Folter im Algerienkrieg (1954-62)

Die Rolle der französischen Armee - damals und heute

Von Marianne Arens und Françoise Thull
28. März 2001

Die französische Armee hat in Algerien systematisch Folter und Mord gegen ihre Gegner angewandt. Darüber wird seit wenigen Monaten in Frankreich offen diskutiert. Zwei hochrangige Generäle a.D. haben vergangenen November in der Tageszeitung Le Monde zugegeben, im Algerienkrieg von 1954-62 Angehörige der FLN, der damaligen algerischen Befreiungsbewegung, gefoltert, misshandelt und liquidiert zu haben.

Der 92-jährige General a.D. Jacques Massu, 1957 Chef der berüchtigten "Paras" (10. Fallschirmspringerdivision), und sein damaliger Stellvertreter, der heute 82-jährige General Paul Aussaresses, damals Leiter des französischen Geheimdiensts in Algier, bestätigten, dass über 3.000 Gefangene, die damals als "verschwunden" galten, in Wirklichkeit exekutiert worden waren. Aussaresses erklärte, Folter und Mord hätten 1957 zum festen Bestandteil der französischen Kriegspolitik gehört. Er brüstete sich, Mittel angewandt zu haben, die auch durch das Kriegsrecht nicht gedeckt waren, seinen Untergebenen den Befehl zu töten gegeben und 24 FLN-Angehörige eigenhändig liquidiert zu haben. Und er sagte: "Ich bereue es nicht."

Den Stein ins Rollen brachte der Bericht eines ehemaligen Folteropfers in Le Monde:Die damals zwanzigjährige Partisanin Louisetta Ighil Ahgiz, die den Folterern im September 1957 in die Hände geraten war, leidet auch heute, als 64-Jährige, noch unter den physischen und psychischen Folgen der Folter. Sie war zusammen mit einer FLN-Gruppe in einen Hinterhalt von General Massu geraten und schwer verletzt in dessen Hauptquartier geschleppt worden. Hier wurde sie drei Monate lang fast ununterbrochen schwer gefoltert. Louisetta berichtete, wie Massu oder auch General Bigeard, wenn sie zu ihr kamen, sie beleidigten und erniedrigten, ehe sie mit einer Handbewegung den Befehl zum Foltern gaben. "Es war, als existiere ein geheimer Kode", sagte sie. Sie überlebte nur dank einem Militärarzt, der sie Ende Dezember 1957 entdeckte, in ein Lazarett brachte und vor ihren Folterknechten versteckte, und den sie durch ihren Bericht in Le Monde ausfindig machen und ihm danken wollte.

Louisetta Ighil Ahgiz‘ Bericht löste eine Flut von Leserzuschriften und Artikeln in zahlreichen französischen Medien aus. Ein weiterer ehemaliger FLN-Kämpfer, Noui M'Hidi Abdelkader, der 1958 in Paris verhaftet und in Versailles inhaftiert und gefoltert worden war, bestätigte zum Beispiel, dass die Folter auch in der französischen Hauptstadt angewandt wurde. Er ist überzeugt, dass die bisher ungeöffneten Archive noch Aussagen von Tausenden Folteropfern enthalten.

Der Algerienkrieg 1954-62

1954 weitete sich der schwelende Unabhängigkeitskampf Algeriens zum regelrechten Krieg aus. Unmittelbar zuvor hatte sich die französische Armee nach ihrer historischen Niederlage bei Dien Bien Phu aus Vietnam zurückziehen müssen, und nun verlagerte Frankreich den größten Teil der Fremdenlegion nach Algerien, seiner größten und ältesten Kolonie. Während sich die Anschläge der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN im Jahr 1954 häuften, beschloss die französische Regierung, Algerien - französische Kolonie seit 1830 - auf keinen Fall preiszugeben. Zum erstenmal wurden auch Wehrpflichtige in einer Kolonie eingesetzt, und schon Mitte 1956 standen 500.000 französische Soldaten auf algerischem Boden.

Bis 1962 kämpften 1,7 Millionen Franzosen im Algerienkrieg. Von diesen wurden über 25.000 getötet und 60.000 verwundet, während auf algerischer Seite über eine halbe Million Menschen den Tod fanden. Diesen enormen Zahlen zum Trotz durfte man lange Zeit das Wort "Krieg" offiziell nicht benutzen; man sprach nur von den "Ereignissen in Algerien" oder von der Aufrechterhaltung der Ordnung in den drei algerischen Provinzen. Erst im Oktober 1999 beschloss die französische Nationalversammlung, den Begriff "Algerienkrieg" offiziell zuzulassen.

Es war eine sozialdemokratische Regierung, die Regierung von Guy Mollet (SFIO), die der Besatzungsmacht in Algerien freie Hand zum Foltern verschaffte: Im Juni 1956, kurz vor der berüchtigten Schlacht um Algier, nahm die Assemblée Nationale Guy Mollets Vorschläge an, die individuellen Freiheitsrechte in Algerien außer Kraft zu setzen und den in Algerien stationierten Gendarmen, Polizisten und Soldaten zu erlauben, "verlängerte Verhöre", "Zwangsmaßnahmen" oder "Sonderbehandlungen" durchzuführen. "Sie ließen uns freie Hand, zu tun, was wir für notwendig hielten," bestätigt heute der ex-General Paul Aussaresses.

Auch der damalige französische Präfekt in Algerien, Robert Lacoste, gehörte der sozialdemokratischen Partei SFIO an. Der Sozialdemokrat François Mitterrand, der spätere Staatspräsident, sagte am 5. November 1954 als Innenminister im Parlament: "Die algerische Rebellion kann nur zu einem einzigen Schluss führen, nämlich zum Krieg." Er erklärte pathetisch, Algerien sei Frankreich; das Mittelmeer trenne Algerien von Frankreich nicht anders als die Seine die zwei Hälften von Paris. Als er zwei Jahre später Justizminister war, lehnte er am 10. Februar 1957 das Gnadengesuch des algerischen Kommunisten Fernand Iveton ab und besiegelte so dessen Tod.

Die französische Kolonialpolitik erfuhr sogar die Unterstützung der Stalinisten, als die kommunistische Partei unter Führung von Jacques Duclos 1954 für den Haushalt stimmte und 1956 den Sondervollmachten der Regierung zustimmte, zu einem Zeitpunkt, als bereits in den Straßen von Paris gegen den Algerienkrieg demonstriert wurde.

Die Augenzeugenberichte und jüngst veröffentlichten Dokumente lassen keinen Zweifel an der Brutalität, dem Ausmaß und der systematischen Anwendung der Folter. Zur täglichen Praxis gehörten Massenvergewaltigungen, Untertauchen in kaltem Wasser oder Exkrementen, und immer wieder Elektroschocks. Auch im Hinterland, wo es keinen Strom gab, kam die Folter mit Elektroschocks, die sogenannte "Gégène", zum Einsatz, wozu man sich der pedalbetriebenen Stromerzeugung für Radiostationen bediente.

Das Kommando über Algerien hatte eine Gruppe von Spitzengenerälen inne, die sich wenige Jahre davor, im zweiten Weltkrieg, unter Charles de Gaulles am Kampf gegen Nazideutschland beteiligt hatten. Als de Gaulle, der 1958 nach einem Putsch französischer Siedler und Militärs in Algerien zum französischen Präsidenten aufgestiegen war, 1959 vorsichtig eine Selbstbestimmung Algeriens ansteuerte, organisierten diese Generäle im April 1961 unter dem Schlachtruf "Algerien bleibt französisch!" einen zweiten Putschversuch. Nach seinem Misslingen gründeten sie die Terrororganisation OAS (Organisation armée secrète - geheime Armeeorganisation), die zahlreiche Attentate gegen die Zivilbevölkerung in Algerien und auch in Frankreich durchführte. Dank der allgemeinen Amnestie, die bei der Unabhängigkeitserklärung von Evian vom Juli 1962 verkündet wurde, sowie einer weiteren Amnestie Ende der sechziger Jahre, wurden diese Generäle später weder für den Putschversuch, noch für die systematische Anwendung der Folter strafrechtlich verfolgt.

Einige dieser Generäle, wie zum Beispiel General Marcel Bigeard, der in der Nachkriegszeit zu höchsten militärischen Ehren gelangte, wehren sich bis auf den heutigen Tag gegen eine Aufarbeitung der in Algerien begangenen Verbrechen. Bigeard, Algerien-Kommandant und ehemaliges OAS-Mitglied, ist heute Wortführer einer Fraktion der Ewiggestrigen, die in der öffentlichen Debatte alle Foltervorwürfe abstreiten. In Übereinstimmung mit Leuten wie Jean-Marie Le Pen, dem Führer der rechtsradikalen Nationalen Front, spricht Bigeard von dem "Lügennetz", das seiner Meinung nach nur "alles zerstören soll, was in Frankreich noch sauber ist".

Außer Bigeard, Le Pen und einer Reihe alter Haudegen aus dem Algerienkrieg, die im Figaro scharf gegen die "Beleidigung der französischen Armee" polemisierten, ist auch Philippe Séguin, gescheiterter gaullistischer Kandidat für das Pariser Rathaus und Gegner einer Integration Frankreichs in die EU, vehement gegen die Algerien-Debatte aufgetreten. Charles Pasqua, der ehemalige gaullistische Innenminister, der dem europafeindlichen "Rassemblement pour la France" (RPF) angehört, verurteilte im Parlament aufs Schärfste eine Initiative der Kommunistischen Partei, die einen offiziellen Untersuchungsausschuss über den Algerienkrieg forderten.

Hintergrund der Diskussion

Über die systematische Anwendung der Folter in Algerien gab es schon in den fünfziger Jahren zahlreiche Zeugnisse. Bereits vor Ausbruch des offenen Kriegs berichtete die Zeitung L'Observateur im Dezember 1951 über Folterpraktiken in Algerien. 1958 erschien das Buch "La Question" (Die Frage) von Henri Alleg, und 1960 protestierte eine Gruppe von Intellektuellen um Jean-Paul Sartre, darunter Simone de Beauvoir, André Breton, Simone Signoret und viele andere, mit ihrem "Manifest der 121" gegen den Krieg. Ein weiterer Historiker, der die Folter als Bruch mit der liberalen Tradition Frankreichs anprangerte, war Pierre Vidal-Naquet mit seinem Buch "Torture dans la République" (Folter in der Republik).

Dennoch war das Thema seit der Amnestie von 1962 mit einem allgemeinen gesellschaftlichen Tabu belegt. Als die satirische Wochenzeitung Le Canard enchaîné in den achtziger Jahren berichtete, dass der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen als Fallschirmjägerleutnant in Algerien aktiv an den Folterungen teilgenommen hatte, wurde die Zeitung vor Gericht gezerrt und verlor den Prozess in letzter Instanz.

Erst seit wenigen Monaten wird über die Vergangenheit offen gesprochen. Es melden sich immer neue Betroffene zu Wort: in erster Linie natürlich die bis heute nicht entschädigten Folteropfer, aber auch eine Reihe von Veteranen, die das Trauma, das sie als junge Soldaten in Algerien erlebten, vierzig Jahre in sich hineinfressen mussten, ohne darüber sprechen zu können. Außerdem die Pieds-Noirs, die weißen Algeriensiedler, die 1962 fluchtartig das Land verlassen mussten; sowie die Harkis, algerische Kämpfer auf Seiten der französischen Armee, die weder nach Algerien zurückkehren können, noch in Frankreich Anerkennung finden. Vertreter all dieser Schichten oder deren Nachkommen melden sich, wo sie können, zu Wort.

Fast alle Zeitungen beteiligen sich an der Debatte, Filme werden gezeigt, und an der Sorbonne fand im Dezember 2000 ein Seminar mit französischen und algerischen Historikern unter der Schirmherrschaft des Staatspräsidenten Jacques Chirac statt.

Es stellt sich die Frage: Was ist der Grund dafür, dass ein Thema, das fast vierzig Jahre lang unterdrückt worden war, nun auf einmal einen so breiten Raum in der öffentlichen Debatte einnimmt? Warum lässt die jetzige Regierung eine solche Debatte zu, während alle vorherigen sie mit allen Mitteln unterdrückten?

Während die französische Armee früher bei jeder Gelegenheit mit dem Mythos der antifaschistischen Résistance umgeben wurde, scheint die Regierung heute eher dazu zu neigen, sich von ihrer alten Generalsriege zu distanzieren. Grund dafür ist jedoch kein prinzipieller Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine ganz objektive Veränderung: Es ist wohl kein Zufall, dass die offene Debatte mit dem Umbau von einer Wehrpflichtigen- zu einer modernen Berufsarmee einhergeht.

Einer der heutigen prominenten Befürworter der Vergangenheitsbewältigung ist ausgerechnet der Verteidigungsminister Alain Richard. Er betonte vor dem Parlament, die Armee schätze sich glücklich, "dass in diesen Fragen Transparenz geschaffen wird"; und er fügte hinzu, dass "die militärischen Spielregeln heutzutage solche Praktiken ausschließen".

Alain Richard hielt nur drei Monate nach Amtsantritt von Lionel Jospin (SP) als Premierminister, am 18. September 1997, eine programmatische Rede über den Umbau der Armee. Er zeigte den historischen Rahmen der Entscheidung für eine Berufsarmee auf: Sie wurde nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten in Osteuropa, zur Zeit des Golfkriegs 1991 gefasst, das heißt zu einer Zeit, als der NATO-Krieg gegen den Irak den Kampf um eine globale Neuordnung und um die Kontrolle über die wichtigsten Rohstoffe dieser Erde eröffnet hatte. Dazu sagte Richard, die Erfahrungen von 1991 hätten gezeigt, "dass unser traditionelles Militär seiner Aufgabe nicht mehr entspricht. Die Wehrpflichtigen waren nicht ausreichend auf die örtlichen Bedingungen und die Komplexität der modernen Armee vorbereitet. Die komplexe Natur der Armee ... hat uns dazu gebracht, uns für eine Berufsarmee zu entscheiden".

Für Frankreich hatte der Golfkrieg vor allem Kosten und Verluste, aber wenig praktischen Nutzen erbracht. Dafür hatte sich gezeigt, dass die europäischen Teilnehmer wesentlich modernere und flexiblere Kampftruppen brauchten, um mit den USA mitzuhalten. Vor allem Frankreich, das den Status einer Weltmacht ja schon vor langer Zeit eingebüßt hat, kann im Alleingang nicht mehr viel erreichen und ist auf den Aufbau gemeinsamer europäischer Streitkräfte angewiesen. Gegen die Umwandlung der Armee in eine Berufsarmee hat bisher keine einzige der etablierten Parteien irgend einen Einwand vorgebracht.

Auch wenn eine Aufarbeitung der Vergangenheit der französischen Armee für die Bourgeoisie auf den ersten Blick kompromittierend wirkt, so kommt es ihr doch nicht ungelegen. Sie scheint die Gelegenheit zu nutzen, um sich von einer alten Generalität zu distanzieren, die an veralteten Formen der Armee festhalten will, und eine ganze Schicht von konservativen gaullistischen Politikern loszuwerden, die gegen eine Integration in die EU kämpfen und an der Souveränität Frankreichs festhalten wollen.

Wie halbherzig die Wende der Regierung zur Offenheit in Wirklichkeit ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass Lionel Jospin zwar einigen ausgewählten Wissenschaftlern den Zugang zu den Archiven ermöglichte, sich jedoch weigerte, diese für die gesamte Öffentlichkeit aufzumachen: So sollen manche dieser Archive sogar noch bis 2060 geschlossen bleiben.