Bizarrer Mord an Königsfamilie löst Unruhen in Nepal aus

Von Peter Symonds
13. Juni 2001

Die Ermordung des nepalesischen Königspaares mitsamt einem großen Teil der Königsfamilie am Freitag, dem 1. Juni löste eine Kette absonderlicher Ereignisse aus, die zu politischen Unruhen in dem verarmten Königreich inmitten des Himalajas führten. Der mutmaßliche Mörder, Kronprinz Dipendra, wurde am darauffolgenden Tag zum König ausgerufen, obwohl er auf der Intensivstation eines Militärkrankenhauses in der Hauptstadt Kathmandu im Koma lag. Er starb zwei Tage später, daraufhin bestieg sein jüngerer Bruder den Thron. Es war der dritte König in nur vier Tagen.

Am Dienstag, dem 5. Juni verhängte die Regierung bereits zum zweiten Mal eine Ausgangssperre, da weiterhin Demonstranten durch die Straßen zogen und umfassende Aufklärung über das Ereignis forderten. Niemand glaubt der wenig überzeugenden offiziellen Erklärung, dass aus Versehen eine automatische Schusswaffe losgegangen sei. Einem weit verbreiteten Gerücht zufolge handelt es sich bei den Morden um eine Hofintrige, in die der neue König Gyanendra und sein unbeliebter Sohn Paras verwickelt sein sollen. Aufgrund des aggressiven Vorgehens der Polizei gegen Demonstranten wurden am Montag vergangener Woche mindestens zwei Menschen getötet und 19 weitere verletzt.

Die ganze Affäre hat nicht nur in den herrschenden Kreisen Nepals sondern auch international ein gewisses Unbehagen hervorgerufen. Man befürchtet eine Destabilisierung des ohnehin unruhigen Landes, das sich in strategisch wichtiger Lage zwischen Indien und China befindet.

Bis heute gibt es keine einleuchtende Erklärung für die Ereignisse am 1. Juni im Königspalast in Kathmandu. Während sich die nepalesischen Zeitungen in Schweigen hüllten, erschienen die ersten Berichte am darauffolgenden Tag in der internationalen Presse. Diese stützte sich allerdings auf lokale Quellen, und ihre Einschätzung scheint immer noch die verlässlichste zu sein - nachfolgend wurde ihre Version von verschiedenen Informationsträgern übernommen.

Nach diesen Berichten versammelte sich die Königsfamilie zum Abendessen im Festsaal des Palastes. Der 29-jährige Kronprinz Dipendra war offensichtlich erbittert darüber, dass seine Eltern - insbesondere seine Mutter - ihm die Heirat mit Devyani Rana verweigerten, Tochter eines ehemaligen Ministers und Mitglied der aristokratischen Familie Rana. Es werden unterschiedliche Gründe für den Widerstand der Königin gegen die Hochzeit angegeben, aber zumeist wird Abneigung gegen die Verbindungen der Braut nach Indien genannt. Ihre Mutter war Inderin, und die Familie Rana unterhält enge familiäre Verbindungen zu mehreren führenden indischen Politikern.

Der Kronprinz soll angetrunken den Raum verlassen und sich mit einem oder zwei automatischen Gewehren bewaffnet haben. Dann kam er zurück in die Halle, verschloss die Tür und eröffnete das Feuer auf die Familie. Nach einigen Berichten soll er den Tod seiner Eltern sichergestellt haben, indem er ihnen in den Kopf schoss. Während der Gewehrschüsse wahrten die Bediensteten und Wachen der Königsfamilie die Hofetikette und mischten sich nicht in die "Familienangelegenheit" ein. Die Schießerei endete erst, als Dipendra schließlich gestellt wurde, sich selbst zu erschießen versuchte und zuletzt bewusstlos in ein Militärkrankenhaus gebracht wurde.

Unter den Toten befanden sich der 55-jährige König Birendra Bir Bikram Shah Dev, die 51-jährige Königin Aiswarya und ihre beiden Kinder, der 22-jährige Prinz Nirajan und die 24-jährige Prinzessin Shruti. Zwei Schwestern des Königs, die Prinzessinnen Shanti Singh und Sharada Shah, wurden ebenfalls getötet, wie auch der Ehemann der letzteren, Kumar Khadga Bikram Shah, und eine Cousin des Königs, Prinzessin Jayanti Shah. Mindestens drei weitere Familienmitglieder wurden verletzt. Einer von ihnen, Birendras Bruder Dhirendra Shah, erlag drei Tage später seinen Verletzungen.

Obwohl die Schüsse außerhalb des Palasts zu hören waren und die internationalen Medien über den Mord berichteten, kam die erste offizielle Stellungnahme von nepalesischer Seite erst am Samstag um 13 Uhr heraus - mehr als 15 Stunden nach dem Vorfall. Keshar Jung Rayamajhi, Vorsitzender des Staatsrats (einem Gremium, das gegenüber dem Monarchen eine beratende Funktion ausübt), gab in Funk und Fernsehen bekannt, dass der König tot sei und sein Platz vom Kronprinz eingenommen werde - "gemäß Gesetz, Brauch und Usus hinsichtlich der Thronnachfolge".

Der Staatsratsvorsitzende fuhr fort: "Da der neue König physisch außer Stande ist seine Pflicht auszuüben und in der Intensivstation des Militärkrankenhauses in Kathmandu behandelt wird, wurde sein Onkel Prinz Gyanendra zum Regenten ausgerufen." Es blieb Gyanendra vorbehalten, am Sonntagmorgen die erste offizielle, völlig unglaubwürdige Erklärung bekannt zu geben, dass es sich nämlich nicht um einen Mord gehandelt, sondern eine "plötzlich losgehende automatische Waffe" das ansonsten fröhliche Familientreffen zerstört habe.

Diese Erklärung stieß auf erheblichen Zorn und Ablehnung, sowohl wegen ihres absurden Charakters als auch wegen der allgemeinen Unbeliebtheit von Gyanendra und seinem Sohn Prinz Paras. Der Regent ist als Selbstherrscher bekannt. Er stellte sich gegen Birendras Entscheidung von 1990, eine beschränkte Form der konstitutionellen Monarchie einzuführen und die ersten nationalen Wahlen nach mehr als drei Jahrzehnten abzuhalten. Der 27-jährige Paras hat den Ruf eines zügellosen Playboys, der in mindestens zwei Autounfälle mit Todesopfern verwickelt war. Im letzten August überfuhr und tötete er einen populären nepalesischen Sänger. Trotz eines Petitionsschreibens, das eine Strafverfolgung forderte und die Unterschriften von einer halben Million Menschen trug, wurde Paras nicht vor Gericht gestellt.

Da jede plausible Erklärung von offizieller Seite ausblieb, machten Gerüchte über eine Palastintrige in Kathmandu die Runde. Allen möglichen Leuten wurde die Schuld zugeschrieben, von Gyanendra bis zum Premierminister Girija Prasada Koirala, dem Führer der Kongresspartei von Nepal, der ebenfalls ziemlich unbeliebt ist. Es gab auch Spekulationen, wonach der Kronprinz ein heimliches Mitglied der maoistisch inspirierten Guerilla gewesen sei, die seit 1996 gegen Armee und Polizei kämpft.

Bislang lässt sich nicht entscheiden, ob diese Geschichten einen Funken Wahrheit enthalten. Keine neuen Beweise sind bislang präsentiert worden, vor allem gab es bis jetzt keine öffentlichen Stellungnahmen von denjenigen, die sich zum Zeitpunkt der Tat im Festsaal aufhielten. Die Gerüchte basieren auf Mutmaßungen - so wird beispielsweise Gyanendras "Schuld" auf die Tatsache zurückgeführt, dass er während des schicksalhaften Essens nicht zugegen war. Von offizieller Seite wurde bisher nur die Erklärung ausgeschlossen, dass die maoistische Guerilla etwas mit der Tat zu tun habe.

Am Samstag, dem 2. Juni kündigte Premierminister Koirala an, dass es eine offizielle Untersuchung zu dem Vorgang geben würde. Dies gilt als ein kühner Vorschlag, da eine solche Untersuchung verfassungsrechtliche Fragen aufwerfen würde. Obwohl das Land ständig als konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Großbritanniens beschrieben wird, hat der nepalesische Monarch noch weitgehende Machtbefugnisse. Unter anderem garantiert eine Verfassungsklausel, dass der König über dem Gesetz steht. Keine seine Handlungen darf Gegenstand eines Gerichtsverfahrens sein, und dem Parlament ist es untersagt, über die Angelegenheiten der königlichen Familie zu diskutieren.

Der im Koma liegende Dipendra - der neue König - stellte somit ein verfassungsrechtliches Problem dar. Selbst wenn ihm die Tat glasklar hätte nachgewiesen werden können, hätte man Dipendra nicht wegen Mordes verurteilen können. Dieses vertrackte juristische Problem fand mit dem Tod Dipendras am frühen Montagmorgen eine elegante Lösung. Nun trat sein Onkel Gyanendra an seine Stelle. Nach Presseberichten waren die Tausenden von Menschen, die die Straßen säumten, um pflichtbewusst den neuen König in seiner Kutsche und in Begleitung einer Militärkapelle und der zeremoniellen Kavallerie zu sehen, nicht sonderlich begeistert.

Später am Montag gingen Demonstranten auf die Straße und riefen: "Dipendra ist unschuldig", "Bestraft die wahren Mörder" und "Wir wollen Gyanendra nicht". Polizisten und Soldaten setzten Schlagstöcke, Tränengas und Warnschüsse ein, um die Demonstrationen aufzulösen, und es wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, die am Dienstagmittag verlängert wurde.

Gyanendra, der zweifellos unter beachtlichem Druck stand, appellierte Montagnacht in einer Rede an die Geschlossenheit der Nation und kündigte eine offizielle Untersuchung der Todesfälle durch den Obersten Gerichtshof an. Geleitet werden soll die Untersuchung vom höchsten Richter des Landes, dem parlamentarischen Sprecher und dem Führer der Opposition Madhav Kumar Nepal. Die Hoffnung darauf, dass die Untersuchung die Unzufriedenheit ersticken könnte, schwand jedoch bald, als der Oppositionsführer, ein Mitglied der Vereinigten Marxistisch-Leninistischen Partei (UML), seine Teilnahme verweigerte.

Ein historischer Anachronismus

Dieser Artikel versucht sich nicht an einer Erklärung hinsichtlich der psychologischen Motive derjenigen, die an diesen absonderlichen Ereignissen beteiligt waren. Es genügt der Hinweis, dass das Land als Ganzes wirtschaftlich zurückgeblieben und von Armut zerrüttet ist, während die Königsfamilie ein luxuriöses Leben abseits der bitteren gesellschaftlichen Wirklichkeit führt, mit der die große Mehrheit der Nepalis konfrontiert ist. Solch ein Umfeld muss zwangsläufig kuriose Spannungen hervorbringen.

Wüsste man es nicht besser, so würden die beteiligten Personen - der König, der Rassehunde züchtete, Aquarelle malte und Fallschirm sprang; sein verhätschelter Sohn, der in Eton erzogen wurde und einer attraktiven Frau nachjagte; die (nach allem, was man hört) intrigante Königin, die es mit der Hindu-Tradition halten und für den Kronprinzen eine Heirat arrangieren wollte, etc. - eher wie Charaktere aus einem schlüpfrigen Schundroman wirken, der vor hundert oder mehr Jahren spielen soll. Erfüllte sie nicht die politischen Bedürfnisse des Kapitalismus in dieser Ecke der Welt, so hätte diese rückständige Kaste bereits vor langer Zeit ihre Legitimation verloren und aufgehört zu existieren. Doch in Nepal besteht die königliche Linie nicht nur fort, sie verfügt auch noch über beachtliche Macht.

Die internationale Reaktion war von Nervosität gekennzeichnet, die auf die Angst vor einer möglichen destabilisierenden Wirkung der Morde am Königshof zurückzuführen ist. Der australische Außenminister Alexander Downer beispielsweise gab am Wochenende eine bemerkenswerte Stellungnahme ab. Er erklärte, seine Regierung werde die offizielle Erklärung für die Todesfälle "respektieren", und äußerte seine Besorgnis "über die Folgen all dieser Vorkommnisse für die Stabilität Nepals". Im Gegensatz zur australischen unterstützte die Regierung der Vereinigten Staaten nicht die Theorie von der "plötzlich losgehenden Waffe", aber auch sie drückte ihre Sorge um die Stabilität des Landes aus.

Ein Artikel auf der Website der BBC schlug einen etwas positiveren Ton an und versicherte ihrer Leserschaft, dass der neue König Gyanendra "als zuverlässig gilt", obwohl er "größere Schwierigkeiten hat... von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden". Folgt man der BBC, so ist Gyanendras Hauptqualifikation für den Job als König, dass er sich für die Erhaltung von Denkmälern einsetzt und den Tourismus in Nepal fördert, woran er, als Besitzer einer Reihe von Hotels in Kathmandu, ein besonderes finanzielles Interesse hat. Zu seinen weiteren Besitztümern zählen eine Teeplantage im Osten Nepals und eine Zigarettenfabrik.

Während die internationalen Medien bei Gyanendra einige mögliche Charakterschwächen ausgemacht haben, war ihre Berichterstattung über den toten König durchgehend kriecherisch. Zahllose Berichte beschrieben Birendra - um nur einen zu zitieren -als "einen geliebten Monarchen, der von vielen Menschen als Reinkarnation des Hindugottes Vishnu angesehen wurde". Ein Editorial in der indischen Zeitung Hindu ging noch weiter: "Tatsächlich genoss der ermordete Monarch ein enormes Ausmaß an populärer Akzeptanz unter den einfachen nepalesischen Bürgern. Ein einzigartiger Höhepunkt seiner langen Regentschaft war die volksfreundliche Rolle, die er einnahm, um im Jahre 1990 den Übergang Nepals zu einer konstitutionellen Monarchie mit demokratischem Kern zu erleichtern."

Die Gründe für diese unterwürfigen Lobpreisungen wurden deutlich, als das Editorial auf die strategischen Interessen Indiens hinsichtlich des nördlichen Nachbarn zu sprechen kam: "Obwohl Kathmandu oft den Eindruck erweckt, in der Außenpolitik einen Balanceakt zwischen Neu Delhi und Peking vollziehen zu wollen, ist Nepals Innenpolitik insgesamt nicht frei von Sicherheitsbedenken bezüglich der großen Nachbarn." Indien hat in der Vergangenheit Besorgnis geäußert über den chinesischen Einfluss in Nepal und Peking beschuldigt, die maoistische Guerilla zu unterstützen. Auf der anderen Seite hat China die Befürchtung geäußert, dass die 30.000 Exiltibetaner, die in Nepal leben, die chinesische Kontrolle über Tibet politisch bedrohen könnten.

Nepals Balanceakt zwischen China und Indien war schon immer prekär. Wäre der Hindu in seiner Einschätzung wirklich ehrlich gewesen, so hätte die Zeitung darauf hingewiesen, dass Birendras Entscheidung von 1990, eine neue Verfassung zu erlassen, nicht die Tat eines wohlwollenden Monarchen war, sondern dass sie ihm durch weit verbreitete Proteste gegen seine Herrschaft abgerungen wurde, wobei mehr als 500 Menschen getötet wurden. Diese Demonstrationen waren die Folge einer akuten sozialen und politischen Krise, die mindestens teilweise durch die indische Regierung herbeigeführt worden war. Diese hatte Ende 1989 eine Handelsblockade über das Land ohne Zugang zum Meer verhängt, um es für seine - von indischer Seite so verstandenen - chinafreundlichen Schritte und andere Tricks zu bestrafen. Diese Maßnahmen führten schnell zu einem Mangel an Treibstoff, Salz, Speiseöl und anderen Waren des Grundbedarfs, zu einem Zusammenbruch der Tourismusindustrie in Nepal und einer Zunahme der gesellschaftlichen Spannungen.

Auch kann die Verfassung von 1990 schwerlich als vorbildliche Demokratie gelten. Sie stellte nicht nur die Monarchie über Gesetz und Parlament, sondern auch das Einkommen und Vermögen des Königs blieb von der Steuer ausgenommen und unantastbar. Die Verfassung bewahrte verschiedene Machtbefugnisse des Königs, darunter die ausschließliche Autorität, Gesetze hinsichtlich der Thronfolge zu erlassen, zu ändern und außer Kraft zu setzen. Ihm blieb auch die höchste Sanktion vorbehalten: Er bewahrte sich weitgehende Entscheidungsgewalt für den Fall eines Krieges, einer Aggression von außen, einer Armeerevolte oder eines extremen wirtschaftlichen Notstands. In einer solchen Situation hat der Monarch das Recht, grundlegende demokratische Rechte außer Kraft zu setzen, ohne dass dies von einem Gericht überprüft würde. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass das Unterhaus, oder außerhalb der Sitzungsperiode das Oberhaus, der Ausrufung des Notstandes zustimmen muss.

Im Gegensatz zu dem Bild, das in der Presse gezeichnet wurde - von dem heiß geliebten Monarchen, der gemeinsam mit einem demokratischen Parlament ein zufriedenes Volk regiert - war das Fehlen demokratischer Rechte und die Kluft zwischen Arm und Reich ein beständiger Quell der Unzufriedenheit. In den vergangenen fünf Jahren hat der Aufstand der maoistischen Guerilla in den westlichen Regionen des Landes an Unterstützung gewonnen. Nach Schätzungen haben die Kämpfe bislang 1.600 Todesopfer gefordert und sich von isolierten Gegenden auf mehr als 30 Distrikte ausgeweitet. Bei einem Angriff im April stürmten Guerillakämpfer die Polizeistation eines Distrikts, wobei 47 Menschen zu Tode kamen, darunter 29 Polizisten.

Es ist nicht schwer zu erklären, warum sich Leute der Guerilla anschließen. Nepal ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von nur 210 Dollar pro Kopf das ärmste Land des verarmten indischen Subkontinents. Mehr als 80 Prozent der 22 Millionen Menschen umfassenden Bevölkerung leben auf der Basis von Subsistenzwirtschaft. Die Hauptquelle für ausländische Valuta sind der Tourismus und der Export von Teppichen und Kleidern. Die Hälfte des nepalesischen Entwicklungsbudgets besteht aus ausländischen Hilfsgeldern, und es gibt kaum Industrie in Nepal.

Die Regierungen des letzten Jahrzehnts, auch die von einer Koalition sogenannter kommunistischer Parteien angeführten, haben keine bedeutenden Ergebnisse bei der Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit und der weit verbreiteten Armut des Landes erzielt. Seit 1991 versuchte Nepal, seine Wirtschaft für ausländisches Kapital zu öffnen, wofür viele der ehemals staatseigenen Betriebe verkauft wurden - dies hat die tiefen sozialen Probleme indes noch verschärft. In abgelegenen Gegenden existieren noch nicht einmal Straßen, von Schulen und medizinischer Versorgung ganz zu schweigen. Analphabetismus ist weit verbreitet und betrifft nach Schätzungen 72 Prozent aller Menschen über 15 Jahre. Die Lebenserwartung liegt für Männern bei 58,47 Jahren und für Frauen bei 58,36 Jahren.

Unter diesen Bedingungen haben die Regierungen auf die brutalsten Formen der Unterdrückung zurückgegriffen, nicht nur gegen die maoistische Erhebung, sondern gegen jede Form der Opposition und des Protests. Das Außenministerium der Vereinigten Staaten fasste in einem zurückhaltenden Bericht von vergangenem Jahr die Lage der Menschenrechte in Nepal folgendermaßen zusammen:

"Die Regierung respektierte im Allgemeinen die Menschenrechte ihrer Bürger in vielen Gebieten, doch Probleme bleiben bestehen. Die Polizei tötet manchmal ungerechtfertigt. Eine Person starb nach Folterungen in Polizeigewahrsam. Die Polizei misshandelt weiterhin Gefangene, sie setzt Folter als Strafe und zur Erpressung von Geständnissen ein. Die Polizei führt auch Razzien gegen Zeitungen durch, die verdächtigt werden, Verbindungen zu den Maoisten zu unterhalten. Aussagen über die Brutalität der Polizei wird von Seiten der Regierung kaum nachgegangen, misshandelnde Polizisten werden kaum bestraft.

Die Bedingungen in den Gefängnissen sind weiterhin armselig. Die Autoritäten nehmen willkürliche Verhaftungen vor und halten Menschen willkürlich im Gefängnis. Lange Untersuchungshaftzeiten, Empfänglichkeit der Justiz für politischen Druck und Korruption und lange Verzögerungen bei der Eröffnung von Verfahren bleiben Probleme. Die Regierung schränkt weiterhin die freie Meinungsäußerung ein. Die Regierung schränkt die freie Religionsausübung ein. Frauen, Behinderte und Angehörige niederer Kasten leiden unter weitgehender Diskriminierung. Gewalt gegen Frauen, Handel mit Frauen und Kindern für die Prostitution, Sklavenarbeit und Kinderarbeit sind ebenfalls weiterhin schwerwiegende Probleme. Es gab vereinzelte Berichte über Sklavenarbeit von Kindern.

1996 verabschiedete das Parlament einstimmig ein Gesetz, wonach eine permanente Menschenrechtskommission eingesetzt werden soll, die mit der Autorität zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen ausgestattet ist. Bis heute ist die Kommission jedoch nicht eingerichtet worden."

Eine Geschichte von Intrigen

Seit 1990 war die Monarchie bemüht, die Verantwortung für die politischen und sozialen Probleme Nepals auf die Regierung abzuwälzen. Dennoch ist die jetzige Situation eine direkte Folge der langen und reichlich schäbigen Geschichte königlicher Herrschaft in der vorangegangenen Periode.

Die Monarchie, die sich auf die Familie Shah stützt, ist - wie Nepal selbst - ein vergleichsweise junges Phänomen. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts herrschte das Haus der Gurkhas (das auf eine Hindu-Dynastie zurückgeht, die von muslimischen Invasoren aus Indien vertrieben wurde) über einen winzigen Bergstaat, der etwa die Größe von einem der jetzt 75 Distrikte Nepals umfasste. Durch seinen Kontakt zu der britischen Ostindienkompanie hatte der Gurkhaherrscher Prithvi Narayan den Umgang mit moderneren Waffen und den Einsatz neuer Techniken erlernt; er organisierte seine Armee neu und eroberte bis 1769 den größten Teil des Gebiets, das heute Nepal ausmacht.

Doch von Beginn an hatten die Gurkhas keine umfassende Kontrolle über Nepal. In der Außenpolitik musste die Monarchie Zugeständnisse machen, nachdem sie von den Großmächten geschlagen worden war - zunächst von China im späten 18. Jahrhundert und dann von der Armee der britischen Ostindienkompanie im frühen 19. Jahrhundert. Dazu gab es im Innern beständige Intrigen und Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen in der königlichen Familie, die in einer Nacht des Jahres 1846 ihren Höhepunkt fanden. Eine Versammlung des Königshauses, um den Mord an einem Adeligen zu diskutieren, endete in einem blutigen Streit, bei dem Dutzende aus der Creme der nepalesischen Aristokratie getötet oder schwer verletzt wurden.

Der Hauptnutznießer des Massakers war Premierminister Jang Bahadur, der am folgenden Tag eine Säuberungsaktion durchführte, bei der ein Großteil seiner adeligen Rivalen getötet und 6.000 Menschen ins Exil nach Indien getrieben wurden. Jang Bahadur, der sich später den Titel Rana gab, führte den Erbtitel des Premierministers ein, wodurch seine Familie über mehr als ein Jahrhundert Nepal beherrschen und die Monarchie praktisch unter Hausarrest halten konnte.

Die Fähigkeit der Rana-Aristokratie, sich in dem labilen politischen Klima des Landes an der Macht zu halten, beruhte zu einem großen Teil auf ihren engen Verbindungen zu Großbritannien, der Kolonialmacht in Indien. Im Jahre 1857 gewährte Jang Bahadur der belagerten britischen Ostindienkompanie dringend benötigte militärische Hilfe, um den sich ausbreitenden Aufstand in Indien zu unterdrücken. Nach der Rebellion belohnte Großbritannien Jang Bahadur mit der Übertragung von Ländereien, und die nepalesische Dynastie blieb ein loyaler militärischer Alliierter Großbritanniens und ein Rekrutierungsfeld für die britische Armee.

Die Ranas begannen erst unter dem Druck der nationalistischen Bewegungen, die den gesamten indischen Subkontinent ergriffen, die Kontrolle über Nepal zu verlieren. In den 1930-er Jahren gründeten Nepalis im indischen Exil eine Reihe von bürgerlichen politischen Parteien, die ein Ende der Rana-Herrschaft herbeiführen wollten und ein begrenztes Programm demokratischer Reformen vertraten. Diese Tendenzen schlossen sich schließlich im Nationalkongress von Nepal zusammen. Die Exilanten knüpften Verbindungen zu unzufriedenen Schichten der niederen Rana-Aristokratie, zur Armee und in den späten 1950-er Jahren zu König Tribhuvan Bir Bikram Shah, der aus dem Palast geflohen war.

Als die Ranas schließlich 1951 mit Unterstützung der indischen Regierung gestürzt wurden, kam es infolge der opportunistischen Allianzen, die der Kongress von Nepal geschmiedet hatte, zur Wiedereinsetzung des Königs als Staatsoberhaupt mit erheblichen politischen Machtbefugnissen. Er und sein Sohn Mahendra, der 1955 König wurde, zögerten die Gewährung einer Verfassung und das Abhalten von Wahlen hinaus und widersetzten sich selbst den beschränktesten Maßnahmen, die die Führer des Kongresses von Nepal vorschlugen.

Die Verfassung, die schließlich 1959 verkündet wurde, war eine Farce. Im Oberhaus hatten Leute das Sagen, die der König selbst ernannte. Der König behielt das Recht, ohne Rücksprache mit dem Premierminister zu handeln, er kontrollierte die Armee und die Außenpolitik, konnte das Kabinett auflösen und den Notstand ausrufen. Diese Farce einer Demokratie bestand etwas länger als ein Jahr. Im Dezember 1960 rief der König ohne Vorwarnung und mit Unterstützung der Armee den Notstand aus, löste das Kabinett auf und ließ dessen Führer mit der Begründung verhaften, sie hätten Gesetz und Ordnung nicht aufrechterhalten.

Über drei Jahrzehnte lang hielten König Mahendra und nach 1972 sein Sohn, der nunmehr verstorbene Birendra, eine der wenigen weltweit noch bestehenden absoluten Monarchien aufrecht. Das einzige Zugeständnis an demokratische Anliegen war das vierstufige System der panchayat. Es basiert auf der Wahl von Einzelpersonen zu lokalen Versammlungen, welche wiederum nacheinander die Mitglieder der Versammlungen auf der Ebene von Distrikten, Zonen und zuletzt der Nationalversammlung bestimmen. Obwohl die nationale Panchayat-Versammlung nicht befugt ist, den König zu kritisieren oder gar unabhängige Entscheidungen zu treffen, fanden sich der Kongress von Nepal und verschiedene kommunistische Parteien mit diesem politischen System ab.

Dass solch ein historischer Anachronismus über Jahrzehnte hinweg bestehen konnte, war nicht nur ein Ergebnis des Opportunismus verschiedener politischer Parteien Nepals. Die Vereinigten Staaten und alle Großmächte hielten enge Verbindungen zu der nepalesischen Monarchie, die ihnen als Bollwerk gegen die Sowjetunion und China in einer strategischen Schlüsselregion diente. Indische Regierungen stärkten ihre Verbindungen zum König vor allem bei Ausbruch des Grenzkrieges zwischen Indien und China 1962. Neu Delhi strich die Unterstützung für nepalesische Oppositionsgruppen mit Sitz in Indien und schloss eine Reihe von Handels- und Militärabkommen, die Nepal als Gegenleistung für ein Bündnis Privilegien gewährten.

Die Ereignisse der vergangenen Tage haben erneut den bizarren Charakter der nepalesischen Monarchie hervorgehoben. Diese ist ein extremes Beispiel für die historischen Relikte, die im Laufe des 20. Jahrhunderts aus der Versenkung geholt wurden, um die kapitalistische Herrschaft in Asien und anderswo politisch zu stützen.