Drei Jugendliche sprangen in den Tod

Der Gruppenselbstmord von Reichenbach

Von Hendrik Paul
14. September 2001

In der Nacht zum Sonntag, dem 26. August 2001, haben sich drei Jugendliche aus Reichenbach im sächsischen Vogtland das Leben genommen.

Michael M. (14 Jahre alt), Mike K. (17 Jahre) und René B. (18 Jahre) sprangen von der Göltzschtalbrücke, die Teil der Eisenbahnverbindung von Reichenbach nach Plauen ist, 78 Meter in die Tiefe und waren sofort tot. Der Jüngste und der Älteste hatten sich zuvor an den Handgelenken mit einem Seil aneinander gefesselt.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass sie weder unter Drogen noch unter Einfluss von Alkohol standen. Ebenso gibt es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. Todesursache war der Sturz aus großer Höhe.

Aus zwei Abschiedsbriefen, die bei ihnen gefunden wurden, spricht ihre Lebensmüdigkeit. "Wir sind mit dem Leben nicht mehr zufrieden. Wir haben uns etwas Besseres darunter vorgestellt", heißt es in dem einen. "Ich hatte keinen Bock mehr auf das Scheiß Leben. Ich will nur noch weg", brachte der andere Brief die Hoffnungslosigkeit der drei Jungen auf den Punkt.

Entsetzt und fassungslos blicken die Hinterbliebenen, die Einwohner der Stadt Reichenbach und natürlich die Politiker auf die Tat, ein Ausdruck allgemeiner Ratlosigkeit. Dies umso mehr, als alle drei für "sozial in keiner Weise auffällig" galten. Michael besuchte die neunte Klasse der Schule, zeichnete sich durch gute Noten und sportlichen Ehrgeiz aus. Mike war durch ein berufsvorbereitendes Jahr in Anspruch genommen, während René in einem Baubetrieb lernte.

Dennoch sahen sie keinen Sinn mehr darin, ihr Leben weiter zu führen. Das spricht nicht gegen die Bedeutung einer Ausbildung, um sich die materielle Lebensgrundlage zu sichern. Doch zeigt es, dass die Ansprüche der Jugend an ihre Zukunft offensichtlich komplexer sind und nicht einfach durch die Aufnahme einer Lehre befriedigt werden können, die vielleicht erst nach der zehnten oder zwanzigsten Bewerbung in irgend einem Beruf gelingt.

Die unmittelbaren Umstände des gemeinsamen Selbstmordes sind kaum bekannt. Der Presse waren nur sehr dürftige Hinweise zu entnehmen. Der Grund dafür ist, dass dieser Fall nicht zu bieten hatte, was die Medien gewöhnlich bei solch spektakulären Ereignissen zu finden hoffen. Stets bestrebt, tragische Ereignisse, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie Massenunfälle, Amokläufe oder eben Gruppenselbstmorde von Jugendlichen aus sich selbst oder ihren unmittelbaren Umständen heraus zu erklären, galt die Suche auch diesmal Besonderheiten in der Biografie oder den näheren Lebensumständen der drei Jungen, die eine Selbsttötung ausreichend begründen sollten.

Doch wie es scheint, war diese Suche erfolglos. Es stellte sich heraus, dass die drei Jungs offenbar nichts Außergewöhnliches an sich und ihrem Dasein hatten.

Die Presse griff schließlich begierig den Hinweis der Untersuchungsbehörden auf, dass auf den Briefen der Jugendlichen in der satanistischen Szene gebräuchliche Zeichen zu finden waren, wie z.B. ein auf den Kopf gestelltes christliches Kreuz oder die Zahl "666". Fortan wurden die Motive der Jungen in höllische Nebel gehüllt. "Sprung in den Tod bleibt rätselhaft", erklärte die Süddeutsche Zeitung. "Sprung in die Hölle", deutete der Tagesspiegel die mögliche Nähe zum Okkultismus an. Der Spiegel rief gar beschwörend: "Satan, bist Du unter uns?"

Die Frankfurter Rundschau fragte rundheraus: "Warum sprangen Michael, Mike und René in den Tod? War es Lebensüberdruss, oder gab es einen satanistischen Hintergrund?" Als handelte es sich bei dieser Fragestellung um eine wirkliche Alternative! Als ob der Satanismus nicht ein gerüttelt Maß an Lebensüberdruss voraussetzte!

Spekulationen über eine satanistische Szene in Reichenbach, Berichte über "Todes-Chats" im Internet und ein paar Interviews mit Sektenbeauftragten und Kirchenvertretern sollen die Motive für den Selbstmord aus der irdischen Welt ins Jenseits verlegen. Dabei spielt es auch keine Rolle mehr, wenn sich in diesen Berichten herausstellt, dass Selbstmord bei Satanisten "extrem verpönt" ist, oder dass der Inhalt der Abschiedsbriefe "‘mitnichten' auf einen okkult-satanistischen Hintergrund des Freitods" hindeutet. Der Akzent ist gesetzt und die Argumente werden für oder wider des Teufels Hand in dem tragischen Schicksal der drei Jugendlichen geordnet.

Dabei gibt es Anlass genug, hier auf Erden nach den Ursachen zu suchen. Die tatsächliche Frage ist doch: Was sagt es über den Zustand einer Gesellschaft aus, wenn Jugendliche und selbst Kinder trotz guter individueller Voraussetzungen beim Blick in ihre Zukunft des Lebens überdrüssig werden? Und ist die gewählte Form des Selbstmordes, eine Form die nicht zu übersehen ist, der gemeinsame Sprung von einer Brücke, die als weltgrößte ihrer Art eine Touristenattraktion ist, nicht vor allem ein Aufschrei, eine Anklage, eine Form des Protestes gegen diesen Zustand der Gesellschaft?

Jährlich scheiden in Deutschland mehr als 11.000 Menschen freiwillig aus dem Leben. Darunter befinden sich jedes Jahr mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche, das heißt Menschen unter 18 Jahren, die den Entschluss gefasst haben, ihr Leben zu beenden, noch bevor es richtig begonnen hat. Die wenigen Fälle, die davon in das öffentliche Bewusstsein gedrungen sind, waren meist von Abschiedsbriefen begleitet, die den im aktuellen Fall aufgefundenen sehr ähneln.

Die Fernsehsendung Panorama berichtete am vergangenen Wochenende von einem 13-jährigen Jungen aus Mecklenburg-Vorpommern, der sich vor etwa drei Monaten das Leben nahm, in dem er sich strangulierte und anzündete. Sein Abschiedsbrief: "An meine Freunde, Eltern und Bekannten. Das hier wird mein letztes Geschriebenes sein, weil ich mich erhänge. Mein Leben ist Scheiße, schlechte Noten, kaum Freunde. Hauptsächlich aber, weil mich die großen rechtsradikalen Arschlöcher in meiner Schule andauernd verprügeln."

Als von Juli bis November letzten Jahres das kleine Örtchen Klietz in der Nähe von Stendal im Norden Sachsen-Anhalts von einer Selbstmordserie Jugendlicher heimgesucht wurde, waren auch diese Selbstmorde von Sätzen begleitet, die von Perspektivlosigkeit geprägt waren: "Wenn sich die Welt nicht ändert, wechseln wir die Welt." Oder: "So geht es nicht weiter."

Doch auch wer seinerzeit seinem Leben nicht selbst ein Ende setzte, sprühte nicht gerade vor Hoffnung und Lebensfreude. "Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Ich will nicht mehr. Ich bin doch erst sechzehn. Ich bin doch noch nicht dran", sagte ein 16-jähriger Junge aus demselben Ort, der sich mit dem Gedanken trug, den Weg seiner Freunde zu gehen.

Damals, vor nicht einmal einem Jahr, sah sich Der Spiegel noch veranlasst, die Bedingungen in der Region etwas konkreter zu beschreiben: "Tatsächlich bietet die Region zwischen Havelberg und Tangermünde für Jugendliche wenig Perspektiven. Berlin und Magdeburg sind weit. Das schmucke Fachwerkstädtchen Havelberg hat weder ein Kino noch eine Disko, nicht einmal einen Bahnhof... Lehrer klagen über eine allgemein niedergedrückte Stimmung unter ihren Schülern... Die bei Regen und Nebel draußen herumlungernden Kinder sprechen schnell von Langeweile, Sinnlosigkeit oder sagen den Satz: ‘Hier hat doch jeder schon mal daran gedacht, sich umzubringen.'"

Heute beschreibt das Magazin den Sprung von der Brücke als Abenteuer in einer sonst langweiligen Kleinstadt, um dann im Schlusswort den drei Opfern noch einmal aufs Grab zu spucken: "Wenn es nicht die Drogen oder der Alkohol waren, vielleicht war es das Internet. Das Fernsehen. Der Kapitalismus. Der Teufel. Die Langeweile. Das Landleben. Irgendjemand muss ja Schuld sein."

Dabei hätte gerade Der Spiegel die Möglichkeit gehabt, die Umstände des Todessprunges tiefer zu erfassen. Schließlich hat er während der Sommerreise des Bundeskanzlers durch die ostdeutschen Bundesländer zehn Tage lang dieselben Regionen bereist und beschrieben und ist noch ganz frisch vertraut mit den jeweiligen Gegebenheiten und Chancen für die dortige Bevölkerung, bzw. deren Fehlen.

So beschrieb das Magazin am 23. August, nur drei Tage vor dem schrecklichen Ereignis, den Ort Wernesgrün, der nur wenige Kilometer von Reichenbach entfernt liegt und durch seine "Wernesgrüner Brauerei" bekannt ist. Der Bürgermeister kommt zu Wort und erklärt, dass die Arbeitslosigkeit in Wernesgrün zwar geringer sei als im übrigen Sachsen, aber der Jugend die Perspektive fehle. "Wir kommen an die jungen Leute nicht mehr heran. Uns laufen die Jugendlichen weg."

Von einem 15-jährigen Mädchen ist die Rede, das sich achtzehn Mal um eine Lehrstelle beworben hat, bevor es geklappt hat. Doch auch sie fügt hinzu: "Damit gehöre ich aber zu den wenigen Glücklichen." Ansonsten sei in dem Ort "total tote Hose".

Im vergangenen Jahr sind 43.000 Menschen mehr von Ost nach West gezogen als in umgekehrter Richtung. Das ist viermal so viel wie im Jahre 1997. Dazu kommen noch etwa 200.000 Berufspendler, die im Westen arbeiten müssen, um im Osten leben zu können. Knapp zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit im Durchschnitt in den neuen Bundesländern ohne wirkliche Aussicht auf eine Wende machen es nötig.

Dass die Medien dem Naheliegenden so wenig Interesse widmen und zum Teil angesichts des traurigen Schicksals dreier junger Menschen heute vergessen, worüber sie gestern noch geschrieben, ist sicher kein Zufall. Ebenso wenig zufällig ist es, wenn sie den leisesten Hinweis auf irrationale Motive aufgreifen und in den Vordergrund drängen.

Immer mehr Menschen verstehen, dass die Gesellschaft in ihrem gegenwärtigen Zustand der Jugend wenig zu bieten hat und sie unter Umständen in den Tod treiben kann. Ein ehemaliger Lehrer, der jetzt am Fuße der Göltzschtalbrücke Postkarten verkauft, fragt sich: "Wie können nur junge Menschen, die noch gar nicht wissen, was das Leben ist, sich freiwillig von ihm verabschieden? Da ist doch was faul im Staate." Und eine Mitarbeiterin der Leipziger Sektenberatung erklärt wie selbstverständlich, dass die Todessehnsucht der Jugendlichen meist mit Defiziten in ihrem Leben zu tun habe. "Die Politiker in Sachsen sollten aufhören, die Mittel für die Jugendarbeit immer weiter zu kürzen."

Für die Medien hingegen, die die Marktwirtschaft als die beste aller denkbaren Welten verteidigen, kann es nur eine Erklärung geben, wenn sich drei junge Menschen den Segnungen des Marktes durch den Freitod entziehen: Sie müssen - verrückt sein.

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