Der Todesfall des Joseph Abdulla

Wie Opfer zu Tätern werden

Von Dietmar Henning
5. Dezember 2000

Der Fall des ungeklärten Todes des sechsjährigen Joseph Abdulla hat in den letzten Tagen eine Wende genommen, die bei der Strafverfolgung deutscher Behörden im Zusammenhang mit rechtsradikalem Hintergrund beileibe nicht ungewöhnlich ist: Opfer werden zu Tätern.

In der Nacht vom vergangenen Donnerstag durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft sieben Stunden lang das Haus der Apothekerfamilie Abdulla-Kantelberg in Sebnitz. Sie beschlagnahmten Akten, Computer, Ton- und Videobänder. Alle Beweise, die Josephs Eltern in den letzten drei Jahren gesammelt haben, um einen Mord an ihrem Sohn zu belegen, befinden sich nun in der Hand der Dresdener Staatsanwaltschaft - möglicherweise als Beweismittel gegen die Mutter des ertrunkenen Kindes. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nämlich inzwischen auch gegen Renate Abdulla-Kantelberg. Ein ursprünglich der Tat beschuldigter Jugendlicher hat Strafanzeige wegen Anstiftung zu falscher Verdächtigung gegen sie gestellt.

Die Wende in dem Fall hatte sich vor einer Woche abgezeichnet, als die Staatsanwaltschaft drei Tatverdächtige wieder auf freien Fuß setzte und kurz darauf verkündete, alle von der Mutter gesammelten Zeugenaussagen seien unzuverlässig oder falsch. Führende CDU-Politiker, allen voran der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und sein Justizminister Manfred Kolbe, hatten darauf zur Gegenoffensive angesetzt und die Sebnitzer und ganz allgemein die Ostdeutschen zu den eigentlichen Opfern des Falles erklärt.

Inzwischen ist die Familie Abdulla die Schuldige. Ein großer Teil der Presse, der noch vor wenigen Tagen den Mordverdacht als erwiesene Tatsache behandelt hatte, betrachtet es nun als erwiesene Tatsache, dass der Mordverdacht ein reines Hirngespinst der Mutter war. Dabei schließt die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit eines Verbrechens weiterhin nicht aus. Die Kernfrage - Mord oder Unfall - ist bisher nicht beantwortet.

Nach wie vor gibt es zahlreiche ungeklärte Fragen. Warum schlossen Polizei und Staatsanwaltschaft ein Verbrechen von Anfang an aus, obwohl entsprechende Gerüchte zirkulierten? Warum bestätigten nahezu dreißig Zeugen schriftlich die Mordversion? Warum blieben die drei Hauptzeugen während einer mehrstündigen richterlichen Vernehmung bei ihrer Version, was schließlich zur Verhaftung der Verdächtigen führte? Hat die Staatsanwaltschaft die Zeugen unter Druck gesetzt?

Eine Darstellung der Vernehmung des Hauptzeugen, des 15-jährigen Daniel S., im Dresdner Polizeipräsidium lässt letzteres zumindest vermuten. In einer ausführlichen Chronologie der Ereignisse - die im übrigen stark gegen die Familie Abdulla-Kantelberg eingenommen ist - schriebt der Spiegel: "Zunächst bleibt Daniel bei der Mordversion, die er schon fünf Tage zuvor dem Ermittlungsrichter erzählt hat. Die Beamten lassen den Schüler spüren, dass sie ihm nicht glauben. Die Anwesenheit eines Psychologen bei der Vernehmung halten die Polizisten nicht für erforderlich. Daniel beginnt zu weinen. Er widerruft seine Aussage komplett."

Dass den Ermittlungen von Staatanwälten nicht vorbehaltlos zu trauen ist, zumal wenn sich ihre politischen Vorgesetzten lautstark für eine bestimmte Sicht der Dinge einsetzen, weiß man spätestens seit dem Brand eines Flüchtlingswohnheims in Lübeck. Das Vorgehen der Behörden im Fall Sebnitz weist viele Parallelen zum Vorgehen im Fall Lübeck auf.

Bei dem Brand des Lübecker Flüchtlingswohnheims im Januar 1996 waren dort zehn Menschen umgekommen. Noch in derselben Nacht wurden drei ostdeutsche Jugendliche, die der Tat dringend verdächtig waren, festgenommen. Sie hatten teilweise versengte Haare, so wie es bei Brandstiftern nicht unüblich ist. Die Öffentlichkeit war entsetzt über dieses abscheuliche Verbrechen, die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Heide Simonis dagegen besorgt über das Ansehen Lübecks. Sie erklärte, "die Lübecker" täten "ihr leid" und sie hoffe sehr, die Ermittlungen würden Beweise zu Tage fördern, die eine andere als fremdenfeindliche Ursache der Brandkatastrophe deutlich machen.

In den darauf folgenden Wochen wurde diese Sichtweise in den Medien tausendfach wiederholt. Der Lübecker SPD-Bürgermeister Bouteiller wurde mit den Worten zitiert: "Es trifft wieder eine Stadt, die es nicht verdient hat." Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wütete gegen "alle, die ohne Rücksicht auf Wirklichkeit und Wahrheit mit der Nazi-Keule auf Deutschland zu schlagen gewohnt sind".

Die Tatverdächtigen wurden aufgrund eines - wie der Autor dieser Zeilen nachweisen konnte - falschen Alibis der Polizei wieder freigelassen. Die Staatsanwaltschaft richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Heimbewohner Safwan Eid. Einzige Grundlage war die Zeugenaussage eines Sanitäters, der ihn beschuldigte, im Rettungswagen unmittelbar nach seiner Rettung aus dem brennenden Wohnheim gesagt zu haben: "Wir war'n's." Wie sich später herausstellte, hatte dieser Sanitäter Kontakte zu Neofaschisten. Safwan Eid wurde zwar schließlich aus Mangel an Beweisen frei gesprochen, aber die wirklichen Täter sind bis heute nicht überführt worden, ein womöglich rechter Hintergrund wurde unterdrückt.

Selbst wenn man die politischen Hintergründe beiseite lässt, hatten die Eltern Joseph Abdullas gute Gründe für die Vermutung, Hinweise auf einen gewaltsamen Tod ihres Kindes seien übersehen worden. Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin gehen davon aus, dass durch Unachtsamkeit und Desinteresse in den aufeinanderfolgenden Ermittlungsstufen Arzt, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichtsmedizin mehr als die Hälfte der begangenen Tötungsdelikte in Deutschland nicht erkannt werden. Als Ursache gibt die Vereinigung Kostengründe an. Staatsanwaltschaften ordnen aus finanziellen Gründen immer seltener Obduktionen an, Forschungsminister von Bund und Ländern schaffen Lehrstühle für Rechtsmedizin ab und schließen Institute.

Seit die Familie Abdulla vom Opfer zum Täter gestempelt wurde, spüren die Rechten wieder Aufwind.

In Sebnitz fühlen sich diejenigen stark, die schon immer dumpfe Vorbehalte gegen die Inhaber der "Ausländerapotheke" hegten. Die Lichterkette gegen Fremdenhass und Rassismus in der Stadt wurde folgerichtig abgesagt. Der Pfarrer Conrad Kreutz, der von seinem Amt suspendiert worden war, weil er die Auffassung vertrat, die Eltern seien selbst am Tod ihres Sohnes Schuld, da sie ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hätten, ist wieder auf seinem Posten. Kreutz war es auch, der erklärt hatte, dass die rechtsradikale Szene, deren Existenz er nicht bestreiten konnte, angeblich "zum Totschlag nicht fähig" sei.

Inzwischen ist sogar ein Spendenkonto eröffnet worden - für Sebnitz. "Es gilt zu handeln, um die regionale Wirtschaft zu unterstützen und den zu unrecht vorverurteilten Sebnitzern die Hand der tätigen Hilfe zu reichen", heißt es in einer Presseerklärung des Landrats Michael Geisler. Das Geld soll der regionalen Wirtschaft zu Gute kommen, aber auch für die "präventive Jugendarbeit" eingesetzt werden. Sogenannte "präventive Jugendarbeit" wird beispielsweise im Sebnitzer Jugendclub Geschwister Scholl geleistet, benannt nach den Widerstandskämpfern der "Weißen Rose", die ihre Feindschaft zum Faschismus mit dem Tode bezahlt hatten. Der Jugendclub Geschwister Scholl ist heute ein bekannter Treffpunkt der Glatzen und Rechten.

Auch auf Bundesebene benutzen Politiker, denen die öffentlichen Kampagnen gegen Rechts schon lange ein Dorn im Auge ist, die Wende im Fall Joseph. In der CDU vertreten immer mehr Spitzenpolitiker die Auffassung, die Diskussion über den Rechtsextremismus werde übertrieben. Die mehr als hundert erwiesenen Opfer rechtsradikaler Anschläge seit der Wende sind ihnen offensichtlich nicht genug.

CDU- Generalsekretär Laurenz Meyer hat erklärt, die Ereignisse in Sebnitz bestätigten den hessischen Ministerpräsidenten Koch, der schon immer der Ansicht war, der Rechtsextremismus in Deutschland werde "dramatisiert und hochgeredet". Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller griff Bundeskanzler Schröder an, der Josephs Mutter im SPD-Präsidium empfangen hatte. Er warf der Bundesregierung vor, sie wolle davon ablenken, "dass es nicht nur die Probleme des Rechtsradikalismus, sondern auch des Linksradikalismus gibt." Tatsächlich gehe es Schröder nicht um die Bekämpfung des Rechtsradikalismus, "sondern um die Diffamierung der Union und der konservativen Kräfte", um so die Mitte in dieser Republik nach links zu verschieben.

Siehe auch:
Der Tod des sechsjährigen Joseph Abdulla
(30. November 2000)
Die Struktur des braunen Sumpfes
( 1. Dezember 2000)
Zum neuen Prozess um den Lübecker Brandanschlag
( 28. September 1999)