Ein Kommentar zu Quills und dem Marquis de Sade

21. Februar 2001

Die Besprechung zu Quills war hervorragend. Ich selbst verließ das Kino mit dem Gefühl, dass eine Gelegenheit komplett verschenkt worden ist - eine ernsthafte künstlerische Arbeit vorzulegen, die sich auf die historische Figur de Sade stützt. Die Comicfigur de Sade im Film wie auch die anderen Comicfiguren, die ihn ausspielen, sind letztendlich trivial und uninteressant. Wenn Herr Wright ein wenig historisches Verständnis hätte, hätte er gemerkt, dass eine "literarische, biografische Beschreibung von de Sades Leben" weitaus mehr Tiefe gehabt hätte, als die unreife Geschichte, die er sich ausgedacht hat.

Das alberne "Thema" des Films, dass die unterdrückte Sexualität des Abbé, weil sie kein Ventil hat, ihn in ein Monster verwandelt, wogegen die ungezügelte Erotik des Wüstlings, obwohl man sie von außen auf extreme Weise zu unterdrücken versucht, ihn zu einem wahren Märtyrer macht, ist vom Niveau kaum höher als eine moralisierende Kindergeschichte. Und was soll man zu den angehängten Nebenhandlungen sagen, deren einziger Daseinsgrund die Notwendigkeit zur Stimulierung des Massenmarkt ist? Die junge Ehefrau, die mit dem Architekten abhaut, trägt absolut gar nichts zum Verständnis der Geschichte ihres grausamen Ehemanns bei. Die kurze Einführung von de Sades Ehefrau, als sie ihrem Mann einige sexuelle Hilfsmittel bringt (dieses kleine Stück basiert auf biografischen Tatsachen), läuft einfach ins Leere. Sie bekennt Ekel und Faszination in Bezug auf ihren Ehemann, dann verschwindet sie von der Szene, und es wurde nie wieder etwas von ihr gehört.

Man stelle sich vor, was man aus dem Thema hätte machen können. Zunächst einmal hat man das reale Drama der Französischen Revolution, den großen befreienden Effekt dieses weltgeschichtlichen Ereignisses wie auch den Terror, mit dem es verbunden ist. Ein anderes Thema, das ein großes künstlerisches Werk wert wäre, ist der innere Verfall der Aristokratie des Ancien Régime, der in widersprüchlicher Weise von de Sade selbst verkörpert wird. Das Motiv wurde von Diderot in seinem Meisterwerk Rameaus Neffe aufgegriffen, mit dem unvergesslichen Portrait des zynischen Boheme, der den verlorenen Glauben der vorrevolutionären französischen Gesellschaft in ihre eigne Lebensfähigkeit verkündet.

Dasselbe Thema wurde später von einem philosophischen Standpunkt aus von Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes verarbeitet. Ein weiteres Thema, das eine Darstellung verdiente, ist die Haltung des nachrevolutionären Europas gegenüber denen, die nicht in die Gesellschaft passten, den Geisteskranken oder extrem asozialen Dissidenten, so wie de Sade einer war. Erreichten die befreienden Impulse der Revolution in ihrer Großmütigkeit auch die Menschen, die am meisten verschmäht und vergessen waren, die Insassen der Irrenanstalten? Dies ist eine Frage, die Michel Foucault in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft anspricht. Ob man mit Foucault sympathisiert oder nicht, zumindest kann man von ihm sagen, dass er einige richtige Fragen gestellt hat. Über die Macher von Quills kann man dasselbe nicht sagen. Es ist nicht möglich, diesen Themen irgendeinen Sinn abzugewinnen, wenn man mit solch einer auf den Kopf gestellten Sicht auf die Französische Revolution beginnt, die uns die Macher des Film zeigen. Ihr künstlerisches Scheitern lässt sich direkt darauf zurückführen, dass sie unfähig waren, ein zusammenhängendes und klares historisches Verständnis ihres Themas zu formulieren.

Es war absolut angemessen, dass Ihr die Rehabilitierung von de Sade durch Georges Bataille und Simone de Beauvoir angesprochen habt. In jüngerer Zeit genießt de Sade eine neue Popularität unter Postmodernisten wie dem eben bereits genannten Foucault und Jaques Lacan. Die historischen Einschätzungen, die zu de Sade getroffen wurden, reichen von empörten Zeitgenossen, die ihn für das fleischgewordene Böse hielten, bis zu dem Dichter Apollinaire, der ihn den "freiesten Geist, der je gelebt hat", nannte. In jüngerer Zeit haben einige Kritiker de Sades Werk als Beispiel für Parodie entdeckt. Man nimmt an, dass er die Absurditäten einer bestimmten Art der hedonistischen Philosophie darstellen wollte, indem er sie ins Extreme führte. Diese Interpretation erscheint jedoch ziemlich suspekt angesichts der Tatsache, dass de Sade tatsächlich, wenn er die Freiheit dazu hatte, das Leben lebte, für das er in seinen Romanen eintritt.

Die klarste Formulierung der Philosophie de Sades findet sich in seinem Die Philosophie im Boudoir. Dieses Werk enthält inmitten der üblichen sadistischen Orgien ein philosophisches Zwischenspiel. Plötzlich und unvermittelt wird der Bericht unterbrochen und über die nächsten 60 Seiten entspannt sich ein philosophischer Dialog, in dem der Ursprung des gesellschaftlich Guten und Bösen diskutiert wird. Dies ist sicherlich eines der bemerkenswertesten Werke in der gesamten Philosophiegeschichte. Was wir hier finden, ist eine philosophische Verteidigung, die in der Sprache der Aufklärung vorgebracht wird, aber natürlich nicht im Geist der Aufklärung steht, und eine Rechtfertigung für Inzest, Vergewaltigung, Mord und Grausamkeit präsentiert. Ich wüsste nichts im gesamten Korpus der westlichen Philosophie, das diesem im entferntesten ähneln würde. Dieser philosophische Diskurs unter dem Titel Franzosen, strengt euch an, wenn ihr Republikaner sein wollt soll separat veröffentlicht worden und als republikanisches politisches Traktat während der Revolution 1848 in Umlauf gewesen sein. Es war sicherlich eines der absonderlichsten politischen Traktate, die jemals erschienen sind. Es enthält die folgende Verteidigung von Mord als legitimer Aktivität von Bürgern, um die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft auszumerzen:

"Als was hat Mord in einem kriegerischen und republikanischen Staate zu gelten? Es wäre sicher äußerst gefährlich, diese Tat zu verurteilen oder zu bestrafen."

Während es allzu einfältig wäre, in de Sade den Vorläufer des Faschismus zu sehen, wie Pasolini es getan hat, ist es doch ein weitaus größeres Verbrechen, ihn als einen progressiven Denker zu feiern. Eine der absurdesten dieser Interpretationen stammt von Stuart Hood, der in seinem Werk Introducing de Sade so weit geht, dass er de Sades Ideen mit denen Leo Trotzkis vergleicht. Hood meint auch, es wäre bedeutsam, dass de Sades politisches Traktat im gleichen Jahr erschienen ist wie das Kommunistische Manifest. Dieses zeitliche Zusammenfallen soll die Sicht auf de Sade als einen progressiven, sogar linken Denker verstärken. Eine kürzlich erschienene Biografie mit dem Titel Sade: A Biographical Essay von Laurence L. Bongie hat diesen sentimentalen Interpretationen von de Sade ein Ende gesetzt. Der Rezensent Robert Darnton brachte Bongies Biografie folgendermaßen auf den Punkt:

"Trotz seiner plebejischen Pose während der Revolution, verstand er sich selbst immer als Aristokrat. Aristokraten standen über dem Gesetz und konnten es daher nicht brechen. Sade betrachtete daher seine Taten nie als Verbrechen. Als Abkömmling einer königlichen ‘Rasse‘ - nach dem Dictionaire de l'Académie française von 1762 bedeutet Rasse ‘Stammbaum; all diejenigen, die derselben Familie entstammen‘ - konnte er mit denen unter ihm tun, was immer ihm gefiel" ( The Real Marquis, New York Review of Books, 14. Januar 1999).

De Sades Bedeutung als Philosoph beruht auf der Tatsache, dass er die Prämissen eines mechanisch-materialistischen Verständnisses von Gesellschaft und Politik ins Extreme führte und dadurch die Logik aufzeigte, die zu dem führt, was Marx mit dem Satz umschrieben hat: "Der Materialismus wird menschenfeindlich" (Marx/Engels, Die heilige Familie , Frankfurt a.M. 1967, S. 136). Als Marx diese Passage schrieb, meinte er vor allem die Philosophie von Thomas Hobbes. Doch Marx‘ Charakterisierung passt sogar noch besser zu den Ansichten, die de Sade vertritt. Die bürgerliche Ansicht, die Gesellschaft sei zusammengesetzt aus vereinzelten Individuen, die potenziell im Krieg Aller gegen Alle stehen, wird von de Sade in noch unverfälschterer Reinheit ausgedrückt als von Hobbes.

De Sade ist Hobbes um eine Nasenlänge voraus, indem er die Anerkennung des Gesellschaftsvertrages verweigert, durch den der kriegsähnliche Naturzustand in einen bewaffneten Frieden verwandelt wird, über den der Souverän wacht. De Sade ist nicht bereit, jegliche Einschränkung zu akzeptieren, die seine Möglichkeiten zur Ausbeutung, Misshandlung und sogar Zerstörung von Menschen zu seiner Freude betreffen. Sein Begriff des Wüstlings sieht andere Menschen lediglich als ein Mittel zum Zweck. Dies ist eine Konsequenz seiner Definition der menschlichen Natur in komplett individualistischen Kategorien, die von der "zweiten Natur" des gesellschaftlichen Wesens getrennt sind. De Sades Naturzustand ist wahrlich die Hölle auf Erden. Vielleicht ist der Satanismus, der de Sade nachgesagt wurde, eine angemessene Metapher für seine Philosophie. Es sollte nicht überraschen, dass einige rechte Autoren, bemerkenswert unter ihnen Camille Paglia, mit de Sades Lobpreisung der Grausamkeit geflirtet haben.

Man vergleiche diese Sicht der individuellen Emanzipation als Zustand des Konflikts mit dem Mitmenschen und der Zweitrangigkeit desselben mit der sehr verschiedenen Ansicht der Befreiung des Menschen, wie sie von Marx ausgedrückt wurde:

"... das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen. In ihm zeigt sich also inwieweit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist. In diesem Verhältnis zeigt sich auch, inwieweit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andere Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen ist " (Hervorhebung von mir) (Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW Bd. 40, S. 535).

Können wir sagen, dass trotz dieser Einschätzung es immer noch etwas Erhabenes und Wertvolles im Werk de Sades gibt? Wir können nicht einfach die Meinung von André Breton und anderen ignorieren. Zu de Sades Verteidigern gehören auch einige der kreativsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht war de Sades Kriminalität eine notwendige Erlösung von Jahrhunderten, die durch die Unterdrückung der Erotik gekennzeichnet waren. Vielleicht ist seine einfältige, mordlustige, eindimensionale Vision der Emanzipation eine notwendige Phase auf dem Weg zur voll artikulierten Sichtweise der Humanität. Wenn dem so ist, dann sollten wir ihn in Beziehung zu seiner historischen Entwicklung lesen und verstehen. Aber ganz sicher sollten wir ihn nicht feiern.

Alex Steiner

Siehe auch:
Soll man de Sade feiern?
(21. Februar 2001)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen