Die politischen Wurzeln der Terroranschläge in New York und Washington

Von der Redaktion
13. September 2001

Die World Socialist Website verurteilt unzweideutig die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon. Die Täter, die vier Passagierflugzeuge entführten und in fliegende Bomben verwandelten, haben sich des Massenmords schuldig gemacht. Auf der Grundlage einer solchen wahllosen, brutalen Vernichtung von Menschenleben kann nichts gesellschaftlich Progressives geschaffen werden.

Hinter diesen terroristischen Mordtaten steht eine tödliche Mischung aus demoralisiertem Pessimismus, religiösem und ultra-nationalistischem Obskurantismus und, auch das muss gesagt werden, übelstem politischen Opportunismus. Terroristische Organisationen gehen in ihrer Taktik - ungeachtet ihrer anti-amerikanischen Rhetorik - davon aus, dass willkürliche Akte grauenhafter Gewalt die herrschende Klasse in den USA zu einer Änderung ihrer Politik zwingen werden. Sie hoffen also letztlich auf einen Deal mit Washington.

Wie immer sie auch gerechtfertigt werden mag, die Methode des Terrorismus ist von Grund auf reaktionär. Weit davon entfernt, dem imperialistischen Militarismus schwere Schläge zu versetzen, spielt der Terrorismus denjenigen Kräften innerhalb des US-Establishments in die Hände, die solche Ereignisse begierig aufgreifen, um zu rechtfertigen, dass die herrschende Elite ihre geopolitischen und ökonomischen Interessen mit den Mitteln des Krieges verfolgt. Er untergräbt das Bemühen um die internationale Einheit der Arbeiterklasse und erschwert die Aufklärung der amerikanischen Bevölkerung über die Geschichte und Politik, die den Hintergrund zu den heutigen Entwicklungen im Nahen Osten bildet.

Wir verurteilen die terroristischen Gräueltaten vom Dienstag, doch dies bedeutet keinerlei Abschwächung unserer prinzipiellen und unversöhnlichen Opposition gegen die Politik der US-amerikanischen Regierung. Wer verstehen will, warum und weshalb es zu den gestrigen Ereignissen kam, der muss die historische und politische Rolle betrachten, die die USA, insbesondere in den vergangenen 30 Jahren, im Nahen Osten gespielt haben. Die hartnäckigen Versuche des amerikanischen Imperialismus, seine Kontrolle über die Ölressourcen dieser Region zu sichern, die unter anderem mit einer vorbehaltlosen Unterstützung für die Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch den israelischen Staat verbunden war, hat die Vereinigten Staaten in schroffen Gegensatz zu den legitimen demokratischen, nationalen und sozialen Bestrebungen der arabischen Massen gebracht, die sich nicht ersticken lassen.

Unmittelbar nach den Ereignissen vom Dienstag haben Politiker und Kommentatoren die Amerikaner immer wieder beschworen, zu begreifen, dass die Zerstörung des World Trade Center gleichbedeutend mit dem Kriegszustand sei und dass sich die Vereinigten Staaten nun dementsprechend verhalten müssten. Tatsache ist jedoch, dass die US-Regierung im Nahen Osten bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten in der einen oder anderen Form ganz direkt Krieg führt.

Abgesehen von der umfangreichen materiellen Unterstützung, die sie für israelische Militäroperationen gewähren, haben die Vereinigten Staaten seit 1983 nahezu ununterbrochen irgendein Land im Nahen Osten bombardiert. US-Bomber und/oder Kriegsschiffe haben den Libanon, Libyen, Irak, Iran, den Sudan und Afghanistan angegriffen. Seit nahezu zwölf Jahren führen die USA militärische Operationen gegen den Irak durch, ohne ihm je offiziell den Krieg erklärt zu haben. Die anhaltende tägliche Bombardierung des Irak wird in den amerikanischen Medien kaum erwähnt. Man hat nicht einmal versucht, die Gesamtzahl der Iraker zu ermitteln, die seit 1991 von amerikanischen Bomben getötet worden sind.

Wen wundert es angesichts dieser bestialischen Vorgeschichte, dass die Opfer nun zur Gegenwehr greifen wollen?

Dieselben Medien, die jetzt nach Blut schreien, haben den Einsatz von Gewalt stets begrüßt, wenn sie sich gegen ein Land oder Volk richtete, das den Interessen der USA vermeintlich im Wege stand. Wir erinnern nur an die Worte von Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, über die serbische Bevölkerung während der Bombenangriffe der USA 1999: "In Belgrad müssen alle Lichter ausgehen: jedes Kraftwerk, jede Wasserleitung, jede Straße und jede kriegswichtige Fabrik muss getroffen werden... Wir werden Euer Land zurückwerfen, indem wir es in Schutt und Asche legen. Wollt Ihr ins Jahr 1950 zurück? Bitte sehr. Oder soll es 1389 sein? Auch das können wir."

Die Außenpolitik der USA ist eine Mischung aus Zynismus, Brutalität und Verantwortungslosigkeit. Washington verfolgt einen Kurs, der in großen Teilen der Weltbevölkerung einen solchen Hass erzeugt, dass sich Rekruten für blutige Terroroperationen finden. In seltenen Momenten der Aufrichtigkeit geben außenpolitische Experten zu, dass das Vorgehen der Vereinigten Staaten Hass und den Wunsch nach Rache weckt. Während des Balkankrieges erklärte der ehemalige Außenminister Lawrence Eagleburger: "Wir bieten dem Rest der Welt das Bild eines Tyrannen, der am Schalthebel sitzt. Wir drücken auf einen Knopf, die Menschen draußen sterben, und uns kostet es nur den Preis einer Rakete... das wird sich in den kommenden Jahren in unserem Umgang mit dem Rest der Welt noch rächen."

Diese Einsicht hinderte denselben Eagleburger nicht daran, am Dienstag Abend zu erklären, dass die Vereinigten Staaten die Zerstörung des World Trade Center mit der sofortigen Bombardierung jedes Landes beantworten sollten, das möglicherweise etwas damit zu tun habe.

George W. Bushs Ansprache an die Nation am Dienstag Abend verkörperte die ganze Arroganz und Blindheit der amerikanischen herrschenden Klasse. Dutzende Millionen Menschen sehen in Amerika eben nicht "das strahlendste Leuchtfeuer der Freiheit und der Chancen auf der Welt", sondern den Hauptfeind ihrer demokratischen Menschenrechte und die Hauptquelle ihrer Unterdrückung. In ihrer Vermessenheit und ihrem Zynismus bildet sich die amerikanische herrschende Elite ein, sie könne rund um die Welt ihre gewalttätigen Unternehmungen betreiben, ohne damit zugleich die politischen Voraussetzungen für gewalttätige Racheakte zu erzeugen.

Unmittelbar nach den Angriffen vom Dienstag erklärten die amerikanischen Behörden und Medien wieder Osama bin Laden für verantwortlich. Vielleicht haben sie Recht, wenn sie auch wie üblich keine Beweise für ihre Behauptungen anführen.

Doch der Vorwurf, dass bin Laden der Schuldige sei, wirft eine Menge beunruhigender Fragen auf. Angesichts der Tatsache, dass die USA bereits seit längerem dieses Individuum zum gefährlichsten Terroristen der Welt erklärt haben, dessen Bewegungen unter Einsatz modernster Technologie von einem riesigen Geheimdienstapparat minutiös verfolgt werden, stellt sich die Frage, wie bin Laden einen derart komplexen Angriff organisieren konnte, ohne entdeckt zu werden. Noch dazu einen Angriff auf denselben Wolkenkratzer in New York, der bereits 1993 Ziel eines seiner Anschläge war?

Der verheerende Erfolg des Angriffs würde in diesem Fall bedeuten, dass der Kreuzzug gegen den Terrorismus von Seiten der amerikanischen Regierung in erster Linie eine Propagandakampagne war, mit der die Gewalttaten des amerikanischen Militärs auf der ganzen Welt gerechtfertigt werden sollten, und weniger ein gewissenhaftes Bemühen um den Schutz der amerikanischen Bevölkerung zum Ausdruck brachte.

Darüber hinaus waren sowohl bin Laden als auch die Taliban-Mullahs (denen die USA seine Beherbergung vorwerfen) von der Regierung Reagan-Bush finanziert und bewaffnet worden, um in den 80-er Jahren prosowjetische Regierungen in Afghanistan zu bekämpfen. Wenn sie tatsächlich an den Operationen vom Dienstag beteiligt waren, dann haben die CIA und das politische Establishment in Amerika diejenigen Kräfte gezüchtet, die für den brutalsten Angriff auf amerikanische Zivilisten in der Geschichte der USA verantwortlich sind.

Die Eskalation des US-Militarismus im Ausland wird unweigerlich mit verstärkten Angriffen auf demokratische Rechte im Inland einhergehen. Die ersten Opfer des Kriegsfiebers, das jetzt geschürt wird, sind die Amerikaner arabischer Abstammung, die infolge der Medienhysterie bereits mit Morddrohungen und anderen Einschüchterungsversuchen konfrontiert sind.

Mit der Forderung nach einer Kriegserklärung stellen jetzt Politiker sowohl der Republikanischen als auch der Demokratischen Partei ein umfassendes Vorgehen gegen Gegner der amerikanischen Außenpolitik in Aussicht. General Norman Schwarzkopf, der 1991 den Einmarsch der amerikanischen Truppen in Irak befehligte, brachte die Ansichten eines großen Teils der politischen und militärischen Elite zum Ausdruck, als er im Fernsehen erklärte, dass der Krieg gegen vermeintliche Unterstützer des Terrorismus nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der USA geführt werden müsse.

Nichts anderes als die Politik der USA, die von den strategischen und finanziellen Interessen der herrschenden Elite bestimmt wird, schuf die Voraussetzungen für den Alptraum vom Dienstag. Die jetzt von der Bush-Regierung erwogenen Maßnahmen - der Präsident drohte, man werde "nicht unterscheiden zwischen den Terroristen, die diese Taten begingen, und denjenigen, die ihnen Unterschlupf gewähren" - werden nur weiteren Katastrophen den Boden bereiten.

Siehe auch:
Nach der Schlächterei: Politische Lehren aus dem Balkankrieg
(16. Juni 1999)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - September 2001 enthalten.)

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