Buchbesprechung

Vor 68 Jahren brannte der deutsche Reichstag

Von Wilhelm Klein (Gastbeitrag)
13. März 2001

Zweiter Teil

Während der erste Teil der Buchbesprechung (WSWS, 27. Februar 2001) den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 selbst behandelte und sich mit dessen Ursachen, sowie mit der Beweisführung der Autoren bezüglich der Täterschaft der Nationalsozialisten auseinander setzte, widmet sich der folgende zweite Teil vor allem der Entstehung und den Hintergründen der sogenannten Reichstagsbrandkontroverse nach 1945.

Die Entstehung einer Legende

1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war man sich außerhalb Deutschlands sicher, dass die Urheber des Reichstagsbrandes in den Reihen der SA zu suchen seien. Die Behauptung der Nationalsozialisten, wonach die Kommunisten den Brand gelegt hätten, war bereits 1933, u. a. im Rahmen des für die NS-Führung äußerst blamablen Reichstagsbrandprozesses, restlos widerlegt worden.

Spätestens 1949, als der "Kalte Krieg" dazu führte, dass mit der stalinistischen DDR und der kapitalistischen BRD zwei neue, sich feindlich gegenüberstehende deutsche Staaten entstanden, trat dann "eine neue Polarisierung bezüglich der mutmaßlichen Täterschaft auf". (1)

Schließlich bildeten sich zwei gegensätzliche Auffassungen heraus, deren Antipoden sich bis heute im Rahmen der sogenannten Reichstagsbrandkontroverse unversöhnlich gegenüberstehen.

Das renommierte Handbuch zur deutschen Geschichte (Gebhardt) fasste diesen Streit folgendermaßen zusammen: "Bis heute ist umstritten, wer die Hintermänner der Brandstiftung waren. [...] Neuere Untersuchungen schienen die Alleintäterschaft van der Lubbes erhärten zu können. Andere Forscher halten mit guten Argumenten daran fest, dass hinter der Brandstiftung die Nationalsozialisten gestanden hätten." (2)

Wie konnte aber nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der noch jungen BRD die These entstehen, der vom NS-Regime verurteilte und hingerichtete, zu 75 Prozent sehbehinderte Marinus van der Lubbe sei der alleinige Brandstifter gewesen? Bahar und Kugel zeigen im letzten Kapitel ihres Buches auf, wie "Geschichte gemacht wird" und wie mit zum Teil an kriminelle Machenschaften erinnernden Methoden versucht wurde, alle diejenigen mundtot zu machen, die versuchten, der sogenannten "Alleintäterthese" zu widersprechen.

Da war zuerst der 1933 als Gerichtsassessor in Berlin tätige Dr. Hans Bernd Gisevius, der 1946 in seinem in der Schweiz erschienen Bericht Bis zum bitteren Ende die SA der Täterschaft bezichtigte und diese Anklage vor dem Nürnberger Kriegverbrechertribunal wiederholte. Auch der 1946 inhaftierte Rudolf Diels, 1933 erster Chef der Gestapo, bestätigte die Angaben von Gisevius als Zeuge des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals (siehe auch den 1. Teil dieser Besprechung).

Kurz danach begann jedoch Diels, sich mit anderen ehemaligen Gestapo-Beamten abzusprechen, gegen den "Verräter" Gisevius vorzugehen, um von eigenen Verstrickungen in der NS-Zeit abzulenken. Als Ergebnis dieser "Ex-Gestapo-Seilschaft" wurde die "Alleintäterthese" geboren: "...1949 erschien in der Zeitschrift Neue Politik des Schweizer NS-Kollaborateurs Wilhelm Frick als Reaktion auf das Buch und die Nürnberger Aussage von Gisevius eine anonyme Artikelserie ‚Der Reichstagsbrandprozess in anderer Sicht', in der die Alleintäter-Legende publizistisch aus der Taufe gehoben wurde." (3) Der Verfasser dieses Artikels war, wie sich später herausstellte, der ehemalige Gestapo-Referent Heinrich Schnitzler, nach 1945 Ministerialrat in Nordrhein-Westfalen und in der Verwaltung der katholischen Kirche tätig. (4)

Kurze Zeit darauf, im Mai 1949, startete Rudolf Augsteins Spiegel eine neunteilige Artikelserie mit dem Titel: "Die Nacht der langen Messer ... fand nicht statt" . Autor dieser Artikelserie war Ex-Gestapo-Chef Rudolf Diels! Erneut wurden darin Gisevius'Aussagen verunglimpft und die "Alleintäterthese" vertreten, während sich Diels selbst wahrheitswidrig zum Demokraten und Widerstandskämpfer gegen die Nazis stilisierte.

Acht Jahre später jedoch, "im Sommer 1957, packte Diels gegenüber den Journalisten Curt Riess ( Stern) und Friedrich Strindberg ( Weltbild) aus. Die SA habe doch den Reichstag in Brand gesetzt." (5) Stern und Weltbild starteten Anfang November ihre Serien zum Reichstagsbrand, am 18. November 1957 starb Diels unter mysteriösen Umständen bei einem Jagdunfall.

Die Rolle des Spiegel bei der Legendenbildung

Als Reaktion auf die oben erwähnten Artikel in Stern und Weltbild, publizierte Der Spiegel von Oktober 1959 bis Anfang 1960 eine Artikelserie eines bis dahin völlig unbekannten Verfassungsschutzbeamten namens Fritz Tobias, von Augstein verschämt als "Amateurforscher" vorgestellt, in der die Nationalsozialisten von jeder Schuld am Reichstagsbrand freigesprochen wurden. Darin stützte sich Tobias einseitig auf voreingenommene Zeugen, u.a. auf den schon erwähnten Gestapo-Chef Rudolf Diels und dessen ehemalige Mitarbeiter, die später im Dritten Reich Karriere machten und nach dem Krieg im Polizei- und Verwaltungsapparat der Bundesrepublik wieder Verwendung fanden. Wie Bahar und Kugel anhand zahlreicher Beispiele zeigen, enthält Tobias' "Beweisführung" nicht nur etliche Fehler und Ungereimtheiten. Auch vor offenen Text- und Zitatmanipulationen schreckte der Spiegel -Autor zur Untermauerung seiner These nicht zurück.

Bahar und Kugel resümieren: "Die bis dahin auch im Westteil Deutschlands weitverbreitete Überzeugung von der Täterschaft der Nationalsozialisten wurde darin als Ergebnis kommunistischer Propaganda und Legendenbildung (‚Braunbuch-Lügen') dargestellt. Van der Lubbe, so das Fazit der Serie, habe den Reichstag ganz alleine angezündet, die Nazis seien vom Reichstagsbrand völlig überrascht worden und gleichsam durch blinden Zufall und geschicktes Improvisieren an die Macht gekommen. (...) In einem größeren Zusammenhang gesehen, läuft diese Geschichts-Sicht darauf hinaus, dem Nationalsozialismus die Stringenz, den unbändigen, religiös-fanatischen Machtwillen und seinen führenden Protagonisten die langfristige Planung abzusprechen: Der Zweite Weltkrieg und die Judenvernichtung müssten nach dieser revisionistischen Interpretation eher als ‚Unfälle der Geschichte‘ aufgefasst werden, als Wirken eines unabänderlichen Schicksals. Damit werden den Nazi-Verbrechern von einer höheren Warte aus sozusagen ‚mildernde Umstände‘ zugesprochen." (6)

Fritz Tobias, auf den sich fast alle Historiker, die bis heute die Täterschaft der Nationalsozialisten leugnen, berufen (unter ihnen auch der vermeintlich kritische Historiker Prof. Hans Mommsen, bis heute einer der Wortführer der "Alleintäterthese"), hatte weder Abitur noch eine wissenschaftliche Ausbildung und war jahrelang beim niedersächsischen Verfassungsschutz tätig!

Um zu verstehen, warum ausgerechnet Der Spiegel unter seinem Herausgeber Rudolf Augstein (dem übrigens am 13. 5. 2001 der "Ludwig-Börne-Preis" verliehen werden soll!) die Legende der Alleintäterschaft so vehement verbreitete, lohnt sich ein Blick zurück:

So schrieb z. B. die Neue Züricher Zeitung im Dezember 2000 in Bezug auf die Verleihung des Ludwig-Börne Preises an Rudolf Augstein: "Aber entspricht es liberalem Selbstverständnis, dass im Spiegel ehemalige Hauptsturmführer der SS und Mitarbeiter aus Heydrichs gefürchtetem Sicherheitsdienst zum Ressortleiter oder auch zum stellvertretenden Chefredakteur aufsteigen konnten? Oder dass der frühere persönliche Referent von Goebbels, versehen mit einem von Augstein unterschriebenen Presseausweis, als Spiegel -Auslandskorrespondent nach Südamerika geschickt wurde, obgleich er noch immer für seinen alten Dienstherrn, den Reichspropagandaminister schwärmte?" (7)

Der Publizist Otto Köhler bemerkte in seinem in Konkret(Nr.3/2001) erschienenen Artikel, in dem er Augsteins Versuch darstellte, ehemalige SS- und SD-Mitarbeiter für das damals neu zu gründende Bundeskriminalamt zu empfehlen: " [Augstein] ... plädierte dafür, auf die ‚alten Fachleute' zurück(zu)greifen, auch wenn diese mit einem SS-Dienstrang angeglichen worden waren." (8)

Auch Bahar und Kugel lassen keinen Zweifel über die unrühmliche Rolle des Spiegel in der Geschichtsschreibung des Reichstagsbrandes und der "Integration" ehemaliger NS-Täter: "Allerdings war dies keineswegs der einzige Fall, in dem Rudolf Augstein auf ehemalige NS-Experten zurückgriff [...]. Bekannt ist die enge Verbindung zwischen dem Spiegel und dem Bundesnachrichtendienst (BND) von General Reinhard Gehlen, dem früheren Abteilungsleiter ‚Fremde Heere Ost' im Generalstab des Heeres. Das Spiegel -Ressort Ausland übernahm 1952 der ehemalige SS-Hauptsturmführer Georg Wolff [...]. Der ehemalige SS Hauptsturmführer Dr. Horst Mahnke [...] wurde Ressortleiter Internationales/Panorama." (9)

Eine Auseinandersetzung mit dieser seiner Geschichte durch den Spiegel fand nie statt. In seinem Buch über den SD-Propagandisten Alfred Six schrieb der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister 1998, nichts habe der Spiegel so wenig aufgearbeitet wie seine Nachkriegsvergangenheit. Augsteins vehementer Einsatz für die Wiederverwendung alter NS-Kriminalbeamter habe "dazu beigetragen, dass die Strafverfolgung von NS-Tätern weitgehend blockiert wurde, da entscheidende Stellen in der westdeutschen Kripo-Hierarchie tatsächlich mit alten Kameraden bestückt wurden". (10)

Angesichts dessen klingt die Begründung, die FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher anlässlich der bevorstehenden Ludwig-Börne-Preisvergabe gab, beinahe wie Hohn: Augstein habe es mit seinem Magazin der Bundesrepublik ermöglicht, "wieder in ein Gespräch mit sich selbst und der Umwelt einzutreten. Er hat dem Land damit innere Freiheit wiedergegeben." Augstein stehe damit "wie kaum ein anderer Publizist in der aufklärerischen Tradition", die der Schriftsteller und Journalist Ludwig Börne (1786-1837) " in der deutschen Geistesgeschichte begründete". (11)

Der Vergleich Augsteins mit dem revolutionären Demokraten Börne erscheint vor diesem Hintergrund geradezu geschmacklos. Im Gegensatz zu Augstein stand Börne nie auf der Seite der Macht, sondern kämpfte als politischer Journalist gegen Feudalabsolutismus und reaktionären Nationalismus. Börne gilt seit seinem Wirken im 19. Jahrhundert als "Journalist, dem die Kunst des Wortes Mittel im politischen Kampf ist" und als "radikaler Vorkämpfer für die geistige und soziale Freiheit". (12)

Hatte Rudolf Augstein 1959 behauptet: "Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel -Serie nicht mehr gestritten werden" (13), so ging die Reichstagsbrandkontroverse jetzt erst richtig los.

Am 4. März 1960 veröffentlichte die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit einen Artikel von Hans Bernd Gisevius, in dem dieser der Spiegel-Serie vehement entgegentrat. Der renommierte Politologe Prof. Eugen Kogon, u.a. Autor des Buches "Der SS-Staat", widersprach in einem Artikel in den Frankfurter Heften den "Entstellungen und Verdrehungen von Tobias und Augstein". (14)

Ein Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat schrieb im Juli 1960 in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte über Tobias' These: "Der Amateurhistoriker, beispielsweise, der daran ginge, mit exakten Belegen nachzuweisen, dass das Lager Bergen-Belsen [...] gerade kein Konzentrationslager im eigentlichen Sinn gewesen ist [...] und dass die Zehntausende von Toten, die man 1945 in diesem Lager fand, nicht das Resultat bewusster Vernichtungspolitik, sondern des ‚Verwaltungs- und Versorgungschaos' waren, das sich in den letzten Kriegsmonaten ergab, würde vermutlich einen ebenso sensationellen Erfolg haben wie die Spiegel -Veröffentlichung über den Reichstagsbrand. Auch hier ließe sich ‚beweisen', dass die Nationalsozialisten ‚gar nicht so schlimm' gewesen sind." (15)

Schließlich wies der Historiker Hans Schneider in seinem Gutachten über Tobias` inzwischen in Buchform erschienene Thesen für das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) 1962 nach: "Die so entstandene objektive Verfälschung nimmt dabei Ausmaße an, die weder der Laie noch der Fachmann (ob Jurist oder Historiker) für möglich halten würde." (16)

Kurz bevor dieses Gutachten jedoch erscheinen sollte, wurde Hans Schneider der Auftrag dafür wieder entzogen. Auf Schneider wurde soviel Druck, vor allem vom Direktor des IfZ, Dr. Helmut Krausnick, ausgeübt, dass Schneider schließlich resignierte.

Eine entscheidende Rolle in diesem Intrigengewirr spielte der damals noch junge Historiker Dr. Hans Mommsen, Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, wie die Autoren anhand zahlreicher Dokumente nachweisen. (17) An Stelle Schneiders trat nun Mommsen als Gutachter auf. In einem Tobias gefälligen Beitrag für das institutseigene Periodikum, die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, stellte sich Mommsen voll und ganz hinter Tobias, dessen Thesen er nur ein Jahr zuvor in der Stuttgarter Zeitung heftig kritisiert hatte.

In einem Beitrag für die Schweizer Tageszeitung Der Bund kommentierte einer der Autoren (A. Bahar) diese kaum nachvollziehbaren Vorgänge wie folgt:

"Dass hierbei (bei der Ablehnung von Schneiders Gutachten durch das IfZ; W.K.) nicht wissenschaftliche Motive, sondern ganz offenbar politische Interessen den Ausschlag gaben, bestätigt ein Aktenvermerk Mommsens von 1963. Darin bezeichnete Mommsen die Veröffentlichung eines damals bereits vom Institut in Auftrag gegebenen Gutachtens, dessen Autor der Alleintäterthese aufs Schärfste widersprach, als ‚aus allgemeinpolitischen Gründen ... unerwünscht'. Das Veto Mommsens zeitigte Wirkung - das genannte Gutachten wurde nicht veröffentlicht, stattdessen griff Mommsen selbst im Auftrag des Instituts zur Feder, wobei er sich die Tobias-Thesen kritiklos und wider besseres Wissen zu eigen machte - ein skandalöser Vorgang." (18)

Mommsen gilt seither als der Hauptwortführer der "Alleintäterthese" unter den deutschen Historikern.

Ende der 60er Jahre und in den 70er Jahren wurde dann von mehreren Wissenschaftlern im 1968 in Luxemburg gegründeten "Internationalen Komitee für die Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs" der Versuch unternommen, die Alleintäterthese zu widerlegen und die Täterschaft der Nationalsozialisten am Reichstagsbrand zu beweisen. Zu den Mitarbeitern der ersten Stunde gehörten u.a. Eugen Kogon, Golo Mann und Henri Michel.

Als Ergebnis dieser jahrelangen Forschungen erschien schließlich 1972 und 1978 eine zweibändige Dokumentation mit dem Titel "Der Reichstagsbrand".

Diese Dokumentation wurde herausgegeben von den Wissenschaftlern und Historikern Dr. Edouard Calic (seit 1968 Generalsekretär des "Luxemburger Internationalen Komitees), Dr. Christoph Graf (heute Professor und Direktor des schweizerischen Bundesarchivs in Bern), Prof. Dr. Walther Hofer (langjährige Lehrtätigkeit in Bern, Berlin, Madrid, New York und Zürich, ehem. Mitglied des Schweizer Nationalrats) und Prof. Dr. Friedrich Zipfel (Historische Kommission des Landes Berlin).

Wenn auch den vier Wissenschaftlern ein endgültiger Beweis nicht gelungen ist, so stellt diese Dokumentation eine Fülle bis dahin unbekannter Dokumente zum Reichstagsbrand dar und verweist die Tobias-Thesen der Alleintäterschaft eindeutig ins Reich der Legenden. (19)

Dieser endgültige (Indizien)beweis ist erst Alexander Bahar und Wilfried Kugel in ihrem jetzt erschienenen Buch gelungen. Walter Hofer, der seit der Herausgabe der oben genannten Dokumentation in den letzten 29 Jahren immer wieder angegriffen und als Historiker der "Fälschung" bezichtigt wurde (u. a. von Hans Mommsen), sieht sich seit Erscheinen des Buches von Bahar/Kugel rehabilitiert: "Der Berner Historiker Walther Hofer [...] sieht sich durch das neueste Buch bestätigt, glaubt aber nicht, dass der Spiegel, damals sein hauptsächlicher Kontrahent, nun einlenken würde." (20)

Reaktionen der Presse auf das Buch

Die Reaktion der Presse auf das Erscheinen des Buches ist, wie nicht anders zu erwarten, zweigeteilt:

Am 4. 12. 2000 erschien im Focus ein Artikel von Ulrich Völklein, in dem er die akribische Arbeit der Autoren würdigte: "Der Historiker Alexander Bahar (40) sowie der Psychologe und Physiker Wilfried Kugel (51) stießen [...] auf interessante Ungereimtheiten, unterdrücktes Beweismaterial und gewichtige Indizien. Diese legen eine maßgebliche Nazi-Beteiligung am Reichstagsbrand nahe [...] Diese Tatversion kann einen neuen Historikerstreit auslösen." (21)

Die Berliner Morgenpost bemerkt am 10. Januar 2001: " Zu bestätigen ist den Autoren allerdings, dass ihre enorm gründliche Vertiefung in erst neuerdings zugängliche Akten (insgesamt 50.000 Blatt!) das Bild weiter aufhellt. [...] Der Begriff [des Indizienbeweises] gibt ihrer Arbeit einen kriminalistischen Beigeschmack. Nicht zu unrecht." (22)

Die Welt erwähnt das Buch nur kurz in einem Artikel, wo es vor allem um den inzwischen öffentlich ausgebrochenen Streit um die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises durch FAZ -Herausgeber und Preisrichter Frank Schirrmacher an Rudolf Augstein geht: "In jüngster Zeit werden allerdings wieder Zweifel an der Lesart geäußert, das [Nazi-]Regime habe mit dem Reichstagsbrand nichts zu tun gehabt." (23)

Dass Ulrich Völklein im Focus Recht behalten sollte, bestätigte sich am 22. 2. 2001 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort versuchte der Berliner Geschichtsprofessor Henning Köhler in einer geradezu hysterischen Besprechung unter dem bezeichnenden Titel "Bis sich die Balken biegen" die Autoren mit unqualifizierten Fälschungsvorwürfen auf übelste Weise zu diffamieren. Schon am Anfang des Artikels ist die Behauptung zu lesen: "Eine Kontroverse im wissenschaftlichen Sinne hat es im Falle des Reichstagsbrandes nie gegeben" (!) (24). Da darf man schon mal anfragen, welche Lektüre Henning Köhler denn bisher über den Reichstagsbrand gelesen hat?

Die entlarvende Antwort auf diese Frage gibt Köhler selbst: "... als Tobias 1959 zuerst im Spiegel, dann 1962 in Buchform durch Auswertung neuer Quellenbestände den Nachweis führte, dass der Holländer van der Lubbe den Reichstag allein angesteckt hatte." (25) (Unterstreichungen durch W.K.) Köhler, der bereits in der Vergangenheit mit wilden Attacken gegen die Herausgeber der Hofer-Dokumentation hervorgetreten war, stützt sich also auf "neue Quellenbestände" aus den Jahren 1959 und 1962 (!) von keinem geringerem als von Fritz Tobias, dem niedersächsischen Verfassungsschutzbeamten.

Das Buch von Bahar und Kugel hat der Rezensent dagegen bestenfalls überflogen, was die vielen, zum Teil peinlichen Falschangaben und -behauptungen zeigen (noch nicht einmal die angegebenen bibliographischen Daten stimmen!). Den langjährigen Leiter des oben genannten Luxemburger Komitees, Edouard Calic nennt Köhler "zwielichtig", wobei er noch nicht einmal dessen Namen korrekt wiedergibt.

Letztendlich unterstellt er den Autoren pure Fälschung: "Die längst widerlegten Behauptungen und Legenden tauchen wieder auf; die Phantasieprodukte und Fälschungen der ‚Braunbücher' ebenso wie die Klitterungen von Hans Bernd Gisevius..." (26) Warum diese als "Behauptungen", "Legenden", "Phantasieprodukte" und "Klitterungen" apostrophierte Zeugnisse "längst widerlegt" sein sollen, lässt Köhler offen.

Den Gipfel der Infamie erreicht Köhler, indem er, alle Gesetze der Logik missachtend, die Autoren am Schluss seiner Rezension ausgerechnet mit den Leugnern der nationalsozialistischen Judenvernichtung vergleicht: "Die Methode, nach der das Machwerk verfertigt wurde, ähnelt dem der Holocaustleugner; man biegt und dreht und fälscht ein Konstrukt zusammen, von dem man hofft, dass es die von der Schuld der Nazis Überzeugten neu motivieren wird." (27)

Nach der kategorischen Weigerung der FAZ -Redaktion, den attackierten Autoren die Möglichkeit einer Gegendarstellung einzuräumen, wandten sich Bahar und Kugel in einem Brief an die FAZ -Herausgeber. Bezüglich Köhlers Holocaust-Vorwurf heißt es darin treffend:

"Mit dem Vorwurf der Fälschung und dem Vergleich mit dem Straftatbestand des Leugnens des Holocaust versucht Köhler die Autoren in die Nähe von Straftätern zu rücken. Besonders perfide an Köhlers geschmacklosem Holocaust-Vergleich ist, dass das Buch der Autoren ja gerade die Schuld der Nazis an der Reichstagsbrandstiftung nachweist, während die Leugner des Holocaust eine Schuld der Nazis prinzipiell leugnen, und zwar nicht nur am Holocaust."

Köhlers Fazit, der Versuch, die Schuld der Nazis nachzuweisen, sei "kläglich gescheitert", zeigt nur zu deutlich, dass 68 Jahre nach dem Reichstagsbrand immer noch gewisse Kreise panisch reagieren, wenn es um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit geht.

Vielleicht stellt sich ja auch die FAZ so schützend hinter Tobias, Mommsen und Spiegel-Chef Augstein, damit der Verleihung des "Ludwig-Börne-Preises" an Rudolf Augstein am 13. Mai 2001 absolut nichts mehr im Wege steht.

Der "Ludwig-Börne-Preis" sollte Augstein bereits am 5. 11. 2000 verliehen werden. Wegen "Krankheit" sagte Augstein kurz vorher ab. "Weil die Kritik verunsichert habe, wie manche Medien wähnten", vermutete Die Welt.(28) "Manche Medien", darunter die taz, die Woche, Konkret und die Neue Züricher Zeitung, brachten mehrere Artikel, in denen Augstein Antisemitismus vorgeworfen wurde; auch die Tatsache wurde erwähnt, dass im Spiegel nach 1945 ehemalige SS-Offiziere Karriere machten. Ebenso wurde die Rolle des Spiegel bei der Schaffung der "Alleintäter-These" beleuchtet.

Aller Kritik zum Trotz soll nun am 13. Mai 2001 der Preis an Augstein verliehen werden, angeblich soll FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher die Laudatio halten.

Was wohl Ludwig Börne dazu gesagt hätte?

Literaturangaben

(1)A. Bahar und W. Kugel: Der Reichstagsbrand, edition q, Berlin 2001, S.753.
(2) Gebhardt, Handbuch zur deutschen Geschichte, Band 20, K. D. Erdmann: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933-1939, 9. neu bearbeitete Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 1976, 11. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999, S. 81f.
(3) A. Bahar und W. Kugel: Der Reichstagsbrand, edition q, Berlin 2001, S. 758.
(4) ebenda, S.758 und 760.
(5) ebenda, S.762.
(6) ebenda, S.763.
(7) Otto Köhler, Ganze Arbeit, in Konkret Heft 3/2001.
(8) ebenda.
(9) A. Bahar und W. Kugel: Der Reichstagsbrand, edition q, Berlin 2001, S. 765.
(10) Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six, München 1998.
(11) Thomas Schuler: Der Mantel der Milde, Berliner Zeitung, 6. 11. 2000.
(12) Gero von Wilpert, Lexikon der Weltliteratur, Band 1, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, S.186.
(13) Bahar/Kugel, Der Reichstagsbrand, edition q, Berlin 2001, S. 765.
(14) ebenda, S. 785.
(15) Martin Broszat, Zum Streit um den Reichstagsbrand, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte,Jg.8, 1960, S. 278.
(16) Wolfgang Schwarz, Gegen van der Lubbe und seine Komplicen, Süddeutsche Zeitung vom 21./22. 12. 1963.
(17) A. Bahar und W. Kugel: Der Reichstagsbrand, edition q, Berlin 2001, S.796 bis S.800.
(18) Der Bund, Ausgabe Nr. 28, 27. 2. 2001.

Siehe auch:
Vor 68 Jahren brannte der Reichstag - Erster Teil
(27. Februar 2001)

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