Milzbrandgefahr in den USA: Warum wird über den rechtsradikalen Terrorismus geschwiegen?

Von Patrick Martin
30. Oktober 2001

Bei der massiven Medienberichterstattung über die Milzbrand-Angriffe in Florida, New Jersey, New York und Washington DC wird eine zentrale politische Frage unterdrückt. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass für die mit Milzbrand-Sporen kontaminierten Briefe an Medien und Regierungsstellen rechtsradikale Extremisten verantwortlich sind, die Panik verbreiten und die Bedingungen für weitere Angriffe auf demokratische Rechte schaffen wollen. Viele dieser Elemente haben enge Beziehungen zur republikanischen Partei und zur Bush-Regierung.

Es ist mittlerweile so viel Desinformation von Regierungssprechern in die Welt gesetzt und von den Medien weiterverbreitet worden, dass man vieler Fakten um die Milzbrand-Bedrohung herum nicht sicher sein kann. Mehr als ein Dutzend Menschen haben sich mit der Krankheit infiziert, die bei Menschen relativ selten vorkommt, aber bei Tieren auf Bauernhöfen nicht ungewöhnlich ist. Drei Menschen sind gestorben und vier weitere haben sich mit der gefährlicheren Lungenvariante der Krankheit angesteckt. Drei Briefe mit Milzbrand-Keimen in Puderform wurden entdeckt, einer bei NBC News, einer bei der New York Post, der dritte im Büro von Tom Daschle, dem Mehrheitsführer im Senat.

Tausende sind auf eine mögliche Ansteckung hin untersucht worden, Hunderttausende durch die Schließung von Schulen, Arbeitsstätten und öffentlichen Einrichtungen und durch den Ausfall von Zügen, Flugzeugen und Bussen betroffen worden. Die überwiegende Mehrheit der Berichte über eine vermutete Verseuchung mit Milzbrand erwiesen sich als Fehlalarm oder als das Ergebnis von Panikreaktionen, die in erster Linie durch eine beinahe hysterische Berichterstattung in den Medien hervorgerufen wurden.

Bei Dutzenden Menschen wurden Milzbrand-Sporen nachgewiesen, aber die Mehrheit von ihnen war nicht infiziert. Die Bedeutung dieser Ergebnisse ist unklar. Die Tests weisen das Vorhandensein von Milzbrand-Antikörpern nach, aber es ist nicht leicht festzustellen, wann diese Personen mit Milzbrand in Kontakt gekommen sind. Viele, die positiv getestet werden, sind vielleicht nicht Opfer einer aktuellen terroristischen Attacke geworden, sondern können irgendwann in ihrem Leben einmal mit dem Bakterium in Kontakt gekommen sein.

Eine ähnliche Unsicherheit besteht über die Aussagekraft der Anwesenheit von Sporen in meistens minimalster Konzentration in Postämtern und anderen Postverteilstellen. Es ist bekannt, dass Milzbrandsporen bis zu achtzig Jahren im Boden überleben können. Die Gesundheitsämter haben noch keine Angaben über das "normale" Vorkommen von Milzbrand-Antikörpern in der Bevölkerung oder von Milzbrandsporen in der Umwelt gemacht, mit denen man die gegenwärtigen Testergebnisse vergleichen könnte.

Die Bilanz des Rechtsterrorismus

Die Medien fördern mit der stillschweigenden Ermutigung durch die Bush-Regierung und Kongressführer die Vorstellung, dass die Milzbrand-Attacken nach den Selbstmordattentaten vom 11. September eine zweite Welle von Nahost-Terrorismus seien. Es gibt sporadische Versuche, die Milzbrandbriefe mit dem irakischen Regime von Saddam Hussein in Verbindung zu bringen, obwohl keiner der bisher veröffentlichten Hinweise einen solchen Verdacht stützt. Im Gegenteil lassen die Umstände der Milzbrand Angriffe - die angewandten Methoden, die Ziele, bisherige Erfahrungen - vermuten, dass einheimische amerikanische Faschisten die Täter sind.

In den letzten beiden Jahrzehnten haben in der republikanischen Partei extrem rechte und christlich fundamentalistische Elemente Einfluss gewonnen, von denen viele Verbindungen zum faschistischen Untergrund, bestehend aus Rassisten, Milizfanatikern und Abtreibungsgegnern, haben. Einzelpersonen und Gruppen, die die politischen Ansichten der Ultrarechten teilen, waren in den letzten Jahren für die große Mehrheit terroristischer Anschläge in den Vereinigten Staaten verantwortlich, darunter auch für den blutigsten Anschlag in der Geschichte der USA vor dem 11. September - den Bombenanschlag von Oklahoma City im Jahre 1995, bei dem 168 Menschen getötet wurden. Die Tat war von einem Sympathisanten rechter Milizen, Timothy McVeigh, begangen worden. Anti-Abtreibungsextremisten haben Ärzte ermordet, Bombenanschläge auf Kliniken verübt und bei den Olympischen Spielen von Atlanta 1996 eine Bombe gelegt, die einen Menschen tötete.

Schon in der Vergangenheit haben rechtsradikale Elemente versucht, Milzbrand als Terrorwaffe in die Hände zu bekommen. 1998 wurde ein Mikrobiologe mit Verbindungen zu Gruppen weißer Rassisten in Las Vegas wegen des unerlaubten Besitzes einer Milzbrandkultur verhaftet, die sich allerdings als nicht tödlich herausstellte. 1999 sagte FBI-Direktor Louis Freeh vor dem Kongress aus, dass "eine kleine, aber wachsende Zahl von 'Einzeltätern' und extremistischen Splitterelementen rechter Gruppen Massenvernichtungswaffen entweder besitzen, zu entwickeln versuchen oder einsetzen."

Erst im Mai habe das FBI, so Freeh vor einem Kongressausschuss, "zwei von organisierten rechtsradikalen Extremisten geplante große Anschläge mit potentiell vielen Opfern" verhindert. Z.B. sollte ein großes Propangaslager in Elk Grove in Kalifornien in die Luft gejagt, Waffenlager der Nationalgarde überfallen und Hochspannungsleitungen in mehreren südlichen Bundesstaaten zerstört werden. Im letzteren Fall, bei dem Milizen aus Georgia, South Carolina und Florida beteiligt waren, habe das Ziel laut Freeh darin bestanden, "ein soziales und politisches Chaos zu verursachen und dadurch die US-Regierung zu zwingen, das Kriegsrecht zu verhängen; diese Maßnahme würde dann zum gewaltsamen Sturz der Regierung durch das amerikanische Volk führen, glaubte die Gruppe."

Schon früher haben rechte Elemente mit der Verbreitung von Milzbrand gedroht. Einem kalifornischen Zentrum zu Folge, das solche Ereignisse beobachtet, gab es in den Vereinigten Staaten von Januar 1998 bis April 2001 172 falsche Drohungen mit Milzbrand. Ein Drittel davon richtete sich gegen Abtreibungskliniken. Die momentanen Angriffe mit Milzbrand sind von einer ganzen Welle von Drohungen gegen Abtreibungskliniken und Schwangerschaftsberatungsbüros überall in den USA begleitet. Über diese Drohungen wurde in den Medien so gut wie nicht berichtet.

Der Nationale Abtreibungsverband hat mitgeteilt, dass mehr als dreißig Kliniken in 14 Bundesstaaten und im District of Columbia Briefe erhalten hätten, in denen sich angeblich Milzbranderreger befanden. Einige Briefe erwähnten die Army of God, eine Gruppe von extrem rechten Abtreibungsgegnern. Der Verband der Schwangerschaftsberatungsstellen hat erklärt, dass 90 seiner Büros und Abtreibungskliniken in mehr als einem Dutzend Staaten ähnliche Drohungen erhalten hätten. Alle sechs Familienplanungskliniken in Washington DC erhielten mit Pulver gefüllte Briefumschläge mit einer Mitteilung der Army of God mit dem Hinweis: "Sie sind Milzbranderregern ausgesetzt worden. Wir werden euch alle töten."

Auch die Auswahl der Ziele deutet darauf hin, dass rechte Extremisten für die aktuellen Milzbrand-Attacken verantwortlich sind: Senator Daschle, der prominenteste Demokrat in Washington und die Büros der großen Fernsehgesellschaften, die von der extremen Rechten, wenn auch fälschlicherweise, als Bastionen des Liberalismus angesehen werden. Alle bisherigen Opfer waren Beschäftigte der Bundesregierung und der Medien, die von der extremen Rechten seit langem dämonisiert werden.

Die Rolle der Medien

Oftmals ist das, was in den amerikanischen Medien nicht vorkommt, ebenso bedeutsam, wie das, was vorkommt. Es scheint, als ob der Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon die blutigen Erfahrungen mit dem rechtsradikalen Terrorismus in den Vereinigten Staaten ausgelöscht hätte - den Una-Bomber, Oklahoma City, die Rassisten von Aryan Nation, Bombenanschläge und Morde der Abtreibungsgegner. Wenn die Milzbrand-Anschläge vor dem 11. September stattgefunden hätten, dann wären die ersten Verdächtigen fanatische Abtreibungsgegner und rechte Milizfanatiker gewesen, die vielleicht die Hinrichtung von Timothy McVeigh rächen wollen.

Das Weiße Haus und das Pentagon sind sich darüber im Klaren, dass eine eindeutig hergestellte Verbindung zwischen den Milzbrand-Anschlägen und einheimischen amerikanischen Rechten ihren Bemühungen zuwiderliefe, die Unterstützung der Öffentlichkeit für die amerikanische Militärintervention in Zentralasien zu sichern. Zwar wird zugegeben, dass es keine konkreten Beweise für eine Verwicklung islamischer Fundamentalisten oder gar des Irak gibt, aber dennoch ermutigt die Bush-Regierung im Stillen den Glauben, dass Terroristen aus dem Nahen Osten für die Milzbrand Briefe verantwortlich seien.

Die Ermittler in Sachen Milzbrand-Briefe sehen sich inzwischen gezwungen, die Möglichkeit einer Beteiligung der Rechten in Betracht zu ziehen, und Hinweise in diese Richtung haben sich auch schon in einige Zeitungsberichte eingeschlichen. Einem Bericht der New York Times vom 24. Oktober zu Folge haben "Ermittler, die zuerst glaubten, die Milzbranderreger in dem Brief an Senator Daschle seien so fein verarbeitet und so hoch konzentriert gewesen, dass sie vermutlich aus einem staatlichen Rüstungsprogramm stammten, ihre Einschätzung jetzt geändert." Eine FBI-Quelle äußerte gegenüber Associated Press, das Milzbrandpulver könnte "unter günstigen Umständen auch lokal hergestellt werden".

Die Washington Post berichtete am gleichen Tag: "Ermittler haben keine Verbindung zwischen dem Anschlag vom 11. September und den Milzbrand-Briefen gefunden, sagten zahlreiche Beamte gestern. Obwohl sie weiterhin unter der Annahme arbeiten, dass es eine Verbindung geben könnte, sagen die Ermittler des FBI, des US Postal Service und anderer Agenturen privat, dass die Briefe keine Kennzeichen aufweisen, die auf eine terroristische al-Quaeda-Operation hinweisen, und eher aus einer inländischen Quelle zu stammen scheinen."

Am 26. Oktober erklärte der Pressesprecher des Weißen Hauses, dass Bundesermittler zu dem Schluss gelangt seien, ein fähiger Mikrobiologe mit Zugang zu Labors habe die in den Briefen verwandten Milzbranderreger ohne einen großen militärischen oder staatlichen Apparat herstellen können. Er gab zu, dass die Substanz "von einem größeren Kreis" hergestellt worden könnte, als nur von den ausländischen Regierungen, die in den Spekulationen der Medien immer wieder genannt wurden, vor allem dem Irak und der ehemaligen Sowjetunion.

Noch vielsagender ist ein längerer Artikel auf der Titelseite der Washington Post vom 26. Oktober, in dem berichtet wird, dass das an Daschles Büro geschickte Milzbrandpulver chemisch behandelt gewesen sei, damit es sich schneller in der Luft verbreite. "Die Vereinigten Staaten, die ehemalige Sowjetunion und der Irak sind die einzigen Länder, von denen bekannt sei, dass sie solche Additive entwickelt haben," schreibt die Zeitung. Und dann heißt es: "Ein Regierungsbeamter mit Überblick über die gesamte Untersuchung sagte gestern, dass es auf Grundlage der Erkenntnisse unwahrscheinlich sei, dass die Sporen ursprünglich in der ehemaligen Sowjetunion oder im Irak hergestellt worden seien."

Diese Erklärung legt den Schluss nahe, dass die an Daschles Büro geschickten Milzbranderreger entweder aus amerikanischen Militärvorräten gestohlen oder direkt von amerikanischem Militärpersonal mit Zugang zu den Vorräten geliefert wurden. In beiden Fällen ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass das Milzbrand an amerikanische Faschisten weitergegeben wurde, die zahlreiche Sympathisanten beim Militär haben, als an islamische Fundamentalisten.

Siehe auch:
Warum hat es die Regierung so eilig, McVeigh hinzurichten?
(6. Juni 2001)
Timothy McVeigh - Der Werdegang eines Massenmörders
( 26. April 2001)

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