verschärften Gesetze verschafft sich die staatliche Bürokratie die Möglichkeit, dies auf andere Bevölkerungsschichten zu übertragen; mit der Option jederzeitiger Ausweitung, denn schließlich kann ja nahezu jeder Hund als potentieller Kampfhund betrachtet werden.

Seit in Berlin vor zirka fünf Wochen schärfere Hunde-Bestimmungen in Kraft getreten sind, trifft man auf den Straßen etliche der Vierbeiner mit Maulkorb und der vorschriftsmäßigen Leine von 1,50m Länge an. Nichtsdestotrotz wurde bereits kurze Zeit später ein neunjähriges Mädchen von einem Pitbull gefährlich verletzt, der aus einer offenstehenden Wohnung entlaufen war. Die SPD-Politikerin Heidemarie Fischer vom Berliner Abgeordnetenhaus schlussfolgerte daraufhin messerscharf: "Da gibt es offenbar eine Lücke in dem Gesetzentwurf."

Während in der Presse breit darüber diskutiert wurde, wie man einen Kampfhund als solchen definiert, ob es möglich sei, Aggressivität zu züchten, oder ob ein Maulkorb "artgerecht" sei, nutzten die Unionsfraktionen und Unionsländer die Gunst der Stunde, um ein Programm zur Verbrechensbekämpfung mit dem Titel "Null Toleranz", zu präsentieren, das sich programmatisch an der für ihre Brutalität berüchtigten New-Yorker Polizei orientiert. Laut Spiegel bündelt das Papier "zum Teil heikle Vorschläge - von weiträumiger Video-Überwachung über eine Bürgerpolizei bis hin zum Lauschangriff auf Redaktionen und Arztpraxen", worüber selbst der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei kritisch anmerkte, das sei der Weg in den Überwachungsstaat.

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