Die politische Sackgasse des Labour-Zionismus

Teil 1 - Die Ursprünge und der Klassencharakter des politischen Zionismus

Von Jean Shaoul
10. Mai 2001

Dieser dreiteilige Artikel untersucht den historischen Prozess, der dazu geführt hat, dass die israelische Labour Party eine Koalitionsregierung mit der Likud-Partei unter Ariel Sharon einging und sich an der brutalen Unterdrückung der palästinensischen Intifada beteiligt.

Die Tatsache, dass die Labour Party Kabinettssitze in General Ariel Sharons rechter Koalitionsregierung angenommen hat, Seite an Seite mit dem Likud, Shahs und anderen extrem rechten Gruppierungen, hat einer Regierung Legitimität verliehen, an deren Spitze der Schlächter der Palästinenser steht. 1983 hat eine offizielle israelische Kommission Sharon an dem Massaker an 1000 Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila für schuldig befunden und ihn für untauglich für ein Ministeramt erklärt.

Die Entscheidung der Labour Party, sich mit Sharon zusammenzutun, bedeutet, dass sie in Bausch und Bogen ihre Differenzen verwirft, die sie angeblich mit Likud in Bezug auf Israels Beziehungen zu den Palästinensern und ihren arabischen Nachbarn hat. Die Labour Party bleibt formal an einen Verhandlungsfrieden mit den Palästinensern gebunden, was eine Rückgabe des größten Teils, jedoch nicht der gesamten im Juni-Krieg 1967 besetzten Gebiete beinhaltet. Jeder weiß jedoch, dass Sharon eine solche Perspektive völlig ablehnt. Praktisch hat sie sich deshalb zum Hauptverteidiger von Scharons "Friedens"-Konzept gemacht - der völligen Unterwerfung der Palästinenser und möglicherweise sogar einem Krieg mit Israels arabischen Nachbarn.

Eine Partei, die sich früher einmal der Sozialdemokratie angeschlossen hat, tat sich mit einem extremen Verfechter des rechten Konservativismus zusammen, um in Israel und den besetzten Gebieten die Ghettos, die Unterdrückung und den Bürgerkrieg wieder aufleben zu lassen, vor dem frühere Generationen von Juden geflohen sind. Um den historischen Zusammenhang zwischen Labours Ablehnung des "Friedensprozesses" - der während des letzten Jahrzehnts ihr Kennzeichen war - und ihrem politischen Programm zu verstehen, ist es notwendig, sich die politischen Perspektiven der Labour Party und ihre Rolle bei der Entwicklung des Zionismus und des Staates Israel genauer anzusehen. Eine solche historische Analyse enthält viele wichtige Lehren für die Arbeiter nicht nur in Israel und Palästina, sondern überall auf der Welt.

Die Ursprünge und der Klassencharakter des politischen Zionismus

Der Zionismus war nur eine von mehreren Reaktionen auf eine sich verschärfende soziale Krise und um sich greifenden Antisemitismus. Von Anfang an basierte die zionistische Idee auf einer ausdrücklichen Ablehnung des Kampfs gegen den Antisemitismus und für eine sozialistische Perspektive. Er stützte sich statt dessen in gefährlicher Weise auf die rückständigsten kleinbürgerlichen Schichten. Letztlich bestimmte dieser Umstand die weitere Entwicklung sämtlicher verschiedener politischer Strömungen, die sich den Zionismus zu eigen gemacht haben.

Die zionistische Ideologie entstand nicht in Palästina, sondern in den Salons Zentral- und Ost-Europas in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Das war eine Zeit äußerster bürgerlicher Reaktion, des Militarismus, Imperialismus, Klerikalismus und des um sich greifenden Antisemitismus. Die fortschrittliche Epoche, in der sich die Nationalstaaten in Europa herausgebildet hatten, die die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte legte und beherrscht war von den demokratischen Prinzipien der Aufklärung, war schon lange vorbei. Die wichtigsten europäischen Bourgeoisien waren zu imperialistischen Mächten geworden, die ihre kolonialen Besitztümer brutal ausbeuteten und häufig demokratische Rechte zu Hause unterdrückten. Der Zionismus bezog seine Inspirationen aus einer zweiten Welle nationalistischer Bewegungen innerhalb Europas, die im weniger entwickelten Osten entstand, wo feudale Beziehungen kombiniert mit der Vorherrschaft der Großmächte den demokratischen und sozialen Fortschritt gehemmt hatten. Die Zionisten waren besonders angetan von Bismarcks Deutschland und von seinem Plan, eine Nation durch die Vereinigung des deutschen Volks durch "Blut und Eisen" zu formen.

Zu dieser Zeit waren die Klassengegensätze und die Konflikte zwischen den europäischen Mächten schon zu scharf geworden, als dass sich die Bourgeoisie als die Wächterin der kollektiven demokratischen Interessen des Volks hätte präsentieren können. Die Folge war, dass die nationale Identität in wachsendem Maße als Partikularismus verstanden wurde, statt in den universalen Konzeptionen des Bürgertums, die in der französischen Revolution eine so wichtige Rolle gespielt hatten.

Die Zionisten widerspiegelten diese Art von ausschließendem Nationalismus, vermischt mit einer unreflektierten Reaktion auf Rassismus und Antisemitismus, den die europäischen Herrscher hochpeitschten, und machten dies zur Grundlage ihres eigenen Programms.

Über Jahre hinweg waren jüdische Arbeiter und Bauern in Russland und Polen mit bösartigen Pogromen konfrontiert. Aber Antisemitismus blühte nicht nur in den rückständigeren Ländern auf, die sich gerade erst vom Feudalismus wegentwickelten, sondern erhob sein hässliches Haupt auch in Frankreich. Der Dreyfus-Prozess von 1894 war eine Krise für die jüdische Intelligenz, die ihre Hoffnungen darauf gesetzt hatte, in die französische bürgerliche Gesellschaft aufgenommen zu werden. Der Armeeoffizier Dreyfus wurde das Opfer einer antisemitischen Hexenjagd und eines Prozesses, in dem er angeklagt und für schuldig befunden wurde, militärische Geheimnisse an Deutschland verraten zu haben.

In dieser Zeit des um sich greifenden Antisemitismus bildeten sich zwei politische Tendenzen heraus. In der Arbeiterklasse gab es die Entwicklung einer mächtigen sozialistischen Bewegung, die verstand, dass der Antisemitismus das Produkt des verfaulenden Kapitalismus war und darauf abzielte, die Arbeiterklasse zu spalten. Die Sozialisten kämpften gegen den Antisemitismus auf der Grundlage der Verteidigung demokratischer Rechte und der Vereinigung der Arbeiter in einem gemeinsamen Kampf gegen das Profitsystem. Aber die reaktionäre Wende der kapitalistischen Ideologie brachte eine nationalistische Bewegung hervor. Der Zionismus entwickelte sich aus der Verzweiflung des jüdischen Kleinbürgertums. Theodor Herzl (1860-1904), der Gründer des politischen Zionismus, war ein erfolgreicher österreichischer Bühnenschriftsteller und Journalist und ein Bewunderer des britischen Erzimperialisten Cecil Rhodes und der preußischen Junker.

Die Dreyfus-Affäre hinterließ einen großen Eindruck bei Herzl, der 1895 als Zeuge miterlebte, wie der Pariser Mob brüllend den Tod des Offiziers verlangte. Während Sozialisten und Liberale wie Emil Zola eine internationale Kampagne in Gang setzten, die letzten Endes erfolgreich Dreyfus' Entlassung und Freispruch bewirkte, benutzte Herzl kein einziges Mal seine Position als Journalist, um Unterstützung für Dreyfus zu mobilisieren. Er verwarf in der Tat jede Möglichkeit, gegen die Verfolgung der Juden zu kämpfen. Der Prozess überzeugte ihn davon, dass die einzige Lösung für das Problem des Antisemitismus die Wiederansiedlung der Juden in ihrem eigenen Staat sei, wodurch er einer nationalen ausschließenden Ideologie mit einer anderen entgegentrat.

Herzls Buch Der Jüdische Staat,1896 veröffentlicht, war der Beginn des politischen Zionismus; Herzl gründete und führte die Zionistische Weltorganisation, die 1897 als Instrument für die Schaffung eines jüdischen Staats ins Leben gerufen wurde. Ursprünglich diskutierte er über die Möglichkeit, ihn in Uganda, damals unter britischer Herrschaft, zu errichten. Erst später erwog Herzl, den jüdischen Staat in Palästina aufzubauen.

Für den politischen Zionismus war das "jüdische Problem", wie es damals allgemein genannt wurde, nicht das Ergebnis von Klassenwidersprüchen des Kapitalismus, sondern das Fehlen eines nationalen jüdischen Vaterlands. Die zionistischen Ansprüche auf Palästina und auf staatliche Souveränität wurden damit gerechtfertigt, dass die Juden vor 2000 Jahren aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Die sozialistische Bewegung, zu der viele jüdische Intellektuelle und Arbeiter gehörten, bekämpfte den Zionismus energisch als reaktionäre Utopie. Die Vorstellung von einem souveränen jüdischen Staat hatte in Wirklichkeit keine große Anziehungskraft für die Masse der Juden, deren wichtigste Hoffnungen zu dieser Zeit nicht die "Rückkehr" nach Palästina, sondern auf Emanzipation und grundlegende demokratische Rechte gerichtet waren.

Viele stimmten mit den Füßen ab. Zwischen 1882 und 1914 flohen mehr als 2,4 Millionen Juden vor der Verfolgung, dem sozialen Elend und den wirtschaftlichen Nöten Osteuropas: 85 Prozent gingen in die Vereinigten Staaten und weitere 12 Prozent in andere westliche Länder. Weniger als 3 Prozent gingen nach Palästina und viele von ihnen zogen bald wieder weiter.

Erst als die Situation nach dem ersten Weltkrieg in Europa wirklich verzweifelt wurde, begann eine bedeutendere Zahl Juden nach Palästina auszuwandern, speziell nach 1922, als die USA Einwanderungsgesetze verabschiedeten, die jüdischen Emigranten die Einreise verboten. Unmittelbar nach dem Krieg gab es eine Einwanderungswelle nach Palästina; der erste massive Zustrom von Flüchtlingen kam zwischen 1923 und 1926 aus Polen und dann zwischen 1933 und 1936 aus Deutschland und Osteuropa, als die Juden versuchten der Nazi-Verfolgung zu entkommen.

Ideologisch war der Zionismus von Anbeginn das Anliegen einer Minderheit, die das "jüdische Problem" nicht darin sah, die physische Existenz, wirtschaftliche Sicherheit und die gesellschaftlichen wie politischen Rechte der Juden zu erkämpfen, sondern es als Rechtfertigung für die Eigenstaatlichkeit benutzte. Das ist der Grund, warum sie nicht in der Lage war, irgendeine politische Aktion auf die Beine zu stellen - weder im Kampf gegen den Faschismus noch gegen die Verfolgung der Juden und die Weigerung der demokratischen Staaten, in den 30er Jahren den Juden die Grenzen zu öffnen.

Zu dieser Zeit gab es nur eine kleine jüdische Minderheit im biblischen Land Palästina, das damals eine überwiegend ländliche Provinz des osmanischen Reichs war und von Damaskus, Sidon oder anderswoher regiert wurde. Diese Juden hatten nicht die geringste Absicht, einen souveränen jüdischen Staat zu gründen. In Wirklichkeit waren die Juden mit osmanischen Beschränkungen in Bezug auf Einwanderung und Landerwerb und mit einer wachsenden Opposition gegen die jüdische Expansion von Seiten der mehrheitlich arabischen Bevölkerung konfrontiert. Deshalb blieb das zionistische Projekt immer von der Unterstützung der Großmächte abhängig.

Herzl versuchte die Unterstützung des deutschen Kaisers zu gewinnen. Er versuchte auch Beistand von Lord Balfour zu behalten - der damals das Einwanderungsverhinderungsgesetz (Aliens Exclusion Bill) vorlegte, welches darauf abzielte, die jüdische Zuwanderung nach Großbritannien zu stoppen - und vom zaristischen Minister Plevhe, der das Pogrom von 1903 organisiert hatte. Herzl verkaufte der europäischen Bourgeoisie den Zionismus auf der Grundlage, dass sein geplanter jüdischer Staat in Palästina "eine Bastion Europas gegen Asien, ein Außenposten der Zivilisation gegen die Barbarei" sein und die jüdische Jugend vom Sozialismus und den revolutionären Parteien abhalten würde. Chaim Weizman (1874-1952), der in Russland geborene Wissenschaftler, der damals in Großbritannien arbeitete und später der erste Präsident Israels werden sollte, benutzte in seinen Verhandlungen mit dem britischen Imperialismus dieselben Argumente; diese Verhandlungen gipfelten in der Balfour-Erklärung von 1917, die den zionistischen Anspruch auf eine jüdische Heimat in Palästina weitgehend akzeptierte.

Der Mythos vom "Land ohne Volk"

Die zentrale Prämisse des Zionismus war, dass die Juden überall auf der Welt eine einzige Nation bildeten, mit dem bleibenden und exklusiven Recht das palästinensische Land zu besiedeln. Das war in dem Schlagwort vom "Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" verkörpert. Palästina war jedoch kein unbewohntes Gebiet. Ein zionistischer Staat in Palästina konnte nur auf Kosten der vorhandenen Bevölkerung errichtet werden. Schon das Konzept für den zionistischen Staat basierte auf völlig undemokratischen Prinzipien: die Rechte der Nicht-Juden, die dort schon lebten, zu missachten.

Die Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen tauchte schon sehr früh auf. Als dem Schriftsteller Max Nordau, einem von Herzls Anhängern, klar wurde, dass Palästina kein unbewohntes Land war, erklärte er: "Dann begehen wir ja eine Ungerechtigkeit." Darauf gab es zwei Antworten. Eine Gruppe, die "praktischen" Zionisten, sahen ihre Mission im wesentlichen als Siedler, bis eine jüdische Mehrheit erreicht sein würde, und ordneten die politischen Fragen den praktischen unter. Im wesentlichen ignorierten sie die Anwesenheit einer arabischen Mehrheit oder spielten ihre Bedeutung herunter, so wie die kolonialen Siedler es in Afrika getan hatten.

Die andere Gruppe, die kleine Minderheit "politischer" Zionisten, angeführt von dem Journalisten und Schriftsteller Wladimir Jabotinsky (1880-1940) nahmen den entgegengesetzten Standpunkt ein. Jabotinsky, der später die Revisionistische Partei, den Vorläufer des Likud, gründete, argumentierte, es sei unumgänglich "Palästina politisch in Besitz zu nehmen", wenn die Juden die Mehrheit wollten, weil weder die Türken, die damals über Palästina herrschten, noch die Araber, die dort lebten, bereitwillig ein jüdisches Heimatland akzeptieren würden.

Yusuf al-Khalid, ein bekannter Araber aus Jerusalem, der der misslichen Lage der Juden Mitgefühl entgegenbrachte, schrieb an den Ober-Rabbi von Frankreich und betonte nachdrücklich, dass es nur mit Gewalt möglich sei, umfangreiche jüdische Siedlungen und letztendlich die jüdische Souveränität über Palästina zu erreichen. Die örtliche Bevölkerung würde solchen Plänen starken Widerstand entgegensetzen. Er beschwor die Zionisten, einen anderen Platz für einen jüdischen Staat zu finden. Aber selbst als Herzl al-Khalid versicherte, der Zionismus habe nur friedliche und wohlwollende Absichten, und er würde dem Land Wohlstand bringen, organisierte er gleichzeitig diplomatische Manöver, um die Unterstützung der Großmächte für die Ziele des Zionismus zu gewinnen.

Durch die Einwanderung begannen die kleinen, schon seit langer Zeit bestehenden jüdischen Gemeinden in Palästina im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts anzuwachsen. Die politische Zusammensetzung der Einwanderer war keineswegs homogen. Die meisten Zionisten waren sich einig, dass die verzweifelte Lage der Juden auf einen Mangel an politischer Macht zurückzuführen sei, die ihre Ursache in ihrer Diaspora und dem Fehlen eines eigenen Staats hatte, was nur die Eigenstaatlichkeit beheben konnte. Aber es gab kaum Einverständnis über die Mittel, mit denen ein solcher Staat aufgebaut werden sollte, und welchen politischen und sozialen Charakter er haben sollte.

Einige der Einwanderer waren Nationalisten und bösartige Antisozialisten, die später die politischen Parteien und Fraktionen gründeten, deren Erbe Likud ist, und die zum Teil Faschisten wurden. Viele von denjenigen, die in Folge der russischen Revolution von 1905 kamen, betrachteten sich selbst als Sozialisten, die dem Klassenkampf verpflichtet waren. Einige waren im Bund, die Allgemeine Jüdische Arbeitergewerkschaft, aktiv gewesen. Trotz seiner antizionistischen Haltung hatte der Bund gefährliche Konzessionen an den bürgerlichen Nationalismus gemacht. In Palästina gingen sie sogar noch einen Schritt weiter und versuchten, den Sozialismus mit dem Zionismus in Einklang zu bringen.

Das nationalistische Projekt und der Kampf für die "hebräische Arbeiterschaft", den die Labour-Zionisten sich zu eigen gemacht hatten - das heißt ausschließlich jüdische Beschäftigte - verhinderte jegliche proletarische Einheit mit den arabischen Massen, die eine Billiglohn-Konkurrenz für die wenigen vorhanden Arbeitsplätze darstellten. Die rückständige Wirtschaft in dieser osmanischen Provinz bot wenig Anziehungskraft für jüdisches oder nichtjüdisches Kapital. Das bewohnbare und produktive Land war zu teuer für den einzelnen Arbeiter, um sich dort niederzulassen. Tatsächlich war der Überlebenskampf so hart, dass viele der neu angekommen Einwanderer das Land sehr schnell wieder verließen.

Genau an diesem Punkt erhielt das ums Überleben kämpfende zionistische Projekt Hilfe von unerwarteter Seite: dem britischen Imperialismus.

Die Balfour-Erklärung

Als die Türkei auf der Seite Österreichs und Deutschlands in den ersten Weltkrieg eintrat, orientierten sich alle "praktischen" Zionisten mit Ausnahme von Chaim Weizmann entweder am türkischen Sultan oder am Kaiser (da sie weniger antisemitisch waren als der Zar) oder nahmen eine neutrale Haltung ein. Jabotinsky jedoch war klar, dass das osmanische Reich zerstückelt werden würde, sollten die Briten den Sieg erringen; deshalb sollten die Juden sich mit Großbritannien und Frankreich verbünden und sich an der militärischen Aktion zur Besetzung Palästinas beteiligen. Praktisch kämpfte er allein und auf eigene Faust und gewann das britische Einverständnis, drei jüdische Bataillone aufzustellen, die zusammen die Jüdische Legion darstellten, in der er als Leutnant diente. Die Jüdische Legion kämpfte mit General Allenby 1918 in der Schlacht um Palästina.

In diesem Zusammenhang veröffentlichten die Briten, die die Absicht hatten, ihren Kriegsverbündeten Frankreich und Russland zuvorzukommen und das osmanische Reich zu übernehmen, 1917 die bewusst verschwommen gehaltene Balfour-Erklärung, die mit Sympathie die Errichtung eines jüdischen Vaterlands in Palästina betrachtete. Die britischen imperialistischen Staatsmänner waren bereit, den Zionismus gegen den Widerstand ihrer jüdischen Kabinettskollegen zu unterstützen, weil er ihnen einen Deckmantel für ihre schmutzigen Machenschaften im Nahen Osten und anderswo lieferte.

Gleichzeitig ermutigten sie, doppelzüngig wie immer, die arabischen Untertanen des osmanischen Reichs zur Revolte (unter Sharif Hussein und Lawrence von Arabien), und versprachen ihnen, ihre Unabhängigkeit zu unterstützen.

Winston Churchill, der damalige Kriegsminister in Lloyd Georges Regierung, unterstützte den Zionismus als Gegenmittel gegen den Bolschewismus. "Der Kampf, der jetzt zwischen den zionistischen und bolschewistischen Juden beginnt, ist nichts anderes als der Kampf um die Seele des jüdischen Volks", erklärte er. Churchill rief zur umfassenden Unterstützung des Zionismus auf und erklärte, ein von den Briten beschützter zionistischer Staat in Palästina "sei von jedem Standpunkt aus vorteilhaft und befinde sich speziell in Einklang mit den wahren Interessen des britischen Empires".

In Russland hatte die von den Bolschewiki angeführte Revolution von 1917 große Unterstützung unter den jüdischen Arbeitern gewonnen. Churchills Verbündete in den Weißen Garden schlachteten alle Juden ab, derer sie habhaft wurden. Die zionistischen Führer in Russland unterstützten das rechte Petlyura-Regime (ukrainische Nationalisten), das zum größten Teil für das Blutbad an 60 000 Juden in der Ukraine verantwortlich war. Das bedeutete, dass jüdische Jugendliche, die ihre Gemeinden schützen wollten, sich an die Rote Armee wenden mussten, egal, was vorher ihre politische Zugehörigkeit war. Die junge Sowjetunion gewann ehemalige Anhänger des Jüdischen Bundes, der Poale Zion und anderer "sozialistisch-zionistischer" Gruppen auf ihre Seite. Die Bolschewiki machten mehr als 600 rechtliche Einschränkungen, die für Juden gegolten hatten, rückgängig, und der unter dem Zar geltende vogelfreie Status der Zionisten wurde beendet. Auf diese Weise wurde der Zionismus in der Sowjetunion entkräftet, und es waren Jahrzehnte von Stalinismus und dem vom Stalinismus angestacheltem Antisemitismus notwendig, um ein Wiedererwachen möglich zu machen.

Somit hatte sich der Zionismus mit denjenigen verbündet, die den Antisemitismus unterstützten und ermutigten, nicht mit denjenigen, die versuchten, ihm ein Ende zu bereiten. Ohne die, wenngleich schwankende, Unterstützung der britischen Kolonialherren bis in die späten 30er Jahre hinein und bis zum Herannahen des Kriegs - als der britische Imperialismus entschied, dass seine Interessen nicht auf Seiten der Zionisten, sondern auf Seiten der Araber liege - hätten die Zionisten ihre Position gegen eine immer feindlicher werdende arabische Mehrheit nicht aufbauen können.

Die Rolle des Labour-Zionismus

Das Abkommen von San Remo 1920 erkannte die Besetzung Palästinas durch die Briten an, und 1922 gab der Völkerbund Großbritannien das Mandat über Palästina. Das Mandat schloss die Balfour-Erklärung ein und verpflichtete Großbritannien, die jüdische Einwanderung zu erleichtern und jüdische Siedlungen in Palästina zu ermutigen. Während es auch forderte, die Rechte der übrigen Teile der Bevölkerung nicht zu beschneiden, war die deutliche Ausrichtung des Mandats die Durchsetzung des zionistischen Programms. Das war keine Überraschung, denn Herzls Zionistische Weltorganisation hatte den ursprünglichen Entwurf vorbereitet. Der Völkerbund entschied jedoch, dass Palästina, und damit das jüdische Vaterland, Transjordanien (das jetzige Jordanien) nicht einschließen sollte.

Die zentrale Aufgabe für die Zionisten war, unter der britischen Administration die Bedingungen für einen überlebensfähigen jüdischen Staat vorzubereiten. Das bedeutete die jüdische Einwanderung sicherzustellen und, wie die Erfahrung des vorangegangenen Jahrzehnts gezeigt hatte, die wirtschaftlichen Bedingungen zu schaffen, dass die Einwanderer auch dablieben. Die Labour-Zionisten sollten dabei eine entscheidende Rolle spielen.

1920 gründeten die wichtigsten zionistischen Arbeiterorganisationen die Histadrut, den Allgemeinen Labour-Dachverband, unter der Führung von David Ben Gurion (1886-1973), der der erste israelische Premierminister wurde. Das legte die Basis für die spätere Mapai-Partei und dann die Labour Party. Ihren Führern war klar, dass, wenn das zionistische Projekt überleben sollte, dann nicht der Klassenkampf, sondern der Aufbau einer jüdischen Gesellschaft auf der Grundlage von Nation oder Heimat Vorrang hatte. Die Arbeiterorganisationen mussten der Aufgabe untergeordnet werden, ein zionistisches Vaterland in Palästina zu schaffen.

Die palästinensischen Arbeiter und Bauern waren ein Hindernis bei der Verwirklichung dieses Ziels. Mehr als 80 Prozent der Palästinenser lebte in Dörfern und bestellte den Boden der im Ausland lebenden Grundbesitzer. Die Histadrut musste sie los werden, eine jüdische Arbeiterklasse schaffen, Industrien und Produktionszweige aufbauen und die Gelder aufbringen, die das private Kapital nicht beisteuern konnte oder wollte. Sie kaufte Land, Fabriken, Bauernhöfe, Banken, Wohlfahrtsorganisationen, soziale und medizinische Versicherungssysteme und Kooperativen - genau die Einrichtungen, die heute privatisiert werden. Mit anderen Worten, die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung übernahmen die Aufgaben, die normalerweise der Bourgeoisie zufallen: die wirtschaftliche, soziale und politische Infrastruktur für den zukünftigen Staat und die Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschaft zu schaffen.

Zwei zusammenhängende Eigenschaften zeichneten die Histadrut und die Labour-Zionisten seit ihrer Gründung aus. Erstens ihr ausschließender Charakter und ihr wirtschaftlicher Separatismus in Bezug auf die Palästinenser. Zweitens die korporatistische Rolle der Histadrut. Sie trat sowohl als Arbeitgeber als auch als Gewerkschaft auf, um den Klassenkampf im Interesse des jüdischen Kapitals zu unterdrücken. Nach stockendem Beginn wurde die Histadrut Israels größter Arbeitgeber, der ganze Sektoren der Wirtschaft kontrollierte. Sie besaß die größten industriellen Unternehmen und Banken und errichtete die Kibbutzim, die kollektiven Bauernbetriebe auf dem Land, das sie den Arabern abgekauft hatten. Während ein Teil des Kapitals, das für den Aufbau dieser Unternehmen nötig war, aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung kam, steuerte einen großen Teil die Zionistische Weltorganisation bei.

Nicht nur die Mitgliedschaft in der Histadrut war Juden vorbehalten; die Histadrut trat auch gegen die Beschäftigung von palästinensischen Arbeitern sowohl in ihren eigenen als auch in anderen jüdischen Unternehmen auf. Sie verkündete ihren wirtschaftlichen und sozialen Separatismus laut und deutlich. Das hatte zur Folge, dass die arabischen Arbeiter und Bauern arbeitslos wurden und der Weg für die ständig wachsende Feindschaft zwischen Arabern und Juden geebnet wurde.

Die Zionisten nahmen ihre Aufgabe in Angriff, das einfache palästinensische Volk, Arbeiter und Bauern, mit dem doppelten Schlachtruf von der "Eroberung der Arbeit" und der "Eroberung des Lands" zu vertreiben. Die im Ausland lebenden Großgrundbesitzer waren nur zu glücklich, Profite zu machen, indem sie ihr Land an die Zionisten verkauften. Diese Vorgänge und die umfassende wirtschaftliche Krise und Depression, die Palästina 1927 erfasste, führten zum arabischen Aufstand von 1929.

Die Königliche Kommission, die die Briten nach der Unterdrückung der Revolte einsetzten, fand, dass die Unruhe von der "landlosen und unzufriedenen Klasse" von Palästinensern und Arabern ausgegangen sei, die das Ergebnis der zionistischen Expansion sei. Sie setzte sich nachdrücklich für ein Ende der jüdischen Einwanderung ein und verurteilte die Massenvertreibung arabischer Bauern. Eine zweite Königliche Kommission warnte, dass "der anhaltende und bewusste Boykott arabischer Arbeiter in den Kolonien nicht nur dem Mandat widerspreche, sondern zusätzlich eine ständige und wachsende Quelle von Gefahr für das Land darstellt".

1927 kamen die Histadrut und verschiedene andere zionistische Arbeiterparteien zusammen, um die Mapai-Partei zu gründen, wieder unter der Führung von Ben Gurion. Es entwickelte sich eine langwierige Debatte über die Frage, ob sich die Mapai-Partei der reformistischen Zweiten Internationale anschließen sollte. Viele Zionisten argumentierten, ihre Rolle sei nicht, sich im Klassenkampf zu engagieren, sondern in dem Kampf für die jüdische Arbeiterschaft. Die pragmatischen Argumente des Mapai-Führers Ben Gurion setzten sich durch: Die zionistischen Arbeiterorganisationen sollten sich als Stimme des Zionismus internationalen Organisationen anschließen und damit wertvolle Verbündete für ihre Sache gewinnen.

Eine weitere linke Partei, die Mapam, die sich später Mapai/Labour anschloss, war nicht weniger spalterisch. Sie entlieh Sätze aus dem Marxismus, um ihr reaktionäres nationalistisches Programm zu verstecken, das auch ethnischen Separatismus enthielt. Sie leugnete, dass die Arbeiterklasse eine revolutionäre Klasse ist, und sah in der Entwicklung der Massenproduktion eine "Schwächung der Bindung der nationalen Minderheiten an ihre Mutterkulturen. Wenn eine Minderheit unter diesen Bedingungen ihre nationale Integrität bewahren will, dann muss sie in ihre Heimat zurückkehren." Und weiter: "Die Konzentration der Produktion... könnte der Mehrheit beim Kampf um die Arbeitsplätze Vorteile einräumen." Weit entfernt davon, die Arbeiterklasse zu vereinen, akzeptierte Mapam die Spaltungen, die der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze hervorbringt. Dies wurde in späteren Jahren zu einem bewussten Instrument der linken Parteien: die unterschiedliche Behandlung von Juden verschiedener Herkunft und von israelischen Juden und israelischen Palästinensern.

Während der größte Teil der Zionistischen Weltorganisation ursprünglich den Labour-Zionisten feindlich gegenüberstand, lernte er schließlich ihre Rolle schätzen, die darin bestand, die Einwanderung zu fördern und die Arbeiter im Dienst der jüdischen Bourgeoisie zu mobilisieren. Gleichzeitig näherten sich die Labour-Zionisten, da sie die Gelder benötigten, die die Zionistische Weltorganisation kontrollierte, immer mehr der offiziellen zionistischen Führung an.

1936 wurde die entscheidende Rolle der Labour-Zionisten anerkannt, als Ben Gurion die Führung der Histadrut und der Mapai aufgab und Führer der Jüdischen Behörde wurde. Das Mandat der Vereinten Nationen, das den Briten anvertraut worden war, hatte die Errichtung einer Jüdischen Behörde vorgesehen - eine "Fast-Regierung" der Juden in Palästina -, eine Vertretung des jüdischen Volks, die die britische Verwaltung beraten und mit ihr zusammenarbeiten sollte. Ben Gurion bekleidete dieses Amt bis 1948, als der Staat Israel ausgerufen wurde und er sein erster Premierminister wurde. Da die Jüdische Behörde in der Praxis unter der Kontrolle der Zionistischen Weltorganisation stand, wurde Mapai/Labour von 1936 gleichbedeutend mit der offiziellen zionistischen Führung.

Die Labour-Zionisten übernahmen in einem entscheidenden Moment die Kontrolle in der Jüdischen Behörde. 1936 hatte die jüdische Bevölkerung in Palästina als Folge der Nazi-Verfolgungen 400 000 Einwohner oder 30 Prozent der Gesamtbevölkerung erreicht, und die Jüdische Behörde konnte die Gründung eines Staats ins Auge fassen und, falls notwendig, sich von der britischen Oberaufsicht befreien.

Zu dieser Zeit war den Labour-Zionisten klar geworden, dass nur durch einen Kampf gegen das palästinensische Volk ein jüdischer Staat errichtet werden konnte. Sie verabschiedeten sich von ihrer früheren sozialistischen Rhetorik und ihren eher beschränkten Bemühungen, arabische Arbeiter zu organisieren, und begannen sie aus ihren traditionellen Saisonarbeitsplätzen in den jüdischen Orangenhainen zu vertreiben.

Die Histadrut und die Mapai/Labour-Partei kennzeichnete ein Desinteresse an internationalen Entwicklungen, wenn sie die Juden nicht betrafen. Trotz ihrer führenden Rolle in der Zionistischen Weltorganisation, riefen sie nie zu irgendwelchen Aktionen zur Verteidigung der europäischen Juden auf. Sie unterdrückten die innerparteiliche Demokratie, Parteitage, auf denen die Mitgliedschaft ihre Meinung äußern und die Politik diskutieren konnte, wurden sehr selten abgehalten.

Die Histadrut war für eine immer größer werdende soziale Polarisierung verantwortlich. Die Kluft zwischen den Löhnen ungelernter jüdischer Arbeiter, die mit den Arabern um Arbeitsplätze konkurrierten, und den Löhnen von Facharbeitern war viel größer als in anderen Ländern. Die Histadrut-Führung rekrutierte sich aus einer kleinen, sich selbst erhaltenden Clique, die einen viel höheren Lebensstandard genoss als gewöhnliche Arbeiter. Die Folge war, dass sich gegen Ende der 30er Jahre sozialer Protest gegen die Histadrut richtete.

Die spalterische Politik der Labour-Zionisten stieß auch auf Widerstand. Der Einfluss der Revolution in Russland 1917 gab den Anstoß dafür, dass eine Reihe von palästinensischen Juden 1921 die Palästinensische Kommunistische Partei (PCP) gründeten. Die PCP war jedoch ständig zwischen Juden, die die Mehrheit bildeten, und Arabern zerrissen und ging durch mehrere Spaltungen. Der Grund dafür lag darin, dass die stalinistische Bürokratie in Moskau die PCP im Interesse ihrer eigenen außenpolitischen Bedürfnisse benutzte. Die prinzipienlosen Zickzacks der Kreml-Bürokratie, ihre Unterordnung der verschiedenen kommunistischen Parteien unter den bürgerlichen Nationalismus, die Teilnahme an den Volksfront-Allianzen mit kapitalistischen Parteien, der Hitler-Stalin-Pakt und später die Auflösung der Dritten Internationale hatten einen katastrophalen Einfluss auf die PCP und führte zur Desorientierung und zu Spaltungen auf nationalistischer Grundlage. Eine ganze Reihe von desillusionierten Mitgliedern verließen Palästina, darunter Leopold Trepper von der Roten Kapelle (die wichtigste antifaschistische Geheimdienstorganisation während des Zweiten Weltkriegs), und die Eltern von Abram Leon, dem Autor des Buchs "Die jüdische Frage: Eine marxistische Interpretation".

Die Geschichte zeigt, dass die Labour-Zionisten trotz ihres Ursprungs nicht von der internationale Solidarität der Arbeiterklasse beseelt waren. Soweit sie noch an sozialistischer Phraseologie festhielten, diente dies einfach dazu, ihrem nationalistischen Programm einen akzeptableren Anschein zu geben.

Teil 2 - Die Annäherung zwischen den Labour-Zionisten und dem revisionistischen Zionismus

Teil 3 - Der Sechs-Tage-Krieg" vom Juni 1967 - ein Wendepunkt in der Entwicklung Israels

Bibliographie

Zionism in the Age of Dictators Lenni Brenner, Lawrence Hill & Co, ISBN 0882081632

The Making of the Arab Israeli Conflict 1947-51 Ilan Pappe, I B Tauris & Co Ltd, ISBN 1850438196

The founding myths of Israel Ze'ev Sternhell, Princeton University Press, ISBN 0691009678

The Jewish Question: A Marxist Interpretation Abram Leon, Pathfinder Press, ISBN 0873481348