Die amerikanische Kriegsoffensive und die Destabilisierung Ägyptens

Erster Teil

Von Jean Shaoul
16. November 2001

Dies ist der erste Teil einer Untersuchung der modernen Geschichte Ägyptens. Der zweite, abschließende Teil wird morgen veröffentlicht.

Der US-Krieg gegen Afghanistan hat den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak - einen der bedeutendsten strategischen und politischen Verbündeten Washingtons in der arabischen Welt - politisch stärker isoliert als je zuvor. Wenn sich die herrschende Militärclique in Kairo zu offensichtlich dem amerikanischen Diktat unterordnet, droht ihr eine politische Explosion in einem Land, in dem die sozialen Spannungen bereits zum Zerreißen gespannt sind.

Zwar hat Mubarak die Anschläge vom 11. September verurteilt und die US-Kampagne gegen Terrorismus ausdrücklich gebilligt, doch wagte er es nicht, den amerikanischen Krieg gegen Afghanistan offen zu unterstützen. In Ägypten stößt schon die Rückendeckung Amerikas für Israels brutale Behandlung der Palästinenser, sowie die britisch-amerikanische Bombardierung des Irak seit zehn Jahren auf einhellige Ablehnung. Jetzt sorgt die Militäraktion gegen Afghanistan noch zusätzlich für böses Blut. Viele Ägypter bezweifeln, das Osama bin Laden wirklich hinter den terroristischen Gräueltaten in den USA stecke, und es kam schon zu mehreren großen Demonstrationen gegen die USA mit Slogans wie "Bush ist der Feind Gottes" und "Ägypten und der Sudan kommen als nächste dran".

Als der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Anfang Oktober Kairo besuchte, um Unterstützung für den US-Krieg zu mobilisieren, sah sich Mubarak gezwungen, ihm rundheraus zu erklären, dass "die ägyptische Armee für die Verteidigung des ägyptischen Territoriums zuständig" sei. Doch ließ er kurz darauf seine ursprüngliche Aufforderung an die USA fallen, sie sollten doch erst einmal Beweise für bin Ladens Verantwortung für die Terroranschläge liefern, ehe sie Vergeltung übten, und die Militäraktionen müssten über die Vereinten Nationen laufen. Nach einem Bericht in Africa Confidential weigerte sich der Außenminister Ahmed Maher anlässlich einer Konferenz in der Amerikanischen Universität von Kairo, die Frage zu beantworten, ob die USA seiner Meinung nach den Fall bewiesen hätten. "Wir sind nicht die Untersuchungsrichter und wir vertrauen der Justiz der USA," erklärte er.

Die US-Luftangriffe sind so unpopulär, dass Mubarak erst einige Tage nach ihrem Beginn ans Mikrofon trat. "Wir unterstützen alle Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten ergreifen, um den Terrorismus zu bekämpfen, weil auch wir unter dem Terrorismus gelitten haben," sagte er.

In den letzten zwanzig Jahre hat in Ägypten die Moslembruderschaft einen enormen Aufschwung erlebt. Obwohl sie heute angeblich Gewalt ablehnt, war diese religiös fundamentalistische Gruppe in den dreißiger Jahren eng mit den Faschisten verbunden und ist für zahlreiche politische Morde, darunter auch die Ermordung des ägyptischen Premierministers 1948, verantwortlich. In den vierziger Jahren zettelte sie wiederholt arbeiterfeindliche Ausschreitungen an. In jüngerer Zeit sind mindestens zwei terroristische Gruppen, El Gama'a el Islamiya und Jihad, aus ihr hervorgegangen, die für mehrere Bombenanschläge verantwortlich zeichneten.

Zwar herrschte in den letzten zwei Jahren ein Zustand der relativen Ruhe, seitdem sich die El Gama'a für einen Waffenstillstand entschieden und Jihad ihre Operationen nach Afghanistan verlegt hat. Die Regierung entließ mehrere Tausend Menschen aus dem Gefängnis, wo sie ohne Prozess festgehalten worden waren, und reduzierte die Anzahl der Militärgerichtsprozesse.

Doch jetzt geht Mubarak offensichtlich erneut von drohenden politischen Unruhen aus. Er hat das staatliche Fernsehen für die Islamisten geöffnet, um seine eigene muslimische Gefolgschaft bei der Stange zu halten und seinen politischen Opponenten zuvorzukommen. Wichtiger noch, er benutzt den 11. September für seinen Privatkrieg gegen den "Terrorismus" in Ägypten und hat ein rücksichtsloses Vorgehen gegen seine politischen Gegner angekündigt, was die Spannungen noch verschärft.

Obwohl die Moslembruderschaft die Erklärung Mubaraks gegen den internationalen Terrorismus offiziell unterstützt, wurden vier ihrer Mitglieder in Alexandria verhaftet. Die Regierung hat gegen 243 angebliche Kämpfer, die jahrelang im Gefängnis saßen, einen Militärprozess eröffnet, in dem die Anhörungen kurz, die Strafen drakonisch und die Appellationsrechte nicht vorhanden sind. 170 von ihnen gehören angeblich der Gama'a an.

Versammlungen in Moschen außerhalb der normalen Gebetszeiten wurden verboten. Das Demonstrationsrecht wurde eingeschränkt. Laut dem Economist wurde dieser Angriff der Regierung auch auf unpolitische Aktivitäten ausgeweitet. Mehrere Dutzend junger Männer, die festgenommen worden waren, nachdem es nach wiederholter Unfallflucht an der Durchgangsstraße durch ihr Dorf spontan zu Unruhen gekommen war, wurden vor das staatliche Sicherheitsgericht gebracht, vor dem normalerweise politische Prozesse verhandelt werden.

Die heutige Monopolisierung politischer Unzufriedenheit durch islamistische Gruppen ist ein bitteres Erbe des Verrats der stalinistischen Kommunistischen Partei und der Unterordnung der ägyptischen Arbeiterklasse, der größten und mächtigsten im Nahen Osten, unter die nationale Bourgeoisie. Um die Bedingungen und Entwicklungsprozesse zu verstehen, die ein so reaktionäres politisches Klima hervorgerufen haben, ist es notwendig, die jüngere Geschichte Ägyptens zu untersuchen.

Der Putsch der Freien Offiziere und Nassers Machtaufstieg von 1952-1954

Am Ende des zweiten Weltkriegs befand sich Ägypten in politischer Gärung. Fast alle sozialen Schichten versuchten, das Joch des britischen Imperialismus abzuschütteln. Großbritannien hatte nach dem ersten Weltkrieg eine Monarchie aufgebaut und akzeptierte jetzt nur widerwillig die formale Unabhängigkeit. In Gestalt seiner Marionette, des Königs Farouk, übte es seine Herrschaft über Ägypten weiterhin aus. Dank dem anglo-ägyptischen Pakt von 1936 waren nach wie vor britische Truppen stationiert. England besaß und kontrollierte gemeinsam mit Frankreich den Suezkanal, Ägyptens größte Einkommens- und Beschäftigungsquelle.

Während der Krieg selbst die Wirtschaft angekurbelt hatte, weil Ägypten strategisch und geographisch für den britischen Imperialismus wichtig war, bescherte das Kriegsende der Wirtschaft einen enormen Niedergang. Die ägyptische nationale Bourgeoisie, von England und Frankreich hart bedrängt, war voller Zorn. Die zunehmend mächtige Industriearbeiterklasse versuchte, ihre sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Für die Bauern war die Landreform das vorrangige Thema. Die Armeeangehörigen waren verbittert über die Niederlage, die der neue Staat Israel den zahlenmäßig überlegenen arabischen Kräften 1948 beigefügt hatte.

Die Wafd, die von Zaghulul Pasha gegründete Partei, stand seit dem Aufstand gegen Großbritannien im Jahr 1919 an der Spitze der nationalen Bewegung, doch 1944 verlor sie ihre Kontrolle über die Arbeiterklasse. An die Regierung gekommen, hatte die Wafd sich als unfähig erwiesen, irgendwelche sozialen Reformen durchzusetzen. So ergab sich nach Kriegsende eine längere Periode politischer Unruhen und Instabilität, und die Arbeiterklasse hätte leicht die Macht ergreifen können. Eine scharfe Polarisierung bestimmte das politische Leben. Die Linke war ideologisch, wenn auch nicht zahlenmäßig, von den Stalinisten beherrscht, während die Rechte unter der Kontrolle der Moslembruderschaft stand.

Die Arbeiterklasse war aus dem zweiten Weltkrieg zahlenmäßig gestärkt hervorgegangen und entfaltete eine wachsende Militanz. In der Textilindustrie und im Transportwesen kam es zu zahlreichen größeren Streiks und Demonstrationen, die allgemeine Unterstützung genossen. Aber der Arbeiterklasse fehlte eine unabhängige politische Perspektive.

Dies zu verstehen erfordert einen kurzen historischen Rückblick. 1924 wurde ein Aufstand der Arbeiterklasse in Alexandria - dem kosmopolitischen industriellen Herzen von Ägypten - niedergeschlagen und die Bewegung durch die Wafd so gut wie ausgelöscht. Nach diesem schrecklichen Rückschlag trugen die Wendungen und Winkelzüge der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion maßgeblich dazu bei, den Kommunismus in den Augen breiter Massen zu diskreditieren.

Nach dem Zusammenbruch des Hitler-Stalin-Pakts von 1941 entfesselte Nazideutschland seinen Krieg gegen die Sowjetunion. Stalin verbündete sich daraufhin mit Großbritannien und den alliierten Mächten und befahl den kommunistischen Parteien, ihre Unterstützung für die antikoloniale Bewegungen einzustellen.

In den vierziger Jahren erholte sich die stalinistisch beherrschte ägyptische kommunistische Bewegung wieder, doch war sie immer zersplittert und Unterdrückungsmaßnahmen ausgesetzt. Die meisten stalinistischen Führer der Streikbewegung von 1946 wurden ins Gefängnis geworfen, und später wurden Tausende in Konzentrationslagern eingesperrt.

Die Unterstützung der Sowjetunion für die Teilung Palästinas und die Errichtung des zionistischen Staates Israel wurde in der ganzen arabischen Welt mit Empörung aufgenommen.

1947 schlossen sich die wichtigsten Fraktionen der stalinistischen Bewegung zusammen; sie gründeten die Demokratische Bewegung für Nationale Befreiung (DMNL) und wurden zur stärksten ägyptischen Organisation, die sich kommunistisch nannte. Laut ihrem Programm, das sie 1950-51 annahm, war die DMNL die "kämpfende Organisation der Arbeiterklasse", doch im selben Programm erklärte sie auch, dass sie die Interessen "aller Klassen und aller patriotischen Gruppen der Nation" verteidige. Trotz ihrer relativ geringen Größe hatten die ägyptischen Stalinisten unter Anleitung von Moskau aufgrund ihrer verräterischen Unterordnung der Arbeiterklasse unter die nationale Bourgeoisie und die nationale Bewegung einen entscheidenden ideologischen Einfluss.

Die ägyptische kommunistische Partei befürwortete Stalins "Zwei-Stufen-Theorie", die besagte, dass in kolonialen und halbkolonialen Ländern wie Ägypten der Kampf für den Sozialismus zuerst durch das Stadium des sogenannten "demokratischen Kapitalismus" hindurchgehen müsse. Gemäß der Stalinisten musste das revolutionäre Streben der Massen nach sozialistischen Maßnahmen unterdrückt werden und hinter einer "Volksfront", bzw. einer "nationalen Front" mit der Wafd und der Moslembruderschaft zurücktreten. Dies würde die nationale Bourgeoisie in die Lage versetzen, das feudale Regime zu überwinden - das durch den britischen Imperialismus gestützt wurde - und die Macht zu ergreifen. Anders ausgedrückt sollte der Klassenkampf unterdrückt und die nationale Bourgeoisie gestärkt werden, um einer kapitalistischen Demokratie zum Durchbruch zu verhelfen: Der Kampf für Sozialismus stünde erst in einer späteren Zukunft, nach dem Triumph der bürgerlich-demokratischen Revolution, auf der Tagesordnung.

Die DMNL schlug zu keinem Zeitpunkt eine proletarisch-revolutionäre Strategie vor, sondern versuchte, alle Schichten der Gesellschaft einzubeziehen, auch das Militär. In Übereinstimmung damit unterstützte sie den Militärputsch von 1952 gegen den König.

Gleichzeitig führte der Zusammenbruch der Wafd auch zur Wiederbelebung der Moslembruderschaft, die 1928, nach der Desillusionierung über die nationale Bourgeoisie und nach der Niederlage des Arbeiteraufstands von 1923-24, ihre Blütezeit gehabt hatte. Die Bruderschaft versuchte, den Islamismus wieder zu beleben und ein Ende der britischen Vorherrschaft zu erreichen. Sie vertrat ein Programm von Korporatismus und Paternalismus auf Seiten der Landbesitzer und Unternehmer, um diese gegen die Methoden des Klassenkampfs zu wappnen. Die Bruderschaft baute ein Netz von Schulen, Werkstätten und Moscheen auf, um den Graben auszufüllen, den der Staat hinterlassen hatte. Vor allem bediente sie sich des religiösen Sektierertums und Antisemitismus. Dies war ein bewusster Versuch, den Liberalismus, den Säkularismus und den wachsenden Einfluss der Linken - darunter vieler Juden - in der nationalen Bewegung zurückzudrängen und die Arbeiterklasse zu spalten, besonders in der Industriestadt Alexandria, wo die größte ethnische Vielfalt vorherrschte.

Wie auch die Junge Ägyptische Partei, die faschistische Partei der dreißiger Jahre, die sich später in Sozialistische Partei umbenannte, waren die Bruderschaft und die Nationale Partei für die rücksichtslosen Methoden berüchtigt, mit denen sie sowohl gegen die Briten als auch gegen die Arbeiterklasse vorgingen. Als 1948 der Krieg in Palästina ausbrach, wurde das Kriegsrecht verhängt und die Moslembruderschaft verboten. Sie reagierte darauf durch den Mord an dem ägyptischen Premierminister.

Als Reaktion auf die wachsenden Spannungen und die Instabilität rief der König die Armee auf den Plan, um die Arbeiterklasse nieder zu halten. Aber in der Armee kochte die Wut über ihre Niederlage in Palästina. 1949 hatten militärische Kreise die Bewegung der Freien Offiziere gegründet, deren soziale Grundlage das Kleinbürgertum war. Aus Angst, dass die wachsende politische Opposition gegen König Farouk zu einer Revolution führen und die Arbeiterklasse als mächtige Kraft auf den Plan rufen könnte, organisierten die Freien Offiziere einen präventiven Putsch unter dem Banner des ägyptischen Nationalismus und erzwangen Farouks Rücktritt. Sie bestimmten den General Muhammed Naguib zum Präsidenten ihrer Junta, dem Revolutionären Kommandorat (RCC). "Wir sind keine Sozialisten", erklärte Jamal Salim, einer der Freien Offiziere. "Ich glaube, unsere Wirtschaft kann nur unter dem freien Unternehmertum wachsen und gedeihen."

Was dies bedeutete, sollte sich kurze Zeit später erweisen. Als ein Streik der Textilarbeiter im wichtigsten ägyptischen Konzern bei Kafr al Dawwar nahe Alexandria ausbrach, riefen die Unternehmer den RCC auf, die Armee zur Unterdrückung einer Demonstration einzusetzen. Im folgenden Kampf, in dem man eine Reihe von agents provocateurs in voller Aktion beobachten konnte, wurden ein Arbeiter und zwei Soldaten getötet und viele weitere verwundet. Am nächsten Tag verurteilte ein Militärgericht zwei angebliche Streikführer zum Tod und zahlreiche weitere zu langjähriger harter Zwangsarbeit. Die Streikführer wurden auf dem Fabrikgelände gehängt, als Warnung, dass der RCC keine unabhängige Aktion der Arbeiterklasse tolerieren würde.

Während der folgenden politischen Kämpfe der rivalisierenden RCC-Fraktionen verwirrten und verrieten die Manöver der sich unablässig spaltenden stalinistischen Bewegung die Arbeiterklasse immer mehr. Als die DMNL endlich gegen Naguibs Militärherrschaft auftrat, war es zu spät: Sie hatte den größten Teil ihres Einflusses über die Arbeiterbewegung verloren.

Das so entstandene politische Vakuum führte letztlich zum Sieg des ganz rechts stehenden Obersten Gamal Abdel Nasser. Er besiegte General Naguib, der eine Rückkehr zur zivilen Herrschaft befürwortete, 1954 in einem offenen Machtkampf. Nasser ging dazu über, alle politischen Parteien zu verbieten, darunter auch die DMNL, die Kommunistische und die Sozialistische Partei, die Wafd und die Moslembruderschaft. Er ließ die Führer der Kommunistischen Partei zusammentreiben und ins Gefängnis werfen, und er schränkte den Spielraum der Gewerkschaften spürbar ein.

Der Ausverkauf der Stalinisten von 1952-54 bildete den Höhepunkt von über sechs Jahren Verrat, durch den die kommunistische Bewegung Ägyptens auf der Grundlage der stalinistischen "Zwei-Stufen-Theorie" die Arbeiter und Bauern in revolutionären Aufständen an den bürgerlichen Nationalismus und die Bewegung der Freien Offiziere gefesselt hatte.

Ägypten unter Nasser, 1954-1970

Obwohl Nasser 1954 aufgrund eines ausdrücklich arbeiterfeindlichen Programms an die Macht gekommen war, sah er sich gezwungen, sich mit der Arbeiterklasse zu arrangieren, da sich die nationale Bourgeoisie sowohl gegenüber dem Imperialismus als auch gegenüber der machtvollen ägyptischen Arbeiterklasse als sehr schwach erwies. Er führte ein Programm wirtschaftlicher und sozialer Reformen ein, wenn auch in wesentlich beschränkterem Rahmen, als dies seine stalinistischen und radikalen Apologeten behaupteten.

Im Ausland trat er als Gegner der reaktionären arabischen Regime in Jordanien, Irak und Saudi-Arabien auf. Er befürwortete eine pan-arabische Bewegung als Alternative zum internationalen Sozialismus und stand an der Spitze der Opposition gegen Israel. Auf diese Weise sollte Nasser über 15 Jahre lang in der arabischen Sache die erste Geige spielen.

Nassers Führung der neuen "Blockfreien-Bewegung" auf der Konferenz von Bandung 1955, seine Opposition gegen den anti-stalinistischen Baghdad-Pakt von 1956, der den Geist des Kalten Krieges atmete, die Tatsache, dass er seine Waffen von der Sowjetunion kaufte, sowie sein diplomatischer Triumph über die Briten und Franzosen im Suez-Krieg von 1956 - wenn nicht sogar die Niederlage seiner Armee im Kampf gegen die Israelis - machten aus ihm einen anti-imperialistischen arabischen Führer von internationaler Statur.

Die USA reagierten auf Nasser, indem sie im Juli 1956 ihr Versprechen zurückzogen, den Assuan-Staudamm zu finanzieren. Doch ihm kam die Realpolitik des Kalten Krieges zustatten. Er wandte sich an die Sowjetunion um Hilfe und spielte Moskau gegen Washington aus. Der Kreml seinerseits hatte keine Einwände dagegen, das Nasser-Regime zu finanzieren, das die Kommunistische Partei in Ägypten verboten hatte und ihre Mitglieder im Gefängnis festhielt.

Die ägyptischen Stalinisten führten eine "Neueinschätzung" Nassers durch und unterstützten fortan sein Regime, selbst noch aus dem Gefängnis heraus. Nasser seinerseits kleidete sich im Inland in das neue Gewand eines "arabischen Sozialisten" und machte verschiedene Versuche, eine Massenpartei aufzubauen, von denen der wichtigste 1962 zum Aufbau der Arabischen Sozialistischen Union (ASU) führte. Innerhalb von drei Jahren lösten sich die zersplitterten ägyptischen kommunistischen Parteien unter Nassers Druck auf und liquidierten sich in die ASU.

Sowohl im Innern als auch im Ausland diente seine Politik als Modell für viele andere national-bürgerliche Regime, die in der Nachkriegszeit im Nahen Osten und Nordafrika auftauchten. Das bekannteste war die FLN in Algerien und der Sudan mit seinen 10.000 kommunistischen Parteimitgliedern. Die Unterstützung, die Nassers Regime von Seiten der Stalinisten erhielt, spielte eine wichtige Rolle dabei, die revolutionären Versuche der Arbeiterklasse zu ersticken und Illusionen in die Fähigkeit der nationalen Bourgeoisie zu schüren, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hoffnungen der Massen zu erfüllen. Die Stalinisten stifteten eine Verwirrung, die der Arbeiterklasse und den unterdrückten Massen weit über Ägypten hinaus teuer zu stehen kommen sollte.

Nasser war gezwungen, größere Industrien unter Regierungskontrolle zu stellen, um eine grundlegende Infrastruktur für das Privatkapital zu schaffen, und eine progressive soziale Politik einzuführen, um die Massen ruhig zu stellen. Zum Beispiel wurde die Bildung von 1952 bis 1970 auf allen Ebenen um acht Prozent jährlich ausgeweitet. Obwohl der freie Zugang zur Elementarschule wuchs, war er doch keineswegs allgemein, und das Analphabetentum blieb weit verbreitet, besonders unter den Mädchen und in Oberägypten. Später nationalisierte Nasser das Banken-, Versicherungs- und Finanzwesen wie auch mittelgroße Unternehmen, wobei die Arbeiter an den Staat selbst gebunden wurden. Weitere Maßnahmen schlossen die staatliche Kontrolle des gesamten Außenhandels und die Einbindung der Arbeiterklasse in ein System staatlicher Gewerkschaften und Genossenschaften ein. Von 1952 bis 1970 wuchs der öffentliche Sektor von 15 Prozent des Bruttosozialprodukts auf volle 48 Prozent.

Die Abschaffung der Monarchie, Landreformen und Säkularisierung - eine Politik, die schon unter Naguib begonnen hatte - sowie Nassers strikt anti-britische und anti-französische Politik, die zur Verstaatlichung des Suezkanals führte, gewannen außerordentliche Popularität und führten zur Umgestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens in Ägypten.

Nasser reduzierte das soziale Gewicht der Religion. Wesentlich säkular in seiner Weltanschauung, unternahm der RCC einige Schritte, um die Einrichtungen der Muslime unter Staatskontrolle zu bringen. Die Familien- waqfs (wohltätige Stiftungen) wurden 1952 abgeschafft und 1957 wurden die öffentlichen waqfs verstaatlicht. Die Scharia-Gerichte wurden 1956 geschlossen. Die Bruderschaft der Sufi(religiöse Mystiker) wurde unter scharfe Überwachung gestellt, und obwohl sie 1961 geschlossen wurden, funktionierten wenigstens 60 von ihnen auch 1964 noch weiter. 1961 wurde die Macht des Klerus in der weltbekannten Universität von al-Azhar in Kairo beschnitten. Aber Nasser schnitt die Verbindung zwischen dem Islam und dem Staat niemals vollkommen durch: islamische Prinzipien wurden 1962 in die Nationalcharta übernommen, und der Islam bliebt auch in der Verfassung von 1964 die Staatsreligion.

1952 besaßen 4.000 Familien, oder weniger als ein Prozent der Bevölkerung, 70 Prozent des bebaubaren Landes. Die Landreform des RCC war strikt begrenzt und diente dazu, die Bauern in das Staatssystem einzubinden. Nur 15 Prozent des Landes, das der Königsfamilie und den öffentlichen waqfs gehörte, wurde enteignet, zusammen mit dem Land einer kleinen, einflussreichen städtischen Landbesitzeraristokratie, die die politische Szene beherrscht hatte. Es wurde in kleinen Parzellen an die Bauern verteilt, die aufgefordert wurden, Kooperativen zu bilden, um an günstige Kredite, Saatgut und Düngemittel zu kommen. Aber über die Hälfte der Bauern blieben landlos und mit dem weiteren Anwachsen der Bevölkerung wurde die Not immer verzweifelter und zwang viele, in die Städte zu ziehen und Arbeit zu suchen.

Dies bewirkte eine schnelle Proletarisierung der ländlichen Schichten. Laut der statistischen Daten wuchs Kairos Bevölkerung von 2,2 Millionen 1952 auf 14 Millionen 1986, doch es wird angenommen, dass die wirklichen Zahlen diese Statistik um das Doppelte übertreffen. Doch während Mietkontrollen diejenigen schützten, die eine Wohnung hatten, wurde nichts getan, um den Bau neuer Wohnsiedlungen zu ermutigen, was dazu führte, dass um Kairo herum Wellblechstädte entstanden. Außerdem entstand die berüchtigte Stadt der Toten, wo über eine Million Menschen in den alten Mameluckengräbern auf den Muqattam-Hügeln hausen.

Mit der zunehmenden Arabisierung Ägyptens ging der Verlust seines internationalen Charakters einher. Während 1917 neunzehn Prozent der Bevölkerung von Alexandria - über zweitausend Jahre lang eine der kosmopolitischsten Städte der Welt - ausländischer Herkunft war, sank dieser Anteil bis 1960 auf nur noch drei Prozent. Dem Einmarsch der Israeli 1956 folgte der Wegzug der Juden, während die ausländischen Geschäfte verstaatlicht wurden.

Von 1952 bis 1967 stieg der Lebensstandard der Arbeiterklasse kontinuierlich an. Die Reallöhne stiegen um 44 Prozent, und es gab weitere Errungenschaften in Form von Nahrungsmittelzulagen, kürzeren Arbeitszeiten und einer Sozialversicherung, finanziert durch ein stark progressives Steuersystem. Zwischen 1952 und 1970, als Nasser starb, nahm die Landwirtschaft von 40 Prozent des Bruttosozialprodukts auf 23 Prozent ab, während der Anteil der Industrie von 15 Prozent auf 23 Prozent anstieg. Das Wachstum des BSP betrug durchschnittlich vier Prozent pro Jahr, obwohl dies sich nach 1965 verlangsamte. Aber das Pro-Kopf-Einkommen stieg um weniger als zwei Prozent, hauptsächlich als Ergebnis des schnellen Bevölkerungswachstums von 20 Millionen (1952) auf 37 Millionen (1966) und 62 Millionen (1997).

Selbst diese begrenzte wirtschaftliche Entwicklung war das Ergebnis einer besonderen Kombination von Bedingungen: des anhaltenden Nachkriegsbooms, der sich Mitte der 60er Jahre schnell abschwächte, und beträchtlicher ausländischer Zuwendungen und Anleihen von Seiten der Sowjetunion.

Nachdem die Briten und Franzosen sich 1956 aus Suez zurückgezogen hatten, wurde Nasser im arabischen Nahosten zum Helden. 1958 schloss er sich mit Syrien zusammen, um die Vereinigte Arabische Republik zu gründen, die er als "arabischen Sozialismus" bezeichnete, aber diese Union brach 1961 unter gegenseitigen Beschuldigungen auseinander. Nassers Versuch, eine Einheit mit dem Jemen und mit Libyen zu bilden, waren ebenso wenig erfolgreich. 1962 verpflichtete er die ägyptische Armee zu einem Krieg zur Unterstützung der jemenitischen Republikaner, der bis 1967 dauern sollte. Schließlich musste er die Niederlage eingestehen und sich zurückziehen. Weil dies als ein Versuch aufgefasst wurde, die Kontrolle Ägyptens über die arabische Halbinsel auszudehnen, rief seine Intervention die Unterstützung der oppositionellen Royalisten hervor. Der Krieg kostete ein Vermögen, und ein Drittel der ägyptischen Armee blieb auf der Strecke. "Wir hätten niemals gedacht, dass dies zu so etwas führen könnte," soll Nasser Berichten zufolge gesagt haben.

Siehe auch:
Die amerikanische Kriegsoffensive und die Destabilisierung Ägyptens - zweiter Teil
(17. November 2001)

Fünfzig Jahre seit der Gründung Israels
(10. Juni 1998)