Verheerende Chemieexplosion in Toulouse

Von Marianne Arens und Françoise Thull
25. September 2001

Am Freitag den 21. September um 10.18 Uhr wurde die französische Stadt Toulouse von einer verheerenden Chemieexplosion erschüttert: In der Düngemittelfabrik AZF, Tochter von AtoFina und zum Erdölriesen TotalFinaElf gehörend, flogen zwei Fabrikhallen buchstäblich in die Luft. Nach ersten Erkenntnissen wurden 29 Menschen getötet und 34 lebensgefährlich verletzt; insgesamt waren es über 2400 Verletzte, die meisten erlitten Schnittverletzungen durch herumfliegende Glassplitter. Fünf Chemiearbeiter wurden auch am Sonntag Abend noch vermisst. Unter den Todesopfern befand sich auch ein 15-jähriger Junge.

In dem Werk arbeiteten 460 Beschäftigte in mehreren Schichten: Die anwesenden Arbeiter wurden durch die gewaltige Explosion völlig überrascht und hatten keine Chance, sich in Sicherheit zu bringen. Zwei Schornsteine stürzten ein, und von den zwei Hallen im Zentrum der Explosion blieb nur ein zehn Meter tiefer und fünfzig Meter breiter Krater übrig. Die Druckwelle schleuderte ganze LKW-Züge durch die Luft, brachte ein nahe gelegenes Einkaufszentrum zum Einsturz und beschädigte alle umliegenden Gebäude schwer.

Im Umkreis von fünf Kilometern gingen die Fensterscheiben zu Bruch. An einer Mittelschule in der Nachbarschaft wurden zahlreiche Schüler verletzt. Die Stadtautobahn in Richtung Süden wurde durch einen Schutthagel und Steinbrocken in ein Trümmerfeld verwandelt, zahlreiche Autos zerstört, ihre Fahrer verletzt.

Noch im drei Kilometer entfernten Stadtzentrum löste die Detonation eine Panik aus. Das Telefonnetz brach zusammen. Eine große orangefarbene Gaswolke bewegte sich in Richtung Stadtzentrum und es roch stechend nach Ammoniak. In der Innenstadt wurden Gasmasken verteilt. Die Untergrundbahn von Toulouse wurde wegen eindringendem Rauch evakuiert. Von der Präfektur erging die Warnung an die Bevölkerung, in den Häusern zu bleiben und die Fenster zu schließen, was für viele ein Problem war, da ihre Fensterscheiben soeben zu Bruch gegangen waren.

Der Flugplatz Toulouse-Blagnac und der Zentralbahnhof wurden geschlossen und 90 Schulen evakuiert. Die Einwohner wurden über Radio aufgefordert, kein Leitungswasser zu trinken und möglichst wenig Wasser zu verbrauchen. Als viele Menschen versuchten, in ihrem Auto aus der Stadt herauszukommen, fanden sie die südlichen Ausfallstraßen und die Ringstraße um das Zentrum herum polizeilich abgesperrt.

Die Schäden der schweren Explosion und ihrer Druckwelle im Großraum Toulouse dürften mehrere Milliarden Franc betragen. Noch in einer Entfernung von 80 km war die Detonation zu spüren, und im Geophysikalische Institut Straßburg, das alle seismischen Veränderungen überwacht, wurde die Erschütterung mit einem Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala verglichen.

Damit reiht sich das Unglück von Toulouse in die großen Chemiekatastrophen der modernen Industriegeschichte ein, zu denen die Explosion von 1921 im Oppauer Stickstoffwerk mit über 500 Toten, wie auch die Unfälle von Seveso und Bophal mit Hunderten bzw. Tausenden Opfern gehörten.

Kein Wunder, dass die Explosion - gerade zehn Tage nach den Anschlägen auf New York und Washington und inmitten der Anti-Terrorismus-Hysterie der gesamten Politik- und Medienlandschaft - in der Bevölkerung im ersten Moment Angst vor einem neuen Attentat auslöste. Der schnell herbeigeeilte französische Premier, Lionel Jospin, erklärte, er selbst schließe nicht aus, dass die Ursache der Explosion vielleicht "nicht auf einen Unfall zurückzuführen sei".

Toulouse ist jedoch eher ein klassisches Beispiel dafür, dass es im modernen Kapitalismus auch ohne Terroranschläge zu schrecklichen Katastrophen kommen kann. Um ein Haar hätte es am Freitag viele Hunderte Tote geben können, denn weitere gefährliche Chemiewerke stehen in dichter Nähe von AZF, darunter eine Sprengstofffabrik der SNPE (Société Nationale des Poudres et Explosifs), die den hochexplosiven Treibstoff für die Ariane-Raketen produziert. Toulouse ist der Hauptsitz der französischen Luft- und Raumfahrtindustrie.

Die petrochemische Fabrik AZF galt seit Jahren als tickende Zeitbombe. Das Gefahrenpotential des Werks war bestens bekannt und sorgte bei allen Kommunalwahlen für Diskussionsstoff. Die Fabrik war in die Gefährlichkeitskategorie "Seveso-II" eingestuft, d.h. sie stand zusammen mit 400 weiteren Industrieanlagen auf der Liste von 1250 Werken und Knotenpunkten Frankreichs, die im Fall eines Unglücks erhebliche Gefahren für die Umwelt darstellen.

Im staatlichen Fernsehen wurde berichtet, Sicherheitsinspekteure hätten bei einem Kontrollbesuch im vergangenen Jahr Mängel an der Anlage beanstandet. In ihrem Bericht sei besonders vor der Explosionsgefahr gewarnt worden. Nach einem Bericht der NZZ-Online sollen die Experten für Betriebssicherheit noch vergangene Woche alarmierende Hinweise bekommen haben, dass es Lecks in der Anlage gab, durch welche flüssiges Ammoniakgas ausgetreten sein könnte.

Die französische Chemiegewerkschaft FCE-CFDT forderte eine Untersuchung, ob das Unglück nicht "ein Ergebnis der weitverbreiteten Kostensenkungsmaßnahmen" in der chemischen Industrie sei. In den letzten Jahren waren auch hier Arbeitsplätze abgebaut und ein Teil der Sicherheitsaufgaben an eine Fremdfirma übertragen worden. Bisher hatte die Chemiegewerkschaft darin allerdings nie ein akutes Problem gesehen.

In dem Werk wurden 300 Tonnen Ammoniumnitrat gelagert. Auch wenn die Ursache für die Explosion noch nicht geklärt ist, ist wohlbekannt, dass Ammoniumnitrat detonieren kann, wenn es überhitzt wird oder mit organischen Stoffen (Öl, Kohle, etc.) in Berührung kommt.

Dies war auch der Grund, warum es immer wieder Forderungen von Anwohnerinitiativen gab, AZF - den größten Düngemittelhersteller Frankreichs - aus diesem Gebiet zu verlagern. Als die Fabrik 1924 gegründet wurde, befand sich ihr Standort noch weit außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese. Doch heute liegt sie mitten in einem belebten Stadtgebiet, in der Nachbarschaft einer Autobahn und des Wohnviertels Le Mirail, wo eine Reihe von Hochhäusern (sozialer Wohnungsbau) und Schulen stehen. Doch TotalFinaElf drohte nur damit, die Produktion dann ganz nach Polen zu verlegen.

Premierminister Jospin selbst rechtfertigte am Freitag diese Haltung noch, als er sagte, eine Chemiefabrik sei eben kein Imbissstand, dessen Standort man beliebig wechseln könne.

Diese Haltung der Regierung ist nicht neu. Sie hat die TotalFinaElf immer mit Glacéhandschuhen angefasst: Schon als der marode Ölfrachter "Erika" vor zwei Jahren sank und sein Besitzer - die TotalFinaElf - sich weigerte, die Kosten für die daraus entstehende Umweltkatastrophe zu tragen, wurde dies von der Jospin-Regierung akzeptiert.

Im Stadtviertel Le Mirail weigerten sich am Samstagabend mehrere hundert Mieter, in ihre Wohnungen zurückzukehren. Sie fürchteten den Einsturz der schwer erschütterten Hochhäuser. Erst durch ihren Protest erreichten sie, dass die Stadt sie in Notunterkünften einquartierte und ihre Versorgung übernahm.

Siehe auch:
Die Ölpest vor der Bretagne, TotalFina und die französische Regierung
(7. April 2000)

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