Leo Trotzki: "Fragen des Alltagslebens" im Arbeiterpresse Verlag erschienen

Von Wolfgang Zimmermann
4. Juli 2001

Soeben ist im Arbeiterpresse Verlag das Buch "Fragen des Alltagslebens" von Leo Trotzki erschienen. An dieser Stelle dokumentieren wir das Vorwort des Verlags.

Trotzki: Fragen des AlltagslebensMit diesem Band legt der Arbeiterpresse Verlag einige der wichtigsten Artikel und Reden Leo Trotzkis zu den Fragen des Alltags, der Kultur und der Erziehung vor. Die im ersten Teil unter dem Titel "Fragen des Alltagslebens" gesammelten Schriften wurden 1923 in der Sowjetunion in der Tageszeitung "Prawda" und als Buch veröffentlicht. Das große Interesse, auf das dieses Thema in der Sowjetunion stieß, lässt sich daran ermessen, dass noch im gleichen Jahr eine zweite Auflage und im Jahr 1925 eine dritte in Druck gehen musste.

Schließlich erschienen diese Artikel zusammen mit weiteren Reden und Texten Leo Trotzkis zu Fragen der Kultur, von denen einige in den zweiten Teil dieser Ausgabe übernommen wurden, 1927 als Band 21 der russischen Werkausgabe unter dem Titel "Die Kultur der Übergangsperiode". Die Werkausgabe war ursprünglich auf 23 Bände konzipiert, von denen aber nur 12 erscheinen konnten. 1927 wurde sie nach dem Ausschluss Leo Trotzkis aus der Kommunistischen Partei durch die Stalin-Fraktion eingestellt und aus den Bibliotheken entfernt.

Den Abschluss des vorliegenden Buchs bildet der bekannte Essay Leo Trotzkis "Ihre Moral und unsere" aus dem Jahr 1938, in dem er sich mit denjenigen auseinandersetzt, die unter dem Banner der Moral die Oktoberrevolution mit dem Stalinismus sowie die Haltung Trotzkis und Lenins mit den Verbrechen der Bürokratie gleichsetzten. Diese Methode, die Ursprünge des Stalinismus auf die russische Revolution 1917 und die Politik der Bolschewiki zurückzuführen, gehörte nach dem Zusammenbruch der stalinistisch beherrschten Regime in der Sowjetunion und Osteuropa zum Standardrepertoire derjenigen, die den Sozialismus für tot erklärten.

Gerd Koenen, ein zum Antikommunismus konvertierter Maoist, geht noch weiter. Für ihn enthüllt sich der "totalitäre Charakter... der bolschewistischen Machtergreifung" gerade in der "beklemmenden Alltagspraxis... der Schöpfung eines neuen Menschen". (1) Nach seinem Verständnis flossen der deutsche "Kulturpessimismus" und Nietzsches "Übermensch" "im großen und ganzen in den Bolschewismus" ein. Er nennt Maxim Gorki und Anatoli Lunatscharski als zentrale Figuren dieses sogenannten "nietzscheanischen Marxismus".

Koenen bedient sich hier eines unter rechten Demagogen beliebten Tricks: Er schreibt über die marxistische Bewegung, indem er deren Evolution, innere Widersprüche und Kämpfe einfach ignoriert und eine beliebig herausgegriffene Randerscheinung zum Wesen der Sache erklärt. Tatsache ist, dass vereinzelte Sympathien für Nietzsches Ideen in der marxistischen Bewegung auf heftigen Widerstand stießen. Die Begeisterung Lunatscharskis und Gorkis für Nietzsche war nicht nur eine Ausnahmeerscheinung, sie blieb auch in ihrer eigenen Biografie eine Episode. Führende Marxisten wie Franz Mehring, Lenin und Trotzki haben sich dagegen ausführlich und kritisch mit Nietzsche auseinandergesetzt. Ihre Konzeption der "Schöpfung eines neuen Menschen" - um bei Koenens Terminologie zu bleiben - war Nietzsches Konzeption vom "Übermenschen" diametral entgegengesetzt.

Ein ebenso unversöhnlicher Gegensatz besteht zwischen der stalinistischen Auffassung der "Umgestaltung des Menschen", wie sie in den dreißiger Jahren in allen Sowjet-Zeitungen propagiert wurde, und den bolschewistischen, insbesondere von Trotzki vorangetriebenen Bemühungen, das kulturelle Niveau der Massen zu heben und die vom Zarismus ererbte kulturelle Rückständigkeit zu überwinden. Der Sieg der stalinschen Bürokratie über die von Trotzki geführte Linke Opposition kennzeichnete nicht zuletzt das Ende dieser Bemühungen, die Rückkehr der vom Zarismus ererbten kulturellen Barbarei, die Auferstehung der "Schreckensgestalt des Gebieters mit dem großen Knüttel". Das hier vorliegende Buch ist deshalb auch ein wichtiges Dokument des Kampfs der marxistischen Opposition gegen den Stalinismus.

Leo Trotzki, der sich 1897 der revolutionären Bewegung angeschlossen hatte, setzte sich in seinen Schriften schon sehr früh und immer wieder mit der Veränderung der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Beziehung zur Gesellschaft auseinander. In seinem 1906 veröffentlichten "Ergebnisse und Perspektiven" antwortete er auf die "sozialistischen Ideologen", die die "Vorbereitung des Proletariats auf den Sozialismus im Sinne seiner moralischen Umwandlung" auffassten: "Das Proletariat und ‘die Menschheit' überhaupt müssten vor allem ihre alte egoistische Natur ablegen... Da wir bis jetzt von einem solchen Zustand weit entfernt seien und ‘die menschliche Natur' sich nur äußerst langsam verändern werde, sei der Ausbruch des Sozialismus um einige Jahrhunderte in die Ferne gerückt." (2)

Trotzki erklärte, dass man nicht die sozialistische Psychologie mit dem bewussten Streben nach dem Sozialismus verwechseln dürfe. "Der gemeinsame Kampf gegen die Ausbeutung lässt in der Seele des Arbeiters kostbare Ansätze des Idealismus, der kameradschaftlichen Solidarität und der selbstlosen Opferbereitschaft keimen, aber zugleich lässt der individuelle Existenzkampf, der ewig gähnende Rachen der Armut, die Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft selbst, der Druck der unwissenden Massen von Unten und die korrumpierende Tätigkeit der bürgerlichen Parteien eine volle Entfaltung dieser kostbaren Ansätze nicht zu. Aber der Kern der Sache besteht darin, dass sich der durchschnittliche Arbeiter - obwohl er kleinbürgerlich-egoistisch bleibt... - durch die Lebenserfahrung davon überzeugt, dass seine einfachsten Wünsche und natürlichsten Bedürfnisse nur auf den Trümmern des kapitalistischen Systems befriedigt werden können." (3)

Die Schlussfolgerung Trotzkis lautete, dass die Aufgabe nicht darin bestand, eine sozialistische Psychologie als Voraussetzung für den Sozialismus zu entwickeln - eine aussichtslose Utopie -, sondern sozialistische Lebensbedingungen als Voraussetzung einer sozialistischen Psychologie.

In der Arbeit "Ergebnisse und Perspektiven" zeigt Trotzki gleichzeitig die Voraussetzungen für die Schaffung dieser sozialistischen Lebensbedingungen auf. Ausgehend von einer genauen Untersuchung der sozialen und politischen Bedingungen in Russland und den Lehren aus den Revolutionen von 1789, 1848 und 1905 kommt er zu dem Ergebnis, dass in Russland die Aufgaben der bürgerlichen Revolution, nämlich die Ablösung des Adels, die Befreiung der Bauern nur unter Führung der Arbeiterklasse durchgeführt werden können.

"Der grundlegende, beständigste Charakterzug der Geschichte Russlands ist dessen verspätete Entwicklung mit der sich daraus ergebenden ökonomischen Rückständigkeit, Primitivität der Gesellschaftsformen und dem tiefen Kulturniveau." (4) Aus dieser Rückständigkeit folgte aber nicht, dass Russland einfach die Entwicklung der fortgeschritteneren kapitalistischen Länder nachvollziehen konnte. Es musste bestimmte Etappen überspringen, es kam zu einer Vermischung unterschiedlicher Stadien, einer kombinierten Entwicklung.

So stand dem rückständigen Land, das auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts verharrte, den Städten, die nicht wie im Westen zu Zentren der Handwerker und Gewerbe anwuchsen, sondern kulturlose Verwaltungs- und Heeresstandorte waren, die modernste Industrie entgegen. Sie war zum großen Teil durch ausländisches Kapital kontrolliert, was den antirevolutionären Charakter der russischen Bourgeoisie erklärte, die stark mit dem Gutsbesitzer und Adligen verbunden war. So fielen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution der Arbeiterklasse zu.

Diese konnte jedoch nicht bei der Lösung der demokratischen Aufgaben stehen bleiben, sie musste sozialistische Maßnahmen ergreifen und die Revolution musste sich zur permanenten Revolution entwickeln: "In einem Land, wo das Proletariat als Endergebnis einer demokratischen Revolution zur Macht gekommen ist, hängt das weitere Schicksal der Diktatur und des Sozialismus letzten Endes nicht nur und nicht so sehr von den nationalen Produktivkräften ab, wie von der Entwicklung der internationalen sozialistischen Revolution." (5)

Das war die Perspektive Trotzkis, auf deren Grundlage im Jahr 1917 die Oktoberrevolution siegte.

Die Machtübernahme des Proletariats überwand aber nicht auf einen Schlag die wirtschaftliche Rückständigkeit und Kulturlosigkeit Russlands. Die Bolschewiki waren sich dieses Problems bewusst und hofften auf die Unterstützung des Proletariats Westeuropas. Sie legten das Schwergewicht ihrer Arbeit auf den Aufbau der Kommunistischen Internationale, um die bestmöglichen Bedingungen für die Ausdehnung der Revolution auf die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder zu schaffen. Die Niederwerfung der deutschen Revolution 1918/19 durch die sozialdemokratische Regierung unter Ebert und Noske und die ausbleibende europäische Revolution waren ein schwerer Schlag für die Bolschewiki und stärkten die Interventionsarmeen bei ihrem Einfall in die Sowjetunion und dem bis 1921 währenden Bürgerkrieg.

Die Bolschewiki mussten Maßnahmen ergreifen, um die Sowjetmacht zu halten, bis es der europäischen Arbeiterklasse gelingen würde, die Macht zu erobern und ihnen zu Hilfe zu kommen. Auf ökonomischem Gebiet diente die NÖP (Neue Ökonomische Politik), eine teilweise Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Methoden, dazu, die durch den Krieg verwüstete Wirtschaft in Gang zu bringen. Während sich die Wirtschaft rasch erholte, brachte die NÖP aber auch eine Stärkung konservativer, bürgerlicher und kleinbürgerlicher Schichten und der Bürokratie mit sich. Die im Parteiprogramm der Bolschewiki vorgesehene Kontrolle der Verwaltung durch die Massen, ihre Wählbarkeit und Absetzbarkeit, machte eine Offensive auf dem Gebiet der Erziehung und Kultur notwendig.

In dieser Umbruchperiode erschienen Trotzkis Schriften zum Alltagsleben und auch sein Buch "Literatur und Revolution". Oftmals wurde Trotzki vorgeworfen, sich von den zentralen politischen Themen zurückgezogen zu haben, als er sich in dieser bedrohlichen Situation, wo die Bürokratie in der Sowjetunion erstarkte, den Fragen von Kultur und Kunst widmete. Doch diese Kritiker übersehen, dass in der Periode der Isolation des Sowjetstaats, die den Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse folgte, eine wesentliche Aufgabe darin bestand, neben der Förderung der Produktion das niedrige Kulturniveau der breiten Arbeitermassen anzuheben. Trotzki erklärte immer wieder die Bedeutung der Erziehung der Jugend, um ein Gegengewicht gegen den Apparat zu schaffen. "Die ursprüngliche sozialistische Akkumulation wird viele Narben auf dem Rücken der Arbeiterklasse und ihrer Jugend hinterlassen. Deswegen stellt die Erziehung dieser Jugend, die Erziehung ihrer bewusstesten Teile, eine Frage auf Leben und Tod für uns dar." (6)

Trotzki argumentierte gegen diejenigen, die glaubten, dass die Auseinandersetzung mit Parteitagsbeschlüssen und Befehlen von oben zu lösen wäre. Er wies darauf hin, dass es an Beschlüssen nicht gemangelt habe. Das Hauptproblem sah Trotzki in der verbreiteten Passivität, Unachtsamkeit und Kulturlosigkeit der Massen. Am Beispiel von schlecht hergestellten Zeitungen und Büchern mahnte er, dass dies "zum Gegenstand von Überlegungen, der Kritik und Beratungen breiter Kreise zu machen" wäre. Er warnte, dass auch die aktivste und initiativreichste Regierung nicht ohne die große selbstständige Tätigkeit der Massen das Alltagsleben umgestalten könne: "In einen neuen Alltag kann man nicht übersiedeln; man wächst spontan hinein, so wie es früher war - oder man schafft ihn bewusst von unten nach oben, so wie es künftig sein wird." (7)

Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis der Diskussion in der Partei, wie die vom alten Zarenregime ererbte Rückständigkeit und Kulturlosigkeit der Massen überwunden werden konnten. Die Überschriften der einzelnen Artikel, die 1923 in der Prawda erschienen, sprechen für sich: "Die Zeitung und ihre Leser", "Schnaps, Kirche und Kino", "Von der alten Familie - zur neuen" und "Der Kampf um die Sprachkultur". Aus diesen Artikeln spricht die ungebrochene Überzeugung, dass es möglich ist, die bisher unterdrückten Massen mittels Erziehung und kulturellen Angeboten wie dem Kino, örtlichen Bibliotheken usw. aus ihrer früheren Passivität zu befreien. Die Verbesserung der menschlichen Gesellschaft erscheint hier nicht als eine unerreichbare Utopie, denen höchstens Sonntagsreden gewidmet sind, sondern als praktische Aufgabe der Aufklärung und Bemühung um Kultur. Die volle Aufmerksamkeit Trotzkis galt den unterdrücktesten Schichten in der Gesellschaft: "Der alltägliche männliche Egoismus kennt tatsächlich weder Maß noch Grenzen. Um das Alltagsleben vollständig umgestalten zu können, muss man es mit den Augen der Frauen betrachten können." (8)

Trotzkis Auffassung des "neuen Menschen" ist, wie jeder Artikel des vorliegenden Buches beweist, von den fortschrittlichen Ideen der Aufklärung durchdrungen. Die Politik der stalinistischen Bürokratie bloß ein Jahrzehnt später repräsentiert das direkte Gegenteil. Sie erhob ihr Haupt, als im Herbst 1923 die KPD unter dem Einfluss von Stalin und Sinowjew die revolutionäre Situation des "deutschen Oktober" verpasste. Die Staats- und Parteibürokratie fühlte sich ermutigt, während sich in den Massen Müdigkeit und Enttäuschung ausbreiteten. Sie nährte sich von den Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse.

Unter den Bedingungen der Isolation führte die wirtschaftliche Rückständigkeit zur Herausbildung eines "Gendarmen", wie Trotzki die Bürokratie charakterisierte, dessen Aufgabe in der Aufrechterhaltung der sozialen Ungleichheit bestand: "Wenn der Staat nicht abstirbt, sondern immer despotischer wird, wenn die Bevollmächtigten der Arbeiterklasse sich bürokratisieren und die Bürokratie sich über die erneuerte Gesellschaft aufschwingt, so geschieht das nicht aus irgendwelchen zweitrangigen Ursachen heraus, wie psychologischen Überbleibseln der Vergangenheit usw., sondern kraft der eisernen Notwendigkeit, eine privilegierte Minderheit auszusondern und auszuhalten, solange wahre Gleichheit noch nicht möglich ist." (9)

Im Jahr 1923, in dem auch die "Fragen des Alltagslebens" erschienen, begann Trotzki den Kampf gegen die Bürokratie mit einer Artikelserie unter dem Titel "Der neue Kurs". Das war der Auftakt für die Linke Opposition. Die herrschende Bürokratie konnte sich schließlich nur durchsetzen, indem sie alle Oppositionellen und alten Bolschewiki in den dreißiger Jahren vernichtete.

Die stalinistische Kampagne der "Umgestaltung der Menschen", welche die Begleitmusik zum großen Terror abgab, war, wie Trotzki ausführte, keine sozialistische: "Das russische Volk kannte in der Vergangenheit weder eine große religiöse Reformation wie die Deutschen, noch eine große bürgerliche Revolution wie die Franzosen. Aus diesen beiden Schmelzöfen - lässt man die Reformation-Revolution der britischen Inselbewohner im 17. Jahrhundert beiseite - ging die bürgerliche Individualität hervor, diese äußerst bedeutende Stufe in der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit überhaupt. Die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 kennzeichneten notwendigerweise ein erstes Erwachen der Individualität in den Massen, ihre Loslösung aus dem primitiven Milieu, d. h. sie leisteten in verkleinertem Umfang und in beschleunigtem Tempo das Erziehungswerk der bürgerlichen Reformationen und Revolutionen des Westens. Jedoch schon lange bevor dieses Werk auch nur in seinen groben Zügen beendet gewesen wäre, wurde die russische Revolution, die in der Zeit des Niedergangs des Kapitalismus ausbrach, durch den Gang des Klassenkampfs auf sozialistische Geleise gelenkt. Die Widersprüche auf dem Gebiet der Sowjetkultur spiegeln und brechen nur die aus diesem Sprung erwachsenen wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche. Das Erwachen der Persönlichkeit nimmt daher notwendigerweise mehr oder weniger kleinbürgerlichen Charakter an, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Familienleben und in der Lyrik. Dabei wurde die Bürokratie selbst zur Trägerin eines extremen, zuweilen zügellosen bürgerlichen Individualismus. Sie erlaubt und fördert die Entwicklung des Individualismus auf wirtschaftlichem Gebiet (Akkordwesen, Hofwirtschaften, Prämien, Orden) und unterdrückt zugleich grausam die fortschrittlichen Seiten des Individualismus auf dem Gebiet der Geisteskultur (kritische Anschauung, Bildung einer eigenen Meinung, Erziehung zu persönlicher Würde)." (10)

Der sowjetischen Realität stellte Trotzki entgegen: "Sozialismus bedeutet, wenn er überhaupt diesen Namen verdient: menschliche Beziehungen ohne Gewinnsucht, Freundschaft ohne Neid und Intrigen, Liebe ohne niedrige Berechnung." (11) Aber in der Sowjetunion der dreißiger Jahre wurde die Abtreibung wieder verboten, Frauen gingen erneut der Prostitution nach, Kinder lebten auf den Straßen der Städte, selbst die Todesstrafe für Kinder ab zwölf Jahre wurde eingeführt. Im Bereich von Kultur, Jugend und Familie wurde der reaktionäre, d. h. rückwärtsgewandte Charakter des Stalinismus besonders deutlich. Der "alte Mensch" hatte gesiegt.

Koenen macht mit seiner Gleichsetzung dieser stalinistischen Politik mit der von Lenin und Trotzki nur deutlich, dass er eine Perspektive für Freiheit und Gleichheit für die Masse der Bevölkerung ablehnt. Die Schaffung eines "neuen Menschen" war für Trotzki nie die Schaffung eines gegen die Gesellschaft gerichteten "Übermenschen", wie er in "Literatur und Revolution" feststellte: "Genauer gesagt: Jene Hülle, in die sich der Prozess des kulturellen Aufbaus und der Selbsterziehung des kommunistischen Menschen kleiden wird, wird alle Lebenselemente der gegenwärtigen Künste bis zur höchsten Leistungsfähigkeit entfalten. Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben." (12)

In der heutigen Zeit, in der philosophische Theorien, die die Erkennbarkeit der Welt leugnen, und politische Theorien, die die Möglichkeit der Veränderung der Gesellschaft zurückweisen, gang und gäbe sind, bieten die Schriften Trotzkis eine Fülle an Argumenten zugunsten einer sozialistischen Umgestaltung der Beziehungen zwischen den Menschen. Wer sich nicht damit abfinden will, dass es aus dem Kreislauf von Unterdrückung und Krieg, mit dem das 21. Jahrhundert begonnen hat, keinen Ausweg gibt, der wird in den Werken Trotzkis höchst aktuelle Antworten auf die heutigen Probleme finden.

Anmerkungen

1) Gerd Koenen, Utopie der Säuberung, Berlin 1998, S. 127

2) Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 1993, S. 257

3) ebenda, S. 258

4) Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Frankfurt 1973, S. 13

5) Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 1993, S. 186

6) Leo Trotzki, Die Lage der Republik und die Aufgaben der Arbeiterjugend, in: Fragen des Alltagslebens, Essen 2001, S. 135

7) Leo Trotzki, Gegen den aufgeklärten Bürokratismus (aber auch gegen den nicht aufgeklärten), in: Fragen des Alltagslebens, Essen 2001, S. 156

8) Leo Trotzki, ebenda, S. 159

9) Leo Trotzki, Verratene Revolution, Essen 1997, S. 106

10) Leo Trotzki, ebenda, S. 209 f.

11) Leo Trotzki, ebenda, S. 192

12) Leo Trotzki, Literatur und Revolution, Essen 1994, S. 252 (Betonung hinzugefügt)

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